Bergfrühling 2
Raffael und Ylia
EUR 31,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 544
ISBN: 978-3-7116-1246-5
Erscheinungsdatum: 01.04.2026
Die »Spirale der Traumaheilung« dreht sich weiter. Die Autorin beschreibt eindrücklich ihren Weg der Heilung eines komplexen Traumas. Lesende werden neue Erkenntnisse erlangen – über Traumaheilung, unsere Gesellschaft und möglicherweise auch über sich selbst.
Martha
Buch 24
Dem Über-Rationalen dienen
07.06.2021-13.08.2021
«Man darf die Namen nicht vergessen;
die geheimen wahren Namen sind die Zauberformel, bei der sich die Pforten der Wahrnehmung öffnen.»
(Pinkola Estès, 1996, S. 136)
«Indem wir ihr einen Namen verleihen, richten wir ihr ein Territorium in unserer Gedanken- und Gefühlswelt ein. Und dann kommt sie zu uns, wenn wir ihren Namen rufen.»
(Pinkola Estès, 1996, S. 20)
Ich bin Martha und trage in meinen Armen ein verletztes und sehr bedürftiges Kind. Hinter meinem Rücken steht Raffael. Er ist jederzeit für Rat und Schutz da, sobald ich ihn rufe. Als Martha habe ich auch jederzeit Zugang zu meiner Intuition und meinem Heilwissen.
07.06.2021
Heute Morgen hatte ich zum ersten Mal, seit ich wieder zu arbeiten begonnen habe, eine Sitzung. Ich kam zu spät, weil der Zug Verspätung hatte. Als ich den Raum betrat, «verlor» ich einfach meinen Körper. Ich bemerkte es erst, als er zu rebellieren begann. Er meldete sich mit heftigen Blähungen und Bauchschmerzen, verbunden mit dem Gefühl, dass ich dringend zur Toilette muss. Ich traute mich erst nicht, rauszugehen, weil ich ja schon zu spät gekommen war. Schließlich ging ich aber dennoch. Danach fühle ich mich ein wenig besser. Im Nachhinein bin ich meinem Körper dankbar: Ich hätte sonst gar nicht gemerkt, dass ich ihn «verloren» habe.
Bei Ursula:
Ich erzähle ihr von heute Morgen. Ich erinnere mich, dass ich früher beim Arbeiten wohl meinen Körper meist gar nicht gespürt habe. Er hat deswegen auch oft mit Blähungen und Bauchschmerzen auf sich aufmerksam gemacht.
Ich weiß: Es sind die Erwartungen, die mich so triggern, das Gefühl: «Ich muss um jeden Preis». Ich muss meine Leistungen erbringen, ich bin wieder dort und muss funktionieren wie früher.
Aber das muss ich nicht. Es funktioniert auch gar nicht mehr.
Jetzt kommt das Stress-Gefühl nochmals hoch: Meine Beine spannen sich an, Übelkeit kommt hoch, «es stellt mir die Luft ab»
Da kommt mir in den Sinn: Auf dem Heimweg traf ich jemanden im Zug. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dieser Person reden müsse, obwohl es sich gar nicht gut anfühlte. Mein Körper reagiert mit Verspannung und Atemnot auf die Erinnerung an die Situation heute Morgen.
Ursula sagt sehr bestimmt: «Du musst gar nichts mehr! Das sind alles alte Muster, die in dir hochkommen. Dein Körper wehrt sich so vehement, damit du bemerkst, was nicht mehr gut ist für dich, damit du etwas änderst. Sei liebevoll mit dir, statt dich anzutreiben. Hör auf deinen Körper, er weiß den Weg. Sorge gut für dich und sag ‹nein›, wenn etwas zu viel wird. Auch dein Gefühl, dass es nie mehr gehen wird, ist ein altes Gefühl. Es wird gehen, aber anders.»
Sie erklärt: «Es ist normal, dass man in alte Muster zurückfällt. Dafür muss man sich nicht verurteilen. Jetzt darfst du etwas Neues lernen! Du verbindest dich. Dein innerer Raum wird weit und du wehrst dich gegen außen, statt dich im Inneren zu verschließen. Nun musst du nicht mehr alle Räume scannen, um die Gefühle aller anderen Personen zu fühlen statt deine eigenen.»
Ich werde sehr traurig, denn mein Kopf weiß das alles, aber es funktioniert einfach nicht.
Ursula sagt: «Sag deinem Körper: ‹Ich bleibe so lange dran, wie es notwendig ist›. Du hast alle Zeit der Welt – und noch das halbe Leben vor dir», scherzt sie. Langsam beruhigt sich mein Körper und beginnt, sich zu entspannen. Ich verstehe, dass ich ihm einfach Zeit geben muss.
08.06.2021
Ich möchte meinen inneren Raum so gut schützen können, dass er jederzeit weit bleiben kann. Es sollte so sein, dass ich mich nicht im Inneren zusammenziehen muss, wenn ich etwas Unangenehmes bemerke, sondern im Außen reagieren kann, sagt Ursula. Aber es funktioniert bei mir meist genau andersherum: Alles zieht sich in meinem Inneren zusammen.
