Auf einer Weltdiagonalen

Auf einer Weltdiagonalen

Dietrich Splettstößer


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 404
ISBN: 978-3-99048-906-2
Erscheinungsdatum: 21.09.2017
Von Alaska nach Neuseeland skizziert der Autor Reisen, Wanderungen und Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen und Kulturen und reflektiert über die beobachteten gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten. Fernweh-Lektüre!
Alaska, British Columbia, Yukon


… Hinter einem mit frosthartem Gras bewachsenen Hügel oberhalb von Eielson lag unerwartet plötzlich der Denali, vormals Mount McKinley, im gleißenden Sonnenlicht vor uns. Seine Gletscher, von gewaltigen, an manchen Stellen über hundert Meter dicken Schnee- und Eismassen gefüttert, glänzten minutenlang in augenirritierender Grelle herüber, bevor vorüberfliegende fluffige Wolkenfetzen den Anblick des höchsten Berges Nordamerikas wieder erträglicher machten. Die meiste Zeit des Jahres bleibt er unsichtbar, verbirgt sich dieses imposanteste Landschaftsmerkmal Alaskas hinter dichten Wolken. Aus der Perspektive des „bear bell“-schwingenden Wanderers auf den Wildblumenwiesen an seinem Fuße erschien ein Aufstieg nicht zu schwierig. Was das friedliche Bild verschwieg, waren die ungezählten Gletscherspalten, die man überspringen oder auf Schneebrücken überqueren musste, sowie die bei einem plötzlichen Wetterwechsel selbst im Sommer möglichen Schneestürme, Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern und Temperaturen von minus 50 Grad Celsius. Während man den Koloss fotografierte, wurde einem klar, dass er ebenso respektiert werden musste wie ein Grizzlybär: Aus angemessenem Sicherheitsabstand.
… Auf dem Rückweg ins Camp saß neben uns in der letzten Sitzreihe des gelben Shuttle Bus Sally aus einem Pensionärs-Paradies in Florida. Eine rote Schirmmütze auf den weißgrauen Locken signalisierte Fitness - lots of it. Ihren flinken Augen entging keine Bewegung an den Berghängen links und rechts der Straße. Von Zeit zu Zeit rief sie: „Driver, stop! I can see something.“ Was es war, dass sie gesehen hatte, konnten weder wir noch andere Passagiere herausfinden. Der Fahrer hielt stets für einige Minuten, um ihr Zeit zum Fotografieren zu geben. Einmal war er gerade wieder angefahren als sie aufgeregt rief: „Driver, stop, a bear!“ Die Mitfahrer sprangen auf: „Where, where?“ Nach einigen Sekunden Beobachtungsstille seufzte Sally: „Oh, no, it's a rock.“ Da rief jemand: „There, there!“ und zeigte irgendwohin. In die wiederum eingetretene Sprachlosigkeit hinein gluckste Sally: „Maybe, a rocking bear.“ …










Ararat


… Sechs Stunden nach dem Aufbruch, gegen 8 Uhr morgens, erreichten wir den Beginn der Gletscherzone, etwa 4900 Meter hoch. Zum Anschnallen der Steigeisen brauchten wir fast eine halbe Stunde. Die ersten Schritte auf dem Eis brachten dann aber spürbare Erleichterung gegenüber dem Klettern im Geröll. Die Stahldornen bohrten sich bei jedem Tritt zwei Zentimeter tief ins Eis. Die so gewonnene Standfestigkeit erleichterte das Vorwärtskommen enorm. Ismet schlug mit dem Eispickel Schneebrücken von schmalen Gletscherspalten, die sich mit großem Schritt überqueren ließen. Steilabfallende Terrassen täuschten Gipfelnähe vor. Sobald sie jedoch erklommen waren, stand die nächste Barriere dreißig Meter höher vor uns. Parrot hatte Ähnliches beobachtet. Nach zwanzig Schritten mussten wir für mindestens drei Minuten stillstehen. Pulsfrequenz und Atmung waren im Grenzbereich der Leistungsfähigkeit, „near to exitus“ wie es mein Bergfreund nannte. Nicht umsonst heißt der Berg in Türkisch „Agri Dagi“ - Berg des Schmerzes.
… Wenige Meter voraus ragte eine verrostete Eisenstange aus dem Eis. Geschafft! Auf dem höchsten Gipfel Klein-Asiens, 5137 Meter hoch, fühlten wir uns trotz der Erschöpfung wie „On Top of the World“. Ismet hatte den Erfolg mit Ortskenntnis, Geschick, Frohsinn und schier unerschöpflicher Energie ermöglicht und schien gerührt von unseren stummen „bear hugs“.
Bei Windstille und wolkenlosem Himmel reichte der Blick in nordöstlicher Richtung bis weit hinter Eriwan in die damals noch armenische Sowjetrepublik. Im Osten sah man den Kleinen Ararat. „Die zwischen beiden liegende sanfte Vertiefung“, schrieb Parrot, „stellt eine nach Süden mäßig geneigte Schneefläche dar, …die, wenn irgend ein Punkt des Gipfels selbst dafür angenommen werden soll, wohl derjenige seyn mag, auf welchen sich Noah's Arche niedergelassen hat; …“










