Der Camino hinter der Tür
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-99185-157-8
Erscheinungsdatum: 28.05.2026
Eine Kindheit voller Angst. Ein Leben auf der Flucht vor sich selbst. Doch auf dem Jakobsweg stellt sich Oliver Czwalina seiner Vergangenheit – und findet Freiheit, Vergebung und einen Neuanfang. Eine radikal ehrliche Geschichte über Mut, Heilung und Hoffnung.
Prolog
Schreiben ist wie ein Schlüssel zu den Türen meines Lebens, Türen, die ich mit jedem Wort, das ich niederschreibe, öffnen darf. Es sind keine Türen aus Holz und Eisen, sondern Zugänge zu meinem innersten Selbst und zu einem zukünftigen Ich, das nach Klarheit und Befreiung sucht. In diesem Prozess möchte ich über meinen Weg erzählen, über meinen Camino, auf dem ich die Last alter Geschichten abwerfen und die Schatten der Vergangenheit hinter mir lassen konnte. Es war notwendig, einige Türen zu schließen, um neue öffnen zu können. Auf meinem Weg sollte sich eine ganz besondere Tür öffnen, eine Tür zu einem Leben voller Zufriedenheit und Glück, einem unbeschwerten Dasein. Als ich durch diese Tür hindurchschritt, durchflutete mich das Gefühl von tausend Möglichkeiten, die das Universum mir anbot. Ein Leben in Freiheit und die Befreiung von der Verantwortung für andere und den Geistern meiner Vergangenheit. Endlich hielt ich das Ruder meines Schicksals in der Hand und begann selbstbewusst, jene Türen zu verschließen, die nicht mehr in mein Leben passten.
Als ich durch diese große Tür trat, fühlte es sich an wie eine rasante Fahrt mit 200 km/h auf der Überholspur des Lebens. Ich dachte, jetzt habe ich mein Leben gefunden, ich fühlte mich großartig und war selbst überrascht, wie gut alles lief. Bevor ich jedoch die Kontrolle über diese überwältigende Geschwindigkeit verlieren konnte, warf das Universum einen Anker und schlug die Tür mit einem ohrenbetäubenden Knall wieder ins Schloss. Plötzlich stand ich im Dunkeln, das Licht erlosch und ließ mich allein mit meinen Gedanken. Verwirrung überkam mich; was war geschehen? Ich brauchte Zeit zum Innehalten, um mich neu zu orientieren und herauszufinden, wo ich die Kontrolle verloren hatte. Hatten meine neuen Glaubenssätze versagt? Hatte ich sie falsch angewendet oder war ich einfach nur einer Illusion erlegen? Auf meinem Camino habe ich gelernt, dass sich die richtigen Türen genau dann öffnen, wenn man bereit ist, hindurchzugehen. Egal, was geschah, ich würde mich wieder aufrichten und meinen Weg suchen. Ich werde ihn finden, den richtigen Weg für mich, und auf diesem Pfad werden sich die Türen öffnen, die ich brauche; so wie jene Türen, die ich auf meinem Camino entdeckt habe. Manchmal braucht es Umwege und Schleifen im Leben, um den richtigen Umgang mit sich selbst zu erkennen. Und dann ist es kein Wunder mehr, wenn scheinbar schöne Türen sich wieder schließen. Nie wieder möchte ich meine kostbare Zeit mit negativer Energie verschwenden. Ein Leben im Zweifel ist abgelaufen; der Rest meines Lebens soll unfassbar gut werden. So beginne ich meine Reise, dankbar, offen und bereit für alles, was kommt.
„Die größten Ereignisse, das sind nicht unsre
lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“
– Friedrich Nietsche
Der heilsame Weg
Erschöpfung, Schmetterlinge im Bauch, Glücksgefühle, Nervosität, Fassungslosigkeit.
All diese Emotionen durchströmten mich in jenem Moment, als ich in Santiago de Compostela vor einem Hostel diese wahrhaft aufregende Frau in meinen Armen hielt. Eine Frau, die mein Leben für immer verändern sollte. Sie war unfassbar, faszinierend, lebendig, und ich wusste, dass, wenn ich sie jetzt nicht küsste, es möglicherweise keine zweite Chance geben würde. Ich sah ihr tief in die Augen, mein Herz raste. Es war, als ob die Welt um uns stillstand. Ich sammelte all meinen Mut und zog sie an mich. Unsere Lippen trafen sich, und in diesem Kuss fühlte es sich an, als würde ich in die Glückseligkeit aufsteigen. So muss sich Schwerelosigkeit anfühlen. Der erste Kuss, eines der schönsten Gefühle auf dieser Welt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so etwas gefühlt habe. Es war einfach zu lange her. Sie öffnete ihre Lippen und ihre Zunge tastete nach meiner, da war es um mich geschehen. Dieser Moment war der Höhepunkt meiner letzten 14 Tage und sollte mein Leben nachhaltig verändern. Den ganzen Tag hatte ich schon mit ihr verbracht. Ich war nervös, überdreht, voller Vorfreude. Am Morgen hatte sie mich mit in ein kleines Café genommen, wo wir gemeinsam frühstückten. Es war mein Geburtstag. Und sie war das größte Geschenk, das ich an diesem Tag bekommen konnte.
