Bulimie-Frei!
Aus dem Teufelskreis in ein erfülltes Leben
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-99185-185-1
Erscheinungsdatum: 09.07.2026
„Bulimiefrei!“ ist Dein Weckruf: Andrea Ammann zeigt Dir in einem klaren 7-Stufen-Plan, wie Du den Teufelskreis aus Scham, Kontrolle und Ess-Brech-Anfällen durchbrichst – und Dir endlich Dein Leben zurückholst.
Teil 1
Dein Weckruf:
Endlich den Schritt in die Freiheit wagen
1
Ich kann nicht mehr:
Wenn deine Seele leise „Hilfe!“ flüstert
Lange habe ich diesen einen Satz mit mir herumgetragen: „Ich kann nicht mehr.“ Es gab keinen Schrei, keine Szene. Er tönte leise in mir, beinahe sanft, aber letztlich dennoch mit einer Kraft, die mir den Boden unter den Füßen wegzog. Dieser Gedanke tauchte auf, wenn ich eigentlich funktionieren sollte, in Situationen, in denen keine Schwäche erlaubt war. Zwar wirkte ich präsent, funktionierte tadellos und erfüllte Erwartungen, doch innerlich war ich aus dem Gleichgewicht geraten, und es fühlte sich an, als würde mein Inneres gegen mich arbeiten. Ich versuchte, es zu übergehen – vielleicht aus Stolz, vielleicht aus Furcht. Tief in mir wusste ich allerdings, dass es keine flüchtigen Momente waren und auch keine Stimmung, die vorübergeht. Als ich endlich auf meine innere Stimme hörte, war es ein Wendepunkt, der mein Leben infrage stellte und gleichzeitig die Möglichkeit eröffnete, neu zu beginnen.
Womöglich kommt dir das bekannt vor. Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, verspürst du einen Druck, der wie eine bleierne Schwere auf dir lastet. Die Augen öffnen sich und mit ihnen kehrt sofort die Frage zurück, wie du es schaffen sollst, einen weiteren Tag zu überstehen, ohne dass jemand etwas merkt. Du erledigst, was ansteht. Du entsprichst den Anforderungen, die man an dich stellt, und gibst dir Mühe, stark zu wirken. Nach außen scheinst du auch alles im Griff zu haben, doch in dir regt sich etwas anderes: eine tief sitzende Müdigkeit und ein Gefühl, das kaum greifbar ist, aber dich immer stärker hinunterzieht. Trotzdem machst du weiter, weil du gelernt hast, dich selbst zu übergehen, und weil es einfacher scheint, die Fassade aufrechtzuerhalten, als zu zeigen, wie es wirklich in dir aussieht.
Die Müdigkeit, die ich damals verspürte, hatte nichts mit zu wenig Schlaf oder dem Alltag mit kleinen Kindern zu tun. Es war die Erschöpfung durch ein Leben, das sich nicht mehr wie mein eigenes anfühlte. Ich lebte in einem Rhythmus, der mich auszehrte, Tag für Tag. Der Gedanke, noch länger weiterzumachen, erschien mir irgendwann unerträglich. Aber aufzuhören war genauso unvorstellbar. Ich wusste nur: Wenn ich weiter so tue, als wäre alles in Ordnung, zerbreche ich. Doch mit jemandem darüber zu sprechen, schien unmöglich. Wie sollte ich erklären, dass nach außen hin alles stabil wirkte, während ich innerlich längst zerbrochen war?
Ich erinnere mich an einen Abend, der bis heute in mir nachhallt: Mein Baby schlief ruhig in meinen Armen, seine ältere Schwester lag neben mir. Ich war erschöpft bis in die Knochen – körperlich wie mental. Obwohl ich wusste, dass ich gebraucht wurde, konnte ich nicht mehr aufstehen, nicht reagieren, nicht mehr für irgendetwas oder irgendwen da sein. Das war nicht so, weil mir meine Kinder gleichgültig gewesen wären, ich konnte mich einfach selbst nicht mehr aushalten. In mir wuchs der Wunsch nach Rückzug. Ich wollte verschwinden, wenigstens für eine Weile. Ruhe und Stille – niemand, der etwas von mir erwartet. Für einen Augenblick glaubte ich, der Tod könne mir diese Erlösung bringen. Nicht, weil ich nicht mehr leben mochte, ich wollte einfach nur aufhören, zu kämpfen. Doch als ich meine Mädchen ansah, wusste ich, dass ich bleiben muss – für sie, nicht für mich. Sie allein zurückzulassen, war keine Option.
Das war mein tiefster Punkt und letztlich der Moment, in dem mir klar wurde: Etwas muss sich ändern. Wie, das musste ich noch nicht wissen. Ich musste nur anerkennen, dass dieses Leben längst keines mehr war. Ich hangelte mich von Tag zu Tag, gefangen in einem Zustand, der sich wie ständiger Stillstand anfühlte. Aber wer sich zu lange auf dieser Linie bewegt, stürzt irgendwann ab – ohne Ausnahme.
Wenn du in dir einen leisen Hilferuf vernehmen kannst, dann höre hin! Warte nicht darauf, dass aus dem Flüstern ein Schrei wird. Ich habe beinahe zu spät erkannt, was mit mir geschieht. Fast zwei Jahrzehnte lang glaubte ich, Stärke bedeute, alles allein zu schaffen. Schwäche einzugestehen, erschien mir hingegen wie ein Versagen, und der Wunsch nach Unterstützung wie ein Zeichen dafür, dass ich nicht genüge. Erst viel später habe ich verstanden, dass wahre Stärke in der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen liegt. Nur wer den Mut hat, hinzusehen, öffnet sich der Heilung. Wer Hilfe zulässt, handelt nicht aus Schwäche – er übernimmt Verantwortung für sich selbst. Wenn man aufhört, sich etwas vorzumachen, ist das der erste Schritt in ein Leben, das einen wieder atmen lässt.
