Durch Dick und Darm
Vom Darmverschluss übers Leben lernen
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-7116-1390-5
Erscheinungsdatum: 27.01.2026
Ihr Sohn steht in der Blüte seines Lebens, kurz vor dem Schulabschluss und hat unendlich viele Pläne. Plötzlich und unvermittelt trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag. Eine junge Familie kämpft an seiner Seite ums Überleben und den Weg zurück.
1
Ein Uhr fünfzehn
Das Telefon läutet, wir heben ab. Was im Normalfall recht harmlos klingt und zum guten Ton des gesellschaftlichen Zusammenlebens gehört, ist es diesmal leider ganz und gar nicht. Es ist Samstag, Anfang Februar, und 01:15 Uhr in der Früh. Selbst dieser Umstand kann noch einer gewissen Routine entspringen, wenn man jugendliche Kinder hat, die schön langsam flügge werden, und an Wochenenden durchaus ab und zu den elterlichen Beistand oder zumindest einen Transport brauchen können.
Im konkreten Fall ist ein Oberarzt des Landeskrankenhauses der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt in der Leitung. Das Adrenalin, das uns sowieso seit Stunden in Alarmbereitschaft gehalten und jeden tieferen Schlaf wirkungsvoll abgewehrt hatte, war zur Stelle und ließ Reflexe an unserer Stelle walten. Der Atem ist angehalten, wir hören nur hin. Der Arzt spricht ruhig und gefasst, im Hintergrund ist es ebenso still wie auf unserer Seite des Kanals.
Er sagt: „Ihr Sohn Clemens hat die Notoperation gut überstanden. Die Operation hat wie geplant fast 140 Minuten gedauert und es wurde dabei ein etwa 50 Zentimeter langes Stück des Dickdarms entfernt. Das Gewebe der verbliebenen Enden war aber noch gut durchblutet und hat noch keine Nekrosen gebildet, sodass wir sie wieder direkt vernähen konnten. Wir können davon ausgehen, dass der Darm dadurch wieder von selbst zusammenwächst und keine weiteren Interventionen notwendig sind, außer natürlich Ruhe und Schonkost.“
Unendliche Erleichterung und Dankbarkeit machen sich bei uns breit. Noch immer schwirren Tausende Fragen und Gefühlsanwandlungen im Wechsel durch unsere Köpfe, aber zuerst einmal ist es schlichte Dankbarkeit. Diese lassen wir auch den Oberarzt spüren und knöpfen ihm noch ein paar Minuten seiner Nachtschicht ab. Doch was war geschehen und wie kam es zu dieser Situation?
2
Von Anfang
Unser Sohn ist achtzehn Jahre jung und besucht gerade die Maturaklasse der HTL Eisenstadt in der Abteilung für Mechatronik. In dieser Abschlussklasse arbeitet er mit zwei Kameraden an einem Diplomprojekt, bei dem ein R2D2-Roboter aus den berühmten Star-Wars-Filmen revitalisiert und fertiggestellt werden soll. Für diese interessante Tätigkeit an mechanischen und elektronischen Einzelteilen und dem übergreifenden Projektmanagement treffen sich die Freunde immer wieder zum direkten und fokussierten Zusammenarbeiten.
Gerade endet das Semester und der Blick und alle Hoffnungen sind auf den Winterurlaub im Schnee gerichtet. Clemens stand mit sechs Jahren auf Skiern und wir Eltern wollten ihm derlei Aktivitäten immer nach Kräften ermöglichen. Insofern freut er sich schon auf den jährlichen Skiurlaub auf der Tauplitzalm im Westen der Steiermark. Bei Gelegenheit hatten wir zwar auch schon einzelne Tage zum Skifahren am nahen Semmering verbracht, aber in Anbetracht der gesamten Umstände eines einwöchigen Urlaubs direkt in den Bergen, an der Piste und ohne Autoanbindung oder sogar Nutzung der Straßenschuhe, ist dieser Skiurlaub doch jährlich wieder eine wunderbare Zäsur in der Erinnerung, die offenbar weder Kinder noch Erwachsene missen möchten.
