Die Herren der Landstraße
Als die Fracht fliegen lernte
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 68
ISBN: 978-3-99130-645-0
Erscheinungsdatum: 19.03.2025
Ein Transporter verschwindet. Ein LKW-Fahrer sucht eine Straße, die es gar nicht gibt. Ein Schaufelrad im Heizsystem des LKWs wird vom Keilriemen bedroht. Wie hängt das alles zusammen? In diesen vergnüglichen Kurzgeschichten finden Sie es heraus!
Prolog: Wie komme ich bitte auf die Straße?
Warum wird man eigentlich Kraftfahrer? Die einen sagen, wegen der Romantik der Straße, andere wollen etwas von der Welt sehen und wieder andere träumen davon, in jeder Stadt eine andere heimliche Freundin zu haben. Ich muss immer etwas schmunzeln, wenn ich junge Kollegen so sprechen höre, denn solche Gründe reichen vielleicht aus, um den Job zu ergreifen, wenn du ihn aber über Jahrzehnte ausüben willst, muss deine Leidenschaft von ganz woanders herkommen. Denn die Romantik der Straße geht mit einem teils knochenharten Job einher, von der Welt siehst du nur dann etwas, wenn du nicht gerade im Stau stehst und wenn du einmal eine Freundin in einer Stadt mit dem Namen einer anderen aus einer anderen Stadt angesprochen hast, dann wünschst du dir nichts sehnlicher, als dass die erlaubte Höchstgeschwindigkeit deines Fahrzeugs nicht auf 100 Kilometer pro Stunde beschränkt wäre.
Nein, um ein Herr der Landstraße zu werden und zu bleiben, musst du mit Fernweh geboren sein. Du musst es lieben, unterwegs zu sein, das Brummen des Motors zu hören, die Straße zu erkunden, die sich vor dir bis in die Unendlichkeit auszudehnen scheint, und interessanten Menschen in ganz Deutschland und Europa zu begegnen. Ich bin mit diesem Fernweh auf die Welt gekommen. Ein Bürojob kam für mich niemals in Frage. Immer dieselben Gesichter im Büro sehen, immer denselben Blick aus dem Bürofenster, immer dieselben Gerichte in der Kantine … Ein solches Leben habe ich mir für mich niemals vorstellen können. Ich wollte hinaus, etwas erleben und abends den Kopf schütteln über die kuriosen Geschichten, die ich da im Laufe des Tages wieder erlebt hatte.
Zunächst suchte ich mein Glück auf dem Fahrersitz eines Taxis. Unterwegs sein, Menschen kennenlernen, aufregende Geschichten erleben … Das konnte ich da alles haben. Aber irgendwie fehlte mir etwas. Meine Welt spielte sich fast ausschließlich zwischen der Hauptstraße und dem Flughafen ab und wenn man nicht gerade Partygänger nach Hause fuhr oder ein nettes Gespräch mit einem Touristen führte, wartete man meist an einem Taxistand. Ich spürte, dass der Beruf grundsätzlich in die richtige Richtung ging, aber noch fehlte etwas. Meine Arbeit war wie ein Gericht, dem die geheime Zutat fehlte. Es war ganz lecker und reichte zum Sattwerden, war aber nicht das, was ich unter einer großartigen Köstlichkeit verstehen würde.
Und dann kam der Boom der Kraftfahrtbranche. Ich erfuhr, dass man als Kraftfahrer so richtig etwas von der Welt zu sehen bekam, hierbei mit interessanten Menschen und teilweise anderen Sprachen (bei Lieferungen ins europäische Ausland) zu tun hatte und gleichzeitig noch dafür sorgen konnte, dass die Haferflocken in den Supermarkt und die Rohstoffe zu den Unternehmen kamen. Außerdem ging und geht es in der Kraftfahrtbranche um eine Menge Geld und von diesem Kuchen wollte ich gerne ein paar Krümel abhaben. Mein Entschluss stand also relativ bald fest: Ich tauschte den gemütlichen Taxisitz gegen einen hohen Sitz in einem LKW ein, von dem aus ich endlich einen Überblick über die große weite Welt haben würde. Und so wurde ich Kraftfahrer.
Diese Entscheidung war goldrichtig. Denn die Kraftfahrtbranche ist erstaunlicherweise ein Wachstumsmarkt. Noch 2005 habe ich in einem Bericht mitbekommen, dass in Zukunft mehr Fracht auf die Straße gebracht werden soll. Richtig, auf die Straße! Nicht etwa auf die Schiene. Und das trotz Diskussionen um Umweltschutz und eine Entlastung der Autobahnen und Landstraßen. Wie kann das sein? Nun, die Deutsche Bahn ist für ein Comedy-Programm Gold oder für alle, die schon einmal die schönsten Bahnhofsbäckereien Deutschlands sehen wollten. Für die Frachtzustellung ist sie aber einfach zu unzuverlässig. Und die Fracht einfach mit dem Flugzeug zu verschicken, ist auch nicht für alle eine Option. Zum einen bekommt Mutter Natur auch hiervon Raucherhusten und zum anderen kann sich nicht jedes Unternehmen die teuren Transportkosten leisten (innerdeutsch schon einmal gar nicht), es sei denn, es heißt DHL und liefert Briefe und Pakete per Luftfracht aus.
Bis ich allerdings all das wusste und als Herr der Landstraße etwas vom großen Transportkuchen abhaben konnte, war es noch ein weiter Weg. Denn es war doch recht ernüchternd, gut gelaunt, voller Ideen und mit einem gut ausgearbeiteten Businessplan bei den Banken vorstellig zu werden und nicht einen müden Euro für die Finanzierung des eigenen Geschäfts zu erhalten. „Zu jung.“ „Zu unerfahren.“ „Zu große Konkurrenz.“ „Wir machen gerade Mittagspause.“ „Was wollen Sie hier? Wir sind eine Bahnhofsbäckerei!“ Was ich mir nicht alles an Ausreden anhören musste.
Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich beschloss, voll ins Risiko zu gehen. Ich hatte im Laufe der Jahre ein paar Euros auf die hohe Kante gelegt und jetzt stieg ich auf die Leiter und holte sie herunter. Außerdem hatte ich als angestellter Kraftfahrer schon einige Erfahrungen sammeln können und wusste, wie der Hase läuft. Zumindest dachte ich das. Denn die Haken, die der Hase während meiner Zeit mit meinem eigenen Transportunternehmen geschlagen hat, hätte ich mir zu Beginn meines Berufsweges nicht einmal vorstellen können.
