Im Krebsgang: Vorwärts!

Im Krebsgang: Vorwärts!

Karl Maria Müller


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-95840-488-5
Erscheinungsdatum: 27.02.2018
Die Diagnose Krebs ändert ein Leben von Grund auf, das weiß Karl Maria Müller aus eigener Erfahrung. Wie kann man auch bei dieser lebensbedrohlichen Krankheit weiter positiv in die Zukunft sehen? Der Autor findet auf diese Frage seine ganz eigenen Antworten.
Vorwort


Ich bin der höflichste Mensch von der Welt. Solange mich keiner mobbt und stalked oder mir sonst ungehörig daherkommt, bleibe ich sanft und zurückhaltend, oder ich sehe und höre einfach weg und bin dann gar nicht mehr da.
Aber die Zahl der Nervensägen ist groß. Was soll man machen, wenn ein Mitreisender im Intercity von Berlin nach Frankfurt einem ab Braunschweig detailliert seine Probleme mit der Prostata erklärt? Ich schlage in einem solchen Fall allen „höflichsten Menschen von der Welt“ vor, umgehend einzuschlafen (nachdem man sich vergewissert hat, dass Geldbörse und Brieftasche gut am Körper verstaut sind), das Abteil zu wechseln oder aus dem fahrenden Zug zu springen. Einfach zu sagen: „Herr Nachbar, Ihre Prostata interessiert mich nicht und geht mich auch nichts an“, wäre unhöflich, und das wollen wir nicht sein. Der Mann hat ja schließlich ein ernstes Problem.
Ich jedenfalls versuche nicht, mich mit meiner Diagnose Lungenkrebs zwischen Berlin und München oder sonst wo interessant zu machen. Selbst wenn mich jemand danach fragt, sage ich, es gehe mir gut. Das ist zwar gegebenenfalls gelogen, aber lieber lügen, als jemandem auf den Geist zu gehen. Lügen aus Höflichkeit werden übrigens im Sündenregister nicht eingetragen, im Grundbuch ebenso wenig, und in der Flensburger Kartei Gott sei Dank auch nicht.
Dass das vorliegende Buch überhaupt geschrieben wurde, ist einer Anregung meines Wiesbadener Chirurgen anzulasten. Der hat mich nach einer zweiten Diagnose, einer zweiten Operation und einer zweiten Chemotherapie aufgefordert, meine Erfahrungen mit der Krankheit und mit dem Leben mit der Krankheit niederzuschreiben. Sonderlich überzeugt war ich von der Idee und insbesondere von der Notwendigkeit eines solchen Buches allerdings nicht, weil ich weiß, dass schon viele Krebs-Patienten ihre Erfahrungen mit der Krankheit aufgeschrieben und zu Markte getragen haben, darunter auch viele Prominente. Manche Menschen werden nach einer Krebsdiagnose verzweifelt, andere melancholisch, und nicht wenige werden eben literarisch.
Aber der Arzt meinte, ich ginge anders mit der Krankheit um als andere, und also könnte manchen Leidensgenossen interessieren, wie ich das mache, um mein Leben mit der Krankheit im Griff zu behalten. Wenn jemandem in vergleichbarer Lage solche Erfahrungen helfen, soll’s mir recht sein.





Krankheiten sind Lehrjahre


Niemand ist freiwillig krank. Vor allem möchte niemand so krank sein, dass er gesund leben muss. Gesund leben zu müssen, ist für viele geradezu eine Zumutung. Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein. Die wenigsten Menschen leben gesund. Es gibt zu dicke Ärzte, laut Statistik ist jedes zweite Kind in Deutschland zu dick, Leistungssportler setzen ihre Gesundheit sogar mutwillig aufs Spiel. Wer sich auf ein Pferd setzt, begibt sich in Lebensgefahr, denn ein Pferd ist ein Gegenstand, der nach allen Seiten hin steil abfällt und jedem, der sich darauf setzt, nach dem Leben trachtet – er wird abgeworfen, oder er fällt anderweitig herunter. Das ist auch nicht gesund. Radfahren gilt als gesundheitsfördernd, ist im modernen Straßenverkehr jedoch in jedem Augenblick lebensgefährlich –, also ist es nicht per se gesund, auch wenn es noch keine Krankheit ist. Gesundheit ist das Schweigen der Organe. Wenn einer dummes Zeug plaudert, kann man ihm sagen: Halt’s Maul. Den Organen kann man gar nichts sagen. Man muss sich nach ihnen richten. Sonst kann ihnen nur noch ein Arzt sagen, wo’s langgeht. Wer es nicht glauben will, den bestraft das Leben – mit Krankheit.
