Cover: Danke Depression, aber den Rest des Lebens gehe ich ohne dich

Danke Depression, aber den Rest des Lebens gehe ich ohne dich


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 184
ISBN: 978-3-7116-1510-7
Erscheinungsdatum: 17.02.2026
Junie ist davon überzeugt: „Burnout und Depression sind eingebildete Volkskrankheiten!“ Doch dann trifft die Diagnose sie selbst! Wie ist das möglich? Ein Schlag ins Gesicht – und jeder Versuch, sie zu leugnen, bringt neue Beweise ihrer Existenz. Was jetzt?
Prolog


Es gibt Dinge im Leben, auf die wird man nicht vorbereitet.

Es gibt Dinge im Leben, auf die wird man nicht vorbereitet. Sie werden so lange von der Gesellschaft ignoriert und totgeschwiegen, bis man mittendrin ist in der Misere. Und genau dann, wenn es für eine Umkehr längst zu spät ist, kommen all die gut gemeinten Ratschläge. Ich habe mir schon oft in meinem Leben die Frage gestellt, warum zum Geier mir keiner etwas gesagt hat, als ich noch eine reelle Chance hatte, den eingeschlagenen Weg zu überdenken oder die Richtung zu ändern.
Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Kinderkriegen. Ja, ich war aufgeklärt und sowohl mit dem Akt der Zeugung als auch grob mit den einzelnen Entwicklungsphasen des Ungeborenen vertraut. Grob deshalb, weil ich weder wusste, wann und in welcher Reihenfolge sich die einzelnen Organe bildeten, die ersten nicht wahrnehmbaren Bewegungen stattfanden, noch wann sich die Reflexe und Nervensysteme wie entwickelten. Mir reichte das Vertrauen in Mutter Natur, die ganz offensichtlich wusste, was zu tun war. Dem Himmel sei Dank, dass meine rudimentären Kenntnisse nicht für den Erfolg verantwortlich waren. Was mir allerdings niemand erzählte, war, dass die Entbindung nicht zwingend zu dem schönsten Erlebnis im Leben einer Frau zählt, sondern sich auch zu einem Horrortrip, der ihresgleichen sucht, entpuppen kann! Ich habe nämlich auf dieses Highlight vergeblich gewartet und kam zu der bitteren Erkenntnis, dass 18 Stunden Wehen nicht automatisch bedeuten, dass das Kind auch auf natürlichem Weg zur Welt kommt. Stattdessen durfte ich eine unschöne und sehr prägende Erfahrung mit einem nicht geplanten Kaiserschnitt machen. Danke für gar nichts! Und wo bitte waren die euphorischen Glücksgefühle, die das Wunder der Geburt angeblich auslösten? Offensichtlich waren mir die Hormone, die für die positive Stimmung während meiner Schwangerschaft verantwortlich waren, mit dem Kaiserschnitt abhandengekommen, sodass ich in ein tiefes Loch fiel. Nein, auf so etwas wird man nicht vorbereitet.

Ein anderes Beispiel für mangelnde Aufklärung ist die Steuererklärung. Warum weist einen niemand darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs um einen Akt der Freiwilligkeit handelt und dass das Ganze zu allem Überfluss an Fristen gebunden ist, die Erstattung aber gerne mal Monate auf sich warten lässt? Und wo bitte stand geschrieben, dass das Finanzamt von Fall zu Fall auch Rückzahlungen einfordert und hierfür eine lächerliche Vierzehn-Tage-Frist einräumt? Und wehe dem, der nicht pünktlich zahlt! Da kennt das Finanzamt keinen Spaß.
Auch den Satz „Eigentum verpflichtet“ habe ich erst verstanden, nachdem unsere Heizung im Winter streikte und mir just in diesem Moment ein Licht aufging, dass eine defekte Heizung nicht nur kalte Räume, sondern auch kaltes Wasser bedeutet. Spätestens da beschlich mich erstmals der Gedanke, dass es Vorteile hat, wenn man zur Miete wohnt. In diesem Fall hätten wir uns vertrauensvoll an unseren Vermieter gewandt, der sich um alles gekümmert und obendrein die Kosten gerecht auf die Mieter umgelegt hätte. Als Eigentümer hingegen mussten wir uns um einen Handwerker bemühen und die Kosten in voller Höhe tragen. Das Zauberwort, das ich seitdem zu meinem Wortschatz zähle, heißt „Rücklagen schaffen“.
Mag sein, dass das alles Ereignisse sind, die in die Schublade „Lebenserfahrung“ gehören. Heute weiß ich, dass all das keine ernstzunehmenden Hindernisse oder Probleme waren, auch wenn man das in der jeweiligen Situation natürlich anders sieht. Doch um ehrlich zu sein, hat sich nichts davon negativ auf mein Leben ausgewirkt, trotz ausbleibender Aufklärung und Hinweise, sondern ich bin mit und an den Herausforderungen gewachsen und kann sagen, dass sie gut und lehrreich waren.