Eine der ersten Entscheidungen, die ich mit meinem neuen Transportunternehmen zu treffen hatte, war die Auswahl eines passenden LKWs. Über so etwas machst du dir ja nie Gedanken. Als Taxifahrer brauchst du keinen LKW und als angestellter Kraftfahrer stellt dir dein Chef ja das passende Fahrzeug hin. Also hieß es: Produkte vergleichen. Welche Wagen haben einen möglichst niedrigen Verbrauch, ein geringes Eigengewicht und ausreichend Ladeplatz? Welche Inspektionsintervalle fallen bei welchem Modell an? Möchte ich wirklich einen Haufen Geld dafür ausgeben, damit mir während meiner Fahrten ein Stern über der Motorhaube den Weg weist, oder tut es nicht auch eine andere Marke, die mir einen ordentlichen Rabatt gibt, weil ihr Marketingkonzept darin besteht, möglichst viele ihrer Fahrzeuge auf die Straße zu bekommen? All diese Fragen waren zu klären und sie mussten gut geklärt werden. Denn wenn du dich einmal für die Investition in einen LKW entschieden hast, dann solltest du lange Jahre zuverlässig damit arbeiten können.
Letztlich habe ich mich gegen den Stern entschieden und meine Reise über die Landstraßen und Autobahnen Deutschlands begonnen. Dieses Buch schildert die aufregendsten, lustigsten, verrücktesten, unglaublichsten und schönsten Erlebnisse aus dieser Zeit. In einigen Fällen werdet ihr den Kopf schütteln und euch sagen: „Das denkt der sich doch aus!“ Ich kann euch aber versichern, dass alle Geschichten in diesem Buch genau so passiert sind, wie ich sie erzähle. Als Kraftfahrer machst du einiges mit und ich möchte euch dazu einladen, euch neben mich in die Fahrerkabine meines LKWs zu setzen und euch mit mir auf den Weg zu machen. Entdecken wir gemeinsam die spannende Welt der Kraftfahrtbranche! Also lehnt euch zurück, genießt die Aussicht und habt viel Vergnügen bei der Lektüre.
Faschingstour – nicht überall wird nicht gearbeitet
Fasching in Deutschland. Alle Unternehmen schließen, damit die Mitarbeiter ausgelassen feiern können. Alle Unternehmen? Nein. Eine kleine Enklave zugeschnürter Norddeutscher setzt sich der Karnevalisierung der Bundesrepublik tapfer entgegen. Und das kann zu ganz schönen Komplikationen führen, wenn zwei so unterschiedliche Kulturen wie Berlin und das Ruhrgebiet aufeinanderprallen. Und von einer solchen Komplikation handelt diese Geschichte.
Wir hatten den Auftrag, Ware von einem großen Technologiekonzern mit mehreren Niederlassungen in Berlin ins Ruhrgebiet zu bringen. Ich wusste sofort, welchen Fahrer ich mit diesem Auftrag betrauen würde. Harald kam nämlich aus dem Ruhrgebiet, genauer: aus der Gegend um Wesel. Und er freute sich schon wahnsinnig darauf, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und mit seinen Freunden und Familienmitgliedern eine gute Zeit zu verbringen. Doch bevor es so weit war, galt es noch, diese recht große Lieferung zu einer Firma ins Ruhrgebiet zu bringen. Er schwang sich also hinter das Lenkrad und machte sich auf in Richtung A2.
Irgendwie merkte Harald schon während der Fahrt, dass irgendetwas anders war als sonst. Eine Fahrt auf der A2 ohne nennenswerte Staus und Störungen ist schon eine Seltenheit. Offenbar waren schon jetzt viele Menschen, die normalerweise mit dem Auto unterwegs wären, bei diversen Faschingsfeiern und ließen es sich gut gehen. Das hieß: freie Fahrt für unseren Laster, der auch in einer erstaunlich kurzen Zeit im Ruhrgebiet ankam. Dort hatte Harald nun den Auftrag, die Fracht am nächsten Morgen abzuliefern. Danach würde er sich direkt auf den Weg in seine Heimat machen.
Als er aber am nächsten Tag pünktlich vor dem Werkstor des Empfängerunternehmens ankam, traute er seinen Augen nicht. Schnell holte er seinen Kalender heraus und checkte das Datum. Nein, es war kein Sonnabend und auch kein Sonntag. Es war ein ganz normaler Wochentag und er war genau zur verabredeten Zeit angekommen. Die Sonne schien, es warteten keine anderen LKW und es war angenehm ruhig. Ruhig? Ja, ruhig. Zu ruhig. Gespenstisch ruhig geradezu. So ruhig sollte es an einem Werktag morgens im Ruhrgebiet nicht sein. Irgendetwas stimmte hier nicht. Harald entschied sich deshalb dazu, bei mir anzurufen.
„Hey, Uwe. Sag mal, müsste ich heute frei haben?“
„Was? Wie kommst du denn auf den Trichter?“
„Ich meine ja nur. So gleiches Recht für alle.“
„Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“
„Ich bin hier gerade bei der Firma angekommen und wollte auf das Gelände fahren, um die Fracht abzuladen, da hängt auf einmal ganz breit ein Spannband vor der Werkseinfahrt.“
„Ein Spannband?“
„Jawohl. Und drauf steht ganz groß: WIR MACHEN FASCHING.“
„Was machen die?“
„Fasching. Karneval. Fastnacht. Großes Besäufnis. Du weißt schon. Jedenfalls machen die frei. Wo soll ich denn jetzt mit der Ware hin?“
Das war eine sehr gute Frage. Denn es war ja nicht davon auszugehen, dass der Fasching in ein paar Stunden erledigt sein würde. Und Warten ist von Hause aus langweilig, aber erst recht, wenn du stattdessen im schönen Wesel bei einem Stück Kuchen mit deiner Familie quatschen oder bei einem Bierchen mit deinen Freunden über die gute alte Zeit philosophieren könntest. Ich versprach Harald daher, mich schnellstmöglich darum zu kümmern, legte auf und rief direkt beim Auftraggeber an. Ich informierte ihn, dass wir unseren Teil der Abmachung eingehalten haben, jetzt aber vor einem verschlossenen Werkstor standen, weil ja Fasching war.
