Alltag & Lebensführung

Die Golfgesellschaft

Chris Reisinger

Die Golfgesellschaft

Betrachtungen des Golfalltags

Leseprobe:

VORWORT

Natürlich geht es in diesem Buch um den Golfsport, aber noch mehr um das Drumherum. Um die Einbettung des Golfspiels in die Gesellschaft, um die Selbstdarstellung der Spieler, um die Dynamik eines Clublebens und viel um die Psychologie beim Spiel, im Schwung und am Rande von Regeln und Etikette.

Und es geht hauptsächlich um uns Freizeitgolfer, jene, für die niedrige Single Handicapper schon fast Shooting Stars sind. Das Profilager, das in eigenen Wettbewerben mit speziellen Tourtickets um die Welt jettet, bleibt hier unbeleuchtet. Die glamourösen Golfstars, ihre Erfolge, Skandale, ihre Schwungstudien oder spannende Turniere möge jeder nach seinem Geschmack verfolgen. Ich möchte den Einfluss auf das golferische Alltagsgeschehen hierzulande nicht unterbewerten, halte ihn aber für überschaubar.

Historisch bedingt liegen die Epizentren des Golfsports zwar immer noch in den angloamerikanischen Ländern. Doch die Anhängerschaft reicht wie vieles mittlerweile um den ganzen Globus mit zugegeben einer breiten Palette an Beliebtheit. Interessant bleiben kulturelle Zugangsunterschiede, wie man denn so eine Nachmittagsrunde golferisch anlegt. Die sind nämlich stärker ausgeprägt, als man auf Grund der einheitlichen Regeln und Ausrüstung meinen möchte.

Der Kern meines Verständnisses einer Golfgesellschaft liegt im deutschsprachigen Raum, dort fand meine golferische Sozialisierung statt. Genau genommen ist mein Heimatclub „GOLF REGAU“, der am Nordrand des wunderschönen Salzkammergutes in Österreich gelegen ist.

Die geographische Lage macht Golf in hiesigen Breiten und Höhen zu einem Saisonsport mit einer Hauptsaison von April bis Oktober. Im Winter werden die Berge zum Skifahren benutzt.

Der Platz in Regau hat seinen Spielbetrieb erst 2006 aufgenommen und ich habe zu meiner eigenen Verblüffung versucht auf und mit ihm das Golfspiel zu erlernen. Daraus wurden viele Jahre als begeisterter Spieler mit Open End.

Um etwas aus dem alpinen Raum auszubrechen, darf ich als Halfway Pause meine golferisch kulturelle Kontrasterfahrung bei den SHANGHAI GOLFERS einbringen – ein Golfclub ohne Golfplatz, mit bunten Nationalitäten. Beruflich bedingt lebte ich über 5 Jahre in Shanghai – glücklicherweise auch mit viel Golf.

Obwohl sich mein Interesse für golferische „Administration“ sehr lange in Grenzen hielt, hat mich nach meiner Rückkehr aus China die GOLF REGAU Generalversammlung am 12. März 2020 zu ihrem Präsidenten gewählt. Am folgenden sonnigen Sonntag, den 15. März, war meine erste Amtshandlung – noch dazu während einer netten Golfrunde – das Schließen des Golfplatzes. In einer Radiomeldung wurde verkündet, dass man eben eine Ausgangssperre wegen der Covid-19 Pandemie verhängt hatte. Am 17. November 2020 mussten wir auf Grund des 2. Lockdowns die Spielsaison 2020 vorzeitig beenden. Dazwischen war trotz Pandemie ein wunderbarer Golfsommer.

Im folgenden Winter begab ich mich wie viele in der 2. Pandemischen Welle in Europa in heimische Klausur und reflektierte über das Leben – das golferische und insbesondere seine illustren Facetten.

Das Buch beabsichtigt nicht mit Tipps oder Theorien aus den Lesern einen besseren Golfer zu machen, sondern betrachtet mit Augenzwinkern einige Phänomene des Spielers, des Flights (als nächst größere soziale Einheit), des Clubs und so weiter. Freizeitgolfer stellen weniger als 2 % der deutschsprachigen Bevölkerung und somit eine klare Minderheit dar, aber nona eine Minderheit mit Besonderheiten – und die gilt es zu beleuchten.