Dieses Muster, das ich jetzt erst bemerke, ist einfach eine neue Schicht, die sich zeigt. Ich habe im Rückzug immer versucht, eine Strategie zu entwickeln, um im Zusammensein mit anderen besser zu funktionieren, indem ich mich an ihre Bedürfnisse oder das, was ich für ihre Bedürfnisse hielt, anzupassen versuchte. Funktionierte es dann doch nicht, hielt ich das für meinen Fehler: Ich dachte, ich müsste wohl nochmals «über die Bücher», mich noch mehr anstrengen, um allen Ansprüchen zu genügen. Aber früher oder später kamen immer wieder die «schlimmen Gefühle», die ich ja gerade hatte vermeiden wollen.
Erkenntnis: Mein Körper produziert diese «schlimmen Gefühle», um mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich mich erneut «verloren» oder «vergessen» habe. Dieses Verschließen ist nichts Aktives, es geschieht einfach. Da ich dann keinen Zugang mehr habe zu meinem Körper, bemerke ich es gar nicht. Wenn ich ihn «verliere», meldet sich mein Körper mit den einzigen Gefühlen, die stark genug sind, um die «Schutzmauer» zu durchdringen: mit Schmerz, Angst und richtig schlimmen Gefühlen, mit Verdauungsproblemen.
Ursula sagt: «Versuche, herauszufinden, welche Gedanken diese schlimmen Gefühle auslösen. Es ist wichtig, sie möglichst früh zu bemerken. Man kann das trainieren, so, wie man auch üben kann, sich zu schützen.»
Sie sagt, es sei besser, aktiv Raum einzunehmen, statt sich zurückzuziehen, genügend Distanz zu halten zu den Menschen, statt sich vereinnahmen zu lassen. Wenn sie mir zu nahe kämen, solle ich sofort einen Schritt zurückgehen. Ich könne lernen, für meine ganze Person einzustehen, statt meine sensiblen Teile zu «verstecken» und zurückzudrängen, wenn andere unsensibel sind. Das klingt plausibel, aber ich habe das Gefühl, dass ich das nicht kann. Ich möchte lernen, meine sensiblen Anteile zu schützen und auf sie zu hören. Mein Körper ist mit ihnen verbunden und spricht für sie.
Ursula sagt: «Sensible Anteile, Teile, die Gefühle fühlen, sind nichts, was man verstecken muss.»
Ich weiß: Ich musste sie als Kind schützen, weil ich so viele Male verletzt und «überfahren» wurde. Das war damals das Einzige, was mir möglich war. «Aber jetzt gibt es bessere Möglichkeiten», sagt Ursula. Ich bin Wolfsmutter, Löwenmutter für mich selbst und meine «jungen» Anteile. Ich darf für sie sorgen und in Kontakt mit ihnen bleiben: Es fühlt sich gut an, das zu schreiben! Mein Körper sagt «ja», er entspannt sich.
Ich kann lernen, mit meinem Körper und seinen Gefühlen verbunden zu bleiben und auf die Antwort meines Körpers zu achten, während ich etwas tue.
Einer der schlimmsten «Trigger», die ich schon im Voraus zu vermeiden versuche: der Vorwurf, ich hätte «meine Sachen nicht gemacht.» Woher kommt das?
Ursula sagt: «Das kommt nicht von dir. Das sind Indoktrinationen.»
Dahinter steckt die Überzeugung: «Ich darf erst leben und glücklich sein, wenn ich all meine Aufgaben zufriedenstellend erledigt habe.» NEIN! Ich darf immer leben und glücklich sein! Ich muss mir nicht immer noch mehr aufbürden. Was ich tue, ist genug!
Ich darf einfach (nein, es ist eben für mich alles andere als einfach, aber ich darf!) in meinen Körper hineingehen und fühlen!
Flashback
Jedes Mal, wenn dieses vernichtende Gefühl der Hoffnungslosigkeit auftaucht, zeigt sich eine neue Gefühlsschicht. Dieses Gefühl war dafür verantwortlich, dass ich mich spalten musste, so unerträglich war es. Ich hätte mit diesem Gefühl der Hoffnungslosigkeit nicht weiterleben können.
Das Gefühl besagt: «Es wird niemals besser werden. Es wird immer so bleiben. Ich habe alles falsch gemacht. Es gibt keine Möglichkeit, da jemals wieder herauszukommen. Ich kann nur noch aufgeben.»
Es ist zwar sehr unangenehm, aber gut, dass es sich zeigt. Dumm ist nur, dass ich jeweils gar nicht merke, dass es ein altes Gefühl ist. Es bezieht sich jeweils auf einen Auslöser im Jetzt. Und wenn ich drin bin in diesem Gefühl, kann ich es nicht als altes Gefühl einordnen.
Ich glaube wirklich, nie mehr herauszukommen und alles falsch gemacht zu haben.
Alles Vorsorgen, z. B. aufschreiben und denken, ich lese es dann, wenn es wieder so weit ist, nützt nichts. Ich werde so überflutet von diesem Gefühl, dass ich nicht klar denken und auch nicht das Buch hervornehmen und lesen kann. Das Einzige, was geht: mich hinlegen und es über mich ergehen lassen. Erst hinterher, wenn es vorbei ist, wird mir jeweils klar: Es war ein Flashback, ein altes Gefühl.
Ich war einem System ausgeliefert und fühlte mich so hilflos. Ich hatte so unglaublich große Sehnsucht danach, dass endlich meine Mutter kommen würde, aber sie kam nicht.
Es sind alte Gefühle. Ursula sagt jeweils: «Sie dürfen jetzt kommen und sich zeigen, weil sie nun Mitgefühl bekommen.»
