Alltag & Lebensführung

Der achte Tag

Martin Becker

Der achte Tag

Leseprobe:

<strong>Gestatten Sie mir ein Vorwort</strong>

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie viele Menschen haben eigentlich die Bibel geschrieben? Waren es zehn, fünfzig, hundert?
Wie oft wurden die Geschichten der Bibel mündlich überliefert, bevor sie niedergeschrieben wurden? War es tausend-, fünftausend-, zehntausendmal?
Wie lange dauerten die Zeiträume zwischen Ereignis, Erzählungen und Niederschrift? War es eine Generation, waren es fünf, zehn Generationen?
Wir wählen uns einen der Bibelschreiber aus und nennen ihn Simon. Simon war Priester und Gelehrter. Er konnte lesen und schreiben. Nur wenige in seinem Ort konnten dies. Der Stand in seiner Gesellschaft war hoch einzuschätzen. Die Geschichten seines Volkes kannte er vielleicht von seinem Großvater, der seine Geschichten an langen Abenden wunderbar ausschmückte. Besonders angetan war Simon von der Schöpfungsgeschichte.
Großvater war bereits gestorben, aber an vieles konnte sich Simon noch gut erinnern, also schrieb er sie auf. Weitere taten das Gleiche und so entstanden die vielen Einzelschriften des Alten Testaments.
Mit den Niederschriften dieser Erzählungen haben die Bibelschreiber einen Markierungspunkt gesetzt, denn von nun an verblieben sie fixiert.
Die Schöpfungsgeschichte ist uns bis heute erhalten geblieben und fand ihren Weg mit unzähligen andern Erzählungen in einem Gesamtwerk, das ihren heutigen Abschluss in der Bibel findet.
Die Frage ist, was war Simon für ein Mensch? Wie war er persönlich aufgestellt? Wer steckt hinter seinen Worten?
Die persönliche Realität
Stellen Sie sich bitte drei Szenen vor:

1. Drei Menschen betrachten das Bild einer Wolke und notieren sich dazu ihre Gedanken.
Der Erste schreibt: „Gleich fängt es an zu regnen.“
Der Zweite: „Die Wolke nimmt der Sonne das Licht.“
Der Dritte: „Wie kommt es, dass sich Kondensat in der Luft so scharf abgrenzen kann?“
2. Im Büro betritt unerwartet der Chef das Zimmer.
Von den drei Angestellten denkt der Erste: „Ärgerlich, jetzt will er schon wieder sofort etwas Wichtiges.“
Der Zweite: „Hoffentlich hat er nicht gesehen, dass ich im Internet gechattet habe.“
Der Dritte: „Wenn ich mich vor zehn Jahren mehr angestrengt hätte, hätte ich jetzt seinen Job.“
3. Drei Touristen besuchen im Urlaub eine große Kathedrale.
Der Erste denkt: „Hier kann ich Gott erleben.“
Der Zweite: „Es ist so bedrückend, dass ich mich nicht wohlfühle.“
Der Dritte: „Unglaublich, wie die Baumeister mit den damaligen Werkzeugen so Wunderbares vollbringen konnten.“