Zunächst sah der Auftraggeber das nicht so krumm. Wir sollten doch ein bisschen nachsichtig sein, den Leuten ihr Vergnügen gönnen und die Ware einfach später ausliefern. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber ich blieb ruhig und sagte wieder einmal die vier Zauberworte, die nahezu immer zum gewünschten Erfolg führen: „Das wird nicht billig.“ Und dann begann ich aufzuzählen: Standzeiten, Ausfallgeld für verpasste Anschlussfrachten und so weiter. Nicht einmal eine halbe Stunde später meldete sich der Auftraggeber bei mir und teilte mir mit, dass ein nicht alkoholisierter Mitarbeiter der Empfängerfirma (wo auch immer sie so einen noch aufgetrieben hatten) auf dem Weg sei, um Harald die Werkseinfahrt zu öffnen.
Harald stand also mit dem LKW vor dem Tor und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Ehrlich gesagt war er nach allem, was er an diesem Tag über den Fasching im Ruhrgebiet erfahren hatte, sogar darauf vorbereitet, dass ihm gleich ein Mann im Clownskostüm mit roter Nase, blauer Perücke und viel zu großen Schuhen das Tor öffnen würde. Er war beinahe schon ein wenig enttäuscht, als es letztlich ein ganz normaler Mitarbeiter mit Schlüsselbund war, der ihm öffnete. Dieser begann sogleich damit, die Fracht auszuladen, und man merkte, dass er hoch motiviert war, den Job schnell hinter sich zu bringen. Offenbar wartete eine riesige Party auf ihn und wahrscheinlich wollte er sich um nichts in der Welt den Faschingsumzug entgehen lassen.
Nach etwa 2 ½ Stunden war alles erledigt und das Tor konnte geräuschvoll hinter Harald geschlossen werden. Dieser machte sich nun auf den Weg nach Wesel, um in Kontakt mit seinen Wurzeln zu treten. Und so endete für unser Transportunternehmen der Fasching, der die ganze Produktion lahmlegte.
Die Finnlandtour
Als der große Magier David Copperfield damals einen kompletten Waggon des Orient-Expresses verschwinden ließ, war ich schwer beeindruckt. Ich wollte unbedingt wissen, wie dieser Trick funktioniert. Leider gibt es das ungeschriebene Gesetz unter Magiern, dass man seine Tricks niemals verrät. Es dauerte daher noch viele Jahre, bis ich mein eigenes Transportunternehmen hatte, bevor ich erfuhr, wie man zumindest einen kompletten Transporter verschwinden lassen kann. Da ich nun kein Magier, sondern Transportunternehmer bin, kann ich hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung liefern, wie man einen beladenen Transporter in Luft auflösen kann. So wissen zukünftige Zauberer, wie sie diesen Trick bewerkstelligen, und zukünftige Transportunternehmer wissen, wie sie das auf gar keinen Fall tun sollten.
Schritt 1: Man organisiere einen Auftrag, bei dem Fracht bis kurz vor den Polarkreis gebracht werden muss. Das ist wichtig, weil das Setting bei einem solchen Zaubertrick eine große Rolle spielt. In Finnland gibt es gut ausgebaute Straßen, eine fantastische Aussicht und der Wind weht konstant und kräftig. All dies sind hervorragende Voraussetzungen, um das Publikum vom Wesentlichen abzulenken und sicherzustellen, dass man den Transporter unbemerkt verschwinden lassen kann. Außerdem findet man so ganz leicht zwei Fahrer – ich werde sie von jetzt an „Magier“ nennen – für die Tour – die von jetzt an „Trick“ heißen wird –, weil man nicht alle Tage bis kurz vor den Polarkreis kommt.
Schritt 2: Man nehme zwei Magier, die sich hervorragend verstehen, gerne miteinander herumblödeln und Raucher sind. Mit dieser Maßnahme ist sichergestellt, dass während des Tricks nicht nur die vorgeschriebenen Pausen verpflichtend eingehalten werden, sondern dass auch die eine oder andere Raucherpause eingebaut wird. Hier müssen die beiden Magier ein so lebendiges Gespräch führen, dass das Publikum gar nicht merkt, wie vor seinen Augen ein kompletter Transporter verschwindet.
Schritt 3: Man belade die Transporter nicht in die Höhe, sondern lege das gesamte Gewicht der Fracht auf die Achsen. Das ist wichtig, um weder die Magier noch die Fracht während des Tricks zu gefährden. Außerdem ist es hierdurch erforderlich, mit zwei Transportern unterwegs zu sein. Das ist ebenfalls elementar wichtig, da nur so immer wieder Raucherpausen eingelegt werden.
Schritt 4: Man wähle die kürzeste Strecke von Deutschland nach Finnland. Das ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, weil weniger Diesel verbraucht wird und weniger Fahrstunden anfallen, sondern ist auch für das Kunststück unglaublich wichtig. Auf dem kürzesten Weg nach Finnland kommt man nämlich durch Polen durch. Hier sind die Straßen überhaupt nicht mit denen in Deutschland zu vergleichen. Die Infrastruktur ist weniger gut ausgebaut und es gibt jede Menge Schlaglöcher, die die beiden Magier schmerzhaft an ihren Gesäßmuskeln spüren. Das ist eine wichtige Voraussetzung, weil so der Wunsch entsteht, immer wieder Raucherpausen einzulegen. Während des gesamten Tricks halten die beiden Magier immer wieder an, plaudern, blödeln herum und genießen ihre Zigaretten.
Schritt 5: Man wähle für die Überfahrt von Tallinn nach Helsinki den Finnischen Meerbusen aus. Dieser Teil der Ostsee ist bezaubernd und sorgt dafür, dass die beiden Magier ein Auge für die Natur und die Schönheit bekommen. Außerdem entsteht auf diese Weise bereits Vorfreude auf das Highlight ihres Tricks: Die Aftershowparty. All diese Ablenkungen haben vor allem das Ziel, die Aufmerksamkeit der beiden während des gesamten Tricks immer wieder von ihrem Transporter abzulenken.