Was dieses Kind in mir wirklich braucht: Trost, Wärme, Geborgenheit. Um wenigstens ein bisschen davon zu bekommen, musste ich schon im Brutkasten all meine äußeren Grenzen aufgeben und mich ganz weit öffnen. Um mein Innerstes dabei nicht zu verletzen, musste ich es ganz dicht verschließen. Nur so konnte ich die dringend benötigte Zuwendung aufnehmen.
Es ist nicht meine Schuld, dass es so war. Meine Eltern waren nicht fähig, mir das zu geben, was ich gebraucht hätte. Sie waren gar nicht da. Und später hatten sie keine Antennen dafür.
Ich sitze einfach da und lasse diesen unglaublichen Schmerz zu. «Ja, so war es», sage ich zu mir selbst. Ich war tatsächlich mutterseelenallein.
Aber nun bin ich nicht mehr allein. «Ab jetzt», sagt Ursula, «gibt es Liebe und Trost für dieses Kind.» Ich darf diese annehmen. Ich brauche mich nicht dafür zu schämen, dass ich Zuwendung brauche!
Ich hatte mich heute Mittag so schlecht gefühlt, aber dann ging ich trotzdem zur Arbeit. Und es ging am Ende richtig gut! Ich finde die Balance. Ich fühle die schlimmen Gefühle und laufe nicht mehr vor ihnen davon. Aber ich darf auch schöne Momente erleben und mich freuen!
09.06.2021
Gestern hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt, seit ich «wieder zurück» bin. Ich war etwas ängstlich, weil ich nicht wusste, was geschehen wird. Aber es ist ein Wunder passiert: Ich behielt den Kontakt zu meinem Inneren, inmitten all der Leute und sogar auf der Konzertbühne. Ich konnte tatsächlich «aus dem Bauch heraus» musizieren und das tat mir so gut! Zwischendurch ertappte ich mich, in die Gedanken abschweifen zu wollen («was, wenn es nicht geht …?»), aber ich brauchte mich nur zurück in meinen Körper zu rufen und es konnte einfach fließen: Meine Ohren öffneten sich für die Musik, mein Körper bewegte sich wie von selbst. Und nachher kamen all die Leute, um mir zu sagen, wie schön es ist, dass ich wieder da bin! Es geht tatsächlich! Zwischendurch hört mein inneres Ohr die Stimme von Ursula: «Gut», sagt sie jeweils mit so viel Sanftheit und Liebe, und dieses eine Wort genügt schon, um meine Seele zu beruhigen. Das habe ich mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, jemanden, der einfach sagt: «Was du tust, ist gut.»
10.06.2021
«Lasciate ogni speranza voi ch’entrate»: («Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren») (berühmte Zitate, 2024) Die Inschrift über Dantes Hölle kommt mir jedes Mal in den Sinn, wenn ich die vielen Treppen zur Praxis von Ursula hochsteige. Es fühlt sich tatsächlich so an, als ob ich jedes Mal die Hölle betrete, um dann zu entdecken, dass sich dahinter so wunderbare Dinge verbergen.
Ursula sagt: «Du darfst deine Trauer nicht nur fühlen, sondern sie sorgfältig ausgewählten Personen auch zeigen. Das wird dich entlasten.»
Mein Körper reagiert darauf mit heftigem Verschließen: Alles krampft sich zusammen in meinem Inneren.
Aber Ursula redet diesem verängstigten Kind in mir zu und sagt ihm immer wieder: «Es ist viel besser, den Schmerz nicht mehr allein aushalten zu müssen. Als Kind ging es nicht anders, denn du dachtest, dass mit dir etwas nicht stimmt.»
Jetzt sehe ich: Es war meine Mutter, die mit allen heftigen Gefühlen, wie Wut oder Trauer, nicht zurechtkam. Ursula sagt mir: «Nun gibt es Vertrauenspersonen, denen du deinen Schmerz zeigen darfst, gut dosiert, damit es dich nicht wieder ‹umhaut›.» Sie erklärt: «Es ist auch nicht so, dass du dich damit erneut abhängig machst. Es gibt vertrauenswürdige Menschen und du kannst nun genau prüfen, wem du dich anvertraust.»
Ich höre das und denke, wie schön das wäre, aber glauben kann ich es noch nicht so ganz.
Ich besuche mit ihr zusammen das Kind in der Höhle und erzähle ihr, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat.
Sie fragt: «Hätte das Kind sich nicht zu den jungen Wölfen legen und auch von der Muttermilch trinken können, wenn es doch solche Sehnsucht nach Mutterwärme hat?»
Schmerz flammt auf, mein Körper zieht sich zusammen.
Ich brauche lange, um die Stellen zu überwinden, die bei Schmerz immer noch «dichtmachen», da sie die Überzeugung haben, dass Schmerz nur da sein darf, wenn ich allein bin.
Am Ende habe ich wieder das Bild des stillen, sehnsüchtigen Mädchens vor der Wölfin mit ihrem Wurf vor Augen. «Denkst du, es könnte einfach fragen, ob sie sich zu ihnen legen darf?», frage ich Ursula. «Ja, bestimmt!» Es fragt, und die Wölfin nickt einladend. Das Mädchen legt sich zu den kleinen Wölflein, die an den Zitzen trinken. Und da endlich lässt mein verkrampfter Körper Stück für Stück los. Ich kann sanft immer weiter nach unten gehen, bis in meinen Bauch. Ich lasse zu, dass der Schmerz ganz langsam zum Vorschein kommt, Stück für Stück, in erträglichen Portionen. Wenn eine Welle kommt, hält Ursula mich am Rücken und am linken Arm. So ist es gar nicht so schlimm.