„Krankheiten sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung.“ Das hat der bedeutende Dichter der deutschen Frühromantik, Novalis, behauptet. Ob das schon bei Husten und Schnupfen beginnt oder erst bei Pest und Cholera, lassen wir jetzt mal außen vor. Vermutlich lernt man aus Krankheiten gar nichts, wenn man sich einfach ins Bett legt und sich bedauert, weil man Fieber hat und deswegen nicht in die Disko oder auf den Fußballplatz gehen kann. Von Selbstmitleid wird man jedenfalls nicht wieder gesund. In einem solchen Fall ist Krankheit eine völlig sinnlose und überflüssige Kundgebung des Körpers, und vor allem meilenweit weg von Lebenskunst und Gemütsbildung.
Man soll auch nicht übertreiben: Husten und Schnupfen sind letztlich keine Krankheiten, sondern gesundheitliche Unregelmäßigkeiten und Unpässlichkeiten, auch wenn sich einer dabei so miserabel fühlt wie jemand, der gerade eine rechtschaffene Lungenentzündung ausbrütet. Und wir stellen fest, dass die Grenzlinie, die die Gesundheit von der Krankheit trennt, grundsätzlich schattenhaft und unbestimmt bleibt. Erst im Extremfall lässt sich exakt definieren, was die Krankheit von der Gesundheit trennt.
Ein Extremfall liegt vor, wenn die ärztliche Diagnose „Krebs“ lautet. Wenn einem nach dieser Diagnose einer sagt, dass jetzt die Zeit der Lebenskunst und der Gemütsbildung beginne, wird man ihn sofort verdächtigen, dass er einem das Elend frohbabbeln will, wie man in Hessen sagt. Die normale Reaktion auf die Diagnose besteht in Angst, in Panik, Verzweiflung und in allerhand Aktivitäten, die den Notwendigkeiten, die durch die Diagnose unabweisbar werden, nicht unbedingt gerecht werden. Saufen zum Beispiel hilft jedenfalls nicht weiter, Depressionen auch nicht, desgleichen Selbstmitleid. Zahnschmerzen können übrigens helfen, weil sie nachweisbar generell ablenken. Selbst notgeile Menschen werden durch Zahnschmerzen wieder einigermaßen normal. Im Falle schwerer Krankheit hingegen ist solche Ablenkung nicht von Nutzen. Aber man ist ja noch nicht gestorben, und also wäre es jetzt gründlich falsch, sich durch die Diagnose blockieren zu lassen oder sich selbst zu blockieren. Denn lebendig zu sein, heißt aktiv zu sein. Der Mensch verwirklicht sich nämlich durch Handeln, nicht durch Selbstmitleid. Auch nicht durch Selbstmord. Anstatt zu leben, quält sich da einer mit der Sorge um mögliche Leiden ab, die aktuell gar nicht gegeben sind.
Aber es ist nicht zu leugnen: Durch die Diagnose Krebs geht das Leben aus den Fugen. Was aber bedeutet das für den weiteren Lebensweg? Es bedeutet zweierlei: Man darf sich nichts vormachen, und man darf nicht resignieren und die Flinte ins Korn werfen. Viel hängt davon ab, in welchem Stadium sich der Krebs befindet. Wie auch immer – man wird durch die Krankheit ein anderer Mensch, und zwar in der Selbstwahrnehmung. Objektiv ist man immer noch derselbe Mensch wie vor der Krankheit, allerdings ändern sich die Lebensumstände. Und unter diesen Aspekt muss man jetzt sein weiteres Leben stellen.
Wenn ein alter Mensch von Krebs befallen wird, heißt es: Na ja, der hat sein Leben gelebt, früher oder später stirbt so einer ohnehin, da kommt es auf ein oder zwei Jahre früher nicht an. Ich weiß nicht, worüber man sich mehr erbosen soll: Über solchen Schwachsinn oder über den Mangel an Empathie, den eine solche Äußerung bloßlegt. Und Empathie kann man lernen, sagt der britische Verhaltensforscher Charles Foster. Alles Leben hat den gleichen Wert, egal wie alt, das wird nur übersehen, wenn man Leben aus der Perspektive des Fleischers betrachtet, der für Kalbfleisch auf dem Markt mehr kassieren kann als für einen alten und zähen Ochsen.