Mitten in dieser durchaus aufreibenden Lebensphase wird der Blick erstmals konkreter in Richtung Zukunft gewendet und auch Pläne gewälzt. Die Matura scheint den jungen Leuten schon fix in der Tasche und so wird besonders die Zeit danach näher betrachtet. Allen voran steht hier die Maturareise auf der Checkliste und Clemens hat sich mit ein paar Freunden bereits auf die Miete eines Strandhauses an der kroatischen Küste geeinigt. Mit Selbstanreise und auch verpflegungstechnisch auf sich allein gestellt, wollen sie vor allem entspannen und sich keinen Zwängen durch Reise- oder Partyveranstalter unterwerfen müssen. Der anvisierte Müßiggang soll vor allem den angenommen harten Übergang zum anschließenden Vaterlandsdienst erleichtern. Die Burschen haben sich schon jeweils für neun Monate Zivildienst oder sechs Monate Präsenzdienst beim Bundesheer entschieden und auch die Zeit danach zum Teil schon sehr eloquent durchgeplant. Darunter waren berufsbegleitende oder Vollzeitstudien und teilweise auch die Fortführung der Maturaarbeit bei der betreuenden Firma, sodass aus der Schullaufbahn direkt ein wirtschaftliches Anstellungsverhältnis wird.
Clemens und drei Kollegen haben es damit nicht ganz so eilig und planen noch einen Interrail-Trip in einem Sommermonat, bevor es mit dem berüchtigten Ernst des Lebens losgeht. Das nördliche Europa soll als Destination herhalten, aber Genaueres plant die Jugend bekanntlich erst kurz vor Reiseantritt. Das Wichtigste sind die Tickets, und diese haben die Freunde tatsächlich bei einer europaweiten Lotterie der EU gewonnen.
Die Abschlussklasse ziert aber auch das Erwachsenwerden der jugendlichen Schüler, und so wird natürlich auch die Freizeit gerne miteinander verbracht. Die Gestaltung dieser außerschulischen Zeit reicht von Computerspielen, aber auch Basketball und Volleyball bis hin zum gemeinsamen Besuch von Heurigen und altersgerechtem Fortgehen in Clubs und Discos. Und genau mit einem solchen beginnt unsere Geschichte oder besser: Clemens’ Geschichte.
3
Immer der Bauch
Am Mittwoch vor den besagten Semesterferien kommen beide Söhne schon frühnachmittags von der Schule heim. Die Noten für die Schulnachrichten sind bereits vergeben und eingetragen und weder bei Schülern noch bei Lehrern herrscht großes Bedürfnis, vor den Ferien neuen Lehrstoff aufzugreifen. Die Kinder nehmen die schulischen Geschenke gerne an und freuen sich über die gewonnene Freizeit. Der ältere Bruder Clemens fällt aber sogleich und ungewöhnlich mit fehlendem Hunger auf. Er hat leichte Bauchschmerzen und legt sich zur Beruhigung und Auflösung der Blähung in sein Zimmer.
Jetzt muss man vorausschicken, dass Clemens bereits als Kleinkind immer wieder Blähungen bekommen hatte und selbst der Kinderarzt damals die beruhigende Anamnese stellte, dass er eben ein „Bauch-Kind“ sei. Damit war schlichtweg gemeint, dass sich wohl so manche Nahrungsumstellung, aber auch Emotionales, wie Gefühlsanwandlungen oder Stimmungsschwankungen, bei ihm direkt auf den Bauchraum auswirken. Derart aufgewachsen und ärztlich bestätigt, wurde der Umstand für ihn und unsere Familie zur Normalität und so mancher Blähbauch daher routiniert mit Kirschkernkissen und Fencheltee und der nötigen Zeit zur Beruhigung des Körpers gelindert und bisher auch immer kuriert.
Mit diesem Hintergrundwissen und den erwähnten Utensilien einer üblichen Hausapotheke ausgestattet, begibt sich Clemens also in sein Bett und lenkt sich mit Lesen und Musikhören ab. Gegen Abend eröffnet er uns noch knapp, dass er sich mit Freunden zum Fortgehen in Wien verabredet hat – für den Transfer in beide Richtungen ist schon gesorgt, was uns Eltern von der Taxipflicht ausnimmt. Seine Gedärme fühlen sich zwar noch nicht vollkommen gut an und er hat daher auch noch immer keinen normalen Appetit, aber für zwei Scheiben Brot reicht es, bevor er sich für das Ausgehen vorbereitet und angemessen in Schale wirft.
