Alltag & Lebensführung

Die Geschichte vom armen Kleinen Mann / Lilie und Rose

Andrea Kaiser

Die Geschichte vom armen Kleinen Mann / Lilie und Rose

Leseprobe:

Die Geschichte vom armen Kleinen Mann

Leitgedanken


Liebe Kleine Frau, lieber Kleiner Mann,

es gibt eine grundlegende Wirklichkeit im Leben des Menschen, die er kennt, aber nicht erfassen kann. In der christlichen Tradition wird sie Gott genannt.
Gott ist Lebenswirklichkeit. Sie ist unfassbar, aber erfahrbar, geistig-seelisch wahrnehmbar, in der Sichtbarkeit für den Menschen oft unsichtbar.

„… es ist ein Angesicht, das leuchtet, doch du siehst es nicht. Du darfst es aber sehen, wenn du willst weitergehen“ (Teil I)

Gott ist die Grundwahrheit der Schöpfung, wie auch ihr Wesenskern. Alle Geschöpfe ahnen das, für manche ist es Erfahrungs-Gewissheit.
Aus der Ahnung heraus- und in die Erfahrungsgewissheit einzutreten bedeutet für den Menschen „weitergehen in einen hohen, weiten Raum.“ (Teil I) Es bedeutet für ihn, in einen Bewusstseinszustand einzutreten, in dem nicht gewogen oder gemessen wird, in dem das wesenhafte Sein lebt, das seiner als Ichselbst gewahr wird.

„Ichselbst-Erfahrung ist ein Bewusstseinszustand Gottes, den er im Menschenleib erlebt.“ (Teil II)

Im Zustand der Ichselbsterfahrung braucht der Mensch nichts, er hat alles. Er ist ganz und geborgen.
Namenlos ist er wie im Moment der Geburt oder des Todes, wie in tiefer Meditation, im Moment bedingungsloser Freude oder unbedingten Schmerzes. Alles gilt ihm gleich. Zeit und Raum sind eins im Jetzt.


„Gott ist zu sich selbst heimgeschwommen.“ (Teil I)

Im Zustand der Ichselbsterfahrung ist Denken ein spontanes Innewerden, während das unmittelbare Wahrnehmen des Menschen seiner tiefsten Empfindung entspricht. Seine tiefste Empfindung ist Zustimmung. Sein Jawort macht Sinn.

„… so ist der Mensch oben und unten geborgen – oben in der Wahrheit der Liebe, unten in der Wirklichkeit des Herzens.“
(Teil II)

Der Mensch, der aus dem Herzen handelt, ruht in sich selbst, während seine Tat als harmonischer Lebensprozess erblüht. Er ist wie die Lilie, die aus sich selbst lebt und gleichzeitig ist er wie die Rose, die, gut verwurzelt, sich im Duft verströmt.

„Lange gehst du über den Sand unter einer heißen Sonne, durch den Schnee unter einem düsteren Himmel. Du lachst, wenn Kühle die Hitze lindert, und du weinst, wenn du frierst, ohne Wärme finden zu können.
Sand, Schnee, Hitze, Kälte, Weinen, Lachen – es sind Bilder der Kraft deiner Seele. Als tausende Bahnen von Licht verbindet sie sich mit sich selbst, wird Meer, Erde und Himmel, wird Mensch, Tier, Pflanze und Stein, wird Zeit und bleibt Ewigkeit.“ (Teil II)

Seit tausenden von Jahrtausenden ist die Welt sich offenbarende Seinswirklichkeit. Als Herzjesulein weint der Mensch vielleicht darüber, dass er nach tausenden von Erdenjahren immer noch am Kreuz der irdischen Realitäten hängt. Als Kleiner Mann sieht er sich dem Lebenskräftespiel unschuldig-schuldig ausgeliefert.
Lebenskräfte bauen durch Ausdehnen und Zusammenziehen Schicksalsknoten, und aus ihnen das Netz der Illusion von Leben und Tod, Sein und Nichtsein, und doch führen sie den Menschen früher oder später auf die Erfahrungsgewissheit des Ich-bin zurück.