Viele Frauen, die heute zu mir kommen, stehen an einem ähnlichen Punkt: Nach außen hin wirken sie ausgeglichen, belastbar und klar, doch unter der Oberfläche regt sich eine innere Unruhe, die sich nicht mehr beruhigen lässt. Es ist eine Reaktion auf ein Leben, das sich nur noch wie ein Funktionieren anfühlt. Oft glauben sie, mit ihnen stimme etwas nicht – dass sie nicht genug seien oder sie sich einfach mehr anstrengen müssten. Aber was sich da bemerkbar macht, ist nichts anderes als ein Überlebensimpuls, eine leise, aber klare Botschaft: Es ist Zeit für eine Veränderung. Es ist Zeit für Ehrlichkeit, um sich selbst nicht länger zu verlieren.
Ich weiß, wie schwer es ist, diesen inneren Ruf ernst zu nehmen. Es bedeutet, sich selbst einzugestehen, dass etwas zu Ende geht – nicht, weil man versagt hat, sondern weil man zu lange durchgehalten hat.
Den eigenen Kreislauf aus Selbstbetrug zu durchbrechen, verlangt mehr Mut, als jede Fassade aufrechtzuerhalten.
Dafür brauchte ich viele Anläufe. Immer wieder versuchte ich, loszulassen, und fiel doch in alte Muster zurück. Trotzdem war jedes Aufgeben und jeder Moment der Erschöpfung ein kleiner, stiller Schritt in Richtung Veränderung, denn dadurch wuchs in mir die Ahnung, dass es auch anders geht.
Wenn du heute an genau diesem Punkt angelangt bist, wenn du diesen Satz, dieses „Ich kann nicht mehr“, nicht nur kennst, sondern tief in dir spürst, dann möchte ich dir etwas ganz wichtiges sagen: Du bist nicht allein, du bist nicht falsch und du bist auch nicht kaputt. Was du fühlst, ist der Versuch deiner Seele, endlich gehört zu werden. Es ist der Teil in dir, der sich nicht länger anpassen will. Er weiß, dass da mehr ist als ein Leben, das nur funktioniert. Du benötigst kein perfektes Konzept für den Weg aus der Erschöpfung. Du musst dir lediglich die Erlaubnis geben, wieder du selbst zu sein – ohne Maske, ohne Anpassung und ohne diesen ständigen inneren Widerstand.
Dieses Buch will dich nicht mit einfachen oder schnellen Lösungen trösten. Es möchte dir nichts vormachen und keine falschen Versprechen geben. Stattdessen ist es ehrlich, direkt und vielleicht auch schmerzhaft. Aber es wird dir zeigen, dass Veränderung möglich ist – auch dann, wenn alles schon lange aussichtslos scheint. Ich selbst habe fast zwanzig Jahre gebraucht, um aus meinem zermürbenden Kreislauf aus Fressen und Kotzen und dem penibel organisierten Leben dahinter auszubrechen. Letztlich war ich nicht besonders diszipliniert oder stark. Es gelang mir nur, weil ich irgendwann den Mut aufbrachte, genau hinzusehen. Der erste Schritt bestand nicht darin, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Er begann, als ich mir erlaubte, zu fühlen, was wirklich in mir vorging. Er begann, als ich anerkannte, dass es so nicht weitergeht und dass das für den Moment absolut in Ordnung ist.
Vielleicht passiert das jetzt auch bei dir? Womöglich liest du diese Zeilen und spürst zum ersten Mal, dass du dir selbst nicht mehr aus dem Weg gehen möchtest. Dann machst du hier deinen ersten, ganz wichtigen Schritt auf dich zu. Er muss nicht groß sein, nicht durchgeplant, nicht perfekt. Es reicht, wenn er wahr ist, denn aus Wahrheit wächst alles, was erweitert, verändert und trägt.
2
Wenn dein ganzes Leben
von der Bulimie beherrscht wird
Zunächst wirkt es harmlos. Du redest dir ein, dass es nur vorübergehend ist – eine Reaktion auf Stress, eine Phase, die bald vorbei ist. Du glaubst, du hättest alles unter Kontrolle. Doch irgendwann beginnt die Bulimie, deinen Alltag zu steuern, schleichend, fast unbemerkt, aber mit zunehmender Macht, bis es nicht mehr du bist, die entscheidet, und die Bulimie zur alles dominierenden Konstante in deinem Leben geworden ist. Sie ist da, sobald du die Augen öffnest, und bleibt, bis du wieder einschläfst. Sie denkt mit, lenkt deine Entscheidungen und bestimmt, wann du essen darfst, ob du essen darfst und welchen Preis du dafür bezahlen oder wie du dich dafür bestrafen musst.