Im Laufe des Tages trafen wir noch andere Pilger, die mich ein Stück auf meinem Weg begleiteten und mir einen unvergesslichen Tag schenkten. Am Abend saßen wir mit einer großen Gruppe in einem kleinen Restaurant. Wir feierten nicht nur meinen Geburtstag, sondern auch uns selbst, unsere Ankunft in Santiago de Compostela, den Weg, den wir gegangen waren. Doch inmitten all der Stimmen und des Lachens hatte ich nur Augen für sie. Ich spürte, dass sie der Anfang von etwas sein könnte, das ich nicht erwartet hatte: Hoffnung. Eine neue Perspektive.
Der Wandel in mir hatte schon am ersten Tag dieser Reise begonnen. Doch dieser Moment vor dem Hostel, dieser Kuss, war etwas anderes. Überwältigend. Ich stand dort, direkt vor der Tür zu ihrer Unterkunft, und konnte kaum fassen, was geschehen war. Dieser Kuss war magisch. Eine unerwartete Wendung in meinem Leben, die mir Hoffnung und neue Perspektiven schenkte. Ich war eigentlich aufgebrochen, um mein Leben neu zu sortieren, um endlich auszubrechen, aus einem Zustand, der sich leer und festgefahren anfühlte. Eine Beziehung zu einer anderen Frau war dabei nie Teil des Plans. Meine Reise von Porto nach Santiago und wenn ich noch die Kraft und Lust habe, bis Finisterre über Muxia, sollte ein Aufbruch sein, raus aus dem alten Leben, hinein in etwas Neues. Doch das Leben hatte andere Pläne. Etwa ein Jahr vor meinem Camino war mein bisheriges Leben wie ein Kartenhaus zusammengebrochen, mitten in einem Lauftraining. Von da an wusste ich: Etwas muss sich ändern.
Ich hatte einen Backflash, der mich fast an den Abgrund getrieben hatte. Die Geister meiner Kindheit tauchten plötzlich wieder auf und ergriffen meine Gedanken, meinen Körper, meinen Alltag. Meine Ehe erdrückte mich, unseren einst gemeinsamen Weg hatten wir vor Jahren verlassen und uns verloren. Ich war nicht bei mir, kannte keine Selbstliebe, geschweige denn Selbstvertrauen. Ständige Zweifel an meinem Sein, meinen Fähigkeiten, meiner Rolle als Person in dieser Welt standen permanent im Vordergrund. Ich hatte eine Fassade aufgebaut, stark und unnahbar. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich die wahre, verletzte Person, die ich so lange nicht sehen wollte. Es war mein Gefängnis, und niemand durfte einen Blick hineinwerfen. Es war mein Gefängnis, mit Erinnerungen an meine ersten 17 Lebensjahre, die ich mit mir zusammen eingesperrt hatte und die eigentlich lebenslänglich eingesperrt bleiben sollten. Unbemerkt hatten die Erinnerungen sich einen Weg nach draußen gesucht, und in einer unscheinbaren Situation brachen sie aus. Auf dem Weg an die Oberfläche, durch meine Fassade hindurch, schlug mein Vater wieder zu, mit einer Wucht, die mich von einem Moment auf den anderen aus dem physischen und psychischen Gleichgewicht brachte. Alles war wieder da. Die Schmerzen, die Schreie, der Psychoterror, selbst die Gerüche nach seinem Aftershave. Angst und Urin waren präsent. Es war, als ob ich wieder in diesem kleinen Jungen steckte, der aus Angst vor seinem Vater in die Hose machte und dafür eine Ohrfeige bekam. Bis zu meinem Backflash war ich überzeugt, dass man mit viel Fleiß und ein wenig Glück alles erreichen kann. Ich habe eine Familie gegründet, mit der ich alt werden wollte. Die ersten 17 Jahre meines Lebens habe ich versucht zu vergessen. Sie waren zu verstörend und traumatisierend, als dass man sich damit ständig beschäftigen möchte. Meine Kindheit sollte nicht mein Familienleben beeinflussen. Hat man jedoch mit der Vergangenheit nicht abgeschlossen, kann es passieren, dass sie einem wie ein Hammerschlag ins Gesicht geschlagen wird. Wer vor seiner Vergangenheit davonläuft, verliert das Rennen.
Eine völlig belanglose Situation im Alltag hatte dazu geführt, dass das eigentlich Vergessene mit einer Wucht zuschlug, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Gedanken drehten sich im Kreis, Ängste kamen zurück, und ich spürte wieder, wie es sich anfühlt, wenn man sich als kleines Kind aus lauter Angst vor dem Vater die Hose einnässt und dafür eine Ohrfeige bekommt. Das war als Kind schon schwer zu ertragen, dieses als Erwachsener wieder zu erleben, wie in einem Film, ist der blanke Horror. Um das zu verarbeiten, versuchte ich, mir meiner Gefühle, Ängste und Erkenntnisse bewusst zu werden. Um sie richtig einordnen zu können, schrieb ich meine Gedanken auf, in der Hoffnung, dass es mir hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen. Schreiben hilft mir, das Gedankenkarussell zu verlangsamen. Meine Therapeutin hatte das vorgeschlagen. Es waren so viele Gedanken und Erinnerungen, die ich mir aufgeschrieben habe, jetzt möchte ich sie in Reih und Glied sortieren.