Nun sind alle Vorbereitungen für diesen großartigen Trick getroffen. Jetzt muss nur noch das passende Timing gewählt werden, um den Transporter verschwinden zu lassen. Hierfür fahren die beiden Magier die gut ausgebauten Straßen in Finnland entlang. Sie sind von der atemberaubenden Schönheit der Natur ringsum begeistert. Links und rechts des Weges führt eine Böschung in ein Waldgebiet voller beeindruckender Bäume und Pflanzen hinein, in dem auch so manche Tiere zu sehen sind. Auf der Straße sind immer wieder auch andere Fahrzeuge unterwegs, sowohl PKW als auch LKW. Einige davon sind ebenfalls auf dem Weg ins Landesinnere und haben mit den teilweise heftigen Windböen zu kämpfen. Andere fahren in die entgegengesetzte Richtung, weil sie beispielsweise mit der Fähre nach Tallinn übersetzen oder sogar Fracht bis nach Deutschland transportieren wollen. Dies werden die beiden Magier am Ende des Tricks ebenfalls tun, weil Leerfahrten im Transportwesen unbedingt zu vermeiden sind.
Sobald die beiden Magier eine geeignete Stelle für das Verschwinden des Transporters gefunden haben, stellen sie ihre Fahrzeuge ab. Der erste Magier parkt seinen Transporter am rechten Straßenrand, der zweite stellt sein Fahrzeug etwa einen Meter dahinter ab. Dann steigen beide aus und stellen sich vor die Motorhaube des ersten Transporters. Hier sind sie windgeschützt, was für die Gesundheit der Magier wichtig ist, da es in Finnland wirklich ausgesprochen kalt ist und die Winde kräftig sind. Außerdem haben sie nur so die Möglichkeit, sich ihre Zigaretten überhaupt anzuzünden, ohne dass ihnen der Wind ständig die Feuerzeugflamme auspustet. Jetzt kann das Zauberkunststück auf unterschiedliche Weisen eingeleitet werden. Beispielsweise ist es möglich, dass die beiden Magier herumblödeln, wie sie es die gesamte Fahrt über gemacht haben. Sie nutzen die Pause, um sich über Gott und die Welt zu unterhalten, und vergessen hierbei alles um sich herum. Ebenso ist es möglich, dass die beiden ihren Blick über die wundervolle Natur des schneebedeckten Finnlands schweifen lassen. Auch hierdurch ist gewährleistet, dass ihre Konzentration nicht voll auf die Straße gerichtet ist, weil sonst der Transporter nicht ohne Weiteres verschwinden könnte. Mit diesen beiden Ablenkungen – und das Magierhandwerk lebt fast ausschließlich von Ablenkungen – sind alle Vorbereitungen getroffen, um den Transporter verschwinden zu lassen. Es dauert ungefähr die Länge einer Zigarette und dann – 3 … 2 … 1 … puff, der Transporter ist weg.
Für die Theatralik des Tricks ist es natürlich wichtig, dass die beiden Magier das nicht sofort bemerken, sondern eine Show daraus machen. Nachdem die Raucherpause beendet ist, vereinbaren sie, wann sie ihre nächste Raucherpause machen wollen. Dann steigt der erste wieder in sein Fahrzeug und der zweite geht nach hinten, um in seinen Transporter zu steigen. Hier ist nun ein wenig schauspielerisches Talent gefragt. Er muss an dem ersten Fahrzeug entlanggehen und dann wie angewurzelt mit großen Augen stehen bleiben. Er muss einen Gesichtsausdruck machen, als hätte sich gerade ein kompletter Transporter vor seinen Augen in Luft aufgelöst. Das sollte ihm nicht so schwerfallen, denn genau das ist passiert. Dann blickt er die Straße zurück und die Straße nach vorne in der Hoffnung, irgendwo sein Fahrzeug zu finden. Dann schaut er auf den leeren Fleck, wo eben noch ein tonnenschwerer Transporter mit Fracht gestanden hat, und man muss das Gefühl haben, richtig sehen zu können, wie es in ihm arbeitet und wie sich ein riesengroßes Fragezeichen über seinem Kopf bildet. So muss er stehen bleiben, bis er hört, wie der Motor des anderen Transporters anspringt. Dann muss er aus seiner Starre erwachen und in Sekundenschnelle zur Fahrerkabine des Transporters laufen, um den anderen Magier davon abzuhalten, weiterzufahren. Dann ist es im Sinne der Show eine gute Idee, wenn die beiden folgendes Gespräch führen:
Fahrer 1: „Was ist denn los? Warum regst du dich so auf?“
Fahrer 2: „Mein Transporter ist verschwunden.“
Fahrer 1: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“
Fahrer 2: „Nein, ich habe die gesamte Straße entlang geschaut. Er ist nirgendwo zu sehen.“
Fahrer 1: „Aber ein Transporter kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen.“
Fahrer 2: „Das dachte ich auch. Aber vielleicht gelten in Finnland andere Regeln.“
Fahrer 1: „Ich hoffe, das war ein Scherz.“
Dann steigt auch er aus seinem Transporter aus und sichert ihn, damit er nicht auch plötzlich verschwindet. Dann gehen die beiden wieder nach hinten.
Fahrer 1: „Tatsächlich, kein Transporter.“
Fahrer 2: „Dachtest du, ich will dich auf die Schippe nehmen?“
Fahrer 1: „Ehrlich gesagt: ja. Wer hat denn schon mal etwas von einem Transporter gehört, der sich in Luft auflöst?“
Fahrer 2: „Und was machen wir jetzt?“
Ohne zu antworten, geht sein Kollege etwas auf und ab. Hierbei wirft er einen Blick die Böschung hinunter. Dann ruft er plötzlich:
Fahrer 1: „Das darf ja wohl nicht wahr sein.“
Fahrer 2: „Was ist? Hast du was gefunden?“
Fahrer 1: „Allerdings. Schau mal hier die Böschung runter.“
Sein Kollege läuft auf ihn zu, blickt hinunter und tatsächlich: Er blickt direkt auf das Dach seines Transporters. Die achsseitige Schräge und der starke Wind wurden genutzt, um den weißen Transporter die Böschung hinunterrutschen zu lassen, und zwar so, dass man ihn nicht auf den ersten Blick sieht. Hier macht es sich jetzt bezahlt, dass das Fahrzeug nicht in die Höhe beladen, sondern das gesamte Gewicht der Fracht auf den Achsen verteilt wurde. Nur so ist es möglich, dass der Transporter nicht umkippt.