Doch es gibt eine Sache, auf deren Erfahrung ich liebend gerne verzichtet und mir umfassende Aufklärung im Vorfeld gewünscht hätte. Heute weiß ich, dass der erhoffte Ratschlag, der entscheidende Hinweis oder die eindringliche Warnung ausblieben, weil die Menschen, die mich begleitet und geprägt haben, schlichtweg nichts von der Existenz des Ereignisses wussten. Sie ahnten nicht, dass es eine unsichtbare, dunkle Macht gibt, die die Fähigkeit besitzt, sich lautlos in die Seele und den Körper eines Menschen zu schleichen, Besitz von ihm ergreift und die so lange unbemerkt in ihm wütet, bis aus der einst selbstbewussten, willensstarken, zielstrebigen, ehrgeizigen, offenen und fröhlichen Person ein gefühlloses Wesen ohne Hoffnung, Kraft und Lebensfreude wird, unfähig zu denken, zu handeln und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Fachleute haben diese dunkle Macht „Depression“ getauft.
Ich bin eine von rund 5,3 Millionen Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen, unipolaren Depression erkranken. Suizidgedanken und -impulse sind ein häufiges Symptom bei Depression und machen sie damit zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Wie die meisten Betroffenen habe auch ich die Depression lange geleugnet und dennoch unter ihr gelitten, jegliche Hoffnung verloren sowie den Glauben daran, dass es jemals besser werden würde. Jedes Jahr wählen Menschen den Freitod, weil sie den Klauen der dunklen Macht nicht entkommen und im Tod die einzige Lösung und ein Ende ihres Leidens sehen. Auch ich habe eine Zeit lang gebraucht, um zu akzeptieren, dass die Depression eine ernstzunehmende Erkrankung ist und mich nur zögerlich in psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung begeben.

Auf meinem langen und steinigen Weg raus aus der Krankheit habe ich mir irgendwann die Frage gestellt, warum ausgerechnet ich an einer Depression erkrankt bin und ob ich es hätte verhindern oder kommen sehen können. Getrieben von diesem Gedanken, habe ich mich auf die Suche gemacht und begonnen, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Mein Ziel war es, all die Stationen in meinem Leben ausfindig zu machen, die von Aufbrüchen, Umbrüchen, Neuanfängen, Schicksalsschlägen und Herausforderungen geprägt waren, um zu verstehen, wie sich all die Ereignisse auf meine Persönlichkeit ausgewirkt haben. Gleichzeitig wollte ich wissen, wie aus dem einst selbstbewussten, willensstarken, zielstrebigen, ehrgeizigen, offenen und fröhlichen Mädchen eine von Selbstzweifeln zerfressene, depressive Frau werden konnte.
Ich habe die Depression als bedrohlich, angsteinflößend, lähmend, kräftezehrend, zerstörerisch, beängstigend und besitzergreifend erlebt. Sich ihr zu widersetzen und sich ihrer Macht zu entziehen, schien oft ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Doch etwas tief in mir hat mir zugeflüstert, dass es sich zu kämpfen lohnt. Es war eine leise, zarte Stimme, ein letzter kleiner Funke Licht in meinem dunklen Inneren, der mir sagte, dass es noch nicht vorbei ist. Ich bin dem Ruf der Stimme gefolgt und habe mich Schritt für Schritt zurück ins Leben gekämpft. Das Schreiben dieses Buches hat, neben den psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen, einen wichtigen Beitrag auf diesem Weg geleistet. Es war für mich nicht nur eine spannende Reise zu meinem tiefsten Selbst, sondern ich habe neue Erkenntnisse und Sichtweisen über mich und mein Leben gewonnen, tiefliegende Traumata an die Oberfläche geholt und überwunden, meinem Leben eine neue Richtung gegeben und ein umfassendes Verständnis über meine eigene Persönlichkeitsentwicklung erlangt. Heute bin ich unglaublich dankbar, dass ich dem Leben eine Chance gegeben habe und sagen kann: Danke, Depression, aber den Rest des Lebens gehe ich ohne dich.