Ab einem gewissen Punkt hörte ich auf, mich zu fragen, was ich da eigentlich tat. Mein Alltag war vollständig von einem System aus Angst, Planung, Lügen und Kontrolle beherrscht. Fast alle meine Gedanken kreisten nur noch um die Sucht: um das Fressen und Kotzen. Ich organisierte mein Leben darum herum, baute meinen Tag so auf, dass ich nicht aufflog. Der Rest war Fassade. Ich funktionierte dort, wo es notwendig war – im Beruf, als Partnerin und als Mutter. Aber nichts in meinem Alltag war mehr frei, spontan, lebendig oder freudvoll. Jeder Termin, jede Mahlzeit, jeder soziale Kontakt musste sich in ein enges Raster einfügen. Sobald etwas Ungeplantes geschah – ein Kind, das im Schlaf weinte, ein Mensch, der plötzlich zu früh auftauchte –, drohte das gesamte Konstrukt zu zerbrechen. Die Bulimie hatte mein Leben übernommen, auch wenn ich lange geglaubt hatte, dass ich die Zügel in der Hand hielt.
Ich lebte in zwei Welten. Eine war für andere sichtbar: Hier agierte ich strukturiert, freundlich und zuverlässig. Die andere fand im Verborgenen statt: Dort bestimmten heimliche Fressanfälle, Ausreden, Schuldgefühle und Scham meinen Alltag. Zwischen diesen beiden Realitäten wechselte ich hin und her, als gäbe es keinen festen Boden. Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, welche Version von mir die wahre war.
Das macht diese Krankheit so zerstörerisch. Sie tritt wie ein Zeichen von Stärke auf, als Ausdruck von Disziplin. Doch in Wahrheit ist sie ein Kerker – eine Sucht, die langsam alles in dir zerstört. Und das Schlimmste daran: An einem gewissen Punkt erkennst du es glasklar und weißt, dass du dir damit schadest und dich damit täglich selbst massiv missbrauchst. Aber du bist schon so tief gefallen, dass du nicht mehr aufhören kannst! Die Angst, ohne sie den Halt zu verlieren, ist in dieser Phase oft noch viel größer als der Schmerz, mit dieser „besten Freundin“ – wie die Bulimie von Betroffenen oft genannt wird – weiterzumachen.
Auch ich war überzeugt, sie brauche mich – oder ich sie. Ohne sie, so dachte ich, verliere ich die Kontrolle und damit auch meine Figur und meinen Wert. Heute sehe ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt längst alles verloren hatte, was zählt – vor allem mich selbst! Für Außenstehende ist diese elend tiefe Belastung kaum zu greifen. Wer nie erlebt hat, wie es ist, zwanzigmal am Tag auf die Waage zu steigen und sich selbst nonstop zu bewerten wird diese innere Besessenheit nicht verstehen. Wer nie ein ganzes Wochenende unter einer Decke verschwunden ist – angeblich krank, in Wahrheit gefangen in einem Kreislauf aus Essen und Erbrechen –, kann kaum ermessen, wie erschöpfend dieses Doppelleben ist. Jede Lüge zehrt an dir. Irgendwann bleiben nur noch Isolation, Entfremdung und ein tiefes Alleinsein.
Viele Frauen erzählen mir, dass sie gar nicht mehr wissen, wer sie ohne die Bulimie wären. Sie haben sich so lange über Kontrolle, Struktur, Perfektionismus und Disziplin definiert, dass kaum noch Platz für etwas anderes ist. Der Alltag dreht sich um Regeln, Zahlen und Verbote, darum, unbemerkt genügend Essen zu beschaffen, es in sich hineinzustopfen und es mit unterschiedlichen Strategien wieder loszuwerden. Was sie jedoch wirklich brauchen oder empfinden, geht im Zwang dieses inneren Systems unter. Freude wird zu einer Erinnerung, die immer mehr verblasst. Ihr gesamtes Leben verliert an Farbe und ist bald nur noch von grau-schwarze Tönen umhüllt.
Heute begreife ich es: Die Bulimie war meine Droge – keine greifbare Substanz, sondern ein selbst entwickeltes System. Es versprach mir Sicherheit, Stärke und Perfektion. Aber in Wahrheit war ich abhängig, und zwar von dem Gefühl, alles im Griff zu haben, während ich mich selbst immer mehr verlor.
Wenn du dich darin wieder erkennst, dann möchte ich dir etwas wichtiges mitgeben: Es ist nicht deine Schuld. Du bist weder schwach noch verrückt noch hast du etwas falsch gemacht. Du hast in einem System überlebt, das dir in einer bestimmten Phase geholfen hat am Leben zu bleiben. Aber heute darfst du dich ganz ehrlich fragen, ob es dich noch schützt oder längst zerstört. Du darfst deine Kraft, dein Leben und deine Energie zurückholen und aufhören, dich an etwas festzuklammern, das dich immer weiter erschöpft und von Tag zu Tag noch tiefer sinken lässt.
Du musst nicht mehr glauben, dass es normal ist, den eigenen Wert und das Wohlbefinden an einer Zahl festzumachen. Es ist nicht normal, das Leben um Verstecke und Lügen herumzubauen. Auch ist es nicht normal, sich selbst zu missbrauchen, sich für Hunger zu verurteilen oder sich für das Bedürfnis, zu essen, zu spüren und zu leben schuldig zu fühlen. Viel zu lange glaubte ich diese Lügen selbst. Heute weiß ich, dass ein Leben ohne diesen inneren Zwang möglich ist, eines mit Raum für echte Freude, Nähe, Liebe, Respekt, Dankbarkeit und Selbstachtung. Du musst jetzt nicht wissen, wie das gehen soll, aber du darfst heute damit anfangen, daran zu glauben, dass ein anderes, freies Leben auch für dich möglich ist und dass du es verdient hast.