Ursula sagt: «Du kannst es auch so sehen: Deine Mutter möchte ausdrücken, wie hilflos sie sich fühlt. Es ist ihr bewusst, dass es Dinge gibt, die du ganz dringend gebraucht hättest, die sie dir aber nicht geben konnte und es auch heute nicht kann. Du kannst nun ‹Bemutterung› auf ganz vielen Ebenen und von ganz vielen ‹Müttern› annehmen.»
«Ja», antworte ich, «das weiß ich schon. Schlimm ist nur, dass es immer noch diesen Anteil in mir gibt, der noch nicht aufgehört hat, darauf zu hoffen, dass ich es doch noch von ihr bekomme. Ich habe solche Sehnsucht danach.»
«Diese Sehnsucht ist dein Wegweiser», sagt Ursula. «Sie wird dich leiten. Wenn du deinen Schmerz zulässt, kann er einfach durch dich hindurchfließen. Und du wirst sehen: Dein System reguliert sich jetzt so gut, dass du trotzdem arbeiten kannst. Beides darf sein! Es reguliert und dosiert jetzt so wunderbar. All die verschiedenen Instanzen arbeiten nun so gut zusammen.» Das fühlt sich richtig gut an. Ich atme, alles wird ruhig.
Gegen Ende der Stunde kommt unverhofft nochmals eine riesige Schmerzwelle.
«Es ist immer dann, wenn es um den Abschied geht», stellt Ursula fest. Sie streichelt mich noch ein wenig, und das tut so gut.
Als ich mich nach der Stunde auf das Sofa im Wartezimmer lege, deckt sie mich liebevoll zu und streichelt meine Wange. «Wie bei einem Kind», denke ich. Und mir wird klar: Sie sieht und spürt wohl wirklich das kleine und bedürftige Kind in mir. Und ich bin so dankbar, dass ich ihre Liebe annehmen darf. «Du hast einen so guten Zugang zu deinem Inneren gefunden», sagt sie mir zum Abschied.
«Wirklich?», fragt meine kritische innere Stimme. «Ist das nicht total kindisch, was ich hier mache? Ich denke mir das alles doch nur aus.»
Ich erfahre: Ich kann den Schmerz zulassen, Stück für Stück. Wenn er weiß, dass er da sein darf, braucht er mich nicht mehr hinterrücks zu überfallen. Ich nehme mir Zeit für ihn. Ich halte ihn aus und drücke ihn nicht mehr weg. Und ich werde nachher jedes Mal mit mehr Lebensfreude und besserer Verbindung belohnt.
13.06.2021
Martha ist etwas traurig, denn das Kind hat resigniert. Es möchte einfach nichts weiter als bei der Wölfin und ihren Jungen bleiben. Hier wird sein Herz etwas warm. Es kuschelt sich einfach an die Wolfsmutter und schaut den Kleinen beim Trinken und Schlafen zu. Das Mädchen fühlt sich sehr müde und schläft viel, fast, als wäre es selbst ein neugeborenes Wolfskind. Aber wenigstens ist es hier sicher und geborgen. Es denkt, dass es für immer hierbleiben möchte, in der Welt der Tiere und Pflanzen, hier, wo keine Menschen sind. Bei den Menschen fühlt es sich nicht wohl, auch nicht bei Martha. Es fürchtet, dass Martha es bald wieder verlassen wird, es allein wegschicken wird, zurück in die Menschenwelt, oder dass Raffael ein anderes, krankes Kind zu Martha bringen wird, welches deren Zuwendung braucht. All dies würde ihm sehr wehtun, da bleibt es lieber von Anfang an auf Distanz und unterdrückt sein Bedürfnis, Marthas Nähe zu spüren. Martha ist etwas ratlos und auch ein wenig traurig, aber sie hat den Eindruck, dass es wichtig ist, das Kind zu nichts zu zwingen. Vielleicht ist es notwendig, ihm einfach Zeit zu geben?
14.06.2021
Martha hatte heute eine gute Idee. Wenn sie körperlich nicht an das Kind herankommen kann, geht es vielleicht mit Musik? Sie bittet Raffael, ihm eine Geige mitzubringen – und siehe: Das Kind spielt. Zögerlich zuerst, und nur, wenn es denkt, dass ihm niemand zuhört … aber es spielt. Es ist, als ob dieses Mädchen schon immer Geige gespielt hätte, es lernt spielend leicht, einfach aus sich selbst heraus. Martha ist so froh, weil das Kind dadurch in Bewegung kommt und die Erstarrung von ihm abfällt. Aber sobald jemand in seine Nähe kommt, zieht es sich zurück.
Ein Jahr später: Genau so habe ich nun Cello spielen gelernt: Einfach aus mir selbst, mit wenig Üben mache ich jedes Mal riesige Fortschritte. Es ist, als ob ich einfach wüsste, wie es geht. Ich kann mich einfach «einklinken» in dieses Feld, wo das Können schon ist, und dann lerne ich alles wie von Zauberhand: eine unglaublich beglückende Erfahrung!
Ich habe immer mehr das Gefühl, dass ich mit meinen «schamanischen Reisen» tatsächlich den Boden für meine spätere Realität bereitet habe.
Ich konnte heute beim Üben ein paar Mal mein Herz weit öffnen. Nur kurz zwar, aber es war eine sehr beglückende Erfahrung. Wenn mir das gelingt, ist es ganz direkt hörbar. Eine neue Welt öffnet sich!