Auf Telekis Spuren


… Wolfgang hatte in Tuum einen jungen Samburu als Führer angeheuert. Der weckte uns in der Morgendämmerung und drängte zum Aufbruch, bevor die Sonne aufging. Im ersten Licht des Tages folgten wir ihm. Auf seinen mit Gummibändern am Fußgelenk befestigten Sandalen aus alten Autoreifen schritt er leichtfüßig an scharfkantigen Lavabrocken vorbei, die jeden Konzentrationsmangel mit schmerzhaften Hautabschürfungen bestraften. Je heller es wurde, umso schneller ging er voran, um vor der stärker werdenden Hitze den ersten Rastplatz zu erreichen.
Im spärlichen Schatten eines Busches tranken wir Tee. Leshanguan, so hieß unser Führer, erzählte, dass er in einigen Monaten heiraten würde. Seine zukünftige Frau sei die Tochter eines reichen Herdenbesitzers. Sie sei die schönste Frau in Tuum und würde ihn zehn Kamele und fünfzig Ziegen kosten. Obgleich er mehr verdiene als die meisten anderen Männer seines Stammes, schätzte er, bis an sein Lebensende arbeiten zu müssen, um den Brautpreis zu bezahlen. Doch war er zuversichtlich, seine Braut würde hinreichenden Geschäftssinn besitzen, eine Duka zu erwerben und mit allem zu handeln, was Samburus benötigten und Touristen interessiert, und so die Schulden ihres Mannes bei ihrer Familie selbst mit abtragen.
Die sich in dieser Hoffnung ausdrückende Pragmatik verdeutlichte den offensichtlichen Wertewandel in der traditionellen Kultur der Pastoralisten. Geldwirtschaft und Tourismus hatten bei den in dieser semiariden Gegend lebenden Nomaden zu grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen geführt, obgleich ihre übrigen Lebensbedingungen auch heute noch nicht wesentlich anders waren als zu Telekis Zeiten. Der Zugewinn an Arbeitskraft hatte zwar stets ein wichtige Rolle bei der Wahl der Braut gespielt, doch nie waren damit kommerzielle Aspekte verbunden gewesen. Inzwischen hatten jedoch die von der Regierung verlangte Sesshaftigkeit, sowie medizinische Basisversorgung und Radio-Kommunikation die alten Sitten und Stammes-Gebräuche der „shepherds of the desert“ beiseite gedrängt...