Der angebrochene Abend verläuft für die restliche Familie wie gewohnt mit Spielen, Lesen und etwas Fernsehen, bis sich überall die Bettschwere einstellt. Erst der nächste Morgen wird zur ersten Etappe in diesem mentalen und physischen Wettkampf. Gegen sieben Uhr früh verlässt der jüngere Sohn Fabian das Haus für die Busfahrt zur Schule. Kurz darauf bricht der Vater in die Arbeit auf und erkundigt sich zuvor noch bei der Mutter, wann denn Clemens heimgekommen ist, weil er selbst ihn wie meistens nicht gehört hatte. Die unerwartete Antwort: Er ist noch gar nicht daheim.
Noch nicht beunruhigend, zumindest jedoch interessant und gerade zu Semesterende ohne besonderen schulischen Druck auch als Eltern leichter nachzusehen. Der Vater fährt also ins Büro und die Mutter hat späteren Dienstbeginn und harrt zu Hause einer Meldung oder Ankunft des älteren Sohns. Es sollte noch über eine Stunde vergehen, bis die Nachricht eintrifft: Clemens ist wohlbehalten mit seinen Freunden heimgekommen, aber er hat sein Telefon irgendwo in den öffentlichen Wiener Verkehrsmitteln verloren und sich daher auch nicht früher bei uns melden können. Das abhandengekommene Telefon war immerhin ein neues Google Pixel, das er erst knapp ein halbes Jahr sein Eigen nannte, sodass es den Vater erst noch sehr ärgert und einige Nerven kostet, durch Nachbestellen der SIM-Karte und Telefonate mit Fundbüros und Polizei wegen Verlustanzeige. Doch dieser Ärger sollte schon bald anderen, weit existenzielleren Sorgen weichen. Denn Clemens’ Blähbauch ist noch immer nicht vergangen, wodurch er jenen Donnerstag wohlweislich der Schule fernbleibt. Während ihn der Bruder bei seinem Klassenvorstand entschuldigt, wird zu Hause zuallererst ausgeschlafen und dabei hoffentlich auch der Bauch beruhigt.
Nicht jede Hoffnung stirbt zuletzt, doch jene hat sich leider auch nach ausreichend Schlaf und körperlicher Beruhigung nicht ins Positive verkehrt. Die Mutter versucht noch, mit Tees und Suppen für Linderung zu sorgen, aber nichts scheint zu helfen. Einzig in den Schlaf wird noch Hoffnung gesetzt und derart optimistisch verabschiedet sich Clemens ein weiteres Mal ins Bett. Doch auch Freitagmorgen zeigt sich keine Besserung. Der Bauch scheint umgekehrt sogar stärker aufgebläht als zuvor, sodass Mutter und Sohn schließlich zum Hausarzt fahren. Genau diesem Hausarzt vertraut die Familie schon lange und seit Generationen, und so dauert der Besuch auch nur sehr kurz. Das Stethoskop wird an mehrere Stellen des Bauchs gehalten und für den Arzt ist bald klar: Es ist keinerlei Darmtätigkeit zu vernehmen, was auf Darmverschluss schließen lässt.
Sofort wird der Notarzt gerufen und die Mutter holt die notwendigsten Dinge, die man für einen Spitalsaufenthalt benötigt. Die e-Card war ja schon für den Arztbesuch eingesteckt, also geht es jetzt vor allem um ein wenig Gewand, Körperpflege und Lesematerial. Alles schnell in einen Rucksack gepackt und zurück zum Arzt. Vater und Bruder werden kurz informiert. Es bleibt wenig Zeit für Gedanken oder Schock. Man wünscht sich, einander und vor allem Clemens alles Gute und von allen möglichen Szenarien das glimpflichste. Mittels Darmspülung oder anderer medikamentöser Behandlung könnte eine etwaige Verstopfung schnell behoben sein – so denkt man noch schnell.