3
Das Gefühl, nicht in diese Welt
zu passen
Schon als Kind hatte ich das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören und irgendwie nicht in diese Welt zu passen. Ich wusste nicht, woran es lag, es war nur so ein Gefühl. Schließlich legte ich dieses Gefühl zur Seite, war ruhig und machte, was von mir erwartet wurde. Dennoch war da immer ein Hauch von diesem Fremdsein. Zum Beispiel nahm ich Dinge und Energien wahr, die andere nicht bemerkten. Noch bevor jemand etwas sagte, war mir klar, wie die Stimmung am Tisch, in der Familie oder im Klassenraum war. Ich fühlte, wenn ein Lächeln nicht echt war und erkannte die Traurigkeit oder den Schmerz dahinter. Auch dann, wenn niemand ein Wort darüber verlauten ließ. Stets wusste ich genau, wann ich mich zurücknehmen sollte und habe schnell gelernt, dass es besser war, mich anzupassen um nicht aufzufallen.
Ich habe mir diese hochsensitiven Fähigkeiten viel wahrzunehmen nicht bewusst angeeignet. Sie waren einfach da, und sie waren mir meist zu viel. Ich konnte mit ihnen nicht umgehen. Diese Intensität betraf nicht nur mein Gegenüber, sondern auch mein eigenes Erleben: Freude, Trauer, Glück aber auch Schmerz und vieles mehr. Wenn mich jemand kritisierte, traf es mich tief in meiner Seele. Ich verstand nicht, warum andere einfach weitermachten, während ich innerlich immer mehr zerbrach. So dachte ich, mit mir stimme etwas nicht. Ich bin einfach zu empfindlich, nicht richtig und unpassend so wie ich bin. Andere Kinder wirkten frei. Ich aber zog mich zurück und fühlte mich viel wohler, wenn ich allein war. Gern war ich draußen oder las. Meistens träumte ich vor mich hin oder beobachtete andere beim spielen. Anstatt mitzumachen stand ich daneben – nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wirklich dabei und auf keinen Fall mittendrin.
Zu Hause bekam ich früh vermittelt, dass meine Sensibilität stört. Wenn ich etwas spürte, sollte ich es für mich behalten. Stellte ich Fragen, war ich anstrengend, und wenn ich Gefühle zeigte, galt das als übertrieben. Also begann ich zu schweigen. Ich versuchte, herauszufinden, wie ich mich verhalten musste, damit es keinen Ärger gab. Damit ordnete ich mich immer mehr unter, passte mich an und zog mich zurück, sobald eine Situation angespannt wurde.
Doch während ich nach außen hin ruhig wirkte, tobte es in meinem Inneren. Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen sich in mir eine Welle voller Empfindungen aufstaute. Zwar wollte ich sagen, was ich spürte, und ausdrücken, was ich hörte und sah, aber mir fehlten die Worte. Ich wusste nicht, wie ich all das benennen sollte was ich wahrnahm, und hatte auch niemanden, der es hätte hören wollen. Deshalb blieb es in mir. Still trug ich es mit mir herum. Doch diese Überfülle an Eindrücken, Wahrnehmungen und unausgesprochenem Wissen war schlichtweg zu erdrückend. Rückblickend weiß ich, dass später die Essstörung mein Versuch war, mich zu erlösen – nicht vor der Welt, sondern vor all dem viel zu intensivem in mir, was keinen Ausdruck fand.
Das Gefühl, nicht dazuzugehören, hat mich geprägt. Ich war dabei, aber innerlich immer ein Stück entfernt. Ich machte mit und lachte, doch ich fühlte mich nicht mit anderen verbunden – nicht in der Schule und auch nicht auf Festen, im Berufsleben oder in Beziehungen. Oft war ich von Menschen umgeben, aber nicht wirklich anwesend. Es fühlte sich an, als würde eine unsichtbare Wand zwischen mir und der Welt stehen, durch die niemand zu mir durchdringen könnte.
Diese Fremdheit machte es mir auch unglaublich schwer, mich selbst anzunehmen. Also versuchte ich weiterhin, mich anzupassen. Ich sagte, was andere hören wollten, und setzte alles daran, die Wünsche und Bedürfnisse meiner Mitmenschen zu erfüllen. Ich wollte dazugehören, gefallen und auf keinen Fall auffallen. Aber dabei schob ich mich selbst immer weiter weg. Im Außen funktionierte ich, aber in mir wurde es eng, es gab keinen Raum mehr für mich selbst: Ich war ständig damit beschäftigt zu erkennen, was andere fühlten und brauchten. Damit war ich so vollgestopft mit Gefühlen, Wahrnehmungen und Empfindungen, die ich nicht zeigen oder mitteilen konnte. Irgendwann musste das alles raus, und weil ich keinen anderen Weg fand, begann ich, zu essen. Mit Hunger oder Genuss hatte das nichts zu tun. Ich aß und aß und dann kotzte ich alles heraus. Es war das Einzige, was mir für einen Moment Luft verschaffte. Ich wusste nicht, wie ich sonst mit diesem inneren Druck hätte umgehen sollen.
Viele Frauen, mit denen ich heute arbeite, erzählen mir von genau diesem Kreislauf – von dem ständigen Anpassen, dem inneren Druck, dem heimlichen Essen und dem anschließenden Erbrechen. Sie haben von diesem Kampf nicht irgendwo gelesen, sondern ihn am eigenen Körper durchlebt. Ein Leben lang haben sie sich bemüht, in Strukturen zu passen, die sich nie richtig angefühlt haben. Ihre feine Wahrnehmung wurde belächelt oder kritisiert, ihre Empfindsamkeit galt als übertrieben oder unpassend.