Diese Reihe lässt sich beliebig fortführen und sie zeigt, dass die gleiche Szene bei den Menschen stets unterschiedliche Blickwinkel hervorruft.
Wenn man diese Reihe fortführen würde, könnte man feststellen, dass kein Bereich des Lebens ausgenommen werden kann, der nicht von den Menschen unterschiedlich betrachtet, interpretiert und mit unterschiedlichen Gefühlen behaftet wird, wie zum Beispiel der Gerechtigkeitssinn, der Geschmack und das Schönheitsempfinden.
Ich nehme als Mensch Dinge anders wahr als ein anderer und für mich ist das die richtige Ansicht. Meine Art, zu denken, ist beeinflusst. Sie wird geleitet durch Erfahrungen und Muster.
Mein Bewusstsein spielt sich im Kopf ab. Ich bin geprägt. Meine Kindheit, meine Jugend, meine Familie, meine Erfahrungen, meine Welt, in der ich mich befinde. All das prägt mich und leitet meine Gedanken und meine Gefühle. Meine Erfahrungen bilden sich aus der Erlebniswelt.
Immer bin ich es selber, als Mensch, der die Situation unterschiedlich bewertet, und dazu nehme ich meine eigenen Muster als Grundlage. Woher kommt das?
Als Kind auf dem Land erlebe ich die Natur und entwickle andere Werte als ein Kind, das in einer Stadt groß wird. Das Kind einer reichen Familie kennt nicht den Kampf um die Existenz einer armen Familie.
Alles, was ich an Erfahrungen und Konditionierungen in mir trage, die Art, wie ich als Kind von meiner Familie behandelt wurde, meine Sorgen und Ängste, meine Aggressionen, meine Fähigkeiten, Konflikte zu lösen, bringe ich in meine Betrachtungsweise mit ein. Ich selbst bin es, der den Sonnenuntergang zu einem schönen Farbenspiel macht, zu einem Fingerzeig Gottes oder zur Ankündigung auf eine gruselige Geisternacht. Ich selbst bin es, der mit Macht und Zwang auf eine Situation reagiert, wenn sie mir außer Kontrolle gerät, oder ob ich Ereignisse mit Gelassenheit und Vertrauen geschehen lasse, wie sie auf mich zukommen.
Menschen sind so unterschiedlich wie Fingerabdrücke. Keiner ist gleich. Geschwister erleben die Welt unterschiedlich, selbst wenn sie zusammen aufwachsen.
Es entwickeln sich Muster, Aggressionen, Eifersucht und Missgunst, die jedem Kind individuell eigen sind und die jedes für sich in sein zukünftiges Leben hinausträgt und hinein in die neuen Beziehungen einer eigenen Familie.
Denken Sie noch an unseren Bibelschreiber Simon? Mit welchen Augen betrachtete er die Welt? Welche Muster zeigten sich bei ihm?
Der menschliche Geist ist dazu fähig, seine Umwelt so zu betrachten, wie sie für ihn richtig erscheint. Sie erscheint ihm so, wie er sie sich selbst eingerichtet hat.
Das, was ich als Mensch in mir selbst trage, das übertrage ich in die Betrachtung der Ereignisse, die ich mit eigenen Augen sehe. Und genauso beurteile ich auch meine Mitmenschen.
Dies ist die wohl erstaunlichste Verhaltensweise im Umgang zwischen Menschen. Ich projiziere mir meine Mitmenschen.
Meine Vorstellung über den Charakter eines Mitmenschen wird nach meinem eigenen Muster gebildet und an den anderen übertragen. Bin ich eifersüchtig auf ihn, dann erlebe ich ihn als einen Gegner. Ich halte ihn für schlecht. Respektiere ich ihn, erlebe ich ihn als Freund und ich erachte ihn als gut. Dieses Bild wird mir reflektiert und bestätigt.
Der Charakter des anderen wird von mir deshalb bestätigt, weil ich ihm ein Bild projiziere, das ich selbst in mir trage. Ich reflektiere das, was ich aussende. So geschieht es, dass ich mein Gegenüber zu einem Freund machen kann oder zu einem Feind.
Es ist aber nicht der andere, der dieses Bild in sich trägt, sondern das bin ich selber, der das Bild an ihn sendet und den ich betrachte, als wäre er mein Spiegelbild. Ich hole mir diese Bestätigung wieder zurück und betrachte sie als wahr.