4
Die Diagnose
Während die Daheimgebliebenen Ablenkung in Arbeit, Hausübungen und beim Fußballspielen suchen, beginnt für den Patienten das ungeahnte Martyrium. Der Transport im Rettungswagen verläuft reibungslos. Die kurze Fahrt nach Eisenstadt erlaubt dem Geist nicht viel Zeit für eigenes Grübeln. Es werden Personalien und medizinische Eckdaten aufgenommen und während die Mutter sich bereits beginnt, ernstliche Sorgen um den Sohn und das mögliche Ausmaß des Vorfalls zu machen, hält dieser ihre Hand und spricht ihr Mut und Trost zu: Mama, mach dir keine Sorgen. Das wird schon wieder!
Es ist genau diese unerschütterliche Ruhe und stoische Zuversicht, die der Vater seit Jahren an seinem Sohn bewundert. Nicht zuletzt deshalb hatten die beiden vor sechs Jahren gemeinsam mit dem Tauchsport begonnen. Bei der Ausübung dieses Hobbys konnten sie sich unter Wasser blind und ohne zu zögern aufeinander verlassen.
In der Notfallambulanz des Krankenhauses ist Gott sei Dank wenig los und Clemens bekommt bald seine ärztliche Detailuntersuchung. Bis dahin versucht er noch, seinen über die Maßen geblähten Bauch zu entspannen, indem er es sich quer ausgebreitet über die Stühle bequem macht, was bei stattlichen 1,87 Metern Größe alles andere als einfach ist.
Von außen begutachtet, abgetastet und abgehorcht, stimmt der Arzt sogleich mit unserem Hausarzt überein und entscheidet zugunsten einer CT-Untersuchung, um schließlich Gewissheit zu bekommen: Der Dickdarm des Patienten ist länger geraten, als für den Körper gut wäre, und hat sich bei einer seiner gewöhnlichen Schlingen in der Bauchhöhle umgeklappt, sodass daraus ein mechanischer Darmverschluss entstanden ist. Im selben Atemzug wird Mutter und Sohn auch die einzig mögliche Behandlung dafür aufgezeigt und erklärt: Eine Darmspülung ist in diesem Fall nicht möglich und zweckdienlich, da jede Art von eingebrachter Flüssigkeit an dem umgeklappten Darmstück gestoppt würde und daher zu keiner Auflösung führen kann. Die einzig mögliche Behandlung ist eine Operation. Und durch den akuten Zustand und die ausgehende Gefahr von einem reißenden oder platzenden Dickdarm spricht man offiziell von einer Notoperation.
Eben diese wird sofort beim Operationsteam des Spitals eingeplant und alle notwendigen organisatorischen Schritte eingeleitet. Der durchzuführende chirurgische Eingriff wird auch kurz erklärt: Der Bauch muss unterhalb des Brustbeins der Länge nach bis unter den Nabel geöffnet werden, dann das umgestülpte Stück Dickdarm entfernt werden und zu guter Letzt die entstandenen Enden des Darms wieder verbunden werden. Lapidar und um den Ernst der Lage etwas zu reduzieren, spricht man vom „männlichen Kaiserschnitt“. Wohlgemerkt ist das das Best-Case-Szenario, von dem Ärzte und wir alle ausgehen wollen. Und alle weiteren Möglichkeiten werden hier in Gedanken auch geflissentlich ausgelassen.
Unser Clemens wird somit unverzüglich in den Status eines stationären Patienten übernommen und der Mutter bleibt nur eine halbe Stunde, um sich daheim zu melden und den Vater über den letzten Stand der Dinge zu informieren, bevor es in den OP-Saal geht. Man ist zuerst schockiert und braucht ein paar pragmatische Gedankengänge, um Anamnese und ärztliche Schlussfolgerung nachzuvollziehen, aber schnell stellen sich Nachvollziehbarkeit und Vertrauen in die Entscheidung ein und man fasst wieder Mut und bekundet diesen auch gegenseitig: Clemens ist jung, stark und gesund und muss selbst einen derartigen Eingriff bestmöglich verkraften und wegstecken. Nicht nur physisch, sondern auch mental. Und das bestätigt auch die Mutter, die nun zugibt, wie unglaublich stark der Sohn hier ist und ihr bis zum Abtransport in den OP-Saal Mut zuspricht und Zuversicht ausstrahlt. Dass diese Notoperation selbst für den Oberarzt und sein fachkundiges und routiniertes Team mit der präsentierten Komplexität und über zwei Stunden Dauer alles andere als eine Kleinigkeit ist, wird uns in den nächsten Tagen bei diversen Gesprächen mit beteiligten Ärzten und Assistenten bewusst. In der Zwischenzeit und während Clemens’ Narkose geht das Leben zu Hause indes weiter.