Ich wünsche mir von Herzen, dass ich mit diesem Buch Betroffenen Hoffnung schenken und Mut machen kann, Hilfe anzunehmen und der leisen, lebensbejahenden Stimme in ihrem Inneren zu vertrauen und sich von ihr zurück ins Leben führen zu lassen.
Und dies ist meine Geschichte.




Mein Tiefpunkt


Die Septembersonne stand tief am Himmel und tauchte die Landschaft in ein warmes Gold. Ich war auf dem Heimweg von einem langen und anstrengenden Arbeitstag in den wohlverdienten und dringend notwendigen Feierabend. Für gewöhnlich nutze ich die Rückfahrt, um die Gedanken zu ordnen und die tausend To-dos auf meiner imaginären Liste in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, bevor ich zu Hause in den Mamamodus umschaltete. Um diese Zeit herrschte kaum Verkehr und da mein Unterbewusstsein die Strecke über die letzten Jahre zuverlässig abgespeichert hatte, legte ich den Weg inzwischen fast blind zurück, sodass ich mich ganz meinem nicht enden wollenden Gedankenstrom widmen konnte. Die letzte Ampel nahte und stand auf Rot. Wie immer. Normalerweise erreichte mein Stresslevel spätestens hier seinen Höhepunkt. Warum zum Geier stand diese Ampel immer auf Rot? Egal, wann ich hier ankam, egal, welche Geschwindigkeit ich hatte, diese verdammte Ampel zeigte immer Rot und bremste mich kurz vor meinem Ziel aus. Doch heute war kein gewöhnlicher Tag. Ich war weder genervt, noch stieg mein Stresspegel an, und als ich den Wagen anhielt und der Motor verstummte, verschwanden mit dem Motorengeräusch all meine Gedanken und jegliches Gefühl, als hätte jemand den Stecker meines Lebens gezogen. Mein Kopf war leer, die To-do-Liste vor meinem geistigen Auge war verschwunden und nicht ein Gedanke rauschte durch meine Gehirnwindungen. Ich fühlte mich kraftlos, die Arme waren schwer wie Blei und ich hatte Mühe, die Hände am Lenkrad zu halten. Mein Blick war ausdruckslos und starr geradeaus ins Nichts gerichtet. Ich war offline und saß einfach nur da, unfähig, mich zu bewegen oder zu denken.
Die Ampel sprang auf Grün, der Autopilot übernahm zuverlässig die Kontrolle und ich setzte die Fahrt in einem tranceähnlichen Zustand fort. Zu Hause angekommen, stieg ich aus dem Auto, schloss die Haustür auf, legte mich auf die Couch und tat … nichts. Ich lag einfach nur da und starrte gedankenverloren an die Decke, während sich das Vakuum weiter in mir ausbreitete, Besitz von mir ergriff und alles Leben verdrängte. Erst jetzt nahm ich diese Stille wahr. Ich war nicht nur frei von jedweden Gedanken, auch die sonst so laute Stimme in meinem Kopf war verstummt. Niemand war da, der mich mahnte, mir Vorwürfe machte oder mir sagte, wie unfähig und nutzlos ich sei. Zum ersten Mal, seit sie vor vielen Jahren in mein Leben getreten war, hüllte sie sich in Schweigen: meine innere Kritikerin Henriette. Bis zu jenem Morgen war sie die uneingeschränkte Herrscherin über mich und mein Leben, die zuverlässige Stimme in meinem Kopf, die nie schwieg und mit Kritik, Hohn und Spott nicht geizte. Doch Henriette war nicht da, hatte sich aus dem Staub gemacht, mich sitzen lassen und meine Emotionen und Gedanken gleich mitgenommen. Was blieb, war die beängstigende Stille und eine unglaubliche Leere. Was war nur mit mir passiert?