Ein Feind kann nur dann zum Feind werden, wenn ich selbst das Bild des Feindes in mir trage und dann an ihn weiterleite. Achten Sie einmal darauf, wenn jemand negativ über andere redet: Interessanterweise sind es immer die Eigenschaften, die er bemängelt, mit denen er sich selbst auseinandersetzt und die sein eigenes Thema sind. Durch die Projektion der Eigenschaft auf andere können Sie erkennen, wo bei diesem Menschen das eigene Problem liegt. Wer negativ über andere redet, enthüllt seine eigenen negativen Gedanken.
Es entstehen unendlich viele Missverständnisse. Nur, weil ich zum Beispiel die Angst vor einer Bedrohung in mir trage, nehme ich einen Mitmenschen als bedrohlich wahr. Dieser jedoch trägt vielleicht in sich die Angst vor Verachtung oder Spott und findet in mir ebenfalls einen Feind, weil ich ihn ablehne und ihn gar in seinen Augen verachte und verspotte. So finden wir beide unsere Entsprechung im gegenseitigen und missverständlichen Feindbild, aus vollkommen unterschiedlichem Hintergrund, aber immer als Teil unseres Selbst.
Ist der Kampf mein Thema, dann wird für mich der Streit zur unausweichlichen Folge meines Handelns. Ich werde diesen Streit als notwendigen Bestandteil meines Lebens definieren, weil ich den Kampf in mir trage. Befände ich mich in Frieden, so begegnete ich meinem Gegenüber in Liebe und mein Gegenüber wiederum würde mir diese Liebe widerspiegeln. Ich würde die Liebe als meine persönliche Wahrheit betrachten.
Dass ich in Liebe zu einem Menschen stehe, kommt von mir, weil ich diese Liebe an ihn aussende, nicht vom anderen. Dieser kann nichts dagegen machen, dass er in Liebe zu mir steht, weil ich ihn mir so erschaffe.
Befinde ich mich auf der Suche nach einer Partnerin, so spreche ich auf die Signale an, die sie mir sendet. Doch diese Signale sind von mir selbst eingestellt, um sie zu empfangen. Es ist die eigene Entsprechung, sonst würde ich nicht darauf reagieren. Wähle ich einen sexuell attraktiven Partner, so entspricht dies meiner eigenen sexuellen Energie. Spricht mich ein sportlicher oder ein gemütlicher Mensch an, ein liebevoller, raubeiniger, ein zärtlicher, ein kluger, ein kinderlieber, ein reicher, so sind das immer meine eigenen Entsprechungen, entweder als Ausgleich eines Mangels oder als Bestätigung der persönlichen Wertvorstellung.
Der menschliche Geist gestaltet, kreiert und modelliert seine Umwelt zu einem Bild, das er anschließend wie in einem Spiegelbild betrachtet. Wenn ich mir die Welt modelliert habe, glaube ich fest daran, dass dies meine wahre Umwelt sei. Dies ist es wohl auch – und doch wieder nicht. Die Betrachtung von Ereignissen oder von Mitmenschen steht im Licht dieses selbst kreierten Bildes.
Man kann sagen, dass dieses selbst kreierte Bild durch unsere Muster gesteuert ist. Ohne ihren Ursprung zu kennen, laufen die Reaktionen so ab und ist unser Blickwinkel so beeinflusst, dass sie stets ein festes Programm durchlaufen.
Fast könnte man befürchten, dass wir gar nicht anders können, als so zu denken und zu fühlen, unsere Umwelt so zu erleben, sie zu kreieren, sie zu spiegeln, wie wir selbst programmiert sind. Wir kommen uns vor wie Klapperäffchen, die nichts anderes können, als das, wozu sie bestimmt sind. Kaum zieht man uns auf, klappern wir los. Wir können nicht anders.
Nur wenn ich diese eigenen persönlichen Muster erkenne, kann ich sie auch auflösen und mein Programm verändern, sonst bleibe ich mein Leben lang in ihnen verhaftet und ich kann sie nicht ändern.
Diese Betrachtung wird genährt aus der Erinnerung. Ein Mensch, von dem ich Enttäuschung erfahren habe, wird durch meine Erinnerung mit dem Bild dieser Enttäuschung aufrechterhalten.