So wie eine Golfrunde mehrheitlich ein genussvoller Rundgang in der Natur sein soll, so soll auch das Lesen dieses Buches ein genussvoller Spaziergang sein. Natürlich auch für jene, die von „außen“ das Golfgeschehen mitverfolgen oder Partner und Freunde haben, die dem Golfsport aus ihrer Sicht und manchmal auf nicht nachvollziehbare Weise verfallen sind.

Die Intention mag sein dem Treiben auf dem Golfplatz ein paar zusätzliche Nuancen abzutrotzen und eine bessere Balance finden, zwischen Technik und Gemütlichkeit, zwischen Sehen und Gesehenwerden, zwischen Muße und Ehrgeiz, zwischen Suchen und Finden.

Vöcklabruck, im April 2021






1.
Einleitung –
Die Soziologie des Drumherums

Golf ist ein Standardsport.

Unsere Hausbibliothek wird im Sachbuchsektor – lassen wir Belletristik mal außen vor – von Kochbüchern dominiert. Die gehören allerdings meiner Frau, doch ich profitiere natürlich ungemein von der dadurch gelebten Kulinarik. Die kulinarische Einstellung der Golfer während und vor allem nach den Golfrunden ist allerdings ein eigenes Thema, das sich später einen kurzen Blick verdient. Rang 2 belegen beruflich bedingt Bücher über Management und Psychologie, aber schon auf Rang 3 liegen Bücher über Golf.

Da finden sich welche mit umfassenden Ansprüchen, wie „Das Golf Handbuch – ein vollständiger Begleiter durch die ganze Welt des Golfs“, „Richtig gutes Golf – mehr wissen besser spielen“, „Richtig Golf – länger und genauer“ etc. Dann gibt es natürlich auch Gegentheoretiker „Golfprofis schwingen nicht, sie schlagen“, Psychologen „Intelligentes Golf – Gefühl ist erlernbar“, „Steigern Sie Ihren Golf IQ – Der intelligente Weg zum besseren Spiel“, darüber hinaus Regelbücher, Praxisbücher fürs Green und rund ums Green, Bücher der Altmeister und und und.

Ihnen allen ist eines gemeinsam. Sie vermitteln einen Anspruch. Sie vertrauen darauf, dass der einzelne Leser besser werden WILL und KANN. Doch wie wir es aus fast allen anderen Lebensbereichen kennen, können wir unseren Ansprüchen nur selten gerecht werden, abgesehen davon, dass manche völlig illusorisch sind. Natürlich gibt es den Millionenshow-, den Talentwettbewerb- und den allgemeinen Ehrgeizgewinner, aber der ist in Wahrheit sehr, sehr selten.

Aus soziologischer Sicht dominiert nämlich die latente Ansteckung durch das Durchschnittsniveau, ein zugewiesener Platz in der Könnensverteilung, der sich in sozialen Gruppen sehr rasch einstellt und sich nur langsam, wenn überhaupt, verändert. Das ist in der freizeitlichen Sportwelt nicht anders als in der Gesellschafts- und Berufswelt, außer dass man in ersterer etwas leichter zwischen den Sportarten hin- und herspringen kann.

Bitte gestatten Sie mir diesen kleinen Ausflug ins Soziologische, der uns hilft zu verstehen, wie viel und wieso wir uns in Freizeitaktivitäten engagieren. Und warum wir uns darin positionieren möchten.

Den Griechen und Römern war das Wechselspiel Körper–Geist durchaus bewusst (Mens sana in corpore sano – Gesunder Geist in gesundem Körper), allerdings blieb die Motivation über Jahrhunderte auf kämpferische und militärische Zwecke begrenzt. Ich wohne zufällig in einer Friedrich-Ludwig-Jahnstraße, die es in vielen deutschsprachigen Städten gibt. Der Namensgeber gilt hierzulande als Vater des Turnens, der im 19. Jahrhundert als Erster versuchte körperliche Ertüchtigung in die Erziehung zu integrieren. Aber selbst er hatte noch primär preussische Interessen im Kopf, die er mit stählerner Muskelkraft zu verteidigen suchte – mit den Franzosen als Feindbild im Blick. Sportvereine im heutigen Sinn wurden erst Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts in relevanter Zahl gegründet. Allerdings fanden nur sehr wenige Zugang zu so einem luxuriösen Vergnügen. Der Durchbruch kam erst in der Nachkriegszeit, als uns die gesellschaftliche Moderne ereilte.

Oder um es frei nach dem Soziologen Andreas Reckwitz auszudrücken:

In der Mitte des letzten Jahrhunderts erreichte uns die gesellschaftliche Moderne. Ihr Grundzug ist eine expansive Systematisierung der Welt in Form von Standardisierung, Formalisierung und Generalisierung.