Afrikas Mondberge - Lunae montes - Rwenzori


… Als wir näherkamen, erkannten wir Christian. Er sah aus, als wäre er eingeschlafen. Daniel riss ihn unsanft hoch und rieb ihm die Wangen mit Schnee. Er klagte über Übelkeit und war offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Wir waren jetzt 5000 Meter hoch und würden noch mindestens zwei Stunden bis zum Margherita-Gipfel brauchen. Christian musste dringend absteigen. Einer von uns würde ihn schnellstmöglich zur Elena-Hütte zurückbringen müssen.
… Wilfrid beschloss, sich die Ptolemäische Vermutung, der Nil mit seinem unerschöpflichen Wasservorrat müsse aus dem Gletschereis der Lunae montes kommen, hinreichend bewiesen zu haben und mit dem Kranken am Seil unverzüglich abzusteigen.
… Daniel war einer der wenigen Bakonjo-Bergführer, die den Gipfel mehrmals erklommen hatten. Während einer Pause erzählte er, die meisten seiner Stammesbrüder fürchteten Gletscher und Gipfel wie ihre alten Götter, die auf menschliche Annäherung, durch die sie sich belästigt fühlten, mit Aggressivität und Heimtücke reagierten. Erst vor wenigen Monaten hatte diese Überzeugung neue Nahrung erhalten als ein Bergführer beim Abstieg im Mubuku-Fluss tödlich verunglückt war. An den Lagerfeuern der Bakonjo zweifelte niemand daran, dass ihn die Götter wegen frevlerischer Selbstüberschätzung bestraft hatten.
… Durch vorüberfliegende Wolkenfetzen fiel der Blick sekundenlang auf die sich mehrere Kilometer tiefer ausdehnende grüne Fläche des kongolesischen Urwaldes auf der Westseite des Berges. Jeden Tritt sorgfältig sichernd, hackten und zogen wir uns Meter um Meter höher. Das Eis war so hart, dass der Eispickel selbst mit größter Kraftanstrengung nur wenige Zentimeter eindrang.
Als wir die Barriere endlich überwunden hatten, sahen wir Rudi und Franz, die uns vom Gipfel zuwinkten. Wenige Minuten später hatten wir sie erreicht. Rudi strahlte mich mit Eisflocken im Bart an. Mit „bear hugs“ gratulierten wir uns zur Mitgliedschaft im „Three Peaks“ Club.










Zwischen Bagamoyo und Ngorongoro


… Ich setzte mich nahe an den Akazienstamm, blickte durch die grünen Blätter auf den blauen Himmel, an dem kleine weiße Wolken schwebten und hörte dem Gezwitscher der Weber-Vögel zu, die ihre Nester an den dornigen Zweigen des Baumes aufgehängt hatten. Bob hatte sich derweil auf der Motorhaube niedergelassen. Nach einer kleinen Weile hörte ich ihn vor sich hin murmeln: „Wenn sie nicht bald meinen Stuhl freigibt, wird mein Hintern so rot sein wie der des Pavians, der sich gerade mit Deinem Lunchpaket davonstiehlt.“ Damit zeigte er auf einen silbermähnigen Affen, der den in einen Plastikbeutel eingepackten Sandwich vom Rücksitz genommen hatte und nun ohne Eile auf einen nahen Euphorbienbusch zuging. Mit einigen schnellen Schritten sprang ich ihm hinterher, bis er sich umdrehte, zu voller Größe aufrichtete, die Eckzähne blitzen ließ und ein Warngebrüll ausstieß, das mich augenblicklich zum Stillstand brachte. Die Schrecksekunde nutzte er, um in dem Busch zu verschwinden. Als ich resigniert zu meinem Sitzplatz zurückgekehrt war, kam er wieder daraus hervor, hatte die Plastiktüte weggeworfen, hielt den Sandwich in einer Hand und trottete kauend davon.
Inzwischen war Bob von der Motorhaube heruntergerutscht, rieb sich mit beiden Händen über seine Sitzfläche und blickte nachdenklich dem Pavian nach, dessen roter Hintern noch eine Weile provokativ aus den grünen Büschen leuchtete. Möglicherweise hatte diese Spezies von Pavianen schon die Homo habilis Jäger und Sammler geärgert, die vor Millionen Jahren hier gelebt hatten. Aber selbst wenn sie Paviane gejagt hätten, wäre es ihnen kaum gelungen, diese auszurotten. Wie unsere eigenen Vorfahren hatten die sich weiterentwickelt und waren inzwischen so raffiniert geworden, dass sie Lunchpakete aus Autos stehlen konnten. Aus Homo sapiens-Sicht musste man sie dafür ebenso bestaunen wie man die eigene zivilisationsbedingte, naturentfremdete Dummheit bedauern konnte.