Bin ich beleidigt, dann halte ich dieses Leid möglichst lange aufrecht, um dem anderen gegenüber Macht und Dominanz zu demonstrieren oder um für mich die Bestätigung zu nähren, dass der andere mir in meiner Wertvorstellung unterlegen ist. Es ist immer das eigene Bild, das ich in mir trage und das ich an den anderen projiziere.
Kennen Sie den Animationsfilm „Findet Nemo“? Der blaue Korallenfisch mit Namen Dory hat die Eigenschaft, alles sofort wieder zu vergessen. „Kennen wir uns?“
Dory ist absolut frei und losgelöst im Umgang mit ihren Mitmenschen, weil sie keine Erinnerung hat und jedem Menschen aus dem Jetzt neu begegnet. Kein Leid, keine schlechten Erinnerungen, keine Vorwürfe, kein Nachtragen von alten Verletzungen. Ihre positive Grundeinstellung macht ihr Gegenüber in jedem Moment zu einer positiven Begegnung. Eine wunderbare Eigenschaft. Ich nenne dies das „Dory-Syndrom“.
Beleidigtsein ist eine Erinnerung. Ich kann nur so lange beleidigt sein, wie die Erinnerung den Status des Leids aufrechterhält. Auch wenn die Vergangenheit nur noch ein Gedanke ist und sich nur noch im Kopf abspielt, bleibt das Leid fortbestehen.
Ich denke „Leid“. Die Beleidigung ist fort und übrig bleibt das Jammern um einen verletzten Stolz, der schon immer verletzt war. Wäre der Stolz nicht zuvor im Ungleichgewicht, wäre ich nicht beleidigt.
Doch dies sind nur Gedanken. Die Vergangenheit ist fort, das Leid ist Einbildung. Die Erinnerung ist ein Gedanke. Wenn ich das Zimmer verlasse, ist das Zimmer für mich nur noch ein Gedanke.
Auch die Zukunft ist nur ein Gedanke. Sie gibt es noch nicht und muss erst noch realisiert werden.
Der Augenblick des jetzigen Zustands ist die einzige Realität, die wir haben. Und mit dieser Realität sind wir von Augenblick zu Augenblick neu und das Vergangene bleibt nur noch in Erinnerung. Ich erlebe meine Welt im Kopf und beziehe mein Verhalten auf das Erlebte.
Was sind also Beleidigungen, Verletzungen, Rache, Strafe? Was sind Lob und Anerkennung? Doch nichts anderes als Erinnerungen, Gedanken, vergangene und verblassende Erlebnisse.
Wenn ich mich an diesen Gedanken festmache, mich daran klammere, dann kann ich den Augenblick nicht neu erleben. Ich erlebe den Augenblick im Rückblick auf das Geschehene und in Voraussicht auf das zu Planende, nicht aber auf den jetzigen Zustand in losgelöster Form.
Ein Gott, der straft, hat sich aus der Vergangenheit nicht befreit, sondern hält den Zustand der Erinnerung aufrecht. Er ist mit Mustern aus der Vergangenheit behaftet. Er ist mit den Erinnerungen aus der Vergangenheit verklebt und kann den augenblicklichen Zustand nicht als Realität wahrnehmen.
Wenn Gott straft, lebt er in seinem Kopf, genau wie ich als Mensch aus seiner Erinnerung heraus.
Dies ist eine menschliche Eigenschaft, keine göttliche. Ein beleidigter Gott trägt Leid und einen Stolz, der bereits zuvor verletzt war und eine Empfindlichkeit auslöst. Ein losgelöster Gott muss nicht strafen.
Könnte Gott sich aus seinen Erinnerungen befreien, wäre er losgelöst im augenblicklichen Zustand. Würde er die Zukunft kennen, wäre er sich dessen bewusst und er müsste nicht aus der Vergangenheit heraus strafen.
Um Gott zu begreifen, müssen wir zuerst den Menschen begreifen und uns selbst. Die Verdeutlichung des Ablaufs dieses inneren Musters ist wichtig, um zu verstehen, wie und warum ich als Mensch auf bestimmte Ereignisse, Menschen oder Dinge reagiere. Es ist immer ein Stück von mir selber. Ja, man könnte dies noch strikter formulieren und sagen: Das bin ich selber. Ich bin meine Welt und meine Welt ist ich.