Ein Uhr fünfzehn
Das Telefon läutet, wir heben ab. Was im Normalfall recht harmlos klingt und zum guten Ton des gesellschaftlichen Zusammenlebens gehört, ist es diesmal leider ganz und gar nicht. Es ist Samstag, Anfang Februar, und 01:15 Uhr in der Früh. Selbst dieser Umstand kann noch einer gewissen Routine entspringen, wenn man jugendliche Kinder hat, die schön langsam flügge werden, und an Wochenenden durchaus ab und zu den elterlichen Beistand oder zumindest einen Transport brauchen können.
Im konkreten Fall ist ein Oberarzt des Landeskrankenhauses der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt in der Leitung. Das Adrenalin, das uns sowieso seit Stunden in Alarmbereitschaft gehalten und jeden tieferen Schlaf wirkungsvoll abgewehrt hatte, war zur Stelle und ließ Reflexe an unserer Stelle walten. Der Atem ist angehalten, wir hören nur hin. Der Arzt spricht ruhig und gefasst, im Hintergrund ist es ebenso still wie auf unserer Seite des Kanals.
Er sagt: „Ihr Sohn Clemens hat die Notoperation gut überstanden. Die Operation hat wie geplant fast 140 Minuten gedauert und es wurde dabei ein etwa 50 Zentimeter langes Stück des Dickdarms entfernt. Das Gewebe der verbliebenen Enden war aber noch gut durchblutet und hat noch keine Nekrosen gebildet, sodass wir sie wieder direkt vernähen konnten. Wir können davon ausgehen, dass der Darm dadurch wieder von selbst zusammenwächst und keine weiteren Interventionen notwendig sind, außer natürlich Ruhe und Schonkost.“
Unendliche Erleichterung und Dankbarkeit machen sich bei uns breit. Noch immer schwirren Tausende Fragen und Gefühlsanwandlungen im Wechsel durch unsere Köpfe, aber zuerst einmal ist es schlichte Dankbarkeit. Diese lassen wir auch den Oberarzt spüren und knöpfen ihm noch ein paar Minuten seiner Nachtschicht ab. Doch was war geschehen und wie kam es zu dieser Situation?
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Von Anfang
Unser Sohn ist achtzehn Jahre jung und besucht gerade die Maturaklasse der HTL Eisenstadt in der Abteilung für Mechatronik. In dieser Abschlussklasse arbeitet er mit zwei Kameraden an einem Diplomprojekt, bei dem ein R2D2-Roboter aus den berühmten Star-Wars-Filmen revitalisiert und fertiggestellt werden soll. Für diese interessante Tätigkeit an mechanischen und elektronischen Einzelteilen und dem übergreifenden Projektmanagement treffen sich die Freunde immer wieder zum direkten und fokussierten Zusammenarbeiten.
Gerade endet das Semester und der Blick und alle Hoffnungen sind auf den Winterurlaub im Schnee gerichtet. Clemens stand mit sechs Jahren auf Skiern und wir Eltern wollten ihm derlei Aktivitäten immer nach Kräften ermöglichen. Insofern freut er sich schon auf den jährlichen Skiurlaub auf der Tauplitzalm im Westen der Steiermark. Bei Gelegenheit hatten wir zwar auch schon einzelne Tage zum Skifahren am nahen Semmering verbracht, aber in Anbetracht der gesamten Umstände eines einwöchigen Urlaubs direkt in den Bergen, an der Piste und ohne Autoanbindung oder sogar Nutzung der Straßenschuhe, ist dieser Skiurlaub doch jährlich wieder eine wunderbare Zäsur in der Erinnerung, die offenbar weder Kinder noch Erwachsene missen möchten.