Kilimandscharo - Aethiopic Olympus


… Asthmatisch hechelnd und starr aneinander vorbeiblickend rasteten wir im Halbdunkel der fast 5200 Meter hoch gelegenen Hans-Meyer-Höhle. Der Leipziger Geograph hatte im Oktober 1889 hier mit seinem Bergführer Purtscheller übernachtet und am nächsten Tag als erster Europäer den höchsten Punkt Afrikas erreicht. Die durchdringende Kälte trieb uns schnell wieder weiter. Bald konnte unser hektisches Atmen auch nach minutenlangen Pausen nicht mehr verlangsamt werden. Jede Rast dauerte ebenso lange wie die vorangegangene Steigzeit. Irgendwo hier musste 1887 Graf Teleki bei dem Versuch, den Berg während seiner Expedition (s. Kap. 7) zu besteigen, gescheitert sein. Er hatte sich bis auf eine Höhe von 5269 Meter gequält, war dann jedoch mit „blutenden Lippen und starkem Rauschen im Kopf“ wieder abgestiegen.
Die Anzahl der Schritte, nicht mehr als fünf bis zehn, zwischen den Pausen wurden - wie Allan schrieb - zum Brennpunkt der eigenen Existenz. Als wir schließlich über die eisbedeckten Felsbrocken vor dem 5685 Meter hohen Gilman's Point am Kraterrand geklettert waren, fühlte man ein solches Verlangen nach Atemluft, wie sie jemand mit nur einem Lungenflügel haben mochte.
Hinter dem Mawenzi ging die Sonne auf. Scherenschnittartig hob sich dessen zackiges Profil gegen einen orangefarbenen Himmelsstreifen ab. Mit Erschöpfungsfalten um Nase und Mund, erstarrte vorschnelles Gipfelsieg-Lächeln im Licht des von Eiskaskaden reflektierten, minutenschnell wechselnden Farbenspiels. Naturgebannt standen wir am Dach Afrikas, nahe dem Ursprung der Menschheit. Angesichts der soeben wieder bewusst gewordenen Grenzen menschlicher Kraft und Ausdauer, erschien einem Homo sapiens-typische Hybris so vermessen wie William Cooley’s Bemühen, die Royal Geographical Society 1849 zu überzeugen, dass Rebmanns Bericht vom Schnee auf dem „Aethiopic Olympus Kilimanjaro“ nur ein Hirngespinst sein konnte. Ein perfekter Augenblick, sich darin zu erinnern, dass unsere Spezies, genauer wir Trockennasenprimaten (Haplorrhini), nie mehr waren als ein „animal of no significance“ …










Savannah Way und Queensland Coast


… Ohne die trinkfesten „Hermits“ zu stören, fuhren wir weiter zum Robinson River, der wie alle anderen in dieser Gegend in den Gulf of Carpentaria flossen. Nach Sonnenuntergang stürzten sich dort Schwärme schwarzer Käfer selbstmörderisch ins Lagerfeuer, nachdem sie sowohl die Vorbereitungen für das Abendessen als auch die begleitende Konversation blockiert hatten. Sprachlos im Halbkreis sitzend fürchtete man, bei Redeversuchen ein bis zwei Dutzend dieser unerschrockenen Tierchen zu verschlucken. Das schließlich nach Abzug der überlebenden Selbstmörder zubereitete „Chili con carne“ erhielt später jedoch ausnahmslos Spitzennoten.
Auf dem Weg zur Grenze zwischen dem Northern Territory und Queensland begegnete uns dann und wann ein Road Train. Beim Vorüberfahren überschüttete er unsere Autos mit einem Hagel kleiner Steine und hüllte sie für Minuten in sichtblockierende Staubwolken. Am Hell's Gate-Roadhouse kamen wir daher mit staubtrockenen Kehlen an. Dieser Truckstopp, der nach eigener Einschätzung jedem, der hier vorbeikommt, den wahren Eindruck von „Australia's Last Frontier“ und niemals endende Überraschungen verspricht, überraschte uns mit der vom „Queensland Office of Liquor, Gaming and Racing“ verordneten Schließung auf unbestimmte Zeit.
Abgesehen von der bemerkenswerten Existenz einer solchen Behörde, die zu phantasievollen Schlussfolgerungen über die Lieblingsbeschäftigungen der Queenslander einlädt, hätten wir diese gesundheitsschützende Maßnahme eher in weniger einsam gelegenen Gebieten verstanden. Wer musste denn am Eingang der Hölle noch vor Alkohol geschützt werden? Der Eigentümer des Hauses hatte sich geweigert, eine hauseigene Sicherheitspolitik nach dem neuesten Qualitätsstandard einzuführen, die Kellnerinnen entsprechend zu trainieren und ein CCTV-System zur Total-Überwachung der wenigen Gäste zu installieren, die hier anhielten, um ein Bier darauf zu trinken, dass sie am Eingang der Hölle gewesen waren, ohne dem Teufel oder gar dem für dessen Wirken in Queensland zuständigen Minister begegnet zu sein...