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Warum wird man eigentlich Kraftfahrer? Die einen sagen, wegen der Romantik der Straße, andere wollen etwas von der Welt sehen und wieder andere träumen davon, in jeder Stadt eine andere heimliche Freundin zu haben. Ich muss immer etwas schmunzeln, wenn ich junge Kollegen so sprechen höre, denn solche Gründe reichen vielleicht aus, um den Job zu ergreifen, wenn du ihn aber über Jahrzehnte ausüben willst, muss deine Leidenschaft von ganz woanders herkommen. Denn die Romantik der Straße geht mit einem teils knochenharten Job einher, von der Welt siehst du nur dann etwas, wenn du nicht gerade im Stau stehst und wenn du einmal eine Freundin in einer Stadt mit dem Namen einer anderen aus einer anderen Stadt angesprochen hast, dann wünschst du dir nichts sehnlicher, als dass die erlaubte Höchstgeschwindigkeit deines Fahrzeugs nicht auf 100 Kilometer pro Stunde beschränkt wäre.
Nein, um ein Herr der Landstraße zu werden und zu bleiben, musst du mit Fernweh geboren sein. Du musst es lieben, unterwegs zu sein, das Brummen des Motors zu hören, die Straße zu erkunden, die sich vor dir bis in die Unendlichkeit auszudehnen scheint, und interessanten Menschen in ganz Deutschland und Europa zu begegnen. Ich bin mit diesem Fernweh auf die Welt gekommen. Ein Bürojob kam für mich niemals in Frage. Immer dieselben Gesichter im Büro sehen, immer denselben Blick aus dem Bürofenster, immer dieselben Gerichte in der Kantine … Ein solches Leben habe ich mir für mich niemals vorstellen können. Ich wollte hinaus, etwas erleben und abends den Kopf schütteln über die kuriosen Geschichten, die ich da im Laufe des Tages wieder erlebt hatte.
Zunächst suchte ich mein Glück auf dem Fahrersitz eines Taxis. Unterwegs sein, Menschen kennenlernen, aufregende Geschichten erleben … Das konnte ich da alles haben. Aber irgendwie fehlte mir etwas. Meine Welt spielte sich fast ausschließlich zwischen der Hauptstraße und dem Flughafen ab und wenn man nicht gerade Partygänger nach Hause fuhr oder ein nettes Gespräch mit einem Touristen führte, wartete man meist an einem Taxistand. Ich spürte, dass der Beruf grundsätzlich in die richtige Richtung ging, aber noch fehlte etwas. Meine Arbeit war wie ein Gericht, dem die geheime Zutat fehlte. Es war ganz lecker und reichte zum Sattwerden, war aber nicht das, was ich unter einer großartigen Köstlichkeit verstehen würde.
Und dann kam der Boom der Kraftfahrtbranche. Ich erfuhr, dass man als Kraftfahrer so richtig etwas von der Welt zu sehen bekam, hierbei mit interessanten Menschen und teilweise anderen Sprachen (bei Lieferungen ins europäische Ausland) zu tun hatte und gleichzeitig noch dafür sorgen konnte, dass die Haferflocken in den Supermarkt und die Rohstoffe zu den Unternehmen kamen. Außerdem ging und geht es in der Kraftfahrtbranche um eine Menge Geld und von diesem Kuchen wollte ich gerne ein paar Krümel abhaben. Mein Entschluss stand also relativ bald fest: Ich tauschte den gemütlichen Taxisitz gegen einen hohen Sitz in einem LKW ein, von dem aus ich endlich einen Überblick über die große weite Welt haben würde. Und so wurde ich Kraftfahrer.
Diese Entscheidung war goldrichtig. Denn die Kraftfahrtbranche ist erstaunlicherweise ein Wachstumsmarkt. Noch 2005 habe ich in einem Bericht mitbekommen, dass in Zukunft mehr Fracht auf die Straße gebracht werden soll. Richtig, auf die Straße! Nicht etwa auf die Schiene. Und das trotz Diskussionen um Umweltschutz und eine Entlastung der Autobahnen und Landstraßen. Wie kann das sein? Nun, die Deutsche Bahn ist für ein Comedy-Programm Gold oder für alle, die schon einmal die schönsten Bahnhofsbäckereien Deutschlands sehen wollten. Für die Frachtzustellung ist sie aber einfach zu unzuverlässig. Und die Fracht einfach mit dem Flugzeug zu verschicken, ist auch nicht für alle eine Option. Zum einen bekommt Mutter Natur auch hiervon Raucherhusten und zum anderen kann sich nicht jedes Unternehmen die teuren Transportkosten leisten (innerdeutsch schon einmal gar nicht), es sei denn, es heißt DHL und liefert Briefe und Pakete per Luftfracht aus.
Bis ich allerdings all das wusste und als Herr der Landstraße etwas vom großen Transportkuchen abhaben konnte, war es noch ein weiter Weg. Denn es war doch recht ernüchternd, gut gelaunt, voller Ideen und mit einem gut ausgearbeiteten Businessplan bei den Banken vorstellig zu werden und nicht einen müden Euro für die Finanzierung des eigenen Geschäfts zu erhalten. „Zu jung.“ „Zu unerfahren.“ „Zu große Konkurrenz.“ „Wir machen gerade Mittagspause.“ „Was wollen Sie hier? Wir sind eine Bahnhofsbäckerei!“ Was ich mir nicht alles an Ausreden anhören musste.
Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich beschloss, voll ins Risiko zu gehen. Ich hatte im Laufe der Jahre ein paar Euros auf die hohe Kante gelegt und jetzt stieg ich auf die Leiter und holte sie herunter. Außerdem hatte ich als angestellter Kraftfahrer schon einige Erfahrungen sammeln können und wusste, wie der Hase läuft. Zumindest dachte ich das. Denn die Haken, die der Hase während meiner Zeit mit meinem eigenen Transportunternehmen geschlagen hat, hätte ich mir zu Beginn meines Berufsweges nicht einmal vorstellen können.