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Dein Weckruf:
Endlich den Schritt in die Freiheit wagen
1
Ich kann nicht mehr:
Wenn deine Seele leise „Hilfe!“ flüstert
Lange habe ich diesen einen Satz mit mir herumgetragen: „Ich kann nicht mehr.“ Es gab keinen Schrei, keine Szene. Er tönte leise in mir, beinahe sanft, aber letztlich dennoch mit einer Kraft, die mir den Boden unter den Füßen wegzog. Dieser Gedanke tauchte auf, wenn ich eigentlich funktionieren sollte, in Situationen, in denen keine Schwäche erlaubt war. Zwar wirkte ich präsent, funktionierte tadellos und erfüllte Erwartungen, doch innerlich war ich aus dem Gleichgewicht geraten, und es fühlte sich an, als würde mein Inneres gegen mich arbeiten. Ich versuchte, es zu übergehen – vielleicht aus Stolz, vielleicht aus Furcht. Tief in mir wusste ich allerdings, dass es keine flüchtigen Momente waren und auch keine Stimmung, die vorübergeht. Als ich endlich auf meine innere Stimme hörte, war es ein Wendepunkt, der mein Leben infrage stellte und gleichzeitig die Möglichkeit eröffnete, neu zu beginnen.
Womöglich kommt dir das bekannt vor. Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, verspürst du einen Druck, der wie eine bleierne Schwere auf dir lastet. Die Augen öffnen sich und mit ihnen kehrt sofort die Frage zurück, wie du es schaffen sollst, einen weiteren Tag zu überstehen, ohne dass jemand etwas merkt. Du erledigst, was ansteht. Du entsprichst den Anforderungen, die man an dich stellt, und gibst dir Mühe, stark zu wirken. Nach außen scheinst du auch alles im Griff zu haben, doch in dir regt sich etwas anderes: eine tief sitzende Müdigkeit und ein Gefühl, das kaum greifbar ist, aber dich immer stärker hinunterzieht. Trotzdem machst du weiter, weil du gelernt hast, dich selbst zu übergehen, und weil es einfacher scheint, die Fassade aufrechtzuerhalten, als zu zeigen, wie es wirklich in dir aussieht.
Die Müdigkeit, die ich damals verspürte, hatte nichts mit zu wenig Schlaf oder dem Alltag mit kleinen Kindern zu tun. Es war die Erschöpfung durch ein Leben, das sich nicht mehr wie mein eigenes anfühlte. Ich lebte in einem Rhythmus, der mich auszehrte, Tag für Tag. Der Gedanke, noch länger weiterzumachen, erschien mir irgendwann unerträglich. Aber aufzuhören war genauso unvorstellbar. Ich wusste nur: Wenn ich weiter so tue, als wäre alles in Ordnung, zerbreche ich. Doch mit jemandem darüber zu sprechen, schien unmöglich. Wie sollte ich erklären, dass nach außen hin alles stabil wirkte, während ich innerlich längst zerbrochen war?
Ich erinnere mich an einen Abend, der bis heute in mir nachhallt: Mein Baby schlief ruhig in meinen Armen, seine ältere Schwester lag neben mir. Ich war erschöpft bis in die Knochen – körperlich wie mental. Obwohl ich wusste, dass ich gebraucht wurde, konnte ich nicht mehr aufstehen, nicht reagieren, nicht mehr für irgendetwas oder irgendwen da sein. Das war nicht so, weil mir meine Kinder gleichgültig gewesen wären, ich konnte mich einfach selbst nicht mehr aushalten. In mir wuchs der Wunsch nach Rückzug. Ich wollte verschwinden, wenigstens für eine Weile. Ruhe und Stille – niemand, der etwas von mir erwartet. Für einen Augenblick glaubte ich, der Tod könne mir diese Erlösung bringen. Nicht, weil ich nicht mehr leben mochte, ich wollte einfach nur aufhören, zu kämpfen. Doch als ich meine Mädchen ansah, wusste ich, dass ich bleiben muss – für sie, nicht für mich. Sie allein zurückzulassen, war keine Option.
Das war mein tiefster Punkt und letztlich der Moment, in dem mir klar wurde: Etwas muss sich ändern. Wie, das musste ich noch nicht wissen. Ich musste nur anerkennen, dass dieses Leben längst keines mehr war. Ich hangelte mich von Tag zu Tag, gefangen in einem Zustand, der sich wie ständiger Stillstand anfühlte. Aber wer sich zu lange auf dieser Linie bewegt, stürzt irgendwann ab – ohne Ausnahme.
Wenn du in dir einen leisen Hilferuf vernehmen kannst, dann höre hin! Warte nicht darauf, dass aus dem Flüstern ein Schrei wird. Ich habe beinahe zu spät erkannt, was mit mir geschieht. Fast zwei Jahrzehnte lang glaubte ich, Stärke bedeute, alles allein zu schaffen. Schwäche einzugestehen, erschien mir hingegen wie ein Versagen, und der Wunsch nach Unterstützung wie ein Zeichen dafür, dass ich nicht genüge. Erst viel später habe ich verstanden, dass wahre Stärke in der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen liegt. Nur wer den Mut hat, hinzusehen, öffnet sich der Heilung. Wer Hilfe zulässt, handelt nicht aus Schwäche – er übernimmt Verantwortung für sich selbst. Wenn man aufhört, sich etwas vorzumachen, ist das der erste Schritt in ein Leben, das einen wieder atmen lässt.