Ich weiß heute, dass es mich enorme Kraft gekostet hat, die Vergangenheit zu verdrängen. In Gesprächen während meiner Therapie sind Verhaltensmuster zutage gekommen, die mir aufzeigen, warum ich in bestimmten Situationen nicht krisenfest bin und warum ich in Stresssituationen meine Souveränität verliere. Um Frieden zu finden, muss ich mich mit dem, was geschehen ist, auseinandersetzen, ergründen, warum ich bin, wie ich bin. Darüber zu reden, fällt mir so schwer. Es ist einfach zu sagen, ich hatte eine schwere Kindheit, aber was damals vorgefallen ist, in Worte zu fassen, war für mich schier unmöglich. Meine Vergangenheit blockierte mich, und die Erkenntnis dieser Unfähigkeit, darüber zu berichten, brachte mich zur Verzweiflung. Wie gelähmt muss ich flüchten, wenn es zum Streit kommt, weil ich es nie gelernt habe zu streiten. Ich wurde 17 Jahre durch körperliche und psychische Gewalt unterdrückt und klein gehalten. Das prägt einen ein Leben lang, und scheinbar sind diese Muster stärker als der Verstand. Der Instinkt, mich wegzuducken, mich klein zu machen und mich unwert zu fühlen, ist ein Schatten, der sich hartnäckig an meine Seele klammert. Auch heute, mit einer neuen Ausrichtung auf das Leben, spüre ich manchmal den Drang, in alte Muster zurückzufallen. Doch jetzt halte ich Werkzeuge in meinen Händen, kraftvolle Begleiter, die mir helfen, in den schwächsten Augenblicken wieder aufzustehen und meine innere Stärke zu finden. Hier schreibe ich, um meinen Geist zu befreien; in der Hoffnung, dass diese Worte mir helfen, Frieden zu finden. Ich möchte die Last der Gedanken und die Ketten vergangener Emotionen abwerfen und endlich die Leichtigkeit des Seins spüren. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, sich zu reflektieren und die richtigen Schlüsse aus dem zu ziehen, was das Leben mir beschert, vor allem, welche Menschen meinen Weg begleiten und warum diese immer auch einen Spiegel hochhalten, in dem ich mein Handeln und mein Sein erkennen kann. Der Spiegel, den mir diese wunderschöne Frau in Santiago de Compostela vorhielt, zeigte mir Hoffnung. Dieser Kuss war wie eine Heilung meiner Seele. Die Wärme und das Glücksgefühl in meinem Inneren fühlten sich wie eine wohlige Heilung meines Körpers an. Als wir uns voneinander lösten und sie in ihr Hostel ging, war ich ein sehr glücklicher Mann. Wie schön sich doch das Gefühl der Geburt eines Schmetterlingsschwarms im Bauch anfühlt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, so ein Gefühl noch einmal erleben zu dürfen. Als ich später in meinem Bett lag und so unfassbar glücklich einschlief, schloss sich ein riesengroßes Tor, hinter dem schon ganz viele kleine Türen und Pforten sich geschlossen hatten. Am nächsten Morgen stand ich vor einer neuen Welt, vor vielen Möglichkeiten, die sich mir jetzt boten. Ich musste nur entscheiden, durch welche Tür ich gehen wollte. Für den Moment fand ich die richtige Tür. Ein neuer Anfang.
Nun soll hier kein Liebesroman entstehen, und ich möchte auch nicht die wundervollen Etappen meines Caminos ausführlich beschreiben. Das haben schon so viele vor mir getan, die es mit Witz und Wortgewandtheit viel besser können, als ich es je könnte. Ich habe einen Wandel vollzogen, der mein Leben stark verändert hat, nachhaltig und ganzheitlich. Mein Camino endete nicht in Santiago de Compostela, der Stadt mit ihrer schönen Kathedrale, dem Ziel der Pilger auf dem Jakobsweg. Es war nur eine Etappe auf meinem Weg zur Transformation. Ist man einmal den Weg des Pilgers gegangen, enden gefühlt die Pilgerreise und der Weg nie. Genau in diesem Moment, in Santiago de Compostela, wurde mir klar: Dieser Weg war nicht nur eine Reise durch die Landschaften Portugals und Spaniens. Es war eine Reise in meine Vergangenheit, zu meinen Ängsten, in meine Wunden. Es war eine Reise in mein tiefstes Innerstes. Eine Reise zu mir selbst. Und dieser Kuss, dieser eine Kuss, war der Beweis, dass Heilung möglich war. Dass es ein neues Leben für mich gab. Ein Leben, das ich mir selbst erschaffen konnte. Ich würde die Last der Vergangenheit hinter mir lassen, und ich würde meine Ketten sprengen, würde frei sein. Frei, mein eigenes Leben zu leben. Und das Abenteuer hatte gerade erst begonnen. Diesen Weg und warum ich ihn gegangen bin, möchte ich hier festhalten, um mich in schweren Zeiten an meine Geschichte zu erinnern und um mir bewusst zu werden, was mein Leben bisher so schwierig gemacht hat und warum ich dieses Leben so nicht mehr weiterführen möchte. Der Bericht soll mir Halt geben in Zeiten, in denen ich in Zweifel komme. Ich möchte andere ermutigen, aufzustehen und ihr Leben zu leben. Ein Leben, das so kostbar und kurz ist. Ein Leben, das es so nur einmal gibt, wir bekommen keine zweite Chance, dieses Leben zu leben.