Eine der ersten Entscheidungen, die ich mit meinem neuen Transportunternehmen zu treffen hatte, war die Auswahl eines passenden LKWs. Über so etwas machst du dir ja nie Gedanken. Als Taxifahrer brauchst du keinen LKW und als angestellter Kraftfahrer stellt dir dein Chef ja das passende Fahrzeug hin. Also hieß es: Produkte vergleichen. Welche Wagen haben einen möglichst niedrigen Verbrauch, ein geringes Eigengewicht und ausreichend Ladeplatz? Welche Inspektionsintervalle fallen bei welchem Modell an? Möchte ich wirklich einen Haufen Geld dafür ausgeben, damit mir während meiner Fahrten ein Stern über der Motorhaube den Weg weist, oder tut es nicht auch eine andere Marke, die mir einen ordentlichen Rabatt gibt, weil ihr Marketingkonzept darin besteht, möglichst viele ihrer Fahrzeuge auf die Straße zu bekommen? All diese Fragen waren zu klären und sie mussten gut geklärt werden. Denn wenn du dich einmal für die Investition in einen LKW entschieden hast, dann solltest du lange Jahre zuverlässig damit arbeiten können.
Letztlich habe ich mich gegen den Stern entschieden und meine Reise über die Landstraßen und Autobahnen Deutschlands begonnen. Dieses Buch schildert die aufregendsten, lustigsten, verrücktesten, unglaublichsten und schönsten Erlebnisse aus dieser Zeit. In einigen Fällen werdet ihr den Kopf schütteln und euch sagen: „Das denkt der sich doch aus!“ Ich kann euch aber versichern, dass alle Geschichten in diesem Buch genau so passiert sind, wie ich sie erzähle. Als Kraftfahrer machst du einiges mit und ich möchte euch dazu einladen, euch neben mich in die Fahrerkabine meines LKWs zu setzen und euch mit mir auf den Weg zu machen. Entdecken wir gemeinsam die spannende Welt der Kraftfahrtbranche! Also lehnt euch zurück, genießt die Aussicht und habt viel Vergnügen bei der Lektüre.
Faschingstour – nicht überall wird nicht gearbeitet
Fasching in Deutschland. Alle Unternehmen schließen, damit die Mitarbeiter ausgelassen feiern können. Alle Unternehmen? Nein. Eine kleine Enklave zugeschnürter Norddeutscher setzt sich der Karnevalisierung der Bundesrepublik tapfer entgegen. Und das kann zu ganz schönen Komplikationen führen, wenn zwei so unterschiedliche Kulturen wie Berlin und das Ruhrgebiet aufeinanderprallen. Und von einer solchen Komplikation handelt diese Geschichte.
Wir hatten den Auftrag, Ware von einem großen Technologiekonzern mit mehreren Niederlassungen in Berlin ins Ruhrgebiet zu bringen. Ich wusste sofort, welchen Fahrer ich mit diesem Auftrag betrauen würde. Harald kam nämlich aus dem Ruhrgebiet, genauer: aus der Gegend um Wesel. Und er freute sich schon wahnsinnig darauf, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und mit seinen Freunden und Familienmitgliedern eine gute Zeit zu verbringen. Doch bevor es so weit war, galt es noch, diese recht große Lieferung zu einer Firma ins Ruhrgebiet zu bringen. Er schwang sich also hinter das Lenkrad und machte sich auf in Richtung A2.
Irgendwie merkte Harald schon während der Fahrt, dass irgendetwas anders war als sonst. Eine Fahrt auf der A2 ohne nennenswerte Staus und Störungen ist schon eine Seltenheit. Offenbar waren schon jetzt viele Menschen, die normalerweise mit dem Auto unterwegs wären, bei diversen Faschingsfeiern und ließen es sich gut gehen. Das hieß: freie Fahrt für unseren Laster, der auch in einer erstaunlich kurzen Zeit im Ruhrgebiet ankam. Dort hatte Harald nun den Auftrag, die Fracht am nächsten Morgen abzuliefern. Danach würde er sich direkt auf den Weg in seine Heimat machen.
Als er aber am nächsten Tag pünktlich vor dem Werkstor des Empfängerunternehmens ankam, traute er seinen Augen nicht. Schnell holte er seinen Kalender heraus und checkte das Datum. Nein, es war kein Sonnabend und auch kein Sonntag. Es war ein ganz normaler Wochentag und er war genau zur verabredeten Zeit angekommen. Die Sonne schien, es warteten keine anderen LKW und es war angenehm ruhig. Ruhig? Ja, ruhig. Zu ruhig. Gespenstisch ruhig geradezu. So ruhig sollte es an einem Werktag morgens im Ruhrgebiet nicht sein. Irgendetwas stimmte hier nicht. Harald entschied sich deshalb dazu, bei mir anzurufen.
„Hey, Uwe. Sag mal, müsste ich heute frei haben?“
„Was? Wie kommst du denn auf den Trichter?“
„Ich meine ja nur. So gleiches Recht für alle.“
„Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“
„Ich bin hier gerade bei der Firma angekommen und wollte auf das Gelände fahren, um die Fracht abzuladen, da hängt auf einmal ganz breit ein Spannband vor der Werkseinfahrt.“
„Ein Spannband?“
„Jawohl. Und drauf steht ganz groß: WIR MACHEN FASCHING.“
„Was machen die?“
„Fasching. Karneval. Fastnacht. Großes Besäufnis. Du weißt schon. Jedenfalls machen die frei. Wo soll ich denn jetzt mit der Ware hin?“
Das war eine sehr gute Frage. Denn es war ja nicht davon auszugehen, dass der Fasching in ein paar Stunden erledigt sein würde. Und Warten ist von Hause aus langweilig, aber erst recht, wenn du stattdessen im schönen Wesel bei einem Stück Kuchen mit deiner Familie quatschen oder bei einem Bierchen mit deinen Freunden über die gute alte Zeit philosophieren könntest. Ich versprach Harald daher, mich schnellstmöglich darum zu kümmern, legte auf und rief direkt beim Auftraggeber an. Ich informierte ihn, dass wir unseren Teil der Abmachung eingehalten haben, jetzt aber vor einem verschlossenen Werkstor standen, weil ja Fasching war.