Cape Leeuwin - Cape Nauraliste


… Von Yallingup folgten wir dem Pfad in nördlicher Richtung. Schon bald hörten die Wegmarkierungen auf. Nach einer langen Wanderetappe am Strand, die an einem unüberwindlichen Felsvorsprung endete, fanden wir den Wardenup Trail, der den Cape-to-Cape Track erst wieder am Duckworth Campsite kreuzte. Dort saßen vier verwirrte Wanderer am Picknick-Tisch. Sie formulierten Beschwerden über die unzureichende Beschilderung an „Australian Geographic“ und das westaustralische „Department of Parks and Environment“. Wir dachten an Ian Roderic und gingen mitfühlsam aber mutig weiter.
Der 20 Meter hohe Leuchtturm von Cape Naturaliste tauchte unerwartet aus dem halbvertrockneten Strandgestrüpp auf. So plötzlich mochte Kapitän Baudin 1801 den westlichsten Landzipfel der Geographenbucht gesehen haben. Rund hundert Jahre später wurde dort das 25 nautische Meilen weit reichende Leuchtfeuer installiert.
Auf den weit in die Bucht hineinreichenden Felsen tummelten sich hunderte von Seelöwen. Bei deren Beobachtung trafen wir einen alten Südafrikaner. Er lebte seit 10 Jahren in Australien und hielt es, immer noch heimatverbunden, für das zweitbeste Land auf dem Globus. Im sekundendauernden Rückblick auf unsere eigenen Jahre in Afrika hätte ich ihm fast zugestimmt. Doch am Ende einer friedlichen Wanderung von Kap zu Kap und in der Überzeugung, dass Lebensqualität ein modernes Synonym für die hier stärker als in jedem anderen Land verwirklichten Ideale der französischen Revolution (Liberté, Egalité, Fraternité) ist, klang mir „zweitbest“ zu „unaustralisch“ bescheiden, eher wie britisches Understatement. „Second to none“ traf deutlich besser.
Als ich abends auf dem Campsite am Naturalisten-Kap aus der Duschkabine kam, sah ich den nostalgischen Afrikaner wieder. „How ya goin’, mate?“ fragte er mich australisch korrekt. „Not too bad“, antwortete ich britisch untertreibend. „What about yourself?“ Genüsslich trank er sein Stubbie leer und bestätigte dann lächelnd: „Top of the world, mate, top of the world!“