Warum hatte sich die Leere plötzlich wie ein grauer Schleier über mich und meine Seele gelegt? Wann war ich auf den düsteren und einsamen Weg ins Nichts abgebogen? Wo war die Freude, das Glück, die Zuversicht geblieben? Wann wurden meine Lebensfreude und mein unerschütterlicher Optimismus von Ängsten, Sorgen und Nöten verdrängt? Wann hatte ich aufgehört, das Leben und mich zu lieben, mir Fehler zu verzeihen und an mich und meine Fähigkeiten zu glauben? Warum stand ich der Welt und dem Leben nicht mehr offen und selbstbewusst gegenüber, sondern haderte mit mir, meinem Schicksal und meinem Leben und stellte mich und meinen Selbstwert immer wieder in Frage?
Wo war die unbeschwerte Kinderzeit geblieben, in der ich von der Neugier getrieben, vor Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen nur so strotzte und auf der Suche nach neuen Abenteuern war? Wann hatte die Welt aufgehört, der sicherste und schönste Ort zu sein, der darauf gewartet hatte, von mir entdeckt zu werden? Und vor allem: Warum?




Willkommen im Leben


Ich bin Junie, Junie Kind. Ich habe Ende der siebziger Jahre im südöstlichen Teil des Ruhrgebiets das Licht der Welt erblickt. Wie bereits meine dreieinhalb Jahre ältere Schwester Rieke war ich ein Wunschkind. Rieke konnte zwar auf meine Nachfragen nicht sicher sagen, dass sie sich eine Spielkameradin oder einen Spielkameraden gewünscht hatte, da sie aber ein eher schüchternes und zurückhaltendes Kind war und obendrein introvertiert und überaus angepasst, widersprach es ihrem Naturell, dass sie Wünsche äußerte, Forderungen stellte, Widerworte gab oder Dinge ablehnte. Sie war mit allem und jedem zufrieden und beklagte sich nie. Rieke zweifelte daher weder die Richtigkeit eines Geschwisterchens an, noch stellte sie die Entscheidung unserer Eltern in Frage. Da die Ratgeber wie „Wenn das zweite Kind kommt – als Familie zusammenwachsen“, „Geschwister – Gemeinsam statt einsam“ oder „Peter, Ida und Minimum: Familie Lindström bekommt ein Baby“ den Markt noch nicht erobert hatten und das liebevoll gestaltete Kinderbuch von Astrid Lindgren „Ich will auch Geschwister haben“ erst 1979 und damit für Rieke zwei Jahre zu spät erschien, blieb der Neuankömmling, in diesem Fall ich, für alle Beteiligten eine große Wundertüte. Selbst in Bezug auf das Geschlecht mussten werdende Eltern und Geschwister damals bis zur Geburt warten, denn obwohl die Basis für das biologische Geschlecht bereits mit der Befruchtung der Eizelle geschaffen wird: Auf eine klare Aussage zum Babygeschlecht musste man bis zur Entbindung warten. Und so ahnte niemand, was im Sommer 1977 das Licht der Welt erblickte: ein 3600 g schweres Wesen, verteilt auf gerade einmal 48 cm, mit einer überraschend kräftigen Stimme. Weder Rieke noch meine Eltern wussten zu diesem Zeitpunkt, welch willensstarkes und selbstbewusstes Energiebündel sich in den stetig wachsenden 48 cm verbarg.
Rieke war wie zu erwarten die verantwortungsbewusste große Schwester und unterstützte unsere Mutter nach Kräften beim Füttern und Wickeln. Doch mit der Zeit ließ ihre Euphorie spürbar nach, denn zu ihrem Bedauern stellte Rieke fest, dass ich zum Spielen gänzlich ungeeignet war und außerdem erschreckend viel Aufmerksamkeit genoss. Selbst wenn der Kinderwagen, in dem ich lag, vor lauter Brüllen bebte, schauten die Spaziergänger entzückt in den Wagen und sagten mir eine kräftige Stimme und ein großes Selbstbewusstsein nach, während Rieke still und artig danebenstand und ignoriert wurde. Doch wie immer beklagte sie sich nicht. Nur ein einziges Mal regte sich in ihr ein Hauch von Widerstand und sie wuchs über sich hinaus, als sie unsere Eltern zaghaft fragte, ob ich jetzt für immer bleiben würde. Der Schock war vermutlich groß, als unsere Eltern die Frage bejahten. Ich blieb und Rieke musste sich auf eine harte Zeit einstellen.