Zunächst sah der Auftraggeber das nicht so krumm. Wir sollten doch ein bisschen nachsichtig sein, den Leuten ihr Vergnügen gönnen und die Ware einfach später ausliefern. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber ich blieb ruhig und sagte wieder einmal die vier Zauberworte, die nahezu immer zum gewünschten Erfolg führen: „Das wird nicht billig.“ Und dann begann ich aufzuzählen: Standzeiten, Ausfallgeld für verpasste Anschlussfrachten und so weiter. Nicht einmal eine halbe Stunde später meldete sich der Auftraggeber bei mir und teilte mir mit, dass ein nicht alkoholisierter Mitarbeiter der Empfängerfirma (wo auch immer sie so einen noch aufgetrieben hatten) auf dem Weg sei, um Harald die Werkseinfahrt zu öffnen.
Harald stand also mit dem LKW vor dem Tor und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Ehrlich gesagt war er nach allem, was er an diesem Tag über den Fasching im Ruhrgebiet erfahren hatte, sogar darauf vorbereitet, dass ihm gleich ein Mann im Clownskostüm mit roter Nase, blauer Perücke und viel zu großen Schuhen das Tor öffnen würde. Er war beinahe schon ein wenig enttäuscht, als es letztlich ein ganz normaler Mitarbeiter mit Schlüsselbund war, der ihm öffnete. Dieser begann sogleich damit, die Fracht auszuladen, und man merkte, dass er hoch motiviert war, den Job schnell hinter sich zu bringen. Offenbar wartete eine riesige Party auf ihn und wahrscheinlich wollte er sich um nichts in der Welt den Faschingsumzug entgehen lassen.
Nach etwa 2 ½ Stunden war alles erledigt und das Tor konnte geräuschvoll hinter Harald geschlossen werden. Dieser machte sich nun auf den Weg nach Wesel, um in Kontakt mit seinen Wurzeln zu treten. Und so endete für unser Transportunternehmen der Fasching, der die ganze Produktion lahmlegte.
Die Finnlandtour
Als der große Magier David Copperfield damals einen kompletten Waggon des Orient-Expresses verschwinden ließ, war ich schwer beeindruckt. Ich wollte unbedingt wissen, wie dieser Trick funktioniert. Leider gibt es das ungeschriebene Gesetz unter Magiern, dass man seine Tricks niemals verrät. Es dauerte daher noch viele Jahre, bis ich mein eigenes Transportunternehmen hatte, bevor ich erfuhr, wie man zumindest einen kompletten Transporter verschwinden lassen kann. Da ich nun kein Magier, sondern Transportunternehmer bin, kann ich hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung liefern, wie man einen beladenen Transporter in Luft auflösen kann. So wissen zukünftige Zauberer, wie sie diesen Trick bewerkstelligen, und zukünftige Transportunternehmer wissen, wie sie das auf gar keinen Fall tun sollten.
Schritt 1: Man organisiere einen Auftrag, bei dem Fracht bis kurz vor den Polarkreis gebracht werden muss. Das ist wichtig, weil das Setting bei einem solchen Zaubertrick eine große Rolle spielt. In Finnland gibt es gut ausgebaute Straßen, eine fantastische Aussicht und der Wind weht konstant und kräftig. All dies sind hervorragende Voraussetzungen, um das Publikum vom Wesentlichen abzulenken und sicherzustellen, dass man den Transporter unbemerkt verschwinden lassen kann. Außerdem findet man so ganz leicht zwei Fahrer – ich werde sie von jetzt an „Magier“ nennen – für die Tour – die von jetzt an „Trick“ heißen wird –, weil man nicht alle Tage bis kurz vor den Polarkreis kommt.
Schritt 2: Man nehme zwei Magier, die sich hervorragend verstehen, gerne miteinander herumblödeln und Raucher sind. Mit dieser Maßnahme ist sichergestellt, dass während des Tricks nicht nur die vorgeschriebenen Pausen verpflichtend eingehalten werden, sondern dass auch die eine oder andere Raucherpause eingebaut wird. Hier müssen die beiden Magier ein so lebendiges Gespräch führen, dass das Publikum gar nicht merkt, wie vor seinen Augen ein kompletter Transporter verschwindet.
Schritt 3: Man belade die Transporter nicht in die Höhe, sondern lege das gesamte Gewicht der Fracht auf die Achsen. Das ist wichtig, um weder die Magier noch die Fracht während des Tricks zu gefährden. Außerdem ist es hierdurch erforderlich, mit zwei Transportern unterwegs zu sein. Das ist ebenfalls elementar wichtig, da nur so immer wieder Raucherpausen eingelegt werden.
Schritt 4: Man wähle die kürzeste Strecke von Deutschland nach Finnland. Das ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, weil weniger Diesel verbraucht wird und weniger Fahrstunden anfallen, sondern ist auch für das Kunststück unglaublich wichtig. Auf dem kürzesten Weg nach Finnland kommt man nämlich durch Polen durch. Hier sind die Straßen überhaupt nicht mit denen in Deutschland zu vergleichen. Die Infrastruktur ist weniger gut ausgebaut und es gibt jede Menge Schlaglöcher, die die beiden Magier schmerzhaft an ihren Gesäßmuskeln spüren. Das ist eine wichtige Voraussetzung, weil so der Wunsch entsteht, immer wieder Raucherpausen einzulegen. Während des gesamten Tricks halten die beiden Magier immer wieder an, plaudern, blödeln herum und genießen ihre Zigaretten.
Schritt 5: Man wähle für die Überfahrt von Tallinn nach Helsinki den Finnischen Meerbusen aus. Dieser Teil der Ostsee ist bezaubernd und sorgt dafür, dass die beiden Magier ein Auge für die Natur und die Schönheit bekommen. Außerdem entsteht auf diese Weise bereits Vorfreude auf das Highlight ihres Tricks: Die Aftershowparty. All diese Ablenkungen haben vor allem das Ziel, die Aufmerksamkeit der beiden während des gesamten Tricks immer wieder von ihrem Transporter abzulenken.
