Alltag & Lebensführung

Endlich – Aus der Welt eines Depressiven

Xaver T.

Endlich – Aus der Welt eines Depressiven

Leseprobe:

9
Erster Versuch



Im Schrank neben dem Eingang, auf dem obersten Talar, links in der Ecke, steht eine Spraydose mit schwarzer Farbe. Ich habe sie einmal gekauft, um etwas zu basteln. Habe einmal einen Farbklecks gesprayt, und seither steht die Dose im Schrank.Herumsprayen, anschmieren: Das würde mit jetzt guttun. Oder Geschirr aus dem Regal nehmen, gegen die Wand schleudern, oder auf den Boden. Das wäre eine Erleichterung! Ein Trinkglas nehmen. Es mit voller Wucht in eine Fensterscheibe schmettern, sodass beide Gläser zerbersten würden. Ja, das gäbe mir jetzt einen Kick!
Nichts von alldem werde ich unternehmen, gestehe ich mir ein. Oder doch? Oh, wie viel Frust hat sich aufgestaut. Ich halte es nicht mehr aus. Und doch: Ich bin zu feige, um Geschirr auf den Boden, ein Glas in die Fensterscheibe zu werfen. Zu feige, um etwas anzusprayen.
Dann gehe ich in den Flur, zum Schrank beim Eingang, entnehme ihm die Spraydose. „3 Minuten schütteln“, steht da. Ich schüttle die Dose mit einer Hand und verfolge den Sekundenzeiger meiner Uhr am anderen Handgelenk. Drei Minuten können lange dauern, denke ich. Dann schreite ich ins Wohnzimmer, steige auf das Sofa - und spraye nicht. Zu feige. Ich gehe in mein Zimmer, ergreife ein Foto auf meinem Nachttisch. Mit grünem Stift schreibe ich einen Liedtext auf die Rückseite des Fotos. Zuerst schreibe ich ganz vorsichtig, als wolle ich nichts falsch machen. Dann kritzle ich immer schneller einen Songtext von Pink Floyd auf das Papier:

Goodbye cruel world,
I’m leaving today.
Goodbye, goodbye, goodbye.
Goodbye, all you people,
There’s nothing you can say
To make me change my mind.
Goodbye.

Der Text steht da. In grünen, schnörkeligen Buchstaben. Fast zufrieden betrachte ich mein Werk. Ich lese den Text ein paar Mal vor mich hin. Dann starte ich meinen Computer. Viel zu lange dauert das Hochfahren. Ich warte, öffne ein Textverarbeitungsprogramm und beginne zu schreiben: „Schweren Herzens müssen wir Abschied nehmen von unserem geliebten …“
Dann schreibe ich in fetter Schrift meinen Namen. Darunter setze ich zwei Daten: meinen Geburtstag und den heutigen Tag. Und weiter formuliere ich auf meiner eignen Todesanzeige die Worte:
„Du hast den Kampf mit dem Leben aufgegeben. Mögest du dort, wo du jetzt bist, deinen Frieden finden.“
Unter die letzte Zeile schreibe ich noch einige Namen von Personen, die meine Todesanzeige wohl aufgeben würden. Dann summt der Drucker, bewegt sich, stößt das geschriebene Dokument aus. Lange betrachte ich den Ausdruck. Ja, so soll sie lauten, meine Todesanzeige. Ich lege sie auf den Küchentisch.Soll ich noch einen Abschiedsbrief verfassen? Mit welchem Inhalt? Und an wen? Nein. Da steht ja schon der Abschiedsgruß auf der Rückseite des Fotos. Der muss reichen, denke ich.
Nun ist es Zeit, zur Tat zu schreiten. Ich bin fest entschlossen. Heute ist ein guter Tag dazu. Ich will nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr. Ich fühle keine Emotionen, keine Erregung. Keine Tränen. Keine Gedanken zu was, wann, wie, wo, warum. Nichts dergleichen. Ich gehe zum Bahnhof. Schreite auf das Geleise. Hier müsste in den nächsten paar Minuten ein Zug ankommen. Ich blicke nach links und nach rechts. Gerade so, als müsste ich sicherstellen, dass mich kein Zug überrollen würde. Grotesk! Dazu bin ich ja hier. Ich stehe zwischen den Schienen, auf der Spur der S-Bahn in Richtung Zürich-Hauptbahnhof. Ich mache ein paar Schritte, dem erwarteten Zug entgegen, setze jeweils einen Fuß zwischen zwei Schwellen.Dann schaue ich auf. Menschen sehen mich an. Keiner ruft etwas. Keiner rührt sich. Aber alle schauen hin. Werden sie auch zusehen, wenn mich der Zug überrollt?
Ich stelle mir den Aufprall vor. Zwischen mir und dem entgegenkommenden Zug. Und dann plötzlich ein Gedanke: Was, wenn mich der Zug nicht tötet? Sondern nur schwer verletzt? Was, wenn er mich für den Rest meines Lebens verkrüppelt?
Der Gedanke reißt mich aus meinem tranceähnlichen Zustand. Ich zögere einen kurzen Moment - und springe mit einem Satz zurück auf den Bahnsteig. Ich wanke zu einer Treppe, sinke nieder und breche in Tränen aus. Nicht deswegen, weil ich mich eben noch von einem Zug überfahren lassen wollte. Nein. Deswegen, weil ich fühle, dass ich erneut versagt habe.
Ich habe die Kontrolle über mein Leben verloren. Und ebenso die Kontrolle darüber, meinem Leben ein Ende zu setzen, wenn ich es will. Ein schwerer Schlag für mich!Minuten vergehen. Oder Stunden? Vielleicht auch nur ein paar Sekunden? Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Ich rufe meine Psychiaterin an: „Hallo, wollte mich eben umbringen, brauche Hilfe. Danke.“
Die Zeit scheint stillzustehen. Ein Taxi soll kommen und mich abholen. Mich in eine Klinik bringen. Es kommt mir vor, als vergingen Tage. Bis ein Auto mit einem gelben Schild auf dem Dach auftaucht. Ich steige ein, weiß nicht, wohin die Fahrt gehen soll, murmle etwas von „Psychiatrischer Klinik“. Doch der Fahrer scheint mich verstanden zu haben. Ich verharre auf dem Rücksitz in einer einzigen Position. Ich bewege nicht einmal einen Arm, bis ich wieder aussteige. Habe ich den Fahrer bezahlt?
Scheinbar zieht alles an mir vorüber. Ich bin nicht aktiv dabei. Was passiert, passiert einfach.Ich werde erwartet, in ein Zimmer geführt. Freundliche Leute stellen mir Fragen über das, was vorgefallen ist. Ich mag nicht sprechen, gebe widerwillig Antwort. Ein Arzt will mich auf körperliche Verletzungen untersuchen. Er spritzt mir ein Beruhigungsmittel. Bei der anschließenden Blutentnahme wird mir übel. Dann ist das Aufnahmeprozedere vorbei. Ich erhalte etwas zu essen. Nehme einige wenige Bissen, den Rest lasse ich stehen. Ich fühle mich hundemüde. Wahrscheinlich das Beruhigungsmittel. So lege ich mich schlafen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 68
ISBN: 978-3-99064-818-6
Erscheinungsdatum: 09.01.2020
EUR 13,90
EUR 8,99

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