Zugegeben, wenn ein junger Mensch oder gar ein Kind von Krebs betroffen wird, hat das gegebenenfalls tragische Züge, weil da ein Leben von Krankheit betroffen wird (auf den Tod betroffen wird), das noch gar nicht richtig angefangen hat und in Schwung gekommen ist. Das noch gar nicht gelebt worden ist. Dass Krankheit zum Leben als Normalität dazugehört, ist in einem solchen Fall nur schwer zu akzeptieren, weil das Leben ja noch gar nicht richtig begonnen hat. Auch Kinder fürchten sich vor dem Tod, im Normalfall mehr als ein Erwachsener und gar ein alter Mensch, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Die Vorstellung, dass ich eines Tages tot sein würde, und zwar für immer, bis in alle Ewigkeit, fand ich als Kind ganz entsetzlich und grauenvoll. Mit zunehmendem Alter betrachtet man den Tod viel gelassener, man weiß, dass er kommen wird und bis in alle Ewigkeit andauert, da entsteht ein gewisser Gewöhnungseffekt in der Vorstellung, aber man weiß auch, dass mit dem Tod ein Zustand eintritt, der dem vor der Geburt nicht unähnlich ist, und da hatte man ja auch keine Vorstellungen von Grauenhaftigkeit, wovor soll man sich also fürchten?
Fürchten müsste man sich in der Tat, wenn stimmt, was einem vom christlichen Glauben angedroht wird, dass man für alle Verstöße gegen Gottes Gebote in der Hölle wird braten müssen, bei den sogenannten schweren Sünden, den Todsünden, gar auf jeden Fall, während einem die anderen Sündenlasten, wenn man sie denn bereut, im Fegefeuer, über eine längere oder kürzere Zeit, je nachdem, abgenommen werden. Der Protestantismus ist da ein wenig kulanter als die katholische Kirche, aber nach beiden kann der Durchschnittssünder damit rechnen, dass er letztlich in die ewige Seligkeit aufgenommen wird.
Wir wollen jetzt nicht diskutieren, was angenehmer ist, der ewige Tod oder das ewige Leben, denn der Weg ins ewige Leben ist ja doch einigermaßen bedrohlich, und die Aussicht, Strapazen wie das Fegefeuer nach einer langwierigen Krebserkrankung samt Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapie zusätzlich ausstehen zu müssen, ist nicht jedermanns Sache.
Aber nach der Diagnose gilt unabweisbar, dass man zwar krank, aber noch nicht gestorben ist. Es beginnt die ärztliche, medizinische und klinische Behandlung und – das ist eine wichtige Feststellung – man lebt. Und wie man diese Lebenszeit gestaltet, ist nicht der Krankheit zu überlassen oder den Ärzten. Deren Betreuung ist wichtig, denn die haben Erfahrungen, auf die man zurückgreifen sollte. Vor allem aber: Man ist jetzt selbst gefragt. Denn der Mensch ist für sein Leben zunächst einmal selbst verantwortlich, auch im Krankheitsfalle. Man wird sich als Kranker künftig allerdings unter dem Krankheitsaspekt betrachten müssen, man muss sich gewissermaßen neu definieren. Dazu gehört der Wille zu leben, und das heißt bei einer Tumorerkrankung: der Wille zu überleben. Wenn Heilung allerdings nicht möglich oder nicht aussichtsreich ist, gibt es immer noch die Option weiterzuleben, wenn auch nicht auf unabsehbare Zeit.
Sich neu zu erfinden, sich selbst zu motivieren, sich nicht wegen der Krankheit oder der Angst vor der Krankheit selbst in eine Art vorgezogene Totenstarre zu versetzen, ist nicht der schlechteste Entschluss, den einer jetzt fassen kann, auch wenn der Anlass dafür die Diagnose Krebs ist. Denn das Leben wird durch die Krankheit nicht wertlos.