„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit;
das ist der Grund, warum die
meisten Menschen sich vor ihr fürchten.“
– George Bernard Shaw
Abgehauen
Es ging nicht mehr. Angst, Wut, Hilflosigkeit und dieser unaufhaltsame Drang nach Freiheit, all das war nicht länger auszuhalten. Silvester 1990/91 habe ich bei meinem Bruder gefeiert. Hätte mein Vater gewusst, dass ich den Jahreswechsel bei meinem Bruder verbringe, hätte er mir die Hölle auf Erden bereitet. Ich durfte keinen Kontakt zu meinen Geschwistern haben. Ich habe nie verstanden, warum er nicht wollte, dass ich meine Geschwister sehen darf. Er wollte mich von allen abschotten. Im Nachhinein denke ich, er hatte Angst, dass ich von meinen Geschwistern gegen ihn aufgehetzt werde, aber das brauchten sie gar nicht zu tun, sein eigenes Verhalten sorgte dafür, dass mein Hass auf ihn immer größer wurde. Mein Bruder und seine Frau haben mir die Möglichkeit gegeben, aus der Hölle zu entkommen, indem sie mich bei sich aufgenommen haben. Sie haben mir die Möglichkeit zur Flucht gegeben. Mein Bruder hat mich Neujahr 1991 gegen Mittag zu mir nach Hause gebracht und gesagt, dass ich ihn jederzeit anrufen könne, wenn es nicht mehr geht, wenn ich es nicht mehr aushalte. Aushalten ist hier das Stichwort. Gefühlt halte ich mein ganzes Leben irgendwie etwas aus. Ich nehme mich zurück, mache es anderen recht, ich zeige selten bis nie meine wirklichen Gefühle. Niemand weiß, wie es in mir aussieht, wie ich mich fühle. Ganz einfach aus dem Grunde, weil ich nicht weiß, wie ich es ausdrücken kann. Ich habe Angst, mich zu erklären, warum ich Angst habe, warum ich traurig bin oder unsicher. Ich schäme mich unendlich für das Erlebte, dabei bin ich eigentlich nicht derjenige, der sich schämen müsste. Im Berufsleben konnte ich das mehr oder weniger kompensieren, weil es sich im Job nie um mein Privatleben drehte und ich zu meinen Kollegen nie eine tiefe Bindung eingehen musste. Im Job kümmere ich mich um meine Projekte, und die haben nichts damit zu tun, dass ich als Kind geschlagen oder psychischem Druck ausgesetzt wurde. Mein Bruder wusste um all das und hat sich Sorgen um mich gemacht, dass ich irgendwann eine Dummheit begehe. Als er noch zu Hause wohnte, hatte er reichlich abbekommen und wusste, welche Zustände dort herrschen. Nur widerwillig stieg ich aus dem Auto und ging die Straße hinunter zu unserem Haus, ich schloss die Haustür auf, ging in die Wohnung und hatte die Tür noch nicht ganz zu, da kam mein Vater aus dem Wohnzimmer und beschimpfte mich sofort aufs Übelste. Was ich mir einbilden würde: über Nacht wegbleiben. Er hatte wohl den richtigen Riecher, dass ich bei einem meiner Geschwister gefeiert habe, er hatte meine Schwester im Verdacht. So versuchte er über eine Stunde, aus mir herauszubekommen, wo ich gewesen war. Ich beharrte darauf, dass ich bei meinem Kumpel gefeiert hatte, und sagte sonst nichts. Er wollte mir tatsächlich Stubenarrest aufdrücken, worauf ich wohl etwas zu herzlich lachte. Ich war fast 18 und im dritten Ausbildungsjahr. Es kam zu einer kleinen Rangelei. Er wollte mich ohrfeigen, aber ich wehrte den Schlag ab und bedrohte ihn, dass ich ihn verprügeln würde, wenn er noch einmal versuchen sollte, mich zu schlagen. Ich begehrte auf. Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich mich stark. Das machte ihn richtig wütend, zumal er mir körperlich mittlerweile deutlich unterlegen war. Einen kurzen Augenblick schien es fast, dass er Angst verspürte, ich sah es in seinen Augen. Ich hatte in meinem Umfeld, meinem Freundeskreis, so viel Gewalt erlebt und anderen Gewalt zugefügt, ich war aber nicht in der Lage, mich gegen meinen Vater durchzusetzen. Im Nachhinein ist es mir unerklärlich, warum ich nie zugeschlagen habe, warum ich nie den Mut aufgebracht habe, ihn in seine Schranken zu weisen oder mich schützend vor meine Mutter zu stellen, die so sehr unter ihm leiden musste. Dafür schäme ich mich bis heute. Eine Scham, die sehr tief in mir verankert ist. Diese Verachtung für mich selbst, dass ich es nicht verhindern konnte, was mein Vater meiner Mutter, meinen Geschwistern und mir angetan hat, ist und bleibt meine größte Baustelle. Das kann ich mir bis heute nicht verzeihen und konnte es auch bis heute nicht auflösen.