Viele Frauen, die heute zu mir kommen, stehen an einem ähnlichen Punkt: Nach außen hin wirken sie ausgeglichen, belastbar und klar, doch unter der Oberfläche regt sich eine innere Unruhe, die sich nicht mehr beruhigen lässt. Es ist eine Reaktion auf ein Leben, das sich nur noch wie ein Funktionieren anfühlt. Oft glauben sie, mit ihnen stimme etwas nicht – dass sie nicht genug seien oder sie sich einfach mehr anstrengen müssten. Aber was sich da bemerkbar macht, ist nichts anderes als ein Überlebensimpuls, eine leise, aber klare Botschaft: Es ist Zeit für eine Veränderung. Es ist Zeit für Ehrlichkeit, um sich selbst nicht länger zu verlieren.
Ich weiß, wie schwer es ist, diesen inneren Ruf ernst zu nehmen. Es bedeutet, sich selbst einzugestehen, dass etwas zu Ende geht – nicht, weil man versagt hat, sondern weil man zu lange durchgehalten hat.
Den eigenen Kreislauf aus Selbstbetrug zu durchbrechen, verlangt mehr Mut, als jede Fassade aufrechtzuerhalten.
Dafür brauchte ich viele Anläufe. Immer wieder versuchte ich, loszulassen, und fiel doch in alte Muster zurück. Trotzdem war jedes Aufgeben und jeder Moment der Erschöpfung ein kleiner, stiller Schritt in Richtung Veränderung, denn dadurch wuchs in mir die Ahnung, dass es auch anders geht.
Wenn du heute an genau diesem Punkt angelangt bist, wenn du diesen Satz, dieses „Ich kann nicht mehr“, nicht nur kennst, sondern tief in dir spürst, dann möchte ich dir etwas ganz wichtiges sagen: Du bist nicht allein, du bist nicht falsch und du bist auch nicht kaputt. Was du fühlst, ist der Versuch deiner Seele, endlich gehört zu werden. Es ist der Teil in dir, der sich nicht länger anpassen will. Er weiß, dass da mehr ist als ein Leben, das nur funktioniert. Du benötigst kein perfektes Konzept für den Weg aus der Erschöpfung. Du musst dir lediglich die Erlaubnis geben, wieder du selbst zu sein – ohne Maske, ohne Anpassung und ohne diesen ständigen inneren Widerstand.
Dieses Buch will dich nicht mit einfachen oder schnellen Lösungen trösten. Es möchte dir nichts vormachen und keine falschen Versprechen geben. Stattdessen ist es ehrlich, direkt und vielleicht auch schmerzhaft. Aber es wird dir zeigen, dass Veränderung möglich ist – auch dann, wenn alles schon lange aussichtslos scheint. Ich selbst habe fast zwanzig Jahre gebraucht, um aus meinem zermürbenden Kreislauf aus Fressen und Kotzen und dem penibel organisierten Leben dahinter auszubrechen. Letztlich war ich nicht besonders diszipliniert oder stark. Es gelang mir nur, weil ich irgendwann den Mut aufbrachte, genau hinzusehen. Der erste Schritt bestand nicht darin, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Er begann, als ich mir erlaubte, zu fühlen, was wirklich in mir vorging. Er begann, als ich anerkannte, dass es so nicht weitergeht und dass das für den Moment absolut in Ordnung ist.
Vielleicht passiert das jetzt auch bei dir? Womöglich liest du diese Zeilen und spürst zum ersten Mal, dass du dir selbst nicht mehr aus dem Weg gehen möchtest. Dann machst du hier deinen ersten, ganz wichtigen Schritt auf dich zu. Er muss nicht groß sein, nicht durchgeplant, nicht perfekt. Es reicht, wenn er wahr ist, denn aus Wahrheit wächst alles, was erweitert, verändert und trägt.
2
Wenn dein ganzes Leben
von der Bulimie beherrscht wird
Zunächst wirkt es harmlos. Du redest dir ein, dass es nur vorübergehend ist – eine Reaktion auf Stress, eine Phase, die bald vorbei ist. Du glaubst, du hättest alles unter Kontrolle. Doch irgendwann beginnt die Bulimie, deinen Alltag zu steuern, schleichend, fast unbemerkt, aber mit zunehmender Macht, bis es nicht mehr du bist, die entscheidet, und die Bulimie zur alles dominierenden Konstante in deinem Leben geworden ist. Sie ist da, sobald du die Augen öffnest, und bleibt, bis du wieder einschläfst. Sie denkt mit, lenkt deine Entscheidungen und bestimmt, wann du essen darfst, ob du essen darfst und welchen Preis du dafür bezahlen oder wie du dich dafür bestrafen musst.
Ab einem gewissen Punkt hörte ich auf, mich zu fragen, was ich da eigentlich tat. Mein Alltag war vollständig von einem System aus Angst, Planung, Lügen und Kontrolle beherrscht. Fast alle meine Gedanken kreisten nur noch um die Sucht: um das Fressen und Kotzen. Ich organisierte mein Leben darum herum, baute meinen Tag so auf, dass ich nicht aufflog. Der Rest war Fassade. Ich funktionierte dort, wo es notwendig war – im Beruf, als Partnerin und als Mutter. Aber nichts in meinem Alltag war mehr frei, spontan, lebendig oder freudvoll. Jeder Termin, jede Mahlzeit, jeder soziale Kontakt musste sich in ein enges Raster einfügen. Sobald etwas Ungeplantes geschah – ein Kind, das im Schlaf weinte, ein Mensch, der plötzlich zu früh auftauchte –, drohte das gesamte Konstrukt zu zerbrechen. Die Bulimie hatte mein Leben übernommen, auch wenn ich lange geglaubt hatte, dass ich die Zügel in der Hand hielt.