Ich selbst habe mich zweimal neu erfunden: Das erste Mal Jahre vor der Krebsdiagnose, nämlich nachdem ich in Rente gegangen war. Ich hatte mein Berufsleben als Journalist zugebracht, war ständig mit aktueller Politik beschäftigt gewesen und hatte als Zeitungskorrespondent und Mitglied der Hessischen Landespressekonferenz ein Büro im Hessischen Landtag. Ein spannendes Leben, wie nicht jeder es hat. Aber als ich 2004 die Altersgrenze erreicht hatte, stand ich vor der Frage: „Was machste jetzt?“ Wer jetzt nicht aufpasst, wird feststellen, dass er sich als Rentner mit einem Bedeutungsverlust konfrontiert sieht, der in der Leistungsgesellschaft nicht einfach zu verkraften ist. Mit 65 Jahren ist der Mensch aber heute nicht am Ende aller Tage, sondern wenn er’s richtig anfängt, am Beginn einer neuen Lebensphase, die eine Vielfalt neuer Perspektiven eröffnet. Aber wenn sich einer nicht rechtzeitig auf den Ruhestand vorbereitet hat, fällt er jetzt möglicherweise in ein tiefes schwarzes Loch, aus dem es nur ein Entrinnen gibt: Tu wat! Aber was soll man tun? Ich kann doch nichts, sagt dann einer: Ich kann nicht malen, ich bin handwerklich nicht begabt, zum Schreiben fällt mir nichts ein. Alles richtig, aber auch alles Quatsch. Denn irgendetwas kann jeder. Man muss sich auch mal was zutrauen. „Der Ich-kann-nicht liegt auf dem Friedhof, der Ich-will-nicht liegt gleich daneben“, hat Thomas Fritschs Mutter ihren Sohn gelehrt.
Natürlich haben auch Nichtstun und Müßiggang im Leben ihren Sinn, sind zur Erholung und zum Nachdenken sogar notwendig. Aber im Krankheitsfalle halte ich Aktivität, solange die Selbstständigkeit nicht eingeschränkt ist, für unabdingbar. Sie wird zur therapierenden Kraft.
Wer keine Idee hat, was man jetzt tun könnte, kann sich ja mal bei den Volkshochschulen umtun, die eine Vielzahl von Kursen anbieten, die gerade für ältere Menschen und auch für Kranke interessant sind. Da gibt es oft eine gewisse Hemmschwelle, sich zu solchen Veranstaltungen anzumelden. Und in der Tat werden solche Veranstaltungen oft mit einer gewissen Arroganz abgetan und von oben herab betrachtet – völlig zu Unrecht, denn die Menschen, die sich solcher Aufträge annehmen und sie organisieren und mit Engagement und vielfältigen Fachkenntnissen auf den Weg bringen, haben vollen Respekt verdient. Da wird man gegebenenfalls informiert, welche Angebote für einen sinnvoll und erfüllend sein könnten, und man wird dem Interessenten auch freimütig abraten, wenn sich einer zu übernehmen droht. Aus falschem Stolz den Entschluss zu treffen, da geh’ ich gar nicht erst hin, ist auf jeden Fall falsch.
Bei allem, was man jetzt tut und in Angriff nimmt, geht es gar nicht mal zuerst um ein Ergebnis des Tuns. Allein indem man etwas tut, und zwar durchaus mit der Absicht, ein Ergebnis zu erzielen, ist man bereits auf dem richtigen Weg, sich seiner selbst bewusst zu werden. Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl hilft, vor der Krankheit zu bestehen, und es verleiht Kraft, sich ihr entgegenzustellen. Aber es gilt: Das Tun ist wichtiger als das Ergebnis. Und wenn nichts bei rauskommt, ist das auch nicht schlimm. Denn durch Scheitern wird der Charakter nicht weniger geformt als durch Erfolge. Der amerikanische Motivationslehrer Zig Ziglar stellt fest, dass Scheitern bei der Persönlichkeitsentwicklung ein Umweg, aber keine Sackgasse sei.
Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass Krankheit auch mutlos machen kann. Beethoven, beispielsweise, war verzweifelt, als er von Taubheit geschlagen wurde. Da bekam er Depressionen und wurde seiner Umwelt gegenüber oft unleidlich, wie berichtet wird. Aber er gab nicht auf, er komponierte als längst Gehörloser noch 15 Jahre weiter, also in einer Zeit, als er seine Kompositionen schon lange nicht mehr mit eigenen Ohren hören und kontrollieren konnte. Aber seine innere Musikalität (und sein eiserner Schaffenswille) versetzten ihn in die Lage, trotz Taubheit so bedeutende Werke wie die herrliche Missa Solemnis oder die überwältigende Symphonie Nr. 9 („Freude schöner Götterfunken“), beides Höhepunkte der Welt-Kultur, zu schaffen. Und mit seinen späten Streichquartetten und den letzten Klaviersonaten hat er, komplett gehörlos, Werke geschaffen, die über die bis dahin bekannte Harmonik und traditionellen Strukturen der abendländischen Musik weit in die Zukunft der Musikentwicklung hinauswiesen, bis knapp vor die Atonalität. Um so etwas zu leisten, gehört natürlich eine übergroße Kraft des Willens und der Physis. Aber das Beispiel zeigt, dass auch bei großer, geradezu existenzieller Eingeschränktheit der gesundheitlichen Lebensumstände das Leben keineswegs an endgültige Grenzen stößt. Auch der von Krebskrankheit Betroffene soll sich fragen, was er noch leisten kann und wozu er noch fähig ist. Und woran er noch Spaß hat. Alles, was er unter solchen Aspekten noch leisten kann, wird ihm mächtig Auftrieb und Lebensfreude geben, und das verschafft einem immer Mut und Freude, selbst unter den banalsten Umständen. Das geht bis ins Groteske, etwa wenn eine Krankenschwester bei der Blutabnahme dem Patienten sagt: „Sie haben aber schöne Venen.“ Dafür kann der Patient rein gar nichts, dass er für Blutabnahme hervorragend geeignete Venen in der Armbeuge hat, seine Leistung ist das auf gar keinen Fall. Und dennoch fühlt er sich ob des Lobes so, als ob er was geleistet hätte. Das ist Selbstbetrug, keine Frage, da macht sich einer was vor oder lässt sich was vormachen. Aber was spielt das für eine Rolle, wenn er sich dann in seiner Situation und seiner Haut wohlfühlt!






Positive Langeweile


Wer etwas tut, vermeidet Langeweile. Im Krankheitsfalle führt sie dazu, dass sich einer ausmalt, was ihm durch Krankheit alles entgeht und was er vom Leben versäumt. Vor allem Kranke, die durch die Krankheit aus dem Berufsleben gerissen werden, geraten da schnell in Panik. Aber man muss Langeweile nicht nur negativ bewerten. Sie ist positiv, wenn man sie zum Anlass nimmt, darüber nachzudenken, was man jetzt tun könnte. Das gilt auch dann, wenn Gesunde von Langeweile befallen werden. Langeweile kann als Ausgangspunkt für Kreativität und Spontaneität dienen. Wenn man nämlich darauf wartet, dass einen das Leben, dass einen die anderen unterhalten und bei Laune halten, bringt einen das nicht weiter. Im alltäglichen Leben bleibt nicht allzu breiter Raum für Spontaneität, da ist Spontaneität eher hinderlich und wird nicht selten als liederlich bei der Bewältigung anstehender Aufgaben diffamiert – als Gegensatz zur Seriosität.
Künstlerisch tätige Menschen wissen, dass das nicht so ist. Ihre Erfahrung ist es, dass Spontaneität, Improvisation und Kreativität auf ein und demselben Humus wachsen und dass das dem Künstler nachgesagte Warten auf den Musenkuss reine Zeitverschwendung ist. Was immer man leistet, entsteht aus Arbeit. Was aber ist das, die Kreativität? Kreativ zu sein, bedeutet, mit den Ideen und Gedanken zu spielen, so wie ein Kind mit seinen Bauklötzen spielt, ohne an ein bestimmtes Ziel zu denken. Was immer bei solchem Spiel herauskommt, hat auch dann einen kreativen Wert, wenn dabei nichts Zweckhaftes erreicht wird. Unser gesellschaftliches System neigt dazu, das ganze Leben zu verzwecken. Krankheit aber kann hier einen Freiraum für anderes Denken schaffen. Krankheit als Freiraum, also als Raum für kreative Freiheit zu nutzen, ist eine Möglichkeit, über die zu wenig nachgedacht wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist Langeweile immer auch eine Chance für unverzwecktes Handeln und unverzwecktes Leben. Ich gebe zu, dieser Gedanke überkommt einen nicht unbedingt spontan, aber es lohnt sich, Krankheit einmal unter diesem Aspekt zu betrachten.