„Und Gott träumt einen schönen Traum. Er träumt von seinem Apfelbaum. Er sieht den Kleinen Mann im Traum, der steht beim Baum im hellen Raum.“ (Teil II)

Das wesenhafte Sein, das heimkehrt unter den Apfelbaum, hat einen weiten Weg hinter sich. Es war Eines und wurde Vieles, es war alles und blieb nichts als Liebe.
Es war Schwingung, Strahl, Feld, Farbe und Form und blieb doch immer Liebe-volles Sein, das aus sich selbst hervorgegangen war, um Geschöpf zu werden.
Als Herzjesulein hat es so sehr geliebt, dass es sich als lachender-weinender Gott hineingab in die Realität des Menschen, seiner selbst vergessend und seine Herkunft nur noch als Ahnung in sich tragend. Seither wartet es im Menschenleib auf seine Erlösung, wartet auf jedes Du, weil es sich selbst in ihm erahnt.

„Liebst du aus dem Ichselbst, liebst du dich selbst wie den Andern. Liebst du den Andern wie dich als Ichselbst, erfährt er sich durch dich als Ichselbst – Liebe. So liebt die Liebe sich selbst in dir und im Andern.“ (Teil II)

Empfindest du, liebe Kleine Frau, lieber Kleiner Mann, die Wirklichkeit hinter meinen vielen Worte? Verstehst du, warum es sich anfühlt wie sterben, wenn du z.?B. aus einer Beziehung herausfällst oder als Randerscheinung einer Menschengemeinschaft lebst, egal, ob als gesellschaftlicher Gigant oder als Zwerg? – Das Herzjesulein kann sein Spiegelbild in der Außenwelt nicht finden. Im besten Fall ist es Todesnot pur, die der Mensch in dieser Situation erlebt, die ultimative Angst, von sich selbst, dem wesenhaften Sein, getrennt zu werden.
In diesem Moment steht der Mensch an der Schwelle zur bewussten Wahrnehmung seiner Identität. Und Besseres kann ihm nicht geschehen. Hier erkennt er zweierlei – erstens: Angst gehört in den Bereich der Illusionen der Welt, denn nichts und niemand kann jemals vom Sein abgetrennt werden, zweitens: Todesnot ist eine Bewusstseinsschwelle, über die er schon viele Male gegangen ist, um sich selbst als Da-Seiendem zu begegnen.
Verstehst du nun auch, warum psychosoziale Symptome und Krankheitsbilder entstehen? – Weil der Mensch, der sich ohne reale Wahrnehmung und Resonanz aus der Ichselbst- oder Herzebene nur mit Mühe im Leben orientieren kann, sich deshalb zunächst aufgeregt und zornig, früher oder später aber hilflos, müde, resigniert und ohnmächtig fühlt. Das sind Gefühle, die ebenfalls in den Bereich der Illusionen der Welt gehören, die als Gedankeninhalte aber sehr unangenehm werden können, wenn daraus Machtkämpfe, Streit, Trennung, Krankheiten und Kriege entstehen.

„In dir ist Gottes Garten. Koste es, was es wolle – du gehst in die Wildnis, aber sie wird dein Garten werden, wenn du sie pflegst.
Pflege deine Liebe. Pflege sie an deinen Verletzungen und Schmerzen. Wenn du sie pflegst, pflegt die Liebe dich.“
(Teil II)

Ich glaube, dass es im Leben darum geht, auf Gedeih und Verderb und von Herzen zu lieben und es der Lebenskraft zu überlassen, den Mangel, der durch die scheinbare Lieblosigkeit der Welt entsteht, auszugleichen. Auf diese Weise verwandelt sich der Mensch bis in den physischen Leib hinein. Aus der Rüstung seiner Leiblichkeit entsteht so ein Kleid für das Herzjesulein, das das Liebe-volle Lebenslicht durchdringt.

Wenn mich das Schicksal durch Bereiche des Mangels und der Lieblosigkeit führt, weiß ich aus Erfahrung, dass es sich um Nahtstellen in meinem Bewusstsein handelt, an denen es in hier-und-jetzt-Bewusstsein übergehen möchte.
So lebe ich an der Schwelle zur geistigen Welt, genau wie du, liebe Kleine Frau, lieber Kleiner Mann. Und wie dich, bringt auch mich das Schicksal immer wieder, manchmal sanft, manchmal unsanft, in den Bereich der Ichselbsterfahrung.