…
Schreiben ist wie ein Schlüssel zu den Türen meines Lebens, Türen, die ich mit jedem Wort, das ich niederschreibe, öffnen darf. Es sind keine Türen aus Holz und Eisen, sondern Zugänge zu meinem innersten Selbst und zu einem zukünftigen Ich, das nach Klarheit und Befreiung sucht. In diesem Prozess möchte ich über meinen Weg erzählen, über meinen Camino, auf dem ich die Last alter Geschichten abwerfen und die Schatten der Vergangenheit hinter mir lassen konnte. Es war notwendig, einige Türen zu schließen, um neue öffnen zu können. Auf meinem Weg sollte sich eine ganz besondere Tür öffnen, eine Tür zu einem Leben voller Zufriedenheit und Glück, einem unbeschwerten Dasein. Als ich durch diese Tür hindurchschritt, durchflutete mich das Gefühl von tausend Möglichkeiten, die das Universum mir anbot. Ein Leben in Freiheit und die Befreiung von der Verantwortung für andere und den Geistern meiner Vergangenheit. Endlich hielt ich das Ruder meines Schicksals in der Hand und begann selbstbewusst, jene Türen zu verschließen, die nicht mehr in mein Leben passten.
Als ich durch diese große Tür trat, fühlte es sich an wie eine rasante Fahrt mit 200 km/h auf der Überholspur des Lebens. Ich dachte, jetzt habe ich mein Leben gefunden, ich fühlte mich großartig und war selbst überrascht, wie gut alles lief. Bevor ich jedoch die Kontrolle über diese überwältigende Geschwindigkeit verlieren konnte, warf das Universum einen Anker und schlug die Tür mit einem ohrenbetäubenden Knall wieder ins Schloss. Plötzlich stand ich im Dunkeln, das Licht erlosch und ließ mich allein mit meinen Gedanken. Verwirrung überkam mich; was war geschehen? Ich brauchte Zeit zum Innehalten, um mich neu zu orientieren und herauszufinden, wo ich die Kontrolle verloren hatte. Hatten meine neuen Glaubenssätze versagt? Hatte ich sie falsch angewendet oder war ich einfach nur einer Illusion erlegen? Auf meinem Camino habe ich gelernt, dass sich die richtigen Türen genau dann öffnen, wenn man bereit ist, hindurchzugehen. Egal, was geschah, ich würde mich wieder aufrichten und meinen Weg suchen. Ich werde ihn finden, den richtigen Weg für mich, und auf diesem Pfad werden sich die Türen öffnen, die ich brauche; so wie jene Türen, die ich auf meinem Camino entdeckt habe. Manchmal braucht es Umwege und Schleifen im Leben, um den richtigen Umgang mit sich selbst zu erkennen. Und dann ist es kein Wunder mehr, wenn scheinbar schöne Türen sich wieder schließen. Nie wieder möchte ich meine kostbare Zeit mit negativer Energie verschwenden. Ein Leben im Zweifel ist abgelaufen; der Rest meines Lebens soll unfassbar gut werden. So beginne ich meine Reise, dankbar, offen und bereit für alles, was kommt.
„Die größten Ereignisse, das sind nicht unsre
lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“
– Friedrich Nietsche
Der heilsame Weg
Erschöpfung, Schmetterlinge im Bauch, Glücksgefühle, Nervosität, Fassungslosigkeit.
All diese Emotionen durchströmten mich in jenem Moment, als ich in Santiago de Compostela vor einem Hostel diese wahrhaft aufregende Frau in meinen Armen hielt. Eine Frau, die mein Leben für immer verändern sollte. Sie war unfassbar, faszinierend, lebendig, und ich wusste, dass, wenn ich sie jetzt nicht küsste, es möglicherweise keine zweite Chance geben würde. Ich sah ihr tief in die Augen, mein Herz raste. Es war, als ob die Welt um uns stillstand. Ich sammelte all meinen Mut und zog sie an mich. Unsere Lippen trafen sich, und in diesem Kuss fühlte es sich an, als würde ich in die Glückseligkeit aufsteigen. So muss sich Schwerelosigkeit anfühlen. Der erste Kuss, eines der schönsten Gefühle auf dieser Welt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so etwas gefühlt habe. Es war einfach zu lange her. Sie öffnete ihre Lippen und ihre Zunge tastete nach meiner, da war es um mich geschehen. Dieser Moment war der Höhepunkt meiner letzten 14 Tage und sollte mein Leben nachhaltig verändern. Den ganzen Tag hatte ich schon mit ihr verbracht. Ich war nervös, überdreht, voller Vorfreude. Am Morgen hatte sie mich mit in ein kleines Café genommen, wo wir gemeinsam frühstückten. Es war mein Geburtstag. Und sie war das größte Geschenk, das ich an diesem Tag bekommen konnte.