Es wurden global sichtbare Lebensstandards geschaffen, die wirklich viele Bereiche des Lebens abdecken. Wohnstandards, Mobilitäts- und Autostandards, Arbeitsstandards und auch Freizeit- und Sportstandards. Firmen setzten auf Standards für viele Produkte oder Konzepte, nur unter einem Megastandardisierungstrend konnten Restaurants wie McDonalds oder Starbucks globale Siegeszüge feiern und Akzeptanz (!) erreichen. Allen voran zog der „American Way of Life“ als Trend um den Globus. Erstmals wurden in großem Umfang auch Freizeiteinrichtungen wie Tennisplätze, Fußballplätze, Skiregionen etc. nach einheitlichen globalen (sich manchmal modernisierenden) Standards errichtet. Ein Lebensglück suggerierendes Werbesujet war dann etwa: Ehepaar, 2 Kinder, Haus mit Garage und Auto, Tennisschläger (Golfschläger für die oberen Schichten). Eine Portion standardisierte Freizeit gehörte zum Standard – ge- und erlebt mit standardisierten Marken, versteht sich.

Golfplätze selber folgten auch einer peniblen Standardisierung. Man spielt 18 Löcher, 9 wenn es ein billiger Kompromiss sein muss. Aber auch in Großressorts muss die Lochanzahl immer durch 9 teilbar sein, es gibt nur Par 3, Par 4 und Par 5. Maximal sind 4 Spieler pro Spielgruppe (Flight) unterwegs. Loch und Ball sind überall auf der Welt gleich groß, die Anzahl der Schläger ist begrenzt, deren Form und Gewicht normiert. Das erst jetzt eingeführte World Handicap System ist da ein vergleichsweise später Ausläufer.

Die heutigen Träger und Kinder dieser gesellschaftlichen Moderne sind vielfach Baby Boomer (inklusive meiner Wenigkeit) und die haben gerade noch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fäden in der Hand (Kultur ist hier umfassend auch die Freizeitkultur inkludierend gemeint).

Jeder Kulturstandard ist bemüht einen bestimmten gesellschaftlichen Sektor zu erreichen. Staatsoper und Golfsport zielten eher auf gehobene Schichten ab und verschiedene Barrieren sollten für die einen anziehend, für die anderen ausgrenzend wirken. Diese Hürden waren finanzieller Natur, flankiert von gesellschaftlicher Stellung der zu werbenden Mitglieder – häufig gepaart mit zum Teil obskuren Kleidervorschriften.

Der Übergang in die Postmoderne hat schleichend, aber spätestens seit der Jahrtausendwende sehr spürbar eingesetzt. Die Kultur des ALLGEMEINEN (Standard) wurde eine Kultur des BESONDEREN. Die Generationen XYZ und wie sie alle genannt werden sind heillose Individualisten. Zentral ist ihnen das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit außerhalb der bisherigen Normen. Street Art jeder Art erreicht mehr Internetklicks als opulent inszenierte Staatsopernaufführungen hinter denen ein dickes Kulturbudget steht. Aber es ist nicht allein der subjektive Wunsch, es ist geradezu ein Druck von Peer und Social Media Groups entstanden.

Finde dich selbst! Du bist was Besonderes!

Standardsportarten, wie eben auch Golf, verloren durch diesen Wandel der gesellschaftlichen Einstellungen an Attraktivität. Free Style in was auch immer ist angesagt. Red Bull verleiht die dazu notwendigen Flügel. Viele traditionelle Sportarten und Vereine geraten in eine Überalterungsfalle. Meine mittlerweile erwachsenen Söhne betreiben Bouldern (so eine Art Indoor Free Climbing). Das skizzierte Werbesujet des Durchschnittsangestellten mit Durchschnittsfamilie in der Vorstadt ist zu einer Negativfolie verkommen. Auch der Dresscode ist aus jugendlicher Sicht entsetzlich. Meine Söhne mussten 2 Jahre Golf spielen – das wars.