Ich weiß, „jedem Menschen ist es möglich, sich als Ichselbst wahrzunehmen, wenn er still wird und auf die Berührungen lauscht, die das Leben ihm schenkt, sei es als physische Berührung, als seelisches Angerührt-werden oder als jenes Berührt-werden im geistigen Bereich, das seine Gedanken aufhebt und in die Wahrnehmung hinein erwachen lässt, dass er nichts anderes ist und zu sein braucht, als Zeuge des Lebenskräftespiels, das ihn gestaltet und über viele Inkarnationen hinführt zu sich selbst – dem gegenwärtig Seienden.“ (Teil II)

Ich habe dir einen langen Brief geschrieben. Zwar sage ich darin nichts wirklich Neues, denn das innere Wissen, von dem ich schreibe, ist seit jeher Grundlage der menschlichen Kulturgeschichte. Ich sage es dir aber in neuer Weise – so genau, so schön und so fröhlich, wie ich es kann.
Herausgehört habe ich es aus einer Fülle von Worten, die viele Tage und einen großen Teil der Nächte durch mein Bewusstsein strömten. Die Wort- oder Gedankenfolge war oft so schnell, dass ich sie bewusst kaum mitdenken, geschweige denn notieren konnte. Meine Hauptaufgabe an dem Skript war es, all die Gedankenansätze zu sinnvollen, verständlichen Einheiten zusammenzufinden.
Aber jetzt ist es getan!

„Gerne hätt ich mehr getan, liebend gerne“, seufzt der Mann.
(Teil I)





Lilie und Rose

Egal wie verhüllt,Liebe ist überall


Alles-und-Nichts ist sich verwandelndes Sein.
Verwandlung geschieht,
solange das Sein Lebensimpuls wird.
Der Lebensimpuls ist
die Sehnsucht des Anfangs nach sich selbst.

Raum und Zeit sind gewordenes Sein.
Werden ist permanentes Sterben.
Sterben ist permanentes Werden.
Der Tod ist ein Bewusstseinssprung des Seins,
den es im Menschenleib erlebt.

Als Raum- und Zeitgestalt
ist der Mensch Zeuge und Zeugnis
des Wirkens des Impulses des Seins.

Liebe-voll ist die Kraft des Anfangs.
Sie ist alles und darf nichts werden.
Als Gegensatz steht sie sich selbst gegenüber.
So verwirklicht sie sich
als Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit,
als Ja und Nein.

Bejahung ist die Kraft des Zwischenraumes,
die den Gegensatz birgt, sichtbar macht und aufhebt.

Im Zwischenraum verkörpert Gott sich selbst
als wahr werdender Mensch.
Der wahr werdende Mensch
ist das wahr-nehmende Herz Gottes.

Was ist der Mensch sich selbst? – Ein Rätsel Gottes,
eine Frage des Bewusstseins.

„Wer bin ich?“, fragt der Mensch sich selbst.
„Ich bin der, der ist“, antwortet Gott selbst im Menschen.

„Ich sterbe und gehe ins Nichts“, klagt der,
der sich selbst verborgen bleibt
im Kleid des irdischen Leibes.
„Ich bin“, nimmt der wahr,
der geborgen ist im Zwischenraum der Bejahung.

Gott schlummert, während er die Menschheit träumt.
Sie schläft, während sie Gott träumt.
Schläfer und Träumer sind eins
in der Wahrheit des Herzens.

Die Welt ist der Ort des göttlichen Bewusst-seins,
an dem es sich als Liebe-volle Gegenwart verwirklicht.
Liebe-volle Gegenwart Gottes kann in der Welt
wie Liebe-leere Gegenwart des Menschen erscheinen.

Liebe sagt: „Komm und geh zu deiner Zeit,
denn deine Zeit ist meine Zeit – Ewigkeit.“

Der Mensch
sucht Liebe und er ist Liebe. – Gleiches sucht Gleiches.
Die Liebe sucht im Menschen sich selbst.

„Liebe mich“, bittet der Mensch den Menschen.
„Lass mich wahr werden“, bittet der Engel Gott.
„Löse die Schleier des Unbewusst-seins“,
bittet Gott den Engel im Menschen.

Menschen sind Engel Gottes,
die in die Sichtbarkeit entschlafen sind.