Mitten in dieser durchaus aufreibenden Lebensphase wird der Blick erstmals konkreter in Richtung Zukunft gewendet und auch Pläne gewälzt. Die Matura scheint den jungen Leuten schon fix in der Tasche und so wird besonders die Zeit danach näher betrachtet. Allen voran steht hier die Maturareise auf der Checkliste und Clemens hat sich mit ein paar Freunden bereits auf die Miete eines Strandhauses an der kroatischen Küste geeinigt. Mit Selbstanreise und auch verpflegungstechnisch auf sich allein gestellt, wollen sie vor allem entspannen und sich keinen Zwängen durch Reise- oder Partyveranstalter unterwerfen müssen. Der anvisierte Müßiggang soll vor allem den angenommen harten Übergang zum anschließenden Vaterlandsdienst erleichtern. Die Burschen haben sich schon jeweils für neun Monate Zivildienst oder sechs Monate Präsenzdienst beim Bundesheer entschieden und auch die Zeit danach zum Teil schon sehr eloquent durchgeplant. Darunter waren berufsbegleitende oder Vollzeitstudien und teilweise auch die Fortführung der Maturaarbeit bei der betreuenden Firma, sodass aus der Schullaufbahn direkt ein wirtschaftliches Anstellungsverhältnis wird.
Clemens und drei Kollegen haben es damit nicht ganz so eilig und planen noch einen Interrail-Trip in einem Sommermonat, bevor es mit dem berüchtigten Ernst des Lebens losgeht. Das nördliche Europa soll als Destination herhalten, aber Genaueres plant die Jugend bekanntlich erst kurz vor Reiseantritt. Das Wichtigste sind die Tickets, und diese haben die Freunde tatsächlich bei einer europaweiten Lotterie der EU gewonnen.
Die Abschlussklasse ziert aber auch das Erwachsenwerden der jugendlichen Schüler, und so wird natürlich auch die Freizeit gerne miteinander verbracht. Die Gestaltung dieser außerschulischen Zeit reicht von Computerspielen, aber auch Basketball und Volleyball bis hin zum gemeinsamen Besuch von Heurigen und altersgerechtem Fortgehen in Clubs und Discos. Und genau mit einem solchen beginnt unsere Geschichte oder besser: Clemens’ Geschichte.
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Immer der Bauch
Am Mittwoch vor den besagten Semesterferien kommen beide Söhne schon frühnachmittags von der Schule heim. Die Noten für die Schulnachrichten sind bereits vergeben und eingetragen und weder bei Schülern noch bei Lehrern herrscht großes Bedürfnis, vor den Ferien neuen Lehrstoff aufzugreifen. Die Kinder nehmen die schulischen Geschenke gerne an und freuen sich über die gewonnene Freizeit. Der ältere Bruder Clemens fällt aber sogleich und ungewöhnlich mit fehlendem Hunger auf. Er hat leichte Bauchschmerzen und legt sich zur Beruhigung und Auflösung der Blähung in sein Zimmer.
Jetzt muss man vorausschicken, dass Clemens bereits als Kleinkind immer wieder Blähungen bekommen hatte und selbst der Kinderarzt damals die beruhigende Anamnese stellte, dass er eben ein „Bauch-Kind“ sei. Damit war schlichtweg gemeint, dass sich wohl so manche Nahrungsumstellung, aber auch Emotionales, wie Gefühlsanwandlungen oder Stimmungsschwankungen, bei ihm direkt auf den Bauchraum auswirken. Derart aufgewachsen und ärztlich bestätigt, wurde der Umstand für ihn und unsere Familie zur Normalität und so mancher Blähbauch daher routiniert mit Kirschkernkissen und Fencheltee und der nötigen Zeit zur Beruhigung des Körpers gelindert und bisher auch immer kuriert.
Mit diesem Hintergrundwissen und den erwähnten Utensilien einer üblichen Hausapotheke ausgestattet, begibt sich Clemens also in sein Bett und lenkt sich mit Lesen und Musikhören ab. Gegen Abend eröffnet er uns noch knapp, dass er sich mit Freunden zum Fortgehen in Wien verabredet hat – für den Transfer in beide Richtungen ist schon gesorgt, was uns Eltern von der Taxipflicht ausnimmt. Seine Gedärme fühlen sich zwar noch nicht vollkommen gut an und er hat daher auch noch immer keinen normalen Appetit, aber für zwei Scheiben Brot reicht es, bevor er sich für das Ausgehen vorbereitet und angemessen in Schale wirft.