Im Laufe des Tages trafen wir noch andere Pilger, die mich ein Stück auf meinem Weg begleiteten und mir einen unvergesslichen Tag schenkten. Am Abend saßen wir mit einer großen Gruppe in einem kleinen Restaurant. Wir feierten nicht nur meinen Geburtstag, sondern auch uns selbst, unsere Ankunft in Santiago de Compostela, den Weg, den wir gegangen waren. Doch inmitten all der Stimmen und des Lachens hatte ich nur Augen für sie. Ich spürte, dass sie der Anfang von etwas sein könnte, das ich nicht erwartet hatte: Hoffnung. Eine neue Perspektive.
Der Wandel in mir hatte schon am ersten Tag dieser Reise begonnen. Doch dieser Moment vor dem Hostel, dieser Kuss, war etwas anderes. Überwältigend. Ich stand dort, direkt vor der Tür zu ihrer Unterkunft, und konnte kaum fassen, was geschehen war. Dieser Kuss war magisch. Eine unerwartete Wendung in meinem Leben, die mir Hoffnung und neue Perspektiven schenkte. Ich war eigentlich aufgebrochen, um mein Leben neu zu sortieren, um endlich auszubrechen, aus einem Zustand, der sich leer und festgefahren anfühlte. Eine Beziehung zu einer anderen Frau war dabei nie Teil des Plans. Meine Reise von Porto nach Santiago und wenn ich noch die Kraft und Lust habe, bis Finisterre über Muxia, sollte ein Aufbruch sein, raus aus dem alten Leben, hinein in etwas Neues. Doch das Leben hatte andere Pläne. Etwa ein Jahr vor meinem Camino war mein bisheriges Leben wie ein Kartenhaus zusammengebrochen, mitten in einem Lauftraining. Von da an wusste ich: Etwas muss sich ändern.
Ich hatte einen Backflash, der mich fast an den Abgrund getrieben hatte. Die Geister meiner Kindheit tauchten plötzlich wieder auf und ergriffen meine Gedanken, meinen Körper, meinen Alltag. Meine Ehe erdrückte mich, unseren einst gemeinsamen Weg hatten wir vor Jahren verlassen und uns verloren. Ich war nicht bei mir, kannte keine Selbstliebe, geschweige denn Selbstvertrauen. Ständige Zweifel an meinem Sein, meinen Fähigkeiten, meiner Rolle als Person in dieser Welt standen permanent im Vordergrund. Ich hatte eine Fassade aufgebaut, stark und unnahbar. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich die wahre, verletzte Person, die ich so lange nicht sehen wollte. Es war mein Gefängnis, und niemand durfte einen Blick hineinwerfen. Es war mein Gefängnis, mit Erinnerungen an meine ersten 17 Lebensjahre, die ich mit mir zusammen eingesperrt hatte und die eigentlich lebenslänglich eingesperrt bleiben sollten. Unbemerkt hatten die Erinnerungen sich einen Weg nach draußen gesucht, und in einer unscheinbaren Situation brachen sie aus. Auf dem Weg an die Oberfläche, durch meine Fassade hindurch, schlug mein Vater wieder zu, mit einer Wucht, die mich von einem Moment auf den anderen aus dem physischen und psychischen Gleichgewicht brachte. Alles war wieder da. Die Schmerzen, die Schreie, der Psychoterror, selbst die Gerüche nach seinem Aftershave. Angst und Urin waren präsent. Es war, als ob ich wieder in diesem kleinen Jungen steckte, der aus Angst vor seinem Vater in die Hose machte und dafür eine Ohrfeige bekam. Bis zu meinem Backflash war ich überzeugt, dass man mit viel Fleiß und ein wenig Glück alles erreichen kann. Ich habe eine Familie gegründet, mit der ich alt werden wollte. Die ersten 17 Jahre meines Lebens habe ich versucht zu vergessen. Sie waren zu verstörend und traumatisierend, als dass man sich damit ständig beschäftigen möchte. Meine Kindheit sollte nicht mein Familienleben beeinflussen. Hat man jedoch mit der Vergangenheit nicht abgeschlossen, kann es passieren, dass sie einem wie ein Hammerschlag ins Gesicht geschlagen wird. Wer vor seiner Vergangenheit davonläuft, verliert das Rennen.
Eine völlig belanglose Situation im Alltag hatte dazu geführt, dass das eigentlich Vergessene mit einer Wucht zuschlug, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Gedanken drehten sich im Kreis, Ängste kamen zurück, und ich spürte wieder, wie es sich anfühlt, wenn man sich als kleines Kind aus lauter Angst vor dem Vater die Hose einnässt und dafür eine Ohrfeige bekommt. Das war als Kind schon schwer zu ertragen, dieses als Erwachsener wieder zu erleben, wie in einem Film, ist der blanke Horror. Um das zu verarbeiten, versuchte ich, mir meiner Gefühle, Ängste und Erkenntnisse bewusst zu werden. Um sie richtig einordnen zu können, schrieb ich meine Gedanken auf, in der Hoffnung, dass es mir hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen. Schreiben hilft mir, das Gedankenkarussell zu verlangsamen. Meine Therapeutin hatte das vorgeschlagen. Es waren so viele Gedanken und Erinnerungen, die ich mir aufgeschrieben habe, jetzt möchte ich sie in Reih und Glied sortieren.