Nun sind alle Vorbereitungen für diesen großartigen Trick getroffen. Jetzt muss nur noch das passende Timing gewählt werden, um den Transporter verschwinden zu lassen. Hierfür fahren die beiden Magier die gut ausgebauten Straßen in Finnland entlang. Sie sind von der atemberaubenden Schönheit der Natur ringsum begeistert. Links und rechts des Weges führt eine Böschung in ein Waldgebiet voller beeindruckender Bäume und Pflanzen hinein, in dem auch so manche Tiere zu sehen sind. Auf der Straße sind immer wieder auch andere Fahrzeuge unterwegs, sowohl PKW als auch LKW. Einige davon sind ebenfalls auf dem Weg ins Landesinnere und haben mit den teilweise heftigen Windböen zu kämpfen. Andere fahren in die entgegengesetzte Richtung, weil sie beispielsweise mit der Fähre nach Tallinn übersetzen oder sogar Fracht bis nach Deutschland transportieren wollen. Dies werden die beiden Magier am Ende des Tricks ebenfalls tun, weil Leerfahrten im Transportwesen unbedingt zu vermeiden sind.
Sobald die beiden Magier eine geeignete Stelle für das Verschwinden des Transporters gefunden haben, stellen sie ihre Fahrzeuge ab. Der erste Magier parkt seinen Transporter am rechten Straßenrand, der zweite stellt sein Fahrzeug etwa einen Meter dahinter ab. Dann steigen beide aus und stellen sich vor die Motorhaube des ersten Transporters. Hier sind sie windgeschützt, was für die Gesundheit der Magier wichtig ist, da es in Finnland wirklich ausgesprochen kalt ist und die Winde kräftig sind. Außerdem haben sie nur so die Möglichkeit, sich ihre Zigaretten überhaupt anzuzünden, ohne dass ihnen der Wind ständig die Feuerzeugflamme auspustet. Jetzt kann das Zauberkunststück auf unterschiedliche Weisen eingeleitet werden. Beispielsweise ist es möglich, dass die beiden Magier herumblödeln, wie sie es die gesamte Fahrt über gemacht haben. Sie nutzen die Pause, um sich über Gott und die Welt zu unterhalten, und vergessen hierbei alles um sich herum. Ebenso ist es möglich, dass die beiden ihren Blick über die wundervolle Natur des schneebedeckten Finnlands schweifen lassen. Auch hierdurch ist gewährleistet, dass ihre Konzentration nicht voll auf die Straße gerichtet ist, weil sonst der Transporter nicht ohne Weiteres verschwinden könnte. Mit diesen beiden Ablenkungen – und das Magierhandwerk lebt fast ausschließlich von Ablenkungen – sind alle Vorbereitungen getroffen, um den Transporter verschwinden zu lassen. Es dauert ungefähr die Länge einer Zigarette und dann – 3 … 2 … 1 … puff, der Transporter ist weg.
Für die Theatralik des Tricks ist es natürlich wichtig, dass die beiden Magier das nicht sofort bemerken, sondern eine Show daraus machen. Nachdem die Raucherpause beendet ist, vereinbaren sie, wann sie ihre nächste Raucherpause machen wollen. Dann steigt der erste wieder in sein Fahrzeug und der zweite geht nach hinten, um in seinen Transporter zu steigen. Hier ist nun ein wenig schauspielerisches Talent gefragt. Er muss an dem ersten Fahrzeug entlanggehen und dann wie angewurzelt mit großen Augen stehen bleiben. Er muss einen Gesichtsausdruck machen, als hätte sich gerade ein kompletter Transporter vor seinen Augen in Luft aufgelöst. Das sollte ihm nicht so schwerfallen, denn genau das ist passiert. Dann blickt er die Straße zurück und die Straße nach vorne in der Hoffnung, irgendwo sein Fahrzeug zu finden. Dann schaut er auf den leeren Fleck, wo eben noch ein tonnenschwerer Transporter mit Fracht gestanden hat, und man muss das Gefühl haben, richtig sehen zu können, wie es in ihm arbeitet und wie sich ein riesengroßes Fragezeichen über seinem Kopf bildet. So muss er stehen bleiben, bis er hört, wie der Motor des anderen Transporters anspringt. Dann muss er aus seiner Starre erwachen und in Sekundenschnelle zur Fahrerkabine des Transporters laufen, um den anderen Magier davon abzuhalten, weiterzufahren. Dann ist es im Sinne der Show eine gute Idee, wenn die beiden folgendes Gespräch führen:
Fahrer 1: „Was ist denn los? Warum regst du dich so auf?“
Fahrer 2: „Mein Transporter ist verschwunden.“
Fahrer 1: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“
Fahrer 2: „Nein, ich habe die gesamte Straße entlang geschaut. Er ist nirgendwo zu sehen.“
Fahrer 1: „Aber ein Transporter kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen.“
Fahrer 2: „Das dachte ich auch. Aber vielleicht gelten in Finnland andere Regeln.“
Fahrer 1: „Ich hoffe, das war ein Scherz.“
Dann steigt auch er aus seinem Transporter aus und sichert ihn, damit er nicht auch plötzlich verschwindet. Dann gehen die beiden wieder nach hinten.
Fahrer 1: „Tatsächlich, kein Transporter.“
Fahrer 2: „Dachtest du, ich will dich auf die Schippe nehmen?“
Fahrer 1: „Ehrlich gesagt: ja. Wer hat denn schon mal etwas von einem Transporter gehört, der sich in Luft auflöst?“
Fahrer 2: „Und was machen wir jetzt?“
Ohne zu antworten, geht sein Kollege etwas auf und ab. Hierbei wirft er einen Blick die Böschung hinunter. Dann ruft er plötzlich:
Fahrer 1: „Das darf ja wohl nicht wahr sein.“
Fahrer 2: „Was ist? Hast du was gefunden?“
Fahrer 1: „Allerdings. Schau mal hier die Böschung runter.“
Sein Kollege läuft auf ihn zu, blickt hinunter und tatsächlich: Er blickt direkt auf das Dach seines Transporters. Die achsseitige Schräge und der starke Wind wurden genutzt, um den weißen Transporter die Böschung hinunterrutschen zu lassen, und zwar so, dass man ihn nicht auf den ersten Blick sieht. Hier macht es sich jetzt bezahlt, dass das Fahrzeug nicht in die Höhe beladen, sondern das gesamte Gewicht der Fracht auf den Achsen verteilt wurde. Nur so ist es möglich, dass der Transporter nicht umkippt.
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