Die ersten Jahre verliefen nach Aussagen unserer Eltern sehr harmonisch. Rieke war nach wie vor brav und artig, wohingegen ich mich zu einem kleinen Wirbelwind entwickelte, den sprichwörtlichen Hansdampf in allen Gassen, voller Ideen und Tatendrang, überaus temperamentvoll und redegewandt, immer fröhlich und immer schmutzig. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können.
Mit drei Jahren begann ich, unser bis dato beschauliches Familienleben aufzumischen, und gab einen Vorgeschmack auf das, was an Energie und Willenskraft in mir steckte. Alles fing damit an, dass wir aus unserer Mietwohnung mit Balkon am Rande der Großstadt in ein Haus mit großem Garten in eine kinderreiche und beschauliche Wohnsiedlung zogen. Welche Kriterien meine Eltern bei der Wohnungssuche auch immer herangezogen hatten, die gute Infrastruktur zählte mit Sicherheit nicht dazu, denn es gab nur eine katholische Kirche, eine Sparkasse, eine Kneipe mit angrenzendem Tante-Emma-Laden, zwei konfessionelle Kindergärten und einen kleinen Lebensmittelladen, wo man die Dinge für den täglichen Bedarf zu horrenden Preisen erstehen konnte. Zudem verkehrten lediglich zwei Buslinien, die die Bewohner in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen in die nächstgelegene Stadt brachten. Schulen, Ärzte, Krankenhäuser oder einen Lebensmittelladen mit einem größeren Sortiment suchte man hier vergebens. Und dennoch war der Umzug hierher eine der besten Entscheidungen, die meine Eltern für mich und meine Schwester treffen konnten. Denn der Reiz der Siedlung lag nicht in der Infrastruktur, sondern in der Herzlichkeit der Menschen, die dort lebten. Im Gegensatz zu der Anonymität der Großstadt wurde Nachbarschaft hier noch großgeschrieben und gelebt, sodass sich zu Beginn der 80er-Jahre einige Bewohner zusammenschlossen und eine Siedlergemeinde gründeten, die mit viel Engagement, Leidenschaft und Herzblut Kinder- und Sommerfeste veranstaltete, einen eigenen Martinsumzug organisierte und Theaterstücke initiierte, die im Gemeindehaus aufgeführt wurden. Die Siedlung war zudem von einem großen Buchenwald umgeben, durch den ein Bach führte, der uns magisch anzog und Weideflächen freigab, auf denen wir im Winter Schlitten fahren konnten. Für uns Kinder war es das Paradies und jedes Kind, das hier aufwachsen durfte, konnte sich glücklich schätzen, mich eingeschlossen. Dumm nur, dass ich das nicht erkannte, denn zu meinem Unmut beschränkte sich mein Aktionsradius auf den heimischen Garten und an all den Aktivitäten außerhalb der Hauseinfahrt durfte ich nur in Begleitung meiner Eltern teilnehmen. Während meine große Schwester draußen auf der Straße mit den anderen Kindern spielte, saß ich schmollend auf der obersten der vierzehn Treppenstufen, die zu unserer Eingangstür führten, und war unfreiwillig stiller Beobachter statt aktives Mitglied. Ich verstand nicht, warum ich das Grundstück mit meinen drei Jahren nicht verlassen durfte und zusehen musste, während vor dem Haus das Leben pulsierte, ahnte nichts von den Gefahren, die meine Mutter sah, und wollte nicht hören, dass ich zu klein war. Statt, wie Rieke es zu tun pflegte und die Entscheidung meiner Eltern einfach akzeptierte, versuchte ich es mit Betteln, Flehen und dicken Krokodilstränen, bis sich meine Mutter, vermutlich genervt von dem ständigen Gequengel und den Diskussionen, kompromissbereit zeigte und sich mit einem Gartenstuhl auf die wenig befahrene Straße vor unserem Haus setzte, von wo aus sie mich im Auge behielt, während ich mit den Großen begann, die Welt zu erobern. Nach und nach vergrößerte sich mein Aktionsradius, bis irgendwann Straßenschilder mit der Aufschrift „Vorsicht, spielende Kinder“, die am oberen und unteren Ende der Straße aufgestellt wurden, die Aufsicht meiner Mutter ersetzten und meinen maximalen Bewegungskreis markierten. Mein erster Schritt Richtung Unabhängigkeit und Freiheit war vollbracht und dies sollte erst der Anfang sein.