<strong>Die persönliche Wahrheit</strong>

Politiker haben sich auf ein Wahlplakat geeinigt. Die erste Zeile soll heißen:
„Was das Land jetzt braucht, ist …“
Es entbrennt ein Streit, wie der Satz weitergehen soll.
Im Parteiprogramm steht „… soziale Gerechtigkeit“, doch manche Mitglieder halten die Schaffung von ­Arbeitsplätzen für vorrangig, andere wollen wieder Begriffe einführen wie „… erneutes Vertrauen“ oder „… mehr Verantwortung“ und einer plädiert für die Rentenreform. Was das Land jetzt dringend braucht, ist eine Änderung. Ein Teil der Partei ist jedoch nicht für irgendetwas, sondern dagegen, dass sich die Werte verschlimmern. Es muss dringend verhindert werden, dass Andersdenkende an die Macht kommen: „… Braun-Grün verhindern.“ Das Land braucht dringend die Erhaltung der bestehenden Werte: „… Keine Gewaltspiele in den Kinderzimmern“, oder die Bestrafung der Schuldigen: „… Die Reichen höher besteuern.“
Aber welcher Politiker bestimmt, was wichtig ist? Warum gerade dieser? Und was braucht das Land jetzt wirklich dringend? Wessen Wahrheit gilt? Der Streit unter den Politikern geht weiter – man kennt das schon.
Und dann streitet man sich wie Bettelbuben in der Gasse, weil andere Menschen anders denken als man selber. Die eigene und kollektive Wahrheit ist die Berechtigung dafür, den anderen Gedanken zu verachten, ihn zu bestreiten und sich zu emotionalisieren.
Was ist die Wahrheit und wer kennt sie? Wer bestimmt, was gilt? Und warum lässt man die andere Wahrheit nicht gelten? Ist man besonders klug oder der andere besonders dumm?
Wer bekommt recht? Auf der Suche nach der Wahrheit müssen wir feststellen, dass es viele Wahrheiten gibt. Jeder hat eine.
Was ich als Mensch an Erfahrungen und an Wissen mitbringe, definiere ich als meine Wahrheit. Die Reaktion meiner Umwelt, die ich ganz persönlich an mich ziehe, ist für mich Naturgesetz.
Jeder Mensch hat eine solche Wahrheit. Der Schlüssel liegt wieder im eigenen Muster, mit dem ich meine Umwelt wahrnehme, wie ich ein Ereignis betrachte und wie ich dieses als Wahrheit definiere.
Oftmals bin ich nicht dazu imstande, die Ursache eines Ereignisses vollständig zu verstehen, und ich bin behaftet mit meinen eigenen Wertvorstellungen, die eine neutrale Sicht verhindern. Was ist wahr? Wer ist im Recht?
Zum Beispiel wird in manchen Ländern noch heute ein Mörder mit dem Tode bestraft. Der Henker verdingt sich als Werkzeug der Jurisdiktion und führt die Tötung des Mörders nach geltendem Recht aus. Bei beiden gilt: Beim Mörder und beim Henker steht jeweils die Tötung eines Menschen vor einer persönlichen Wahrheit. Warum erlaube ich es mir, einen anderen Menschen zu töten? Der Mörder sieht seinen Standpunkt als seine Wahrheit an, weil er den Wert seiner Beute höher einstuft als das Leben seines Verfolgers. Der Henker sieht seinen Standpunkt im Recht, weil ihm der Staat die Befugnis erteilt, Gerechtigkeit walten zu lassen. Beide töten. Beide sehen sich im Recht – keiner will eingestehen, dass seine Wahrheit womöglich im Unrecht sei.
Die echte Wahrheit für ein und dieselbe Sache herauszufinden, ist in den meisten Fällen nicht leicht.
So muss der Mensch damit leben, dass es immer mehrere Wahrheiten gibt oder sogar nur Teilaspekte einer großen Wahrheit.
Wer eine Wahrheit für sich deklariert und weiß, dass es eine andere Betrachtungsweise zu der eigenen gibt, der sollte akzeptieren, dass die andere Anschauung gleichwertig zur eigenen ist. Er sollte in Betracht ziehen, dass seine Sicht der Dinge womöglich durch die eigenen Muster verfälscht wird. Somit existiert für ihn nur eine ganz persönliche und individuelle Anschauung, die womöglich sogar unvollständig oder unzutreffend ist.
In diesem Buch beschreibe ich als Autor die Bibel und den christlichen Glauben, mit ihrer Anschauung, die ich durch meine persönlichen Erfahrungen und Ansichten beschreibe. Diese sind geprägt von Mustern und Konditionierungen, vom eigenen Konfliktlösungspotenzial, vom Grad der Reizschwelle gegenüber Unterdrückung und von der Tiefe der Betrachtungsweise von Wahrheiten. Sie bildet vielleicht nur eine schmale Seite einer großen Wahrheit. Für mich ist es eine Wahrheit – eine von vielen möglichen Wahrheiten.
Andererseits zeigt das große Schriftwerk der Bibel ebenso diese Konditionierungen der Menschen, die diese Dokumente schrieben. Wir erinnern uns an unseren Simon, den mutmaßlichen Verfasser der Schöpfungsgeschichte, und fragen uns, wie dieser konditioniert war. Die Wahl seiner Worte ist maßgeblich für einen wesentlichen Aspekt der jüdischen und christlichen Religion, die sich darum aufgebaut haben.
Der Gott der Bibel, vor allem des Alten Testaments, ist mit zahlreichen typisch menschlichen Eigenschaften ausgestattet. So finden sich Zornausbrüche, sadistische Inszenierungen und lobheischende Showeinlagen darunter, die eher menschlich als göttlich sind.
Aber dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die antiken Bibelschreiber in den damals üblichen Mustern verstrickt waren und nicht das Wesen eines Gottes beschrieben, sondern ihr eigenes.
Einen Streit darüber zu entfachen, wer nun mehr recht hat als der andere, lohnt sich nicht, wenn man die Hintergründe der Meinungsbildung versteht.
Meinungsbildung ist die Bildung der eigenen Meinung, nicht die der andern.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 164
ISBN: 978-3-99003-293-0
Erscheinungsdatum: 06.05.2011
EUR 14,90
EUR 8,99

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