Jeder Mensch spricht von sich als einem Ich
Jedes Ich ist Spiegelung des reinen Bewusst-seins.
Als Ich-Kraft strebt der Wesenskern des Menschen
sehnsuchtsvoll zu sich selbst zurück.

Lieben bedeutet – wahr werden. Wahr werden ist heilen.
Heilen geschieht durch Durchlichten
der Schleier des Bewusstseins.

Durchlichten bedeutet – Bewusstseinsschritte,
die das Sein in die Verdichtung führen, umzukehren.
Umkehr geschieht durch Wahrnehmen der Erfahrungen,
die das Bewusstsein an sich selbst macht.

Bewusstsein erfährt sich als Bewusst-sein
im Hier-und-Jetzt.

Aufmerksamkeit trägt die geistig-seelische Identität des Menschen.
Durch sie kann er neutraler Betrachter
oder Zeuge seiner selbst
als geistig-seelische Wesenheit werden.

„Das bin Ichselbst“, staunt der Mensch,
der Hingebenwollen, Hinnehmenwollen
und Zulassenwollen losgelassen hat.

Verfestigtes bricht und Altes stirbt
an der Schwelle von Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit.
Sterben ist der Prozess des Loslassens
oder Zerbrechens von Altem.

Todesnot ist sowohl ultimativer Schmerz
als auch Illusion des Ichs.

Als Werden und Entwerden
bildet Sterben die Lebenswirklichkeit
der sichtbaren Welt.
Was für den Menschen Sterben ist,
ist für den Engel heimkehren zu sich selbst.
Der Engel, der heimkehrt,
wird seiner selbst als Liebe gewahr.

Gewahrsein ist ein neutraler Gesamtzustand.
In ihm verbindet sich
tiefe Ruhe mit höchster Wachheit.
Aus ihm entsteht die rechte Handlung im rechten Moment.

Als Kind Gottes, als Herzjesulein,
schläft der Engel in der Materie.
Als Ichselbst erwacht er im Menschenleib.

Eine Inkarnation kann für den Menschen
gleichermaßen Heilprozess, künstlerischer Akt
und Erkenntnisweg sein.

Erkenntnis
ist keine Gedankenleistung oder Fähigkeit des Intellekts,
sondern Spiegelung
der Wahrheit des Herzens.

Bewusst-sein ist der Zustand des Ichs,
das sich selbst im Raum zwischen Sichtbarkeit
und Nicht-Sichtbarkeit wahrnimmt.

Der Übergang zwischen Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit
verläuft im Menschen permanent und fließend,
solange die Organe der Ich-Kraft,
Denken, Fühlen und Wollen,
transparent bleiben.

Wenn der Engel die Schleier der Unbewusstheit
so langsam wie notwendig
und so schnell wie möglich lösen darf,
fühlt sich der Mensch wohl und ausgeglichen.
Bestehen Verhärtungen, Schicksalsknoten
im Denken, Fühlen und Wollen,
entsteht eine Lebensrealität,
die der Mensch
als Mangelzustände, als ungute Lebensumstände
oder körperliche Krankheiten erlebt
und die jene Seelennot hervorrufen,
die den Wesenskern von den Schleiern der Unbewusstheit
befreit.

Die Aufgabe des Menschen ist es,
die Entfaltungsbewegung des Engels anzuerkennen
und im Menschenleib geschehen zu lassen.

Wahrnehmend wahr werdend
an den Sinneseindrücken des Menschen
erwacht der Engel Schritt für Schritt
über viele Inkarnationen im Erdenleib.

Bewusst-werden ist ein Tastvorgang.
Neutrales Beobachten der Sinneswahrnehmungen
im und am Leib ist ein Weg,
Bewusst-werden zu üben.
Es ist ein Weg körperlicher Ichselbsterfahrung.

Ichselbsterfahrung bewirkt
das Vereinigen der Gegensatzkräfte im Menschen.
Das bedeutet Ganz-werden oder Heilen
durch Nicht-urteilen oder Lieben.

Jedes Geschöpf ist aufgespannt
zwischen den Kräften
des Ausdehnens und des Zusammenziehens.
Wo die Gegensatzkräfte einander kreuzen,
entsteht Bewusstsein.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-95840-446-5
Erscheinungsdatum: 15.12.2017
EUR 27,90

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