Ich lebte in zwei Welten. Eine war für andere sichtbar: Hier agierte ich strukturiert, freundlich und zuverlässig. Die andere fand im Verborgenen statt: Dort bestimmten heimliche Fressanfälle, Ausreden, Schuldgefühle und Scham meinen Alltag. Zwischen diesen beiden Realitäten wechselte ich hin und her, als gäbe es keinen festen Boden. Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, welche Version von mir die wahre war.
Das macht diese Krankheit so zerstörerisch. Sie tritt wie ein Zeichen von Stärke auf, als Ausdruck von Disziplin. Doch in Wahrheit ist sie ein Kerker – eine Sucht, die langsam alles in dir zerstört. Und das Schlimmste daran: An einem gewissen Punkt erkennst du es glasklar und weißt, dass du dir damit schadest und dich damit täglich selbst massiv missbrauchst. Aber du bist schon so tief gefallen, dass du nicht mehr aufhören kannst! Die Angst, ohne sie den Halt zu verlieren, ist in dieser Phase oft noch viel größer als der Schmerz, mit dieser „besten Freundin“ – wie die Bulimie von Betroffenen oft genannt wird – weiterzumachen.
Auch ich war überzeugt, sie brauche mich – oder ich sie. Ohne sie, so dachte ich, verliere ich die Kontrolle und damit auch meine Figur und meinen Wert. Heute sehe ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt längst alles verloren hatte, was zählt – vor allem mich selbst! Für Außenstehende ist diese elend tiefe Belastung kaum zu greifen. Wer nie erlebt hat, wie es ist, zwanzigmal am Tag auf die Waage zu steigen und sich selbst nonstop zu bewerten wird diese innere Besessenheit nicht verstehen. Wer nie ein ganzes Wochenende unter einer Decke verschwunden ist – angeblich krank, in Wahrheit gefangen in einem Kreislauf aus Essen und Erbrechen –, kann kaum ermessen, wie erschöpfend dieses Doppelleben ist. Jede Lüge zehrt an dir. Irgendwann bleiben nur noch Isolation, Entfremdung und ein tiefes Alleinsein.
Viele Frauen erzählen mir, dass sie gar nicht mehr wissen, wer sie ohne die Bulimie wären. Sie haben sich so lange über Kontrolle, Struktur, Perfektionismus und Disziplin definiert, dass kaum noch Platz für etwas anderes ist. Der Alltag dreht sich um Regeln, Zahlen und Verbote, darum, unbemerkt genügend Essen zu beschaffen, es in sich hineinzustopfen und es mit unterschiedlichen Strategien wieder loszuwerden. Was sie jedoch wirklich brauchen oder empfinden, geht im Zwang dieses inneren Systems unter. Freude wird zu einer Erinnerung, die immer mehr verblasst. Ihr gesamtes Leben verliert an Farbe und ist bald nur noch von grau-schwarze Tönen umhüllt.
Heute begreife ich es: Die Bulimie war meine Droge – keine greifbare Substanz, sondern ein selbst entwickeltes System. Es versprach mir Sicherheit, Stärke und Perfektion. Aber in Wahrheit war ich abhängig, und zwar von dem Gefühl, alles im Griff zu haben, während ich mich selbst immer mehr verlor.
Wenn du dich darin wieder erkennst, dann möchte ich dir etwas wichtiges mitgeben: Es ist nicht deine Schuld. Du bist weder schwach noch verrückt noch hast du etwas falsch gemacht. Du hast in einem System überlebt, das dir in einer bestimmten Phase geholfen hat am Leben zu bleiben. Aber heute darfst du dich ganz ehrlich fragen, ob es dich noch schützt oder längst zerstört. Du darfst deine Kraft, dein Leben und deine Energie zurückholen und aufhören, dich an etwas festzuklammern, das dich immer weiter erschöpft und von Tag zu Tag noch tiefer sinken lässt.
Du musst nicht mehr glauben, dass es normal ist, den eigenen Wert und das Wohlbefinden an einer Zahl festzumachen. Es ist nicht normal, das Leben um Verstecke und Lügen herumzubauen. Auch ist es nicht normal, sich selbst zu missbrauchen, sich für Hunger zu verurteilen oder sich für das Bedürfnis, zu essen, zu spüren und zu leben schuldig zu fühlen. Viel zu lange glaubte ich diese Lügen selbst. Heute weiß ich, dass ein Leben ohne diesen inneren Zwang möglich ist, eines mit Raum für echte Freude, Nähe, Liebe, Respekt, Dankbarkeit und Selbstachtung. Du musst jetzt nicht wissen, wie das gehen soll, aber du darfst heute damit anfangen, daran zu glauben, dass ein anderes, freies Leben auch für dich möglich ist und dass du es verdient hast.