Nur geht es leider nicht, wenn andere Menschen da sind. Aber wer weiß, vielleicht ist auch das nur eine alte Überzeugung, und es wird sich ein Weg finden? Ursula sagt: «Es gibt immer einen Weg.»
...
Buch 24
Dem Über-Rationalen dienen
07.06.2021-13.08.2021
«Man darf die Namen nicht vergessen;
die geheimen wahren Namen sind die Zauberformel, bei der sich die Pforten der Wahrnehmung öffnen.»
(Pinkola Estès, 1996, S. 136)
«Indem wir ihr einen Namen verleihen, richten wir ihr ein Territorium in unserer Gedanken- und Gefühlswelt ein. Und dann kommt sie zu uns, wenn wir ihren Namen rufen.»
(Pinkola Estès, 1996, S. 20)
Ich bin Martha und trage in meinen Armen ein verletztes und sehr bedürftiges Kind. Hinter meinem Rücken steht Raffael. Er ist jederzeit für Rat und Schutz da, sobald ich ihn rufe. Als Martha habe ich auch jederzeit Zugang zu meiner Intuition und meinem Heilwissen.
07.06.2021
Heute Morgen hatte ich zum ersten Mal, seit ich wieder zu arbeiten begonnen habe, eine Sitzung. Ich kam zu spät, weil der Zug Verspätung hatte. Als ich den Raum betrat, «verlor» ich einfach meinen Körper. Ich bemerkte es erst, als er zu rebellieren begann. Er meldete sich mit heftigen Blähungen und Bauchschmerzen, verbunden mit dem Gefühl, dass ich dringend zur Toilette muss. Ich traute mich erst nicht, rauszugehen, weil ich ja schon zu spät gekommen war. Schließlich ging ich aber dennoch. Danach fühle ich mich ein wenig besser. Im Nachhinein bin ich meinem Körper dankbar: Ich hätte sonst gar nicht gemerkt, dass ich ihn «verloren» habe.
Bei Ursula:
Ich erzähle ihr von heute Morgen. Ich erinnere mich, dass ich früher beim Arbeiten wohl meinen Körper meist gar nicht gespürt habe. Er hat deswegen auch oft mit Blähungen und Bauchschmerzen auf sich aufmerksam gemacht.
Ich weiß: Es sind die Erwartungen, die mich so triggern, das Gefühl: «Ich muss um jeden Preis». Ich muss meine Leistungen erbringen, ich bin wieder dort und muss funktionieren wie früher.
Aber das muss ich nicht. Es funktioniert auch gar nicht mehr.
Jetzt kommt das Stress-Gefühl nochmals hoch: Meine Beine spannen sich an, Übelkeit kommt hoch, «es stellt mir die Luft ab»
Da kommt mir in den Sinn: Auf dem Heimweg traf ich jemanden im Zug. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dieser Person reden müsse, obwohl es sich gar nicht gut anfühlte. Mein Körper reagiert mit Verspannung und Atemnot auf die Erinnerung an die Situation heute Morgen.
Ursula sagt sehr bestimmt: «Du musst gar nichts mehr! Das sind alles alte Muster, die in dir hochkommen. Dein Körper wehrt sich so vehement, damit du bemerkst, was nicht mehr gut ist für dich, damit du etwas änderst. Sei liebevoll mit dir, statt dich anzutreiben. Hör auf deinen Körper, er weiß den Weg. Sorge gut für dich und sag ‹nein›, wenn etwas zu viel wird. Auch dein Gefühl, dass es nie mehr gehen wird, ist ein altes Gefühl. Es wird gehen, aber anders.»
Sie erklärt: «Es ist normal, dass man in alte Muster zurückfällt. Dafür muss man sich nicht verurteilen. Jetzt darfst du etwas Neues lernen! Du verbindest dich. Dein innerer Raum wird weit und du wehrst dich gegen außen, statt dich im Inneren zu verschließen. Nun musst du nicht mehr alle Räume scannen, um die Gefühle aller anderen Personen zu fühlen statt deine eigenen.»
Ich werde sehr traurig, denn mein Kopf weiß das alles, aber es funktioniert einfach nicht.
Ursula sagt: «Sag deinem Körper: ‹Ich bleibe so lange dran, wie es notwendig ist›. Du hast alle Zeit der Welt – und noch das halbe Leben vor dir», scherzt sie. Langsam beruhigt sich mein Körper und beginnt, sich zu entspannen. Ich verstehe, dass ich ihm einfach Zeit geben muss.
08.06.2021
Ich möchte meinen inneren Raum so gut schützen können, dass er jederzeit weit bleiben kann. Es sollte so sein, dass ich mich nicht im Inneren zusammenziehen muss, wenn ich etwas Unangenehmes bemerke, sondern im Außen reagieren kann, sagt Ursula. Aber es funktioniert bei mir meist genau andersherum: Alles zieht sich in meinem Inneren zusammen.
Dieses Muster, das ich jetzt erst bemerke, ist einfach eine neue Schicht, die sich zeigt. Ich habe im Rückzug immer versucht, eine Strategie zu entwickeln, um im Zusammensein mit anderen besser zu funktionieren, indem ich mich an ihre Bedürfnisse oder das, was ich für ihre Bedürfnisse hielt, anzupassen versuchte. Funktionierte es dann doch nicht, hielt ich das für meinen Fehler: Ich dachte, ich müsste wohl nochmals «über die Bücher», mich noch mehr anstrengen, um allen Ansprüchen zu genügen. Aber früher oder später kamen immer wieder die «schlimmen Gefühle», die ich ja gerade hatte vermeiden wollen.