Ich weiß heute, dass es mich enorme Kraft gekostet hat, die Vergangenheit zu verdrängen. In Gesprächen während meiner Therapie sind Verhaltensmuster zutage gekommen, die mir aufzeigen, warum ich in bestimmten Situationen nicht krisenfest bin und warum ich in Stresssituationen meine Souveränität verliere. Um Frieden zu finden, muss ich mich mit dem, was geschehen ist, auseinandersetzen, ergründen, warum ich bin, wie ich bin. Darüber zu reden, fällt mir so schwer. Es ist einfach zu sagen, ich hatte eine schwere Kindheit, aber was damals vorgefallen ist, in Worte zu fassen, war für mich schier unmöglich. Meine Vergangenheit blockierte mich, und die Erkenntnis dieser Unfähigkeit, darüber zu berichten, brachte mich zur Verzweiflung. Wie gelähmt muss ich flüchten, wenn es zum Streit kommt, weil ich es nie gelernt habe zu streiten. Ich wurde 17 Jahre durch körperliche und psychische Gewalt unterdrückt und klein gehalten. Das prägt einen ein Leben lang, und scheinbar sind diese Muster stärker als der Verstand. Der Instinkt, mich wegzuducken, mich klein zu machen und mich unwert zu fühlen, ist ein Schatten, der sich hartnäckig an meine Seele klammert. Auch heute, mit einer neuen Ausrichtung auf das Leben, spüre ich manchmal den Drang, in alte Muster zurückzufallen. Doch jetzt halte ich Werkzeuge in meinen Händen, kraftvolle Begleiter, die mir helfen, in den schwächsten Augenblicken wieder aufzustehen und meine innere Stärke zu finden. Hier schreibe ich, um meinen Geist zu befreien; in der Hoffnung, dass diese Worte mir helfen, Frieden zu finden. Ich möchte die Last der Gedanken und die Ketten vergangener Emotionen abwerfen und endlich die Leichtigkeit des Seins spüren. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, sich zu reflektieren und die richtigen Schlüsse aus dem zu ziehen, was das Leben mir beschert, vor allem, welche Menschen meinen Weg begleiten und warum diese immer auch einen Spiegel hochhalten, in dem ich mein Handeln und mein Sein erkennen kann. Der Spiegel, den mir diese wunderschöne Frau in Santiago de Compostela vorhielt, zeigte mir Hoffnung. Dieser Kuss war wie eine Heilung meiner Seele. Die Wärme und das Glücksgefühl in meinem Inneren fühlten sich wie eine wohlige Heilung meines Körpers an. Als wir uns voneinander lösten und sie in ihr Hostel ging, war ich ein sehr glücklicher Mann. Wie schön sich doch das Gefühl der Geburt eines Schmetterlingsschwarms im Bauch anfühlt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, so ein Gefühl noch einmal erleben zu dürfen. Als ich später in meinem Bett lag und so unfassbar glücklich einschlief, schloss sich ein riesengroßes Tor, hinter dem schon ganz viele kleine Türen und Pforten sich geschlossen hatten. Am nächsten Morgen stand ich vor einer neuen Welt, vor vielen Möglichkeiten, die sich mir jetzt boten. Ich musste nur entscheiden, durch welche Tür ich gehen wollte. Für den Moment fand ich die richtige Tür. Ein neuer Anfang.
Nun soll hier kein Liebesroman entstehen, und ich möchte auch nicht die wundervollen Etappen meines Caminos ausführlich beschreiben. Das haben schon so viele vor mir getan, die es mit Witz und Wortgewandtheit viel besser können, als ich es je könnte. Ich habe einen Wandel vollzogen, der mein Leben stark verändert hat, nachhaltig und ganzheitlich. Mein Camino endete nicht in Santiago de Compostela, der Stadt mit ihrer schönen Kathedrale, dem Ziel der Pilger auf dem Jakobsweg. Es war nur eine Etappe auf meinem Weg zur Transformation. Ist man einmal den Weg des Pilgers gegangen, enden gefühlt die Pilgerreise und der Weg nie. Genau in diesem Moment, in Santiago de Compostela, wurde mir klar: Dieser Weg war nicht nur eine Reise durch die Landschaften Portugals und Spaniens. Es war eine Reise in meine Vergangenheit, zu meinen Ängsten, in meine Wunden. Es war eine Reise in mein tiefstes Innerstes. Eine Reise zu mir selbst. Und dieser Kuss, dieser eine Kuss, war der Beweis, dass Heilung möglich war. Dass es ein neues Leben für mich gab. Ein Leben, das ich mir selbst erschaffen konnte. Ich würde die Last der Vergangenheit hinter mir lassen, und ich würde meine Ketten sprengen, würde frei sein. Frei, mein eigenes Leben zu leben. Und das Abenteuer hatte gerade erst begonnen. Diesen Weg und warum ich ihn gegangen bin, möchte ich hier festhalten, um mich in schweren Zeiten an meine Geschichte zu erinnern und um mir bewusst zu werden, was mein Leben bisher so schwierig gemacht hat und warum ich dieses Leben so nicht mehr weiterführen möchte. Der Bericht soll mir Halt geben in Zeiten, in denen ich in Zweifel komme. Ich möchte andere ermutigen, aufzustehen und ihr Leben zu leben. Ein Leben, das so kostbar und kurz ist. Ein Leben, das es so nur einmal gibt, wir bekommen keine zweite Chance, dieses Leben zu leben.