Gleichwohl braucht es den Blick auf ein anzustrebendes Ergebnis, um überhaupt erst mal einen Anschub für das Tun zu gewinnen und in Schwung zu kommen. „Die Tat ist alles, nichts der Ruhm“, sagt Goethes Faust. Man könnte auch sagen, das Tun sei alles, nichts das Ergebnis. Oder: Der Weg ist wichtiger als das Ziel.
Vor einem aber muss gewarnt werden: Auftrumpfende Lebensumtriebigkeit allein bringt nur Stress – für einen selbst und für andere. Verwitwete Schwiegermütter, die in vierzehntägigem Abstand Sehnsucht nach ihren Kindern und Enkeln bekommen und mit Sack und Pack und dem Vogelbauer für Wochen bei ihnen einziehen, werden alsbald feststellen, dass es nicht unter die Rubrik sinnvolle Tätigkeit fällt, wenn man anderen auf die Nerven geht.
Das Leben des Menschen hat drei essenzielle Komponenten: die Erinnerung, das aktuelle Handeln und die Hoffnung. Anders gesagt: Es besteht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Erinnerung generiert sich aus dem Leben selbst, mit jedem Tag, den man lebt. Ohne die Hoffnung ist das Leben gar nicht denkbar, warum sollte man sonst morgens überhaupt aufstehen. Und die Gegenwart schließlich ist der Raum, in dem wir unsere Existenz unmittelbar erleben und realisieren.
Ich hatte als Journalist nie den Ehrgeiz, eine Regierung oder einen Minister zu stürzen oder Skandale aufzudecken, was das oberste Ziel vieler Kollegen heute noch ist, oft ohne Rücksicht auf die Realität. Der investigative Journalismus war mir immer verdächtig, nicht erst, seit er zur Menschenjagd verkommen ist, wie im Falle des Wettermannes Jörg Kachelmann oder des Limburger Bischofs Tebartz van Elst leicht zu beweisen ist. Er galt vielen als die Königsdisziplin journalistischer Arbeit. Zweifellos ist Journalismus eine aufklärerische Tätigkeit, aber Aufklärung darf nicht nur als Aufdeckung von Skandalen verstanden werden oder als Aufklärung beliebiger Sachverhalte. Im geistesgeschichtlichen Zusammenhang ist sie die Anerkennung der Vernunft als vorherrschende Kraft im gesellschaftlichen und politischen Handeln. Mir ging es daher immer zu allererst darum, politische Zusammenhänge aufzuzeigen, die Hintergründe von Politik verständlich zu machen und die Inhalte von Politik zu erläutern und zu vermitteln. Es ist der Unterschied zwischen aggressivem und analytischem Journalismus. Mein Berufsbild vom Journalisten war es, nicht Ankläger oder Verteidiger und schon gar nicht Richter, sondern Zeuge zu sein. Es kann nicht die Aufgabe des Journalisten sein, die Welt zu verändern, sondern sie zu beschreiben, denn er hat kein durch Wahlen legitimiertes Mandat, sondern eine Aufgabe. Das ist nicht immer sehr schlagzeilenträchtig und steht in der journalistischen Wertigkeit heute meist hinter einer geschiedenen Schauspielerehe und einem Kindesmissbrauch zurück. Heute wird jeder noch so irre Satz geduckt, wenn nur Wörter wie ‚Geschlechterrolle‘, ‚Gender‘, ‚Vorurteile‘, ‚Windräder‘ und ‚Rassismus‘ darin vorkommen.
Auch den Satz, der Journalist müsse Fehler der Regierung aufdecken, teile ich nicht. In der Politik will der eine dieses Ziel erreichen, der andere ein anderes. Welches davon richtig ist und welches falsch, liegt nicht in der Entscheidung des Journalisten. In der Entscheidung des Wählers liegt es, welches Ziel umgesetzt werden soll. Welches richtig ist und welches falsch, ist da völlig wurscht. Der Journalist mag da seine Meinung dazu haben und darf und soll sie auch veröffentlichen, aber immer im Maßstab seiner Kompetenz und nicht als Absolutum. Denn im demokratischen System wird nicht entschieden, was richtig ist oder falsch, sondern lediglich, was gilt.


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