Erkenntnis: Mein Körper produziert diese «schlimmen Gefühle», um mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich mich erneut «verloren» oder «vergessen» habe. Dieses Verschließen ist nichts Aktives, es geschieht einfach. Da ich dann keinen Zugang mehr habe zu meinem Körper, bemerke ich es gar nicht. Wenn ich ihn «verliere», meldet sich mein Körper mit den einzigen Gefühlen, die stark genug sind, um die «Schutzmauer» zu durchdringen: mit Schmerz, Angst und richtig schlimmen Gefühlen, mit Verdauungsproblemen.
Ursula sagt: «Versuche, herauszufinden, welche Gedanken diese schlimmen Gefühle auslösen. Es ist wichtig, sie möglichst früh zu bemerken. Man kann das trainieren, so, wie man auch üben kann, sich zu schützen.»
Sie sagt, es sei besser, aktiv Raum einzunehmen, statt sich zurückzuziehen, genügend Distanz zu halten zu den Menschen, statt sich vereinnahmen zu lassen. Wenn sie mir zu nahe kämen, solle ich sofort einen Schritt zurückgehen. Ich könne lernen, für meine ganze Person einzustehen, statt meine sensiblen Teile zu «verstecken» und zurückzudrängen, wenn andere unsensibel sind. Das klingt plausibel, aber ich habe das Gefühl, dass ich das nicht kann. Ich möchte lernen, meine sensiblen Anteile zu schützen und auf sie zu hören. Mein Körper ist mit ihnen verbunden und spricht für sie.
Ursula sagt: «Sensible Anteile, Teile, die Gefühle fühlen, sind nichts, was man verstecken muss.»
Ich weiß: Ich musste sie als Kind schützen, weil ich so viele Male verletzt und «überfahren» wurde. Das war damals das Einzige, was mir möglich war. «Aber jetzt gibt es bessere Möglichkeiten», sagt Ursula. Ich bin Wolfsmutter, Löwenmutter für mich selbst und meine «jungen» Anteile. Ich darf für sie sorgen und in Kontakt mit ihnen bleiben: Es fühlt sich gut an, das zu schreiben! Mein Körper sagt «ja», er entspannt sich.
Ich kann lernen, mit meinem Körper und seinen Gefühlen verbunden zu bleiben und auf die Antwort meines Körpers zu achten, während ich etwas tue.
Einer der schlimmsten «Trigger», die ich schon im Voraus zu vermeiden versuche: der Vorwurf, ich hätte «meine Sachen nicht gemacht.» Woher kommt das?
Ursula sagt: «Das kommt nicht von dir. Das sind Indoktrinationen.»
Dahinter steckt die Überzeugung: «Ich darf erst leben und glücklich sein, wenn ich all meine Aufgaben zufriedenstellend erledigt habe.» NEIN! Ich darf immer leben und glücklich sein! Ich muss mir nicht immer noch mehr aufbürden. Was ich tue, ist genug!
Ich darf einfach (nein, es ist eben für mich alles andere als einfach, aber ich darf!) in meinen Körper hineingehen und fühlen!
Flashback
Jedes Mal, wenn dieses vernichtende Gefühl der Hoffnungslosigkeit auftaucht, zeigt sich eine neue Gefühlsschicht. Dieses Gefühl war dafür verantwortlich, dass ich mich spalten musste, so unerträglich war es. Ich hätte mit diesem Gefühl der Hoffnungslosigkeit nicht weiterleben können.
Das Gefühl besagt: «Es wird niemals besser werden. Es wird immer so bleiben. Ich habe alles falsch gemacht. Es gibt keine Möglichkeit, da jemals wieder herauszukommen. Ich kann nur noch aufgeben.»
Es ist zwar sehr unangenehm, aber gut, dass es sich zeigt. Dumm ist nur, dass ich jeweils gar nicht merke, dass es ein altes Gefühl ist. Es bezieht sich jeweils auf einen Auslöser im Jetzt. Und wenn ich drin bin in diesem Gefühl, kann ich es nicht als altes Gefühl einordnen.
Ich glaube wirklich, nie mehr herauszukommen und alles falsch gemacht zu haben.
Alles Vorsorgen, z. B. aufschreiben und denken, ich lese es dann, wenn es wieder so weit ist, nützt nichts. Ich werde so überflutet von diesem Gefühl, dass ich nicht klar denken und auch nicht das Buch hervornehmen und lesen kann. Das Einzige, was geht: mich hinlegen und es über mich ergehen lassen. Erst hinterher, wenn es vorbei ist, wird mir jeweils klar: Es war ein Flashback, ein altes Gefühl.
Ich war einem System ausgeliefert und fühlte mich so hilflos. Ich hatte so unglaublich große Sehnsucht danach, dass endlich meine Mutter kommen würde, aber sie kam nicht.
Es sind alte Gefühle. Ursula sagt jeweils: «Sie dürfen jetzt kommen und sich zeigen, weil sie nun Mitgefühl bekommen.»
Was dieses Kind in mir wirklich braucht: Trost, Wärme, Geborgenheit. Um wenigstens ein bisschen davon zu bekommen, musste ich schon im Brutkasten all meine äußeren Grenzen aufgeben und mich ganz weit öffnen. Um mein Innerstes dabei nicht zu verletzen, musste ich es ganz dicht verschließen. Nur so konnte ich die dringend benötigte Zuwendung aufnehmen.