„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit;
das ist der Grund, warum die
meisten Menschen sich vor ihr fürchten.“
– George Bernard Shaw
Abgehauen
Es ging nicht mehr. Angst, Wut, Hilflosigkeit und dieser unaufhaltsame Drang nach Freiheit, all das war nicht länger auszuhalten. Silvester 1990/91 habe ich bei meinem Bruder gefeiert. Hätte mein Vater gewusst, dass ich den Jahreswechsel bei meinem Bruder verbringe, hätte er mir die Hölle auf Erden bereitet. Ich durfte keinen Kontakt zu meinen Geschwistern haben. Ich habe nie verstanden, warum er nicht wollte, dass ich meine Geschwister sehen darf. Er wollte mich von allen abschotten. Im Nachhinein denke ich, er hatte Angst, dass ich von meinen Geschwistern gegen ihn aufgehetzt werde, aber das brauchten sie gar nicht zu tun, sein eigenes Verhalten sorgte dafür, dass mein Hass auf ihn immer größer wurde. Mein Bruder und seine Frau haben mir die Möglichkeit gegeben, aus der Hölle zu entkommen, indem sie mich bei sich aufgenommen haben. Sie haben mir die Möglichkeit zur Flucht gegeben. Mein Bruder hat mich Neujahr 1991 gegen Mittag zu mir nach Hause gebracht und gesagt, dass ich ihn jederzeit anrufen könne, wenn es nicht mehr geht, wenn ich es nicht mehr aushalte. Aushalten ist hier das Stichwort. Gefühlt halte ich mein ganzes Leben irgendwie etwas aus. Ich nehme mich zurück, mache es anderen recht, ich zeige selten bis nie meine wirklichen Gefühle. Niemand weiß, wie es in mir aussieht, wie ich mich fühle. Ganz einfach aus dem Grunde, weil ich nicht weiß, wie ich es ausdrücken kann. Ich habe Angst, mich zu erklären, warum ich Angst habe, warum ich traurig bin oder unsicher. Ich schäme mich unendlich für das Erlebte, dabei bin ich eigentlich nicht derjenige, der sich schämen müsste. Im Berufsleben konnte ich das mehr oder weniger kompensieren, weil es sich im Job nie um mein Privatleben drehte und ich zu meinen Kollegen nie eine tiefe Bindung eingehen musste. Im Job kümmere ich mich um meine Projekte, und die haben nichts damit zu tun, dass ich als Kind geschlagen oder psychischem Druck ausgesetzt wurde. Mein Bruder wusste um all das und hat sich Sorgen um mich gemacht, dass ich irgendwann eine Dummheit begehe. Als er noch zu Hause wohnte, hatte er reichlich abbekommen und wusste, welche Zustände dort herrschen. Nur widerwillig stieg ich aus dem Auto und ging die Straße hinunter zu unserem Haus, ich schloss die Haustür auf, ging in die Wohnung und hatte die Tür noch nicht ganz zu, da kam mein Vater aus dem Wohnzimmer und beschimpfte mich sofort aufs Übelste. Was ich mir einbilden würde: über Nacht wegbleiben. Er hatte wohl den richtigen Riecher, dass ich bei einem meiner Geschwister gefeiert habe, er hatte meine Schwester im Verdacht. So versuchte er über eine Stunde, aus mir herauszubekommen, wo ich gewesen war. Ich beharrte darauf, dass ich bei meinem Kumpel gefeiert hatte, und sagte sonst nichts. Er wollte mir tatsächlich Stubenarrest aufdrücken, worauf ich wohl etwas zu herzlich lachte. Ich war fast 18 und im dritten Ausbildungsjahr. Es kam zu einer kleinen Rangelei. Er wollte mich ohrfeigen, aber ich wehrte den Schlag ab und bedrohte ihn, dass ich ihn verprügeln würde, wenn er noch einmal versuchen sollte, mich zu schlagen. Ich begehrte auf. Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich mich stark. Das machte ihn richtig wütend, zumal er mir körperlich mittlerweile deutlich unterlegen war. Einen kurzen Augenblick schien es fast, dass er Angst verspürte, ich sah es in seinen Augen. Ich hatte in meinem Umfeld, meinem Freundeskreis, so viel Gewalt erlebt und anderen Gewalt zugefügt, ich war aber nicht in der Lage, mich gegen meinen Vater durchzusetzen. Im Nachhinein ist es mir unerklärlich, warum ich nie zugeschlagen habe, warum ich nie den Mut aufgebracht habe, ihn in seine Schranken zu weisen oder mich schützend vor meine Mutter zu stellen, die so sehr unter ihm leiden musste. Dafür schäme ich mich bis heute. Eine Scham, die sehr tief in mir verankert ist. Diese Verachtung für mich selbst, dass ich es nicht verhindern konnte, was mein Vater meiner Mutter, meinen Geschwistern und mir angetan hat, ist und bleibt meine größte Baustelle. Das kann ich mir bis heute nicht verzeihen und konnte es auch bis heute nicht auflösen.
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