In diese Entwicklung der Postmoderne hinein haben die Altvorderen den Ausbau von Golfanlagen vorangetrieben. Die Initiatoren und Investoren meines Alters waren topmotiviert einen Klassiker aus der angloamerikanischen Welt bei uns in die standardisierte Freizeitaktivität zu führen. Ein gesunder Breitensport in der Natur sollte es werden, touristische Belebung durch spendable Gäste – nicht ahnend, welche Knicker golfspielende Pensionisten sein können. Alle 3 Golfplätze rund um den Attersee – es ist der größte Binnensee Österreichs – sind nach 2000 entstanden. Dass Golf sowas wie Anti-Free-Style ist – ein Sport, der sich neben Regeln sogar Etikette ins Stammbuch schreibt oder bis vor kurzem ins Stammbuch geschrieben hat – dämpft jugendliche Interessen gewaltig.

Oft beflügelt Angebot die Nachfrage, doch das vermehrte Angebot an Golfplätzen konnte den Gesamttrend nicht umkehren und so setzte ein für Golfclubs bedrohlicher Wettbewerb schon mit ihrer Eröffnung ein. Die vormals hohen Einschreibgebühren waren nicht mehr zu halten, sogenannte „Billigclubs“ leiteten einen Preiskampf ein, der die finanzielle Hürde für fast jedermann/-frau einzureißen schien. Dennoch ging die Zahl der aktiven Spieler in Österreich im letzten Jahrzehnt (bis zum Coronajahr 2020) zurück. Die Generation Free Style hat andere Pläne. Die Likes, die ein Jugendlicher mit einem Selfie von sich auf dem Grün erzielen kann, sind überschaubar.

Ein paralleler soziologischer Blickwinkel stellt sich erfreulicherweise günstiger für den Golfsport dar. Das ist nämlich jener der gesellschaftlichen Erwartungshaltung. So wie wir uns im Übergang von der Moderne zur Postmoderne befinden, so beobachten wir auch einen Übergang von der Disziplinar- zur Leistungsgesellschaft. Die Disziplinargesellschaft erwartet von ihren Bewohnern, dass sie eine ihnen zugedachte – manchmal von den Eltern ausgedachte – Rolle annehmen, unauffällig und brav einen Beitrag zum großen Ganzen leisten. Das Modalverb, das sie beherrscht, ist Nicht-Dürfen. Wir sind brave Schüler und anständige Bürger mit gebührendem Respekt für die Obrigkeit. Die Umgebung war geprägt von Verbotsschildern aller Art, „Das Betreten des Rasens ist nicht gestattet“. Der Lohn war sichtbare und erlebbare Wohlstandsverbreitung – für fast alle.

Die aufkeimende Leistungsgesellschaft entledigt sich dieser Negativität des „Nicht-Dürfens“ und das entgrenzte Können wird das positive Leitmotiv.

Ab einem bestimmten Punkt stößt die Disziplinartechnik bzw. das Negativschema des Verbots an ihre Grenzen. Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Positivschema des Könnens ersetzt. „Yes, we can“ ist der Anfang, der in dem Imperativ „Jetzt kommt es nur mehr auf deine Performance an“ gipfelt. Die Bewohner der Leistungsgesellschaft werden zu Unternehmern ihrer selbst, sie bringen und definieren ihre eigene Performance. Sie wollen dem Nimbus der Generation der Erben entkommen, sie wollen ihr „eigenes Ding“.

Dass damit neue Verwerfungen einhergehen, ist ein zweites. Der deutsch koreanische Schriftsteller Byung-Chul Han ist ein empfehlenswerter Meister für die exzellente Beschreibung dieser soziologischen Analysen.

Für Golfer ist die auf sich selbst projizierte Performance das tägliche Brot. Wir stehen auf Tee 1 und wissen „Jetzt kommt es nur mehr auf deine Performance an“. Aber wir wissen auch, dass damit eine selbstauferlegte Erwartung einhergeht und nicht wenige zittrige Knie haben. Nicht jeder Schlag beschreibt unser Potenzial. Und wir wissen auch, wie schnell wir unter diesem Druck zusammenbrechen können. Ich habe schon Golfer erlebt, die sich nach 2 Fehlschlägen auf Bahn 1 psychologisch und mental für die restliche Runde nicht mehr erholt haben. Diesem Dilemma und den damit verbundenen Phänomenen oder gar Ängsten werden wir uns in diesem Buch an verschiedenen Stellen widmen. Und etwas auch dem Clubleben danach, wo nach dem Abfallen des Drucks auf der Runde die „normalen“ Charaktereigenschaften wieder zurückkehren und wo Tratsch und Klatsch die Basiszutaten für das Zwischenmenschliche bilden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 138
ISBN: 978-3-903861-85-5
Erscheinungsdatum: 16.06.2021
EUR 21,90
EUR 13,99

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