Es ist nicht meine Schuld, dass es so war. Meine Eltern waren nicht fähig, mir das zu geben, was ich gebraucht hätte. Sie waren gar nicht da. Und später hatten sie keine Antennen dafür.
Ich sitze einfach da und lasse diesen unglaublichen Schmerz zu. «Ja, so war es», sage ich zu mir selbst. Ich war tatsächlich mutterseelenallein.
Aber nun bin ich nicht mehr allein. «Ab jetzt», sagt Ursula, «gibt es Liebe und Trost für dieses Kind.» Ich darf diese annehmen. Ich brauche mich nicht dafür zu schämen, dass ich Zuwendung brauche!
Ich hatte mich heute Mittag so schlecht gefühlt, aber dann ging ich trotzdem zur Arbeit. Und es ging am Ende richtig gut! Ich finde die Balance. Ich fühle die schlimmen Gefühle und laufe nicht mehr vor ihnen davon. Aber ich darf auch schöne Momente erleben und mich freuen!
09.06.2021
Gestern hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt, seit ich «wieder zurück» bin. Ich war etwas ängstlich, weil ich nicht wusste, was geschehen wird. Aber es ist ein Wunder passiert: Ich behielt den Kontakt zu meinem Inneren, inmitten all der Leute und sogar auf der Konzertbühne. Ich konnte tatsächlich «aus dem Bauch heraus» musizieren und das tat mir so gut! Zwischendurch ertappte ich mich, in die Gedanken abschweifen zu wollen («was, wenn es nicht geht …?»), aber ich brauchte mich nur zurück in meinen Körper zu rufen und es konnte einfach fließen: Meine Ohren öffneten sich für die Musik, mein Körper bewegte sich wie von selbst. Und nachher kamen all die Leute, um mir zu sagen, wie schön es ist, dass ich wieder da bin! Es geht tatsächlich! Zwischendurch hört mein inneres Ohr die Stimme von Ursula: «Gut», sagt sie jeweils mit so viel Sanftheit und Liebe, und dieses eine Wort genügt schon, um meine Seele zu beruhigen. Das habe ich mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, jemanden, der einfach sagt: «Was du tust, ist gut.»
10.06.2021
«Lasciate ogni speranza voi ch’entrate»: («Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren») (berühmte Zitate, 2024) Die Inschrift über Dantes Hölle kommt mir jedes Mal in den Sinn, wenn ich die vielen Treppen zur Praxis von Ursula hochsteige. Es fühlt sich tatsächlich so an, als ob ich jedes Mal die Hölle betrete, um dann zu entdecken, dass sich dahinter so wunderbare Dinge verbergen.
Ursula sagt: «Du darfst deine Trauer nicht nur fühlen, sondern sie sorgfältig ausgewählten Personen auch zeigen. Das wird dich entlasten.»
Mein Körper reagiert darauf mit heftigem Verschließen: Alles krampft sich zusammen in meinem Inneren.
Aber Ursula redet diesem verängstigten Kind in mir zu und sagt ihm immer wieder: «Es ist viel besser, den Schmerz nicht mehr allein aushalten zu müssen. Als Kind ging es nicht anders, denn du dachtest, dass mit dir etwas nicht stimmt.»
Jetzt sehe ich: Es war meine Mutter, die mit allen heftigen Gefühlen, wie Wut oder Trauer, nicht zurechtkam. Ursula sagt mir: «Nun gibt es Vertrauenspersonen, denen du deinen Schmerz zeigen darfst, gut dosiert, damit es dich nicht wieder ‹umhaut›.» Sie erklärt: «Es ist auch nicht so, dass du dich damit erneut abhängig machst. Es gibt vertrauenswürdige Menschen und du kannst nun genau prüfen, wem du dich anvertraust.»
Ich höre das und denke, wie schön das wäre, aber glauben kann ich es noch nicht so ganz.
Ich besuche mit ihr zusammen das Kind in der Höhle und erzähle ihr, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat.
Sie fragt: «Hätte das Kind sich nicht zu den jungen Wölfen legen und auch von der Muttermilch trinken können, wenn es doch solche Sehnsucht nach Mutterwärme hat?»
Schmerz flammt auf, mein Körper zieht sich zusammen.
Ich brauche lange, um die Stellen zu überwinden, die bei Schmerz immer noch «dichtmachen», da sie die Überzeugung haben, dass Schmerz nur da sein darf, wenn ich allein bin.
Am Ende habe ich wieder das Bild des stillen, sehnsüchtigen Mädchens vor der Wölfin mit ihrem Wurf vor Augen. «Denkst du, es könnte einfach fragen, ob sie sich zu ihnen legen darf?», frage ich Ursula. «Ja, bestimmt!» Es fragt, und die Wölfin nickt einladend. Das Mädchen legt sich zu den kleinen Wölflein, die an den Zitzen trinken. Und da endlich lässt mein verkrampfter Körper Stück für Stück los. Ich kann sanft immer weiter nach unten gehen, bis in meinen Bauch. Ich lasse zu, dass der Schmerz ganz langsam zum Vorschein kommt, Stück für Stück, in erträglichen Portionen. Wenn eine Welle kommt, hält Ursula mich am Rücken und am linken Arm. So ist es gar nicht so schlimm.