Der angebrochene Abend verläuft für die restliche Familie wie gewohnt mit Spielen, Lesen und etwas Fernsehen, bis sich überall die Bettschwere einstellt. Erst der nächste Morgen wird zur ersten Etappe in diesem mentalen und physischen Wettkampf. Gegen sieben Uhr früh verlässt der jüngere Sohn Fabian das Haus für die Busfahrt zur Schule. Kurz darauf bricht der Vater in die Arbeit auf und erkundigt sich zuvor noch bei der Mutter, wann denn Clemens heimgekommen ist, weil er selbst ihn wie meistens nicht gehört hatte. Die unerwartete Antwort: Er ist noch gar nicht daheim.
Noch nicht beunruhigend, zumindest jedoch interessant und gerade zu Semesterende ohne besonderen schulischen Druck auch als Eltern leichter nachzusehen. Der Vater fährt also ins Büro und die Mutter hat späteren Dienstbeginn und harrt zu Hause einer Meldung oder Ankunft des älteren Sohns. Es sollte noch über eine Stunde vergehen, bis die Nachricht eintrifft: Clemens ist wohlbehalten mit seinen Freunden heimgekommen, aber er hat sein Telefon irgendwo in den öffentlichen Wiener Verkehrsmitteln verloren und sich daher auch nicht früher bei uns melden können. Das abhandengekommene Telefon war immerhin ein neues Google Pixel, das er erst knapp ein halbes Jahr sein Eigen nannte, sodass es den Vater erst noch sehr ärgert und einige Nerven kostet, durch Nachbestellen der SIM-Karte und Telefonate mit Fundbüros und Polizei wegen Verlustanzeige. Doch dieser Ärger sollte schon bald anderen, weit existenzielleren Sorgen weichen. Denn Clemens’ Blähbauch ist noch immer nicht vergangen, wodurch er jenen Donnerstag wohlweislich der Schule fernbleibt. Während ihn der Bruder bei seinem Klassenvorstand entschuldigt, wird zu Hause zuallererst ausgeschlafen und dabei hoffentlich auch der Bauch beruhigt.
Nicht jede Hoffnung stirbt zuletzt, doch jene hat sich leider auch nach ausreichend Schlaf und körperlicher Beruhigung nicht ins Positive verkehrt. Die Mutter versucht noch, mit Tees und Suppen für Linderung zu sorgen, aber nichts scheint zu helfen. Einzig in den Schlaf wird noch Hoffnung gesetzt und derart optimistisch verabschiedet sich Clemens ein weiteres Mal ins Bett. Doch auch Freitagmorgen zeigt sich keine Besserung. Der Bauch scheint umgekehrt sogar stärker aufgebläht als zuvor, sodass Mutter und Sohn schließlich zum Hausarzt fahren. Genau diesem Hausarzt vertraut die Familie schon lange und seit Generationen, und so dauert der Besuch auch nur sehr kurz. Das Stethoskop wird an mehrere Stellen des Bauchs gehalten und für den Arzt ist bald klar: Es ist keinerlei Darmtätigkeit zu vernehmen, was auf Darmverschluss schließen lässt.
Sofort wird der Notarzt gerufen und die Mutter holt die notwendigsten Dinge, die man für einen Spitalsaufenthalt benötigt. Die e-Card war ja schon für den Arztbesuch eingesteckt, also geht es jetzt vor allem um ein wenig Gewand, Körperpflege und Lesematerial. Alles schnell in einen Rucksack gepackt und zurück zum Arzt. Vater und Bruder werden kurz informiert. Es bleibt wenig Zeit für Gedanken oder Schock. Man wünscht sich, einander und vor allem Clemens alles Gute und von allen möglichen Szenarien das glimpflichste. Mittels Darmspülung oder anderer medikamentöser Behandlung könnte eine etwaige Verstopfung schnell behoben sein – so denkt man noch schnell.
4
Die Diagnose
Während die Daheimgebliebenen Ablenkung in Arbeit, Hausübungen und beim Fußballspielen suchen, beginnt für den Patienten das ungeahnte Martyrium. Der Transport im Rettungswagen verläuft reibungslos. Die kurze Fahrt nach Eisenstadt erlaubt dem Geist nicht viel Zeit für eigenes Grübeln. Es werden Personalien und medizinische Eckdaten aufgenommen und während die Mutter sich bereits beginnt, ernstliche Sorgen um den Sohn und das mögliche Ausmaß des Vorfalls zu machen, hält dieser ihre Hand und spricht ihr Mut und Trost zu: Mama, mach dir keine Sorgen. Das wird schon wieder!