3
Das Gefühl, nicht in diese Welt
zu passen
Schon als Kind hatte ich das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören und irgendwie nicht in diese Welt zu passen. Ich wusste nicht, woran es lag, es war nur so ein Gefühl. Schließlich legte ich dieses Gefühl zur Seite, war ruhig und machte, was von mir erwartet wurde. Dennoch war da immer ein Hauch von diesem Fremdsein. Zum Beispiel nahm ich Dinge und Energien wahr, die andere nicht bemerkten. Noch bevor jemand etwas sagte, war mir klar, wie die Stimmung am Tisch, in der Familie oder im Klassenraum war. Ich fühlte, wenn ein Lächeln nicht echt war und erkannte die Traurigkeit oder den Schmerz dahinter. Auch dann, wenn niemand ein Wort darüber verlauten ließ. Stets wusste ich genau, wann ich mich zurücknehmen sollte und habe schnell gelernt, dass es besser war, mich anzupassen um nicht aufzufallen.
Ich habe mir diese hochsensitiven Fähigkeiten viel wahrzunehmen nicht bewusst angeeignet. Sie waren einfach da, und sie waren mir meist zu viel. Ich konnte mit ihnen nicht umgehen. Diese Intensität betraf nicht nur mein Gegenüber, sondern auch mein eigenes Erleben: Freude, Trauer, Glück aber auch Schmerz und vieles mehr. Wenn mich jemand kritisierte, traf es mich tief in meiner Seele. Ich verstand nicht, warum andere einfach weitermachten, während ich innerlich immer mehr zerbrach. So dachte ich, mit mir stimme etwas nicht. Ich bin einfach zu empfindlich, nicht richtig und unpassend so wie ich bin. Andere Kinder wirkten frei. Ich aber zog mich zurück und fühlte mich viel wohler, wenn ich allein war. Gern war ich draußen oder las. Meistens träumte ich vor mich hin oder beobachtete andere beim spielen. Anstatt mitzumachen stand ich daneben – nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wirklich dabei und auf keinen Fall mittendrin.
Zu Hause bekam ich früh vermittelt, dass meine Sensibilität stört. Wenn ich etwas spürte, sollte ich es für mich behalten. Stellte ich Fragen, war ich anstrengend, und wenn ich Gefühle zeigte, galt das als übertrieben. Also begann ich zu schweigen. Ich versuchte, herauszufinden, wie ich mich verhalten musste, damit es keinen Ärger gab. Damit ordnete ich mich immer mehr unter, passte mich an und zog mich zurück, sobald eine Situation angespannt wurde.
Doch während ich nach außen hin ruhig wirkte, tobte es in meinem Inneren. Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen sich in mir eine Welle voller Empfindungen aufstaute. Zwar wollte ich sagen, was ich spürte, und ausdrücken, was ich hörte und sah, aber mir fehlten die Worte. Ich wusste nicht, wie ich all das benennen sollte was ich wahrnahm, und hatte auch niemanden, der es hätte hören wollen. Deshalb blieb es in mir. Still trug ich es mit mir herum. Doch diese Überfülle an Eindrücken, Wahrnehmungen und unausgesprochenem Wissen war schlichtweg zu erdrückend. Rückblickend weiß ich, dass später die Essstörung mein Versuch war, mich zu erlösen – nicht vor der Welt, sondern vor all dem viel zu intensivem in mir, was keinen Ausdruck fand.
Das Gefühl, nicht dazuzugehören, hat mich geprägt. Ich war dabei, aber innerlich immer ein Stück entfernt. Ich machte mit und lachte, doch ich fühlte mich nicht mit anderen verbunden – nicht in der Schule und auch nicht auf Festen, im Berufsleben oder in Beziehungen. Oft war ich von Menschen umgeben, aber nicht wirklich anwesend. Es fühlte sich an, als würde eine unsichtbare Wand zwischen mir und der Welt stehen, durch die niemand zu mir durchdringen könnte.
Diese Fremdheit machte es mir auch unglaublich schwer, mich selbst anzunehmen. Also versuchte ich weiterhin, mich anzupassen. Ich sagte, was andere hören wollten, und setzte alles daran, die Wünsche und Bedürfnisse meiner Mitmenschen zu erfüllen. Ich wollte dazugehören, gefallen und auf keinen Fall auffallen. Aber dabei schob ich mich selbst immer weiter weg. Im Außen funktionierte ich, aber in mir wurde es eng, es gab keinen Raum mehr für mich selbst: Ich war ständig damit beschäftigt zu erkennen, was andere fühlten und brauchten. Damit war ich so vollgestopft mit Gefühlen, Wahrnehmungen und Empfindungen, die ich nicht zeigen oder mitteilen konnte. Irgendwann musste das alles raus, und weil ich keinen anderen Weg fand, begann ich, zu essen. Mit Hunger oder Genuss hatte das nichts zu tun. Ich aß und aß und dann kotzte ich alles heraus. Es war das Einzige, was mir für einen Moment Luft verschaffte. Ich wusste nicht, wie ich sonst mit diesem inneren Druck hätte umgehen sollen.
Viele Frauen, mit denen ich heute arbeite, erzählen mir von genau diesem Kreislauf – von dem ständigen Anpassen, dem inneren Druck, dem heimlichen Essen und dem anschließenden Erbrechen. Sie haben von diesem Kampf nicht irgendwo gelesen, sondern ihn am eigenen Körper durchlebt. Ein Leben lang haben sie sich bemüht, in Strukturen zu passen, die sich nie richtig angefühlt haben. Ihre feine Wahrnehmung wurde belächelt oder kritisiert, ihre Empfindsamkeit galt als übertrieben oder unpassend.
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