Ursula sagt: «Du kannst es auch so sehen: Deine Mutter möchte ausdrücken, wie hilflos sie sich fühlt. Es ist ihr bewusst, dass es Dinge gibt, die du ganz dringend gebraucht hättest, die sie dir aber nicht geben konnte und es auch heute nicht kann. Du kannst nun ‹Bemutterung› auf ganz vielen Ebenen und von ganz vielen ‹Müttern› annehmen.»
«Ja», antworte ich, «das weiß ich schon. Schlimm ist nur, dass es immer noch diesen Anteil in mir gibt, der noch nicht aufgehört hat, darauf zu hoffen, dass ich es doch noch von ihr bekomme. Ich habe solche Sehnsucht danach.»
«Diese Sehnsucht ist dein Wegweiser», sagt Ursula. «Sie wird dich leiten. Wenn du deinen Schmerz zulässt, kann er einfach durch dich hindurchfließen. Und du wirst sehen: Dein System reguliert sich jetzt so gut, dass du trotzdem arbeiten kannst. Beides darf sein! Es reguliert und dosiert jetzt so wunderbar. All die verschiedenen Instanzen arbeiten nun so gut zusammen.» Das fühlt sich richtig gut an. Ich atme, alles wird ruhig.
Gegen Ende der Stunde kommt unverhofft nochmals eine riesige Schmerzwelle.
«Es ist immer dann, wenn es um den Abschied geht», stellt Ursula fest. Sie streichelt mich noch ein wenig, und das tut so gut.
Als ich mich nach der Stunde auf das Sofa im Wartezimmer lege, deckt sie mich liebevoll zu und streichelt meine Wange. «Wie bei einem Kind», denke ich. Und mir wird klar: Sie sieht und spürt wohl wirklich das kleine und bedürftige Kind in mir. Und ich bin so dankbar, dass ich ihre Liebe annehmen darf. «Du hast einen so guten Zugang zu deinem Inneren gefunden», sagt sie mir zum Abschied.
«Wirklich?», fragt meine kritische innere Stimme. «Ist das nicht total kindisch, was ich hier mache? Ich denke mir das alles doch nur aus.»
Ich erfahre: Ich kann den Schmerz zulassen, Stück für Stück. Wenn er weiß, dass er da sein darf, braucht er mich nicht mehr hinterrücks zu überfallen. Ich nehme mir Zeit für ihn. Ich halte ihn aus und drücke ihn nicht mehr weg. Und ich werde nachher jedes Mal mit mehr Lebensfreude und besserer Verbindung belohnt.
13.06.2021
Martha ist etwas traurig, denn das Kind hat resigniert. Es möchte einfach nichts weiter als bei der Wölfin und ihren Jungen bleiben. Hier wird sein Herz etwas warm. Es kuschelt sich einfach an die Wolfsmutter und schaut den Kleinen beim Trinken und Schlafen zu. Das Mädchen fühlt sich sehr müde und schläft viel, fast, als wäre es selbst ein neugeborenes Wolfskind. Aber wenigstens ist es hier sicher und geborgen. Es denkt, dass es für immer hierbleiben möchte, in der Welt der Tiere und Pflanzen, hier, wo keine Menschen sind. Bei den Menschen fühlt es sich nicht wohl, auch nicht bei Martha. Es fürchtet, dass Martha es bald wieder verlassen wird, es allein wegschicken wird, zurück in die Menschenwelt, oder dass Raffael ein anderes, krankes Kind zu Martha bringen wird, welches deren Zuwendung braucht. All dies würde ihm sehr wehtun, da bleibt es lieber von Anfang an auf Distanz und unterdrückt sein Bedürfnis, Marthas Nähe zu spüren. Martha ist etwas ratlos und auch ein wenig traurig, aber sie hat den Eindruck, dass es wichtig ist, das Kind zu nichts zu zwingen. Vielleicht ist es notwendig, ihm einfach Zeit zu geben?
14.06.2021
Martha hatte heute eine gute Idee. Wenn sie körperlich nicht an das Kind herankommen kann, geht es vielleicht mit Musik? Sie bittet Raffael, ihm eine Geige mitzubringen – und siehe: Das Kind spielt. Zögerlich zuerst, und nur, wenn es denkt, dass ihm niemand zuhört … aber es spielt. Es ist, als ob dieses Mädchen schon immer Geige gespielt hätte, es lernt spielend leicht, einfach aus sich selbst heraus. Martha ist so froh, weil das Kind dadurch in Bewegung kommt und die Erstarrung von ihm abfällt. Aber sobald jemand in seine Nähe kommt, zieht es sich zurück.
Ein Jahr später: Genau so habe ich nun Cello spielen gelernt: Einfach aus mir selbst, mit wenig Üben mache ich jedes Mal riesige Fortschritte. Es ist, als ob ich einfach wüsste, wie es geht. Ich kann mich einfach «einklinken» in dieses Feld, wo das Können schon ist, und dann lerne ich alles wie von Zauberhand: eine unglaublich beglückende Erfahrung!
Ich habe immer mehr das Gefühl, dass ich mit meinen «schamanischen Reisen» tatsächlich den Boden für meine spätere Realität bereitet habe.
Ich konnte heute beim Üben ein paar Mal mein Herz weit öffnen. Nur kurz zwar, aber es war eine sehr beglückende Erfahrung. Wenn mir das gelingt, ist es ganz direkt hörbar. Eine neue Welt öffnet sich!
Nur geht es leider nicht, wenn andere Menschen da sind. Aber wer weiß, vielleicht ist auch das nur eine alte Überzeugung, und es wird sich ein Weg finden? Ursula sagt: «Es gibt immer einen Weg.»
...