Es ist genau diese unerschütterliche Ruhe und stoische Zuversicht, die der Vater seit Jahren an seinem Sohn bewundert. Nicht zuletzt deshalb hatten die beiden vor sechs Jahren gemeinsam mit dem Tauchsport begonnen. Bei der Ausübung dieses Hobbys konnten sie sich unter Wasser blind und ohne zu zögern aufeinander verlassen.
In der Notfallambulanz des Krankenhauses ist Gott sei Dank wenig los und Clemens bekommt bald seine ärztliche Detailuntersuchung. Bis dahin versucht er noch, seinen über die Maßen geblähten Bauch zu entspannen, indem er es sich quer ausgebreitet über die Stühle bequem macht, was bei stattlichen 1,87 Metern Größe alles andere als einfach ist.
Von außen begutachtet, abgetastet und abgehorcht, stimmt der Arzt sogleich mit unserem Hausarzt überein und entscheidet zugunsten einer CT-Untersuchung, um schließlich Gewissheit zu bekommen: Der Dickdarm des Patienten ist länger geraten, als für den Körper gut wäre, und hat sich bei einer seiner gewöhnlichen Schlingen in der Bauchhöhle umgeklappt, sodass daraus ein mechanischer Darmverschluss entstanden ist. Im selben Atemzug wird Mutter und Sohn auch die einzig mögliche Behandlung dafür aufgezeigt und erklärt: Eine Darmspülung ist in diesem Fall nicht möglich und zweckdienlich, da jede Art von eingebrachter Flüssigkeit an dem umgeklappten Darmstück gestoppt würde und daher zu keiner Auflösung führen kann. Die einzig mögliche Behandlung ist eine Operation. Und durch den akuten Zustand und die ausgehende Gefahr von einem reißenden oder platzenden Dickdarm spricht man offiziell von einer Notoperation.
Eben diese wird sofort beim Operationsteam des Spitals eingeplant und alle notwendigen organisatorischen Schritte eingeleitet. Der durchzuführende chirurgische Eingriff wird auch kurz erklärt: Der Bauch muss unterhalb des Brustbeins der Länge nach bis unter den Nabel geöffnet werden, dann das umgestülpte Stück Dickdarm entfernt werden und zu guter Letzt die entstandenen Enden des Darms wieder verbunden werden. Lapidar und um den Ernst der Lage etwas zu reduzieren, spricht man vom „männlichen Kaiserschnitt“. Wohlgemerkt ist das das Best-Case-Szenario, von dem Ärzte und wir alle ausgehen wollen. Und alle weiteren Möglichkeiten werden hier in Gedanken auch geflissentlich ausgelassen.
Unser Clemens wird somit unverzüglich in den Status eines stationären Patienten übernommen und der Mutter bleibt nur eine halbe Stunde, um sich daheim zu melden und den Vater über den letzten Stand der Dinge zu informieren, bevor es in den OP-Saal geht. Man ist zuerst schockiert und braucht ein paar pragmatische Gedankengänge, um Anamnese und ärztliche Schlussfolgerung nachzuvollziehen, aber schnell stellen sich Nachvollziehbarkeit und Vertrauen in die Entscheidung ein und man fasst wieder Mut und bekundet diesen auch gegenseitig: Clemens ist jung, stark und gesund und muss selbst einen derartigen Eingriff bestmöglich verkraften und wegstecken. Nicht nur physisch, sondern auch mental. Und das bestätigt auch die Mutter, die nun zugibt, wie unglaublich stark der Sohn hier ist und ihr bis zum Abtransport in den OP-Saal Mut zuspricht und Zuversicht ausstrahlt. Dass diese Notoperation selbst für den Oberarzt und sein fachkundiges und routiniertes Team mit der präsentierten Komplexität und über zwei Stunden Dauer alles andere als eine Kleinigkeit ist, wird uns in den nächsten Tagen bei diversen Gesprächen mit beteiligten Ärzten und Assistenten bewusst. In der Zwischenzeit und während Clemens’ Narkose geht das Leben zu Hause indes weiter.