Pünktlich mit meiner neu gewonnenen Freiheit begannen die 80er-Jahre und mit ihnen eroberten Rollschuhe und Gummitwist, die Schwarzwaldklinik und Knight Rider, Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen, Götterspeise und Nudelsalat, Regina Regenbogen und die Glücksbärchen die Welt und mein Kinderherz. Es war die Zeit, als neonfarbene Leggings und Stulpen mit Stolz und Würde getragen wurden, der VHS-Videorekorder das Wohnzimmer revolutionierte, wir an die Kraft des Duracell-Hasen glaubten, die Langnese-Werbung ein Highlight war und als Twix noch Raider hieß.
Im Gegensatz zu der Generation, die nach der Jahrtausendwende geboren wurde, waren wir naturverbunden, kreativ und sehr gesellig, und das nicht nur deshalb, weil es lediglich drei Fernsehprogramme gab und der Fernseher in der Regel erst in den Abendstunden pünktlich um 20:00 Uhr zu den Nachrichten eingeschaltet wurde, wenn es für uns Zeit war, ins Bett zu gehen. Auch das Wort Streaming war im deutschen Sprachgebrauch noch nicht angekommen und statt unserer Aufmerksamkeit diversen Spielekonsolen zu widmen, spielten wir mit dem Kaufmannsladen und kauften nach Herzenslust Bananen, Äpfel und Brot aus Holz oder stempelten Briefe in der Kinderpost aus Pappe. Wir waren weder auf der Suche nach virtuellen Pokémons noch hatten Tablets, Smartphones und Co. Einfluss auf unsere kindliche Entwicklung oder beeinträchtigten diese. Jeder Haushalt besaß genau ein Telefon, mit dem man ausschließlich telefonieren konnte. Ich war damals davon überzeugt, dass das Telefon ein überaus kostbares und seltenes Gut war, da es mit einem Kabel fest mit der Wand verbunden war – zur Sicherheit, wie ich annahm. Unser einziges elektronisches Spielzeug stellte der Kassettenrekorder dar, den ich mir allerdings mit meiner Schwester teilte und aus dem abwechselnd Biene Maja und Benjamin Blümchen und später „Die drei ???“ oder „TKKG“ ertönten, je nachdem, wer den Kampf um die Auswahl des Hörspiels gewonnen hatte. Aber dafür machten wir unsere Erfahrungen in der realen Welt mit echten Menschen in der freien Natur. Ein Hoch auf alle, die vor dem Technikwahn geboren wurden und aufwachsen durften. Am liebsten spielten wir allerdings mit den anderen Kindern draußen, stachen auf dem Spielplatz vom Klettergerüst aus in See, malten mit Kreide auf der Straße, backten für die Nachbarschaft Sandkuchen, spielten Verstecken in den umliegenden Gärten oder veranstalteten Straßenrennen, bei denen Kettcars und Fahrräder an den Start gingen. Ich liebte es, mich todesmutig die Straßen hinunterzustürzen und kannte weder Angst, noch gab es für mich Grenzen. Obwohl ich nur im Besitz eines einfachen Rutschfahrzeugs war, das weder über ein Lenkrad noch über eine Bremse verfügte und damit alles andere als konkurrenzfähig war, hielt es mich nicht davon ab, an den Rennen teilzunehmen. Und so raste ich ungebremst die lange Zufahrtsstraße unserer Nachbarn herunter, begleitet von viel Lärm, der durch die Hartplastikrollen verursacht wurde, und hatte einen Riesenspaß. Für meinen Mut und meine Furchtlosigkeit wurde ich mit Anerkennung belohnt und verschaffte mir bei den älteren Kindern Respekt, erhielt Aufmerksamkeit und wurde immerhin in ihrem Kreis geduldet.
...

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