Im „Paradies“ der „Fuzzy-Wuzzy“ Engel


… In der Stadtmitte verfielen die Gebäude neben stinkenden Müllhaufen in der tropischen Hitze und Feuchtigkeit. Von einem Stadtrundgang riet unser Fahrer ab; nicht wegen des allgegenwärtigen Verfalls, sondern um einen wahrscheinlichen Überfall zu vermeiden. Taschendiebe waren hier aggressiver und gerissener als anderswo. Rob ließ sich aber nicht von einem persönlichen Test abbringen. Er kaufte auf dem Markt einen aus Pflanzenfasern geflochtenen Bilum und hängte ihn leer, aber provozierend-locker über eine Schulter, doch erst, nachdem er Geldbörse und Kamera in seinen „Cargo Trousers“ verstaut hatte.
Am Central Market saßen Marktfrauen auf ausgebreiteten leeren Jutesäcken zwischen Kau Kau (süßen Kartoffeln) und Kochbananen in der gleißenden Sonne. Vor sich hatten sie Fische, geräucherte Flughunde und aufgeschlitzte gekochte Mausnasenbeutler („Papuan Bandicoots“, Microperoryctes papuensis) ausgebreitet. Wenn man bedachte, dass die Menschen hier seit 10.000 Jahren Ackerbauern waren, genug Regen fiel, täglich die Sonne schien und in den höheren Lagen im Landesinnern alles wuchs, was überhaupt angebaut werden konnte, erschien das Angebot verblüffend gering. Neben der Armut und Bedürfnislosigkeit der Stadtbevölkerung mochte ein weiterer Hauptgrund dafür die Raubüberfälle auf dem notorischen „Highland Highway“ sein. Die Zeitungen berichteten fast täglich, dass schwerbewaffnete Banditen, die sie verniedlichend „Rascals“ nannten, routinemäßig nicht nur Busse, sondern auch Obst- und Gemüsetransporte ausraubten, wenn diese anhalten mussten, um Pannen zu reparieren oder Erdrutsche zu umfahren.
Am Hafen, wo der Markham River in den Huon-Golf mündete, hatte die Solomon Sea die schmutzig graugelbe Farbe der Flusssedimente angenommen. An einem schmalen Strand, nicht weit vom Ufer entfernt, ragten verrostete Wrackteile aus dem Meer. Wenige Kinder planschten im trüben Wasser. Unsere eigenen Gedanken an tropisches Badevergnügen verschwanden hier schon lange, bevor man eine Antwort auf die Frage gefunden hatte, warum für Südseeromantiker und Kolonialhistoriker nichts ernüchternder war als ein Besuch in Lae. Es schien aber keineswegs auszuschließen, dass andere Orte in diesem Teil des ehemaligen „Kaiser-Wilhelm-Landes“, wie Finschhafen, Heldsbach, Sattelburg oder Scharnhorst diese Einschätzung noch übertreffen konnten.










Aotearoa - Im Land der langen weißen Wolke


… In Invercargill, Neuseelands südlichster Stadt, fühlte man sich von der rauen Vergangenheit der Ureinwohner so weit entfernt wie vom rauen schottischen Hochland, aus dem die ersten europäischen Siedler dieser Gegend stammten. Die Stadt erhielt ihren Namen 1856 von Thomas Gore Browne, dem englischen Gouverneur Neuseelands, der sie nach dem schottisch-gälischen Wort inbhir (Flussmündung) und dem englischen Superintendenten der Otago-Provinz, William Cargill, nannte. Wettergehärtete Jogger im Queens Park mochten die gesunden Nachkommen einer von 40-jähriger Prohibition betroffenen, aber auf diese Weise bis ins hohe Alter fit gebliebenen Elterngeneration sein. Im „Visitor Information Centre“ schien Henry, ein 111-jähriger, soeben Vater gewordener Tuatara, ein lebendes Fossil aus der Familie der Sephadontien, die vor ca. 235 Millionen Jahren auf der Erde erschienen und vor 60 Millionen Jahren mit den Dinosauriern ausgestorben waren, die Hypothese zu bestätigen.
Die südlichste Stadt im Commonwealth, bekannt als „City of Water and Light“, mit dem die Einheimischen Wetterphänomene wie den mitunter peitschenden, horizontalen Regen und die Aurora australis meinen, erfreut ihre Einwohner mit einem temperierten Meeresklima, das im Sommer dem im äußersten Norden der Britischen Inseln und im Winter dem an der französischen Atlantikküste gleicht. Die Umgebung ist äußerst fruchtbar und ein wichtiges Zentrum der neuseeländischen Milchwirtschaft. Seit Aufhebung der Prohibition wird hier dennoch nicht nur Milch getrunken, wie wir am Wegweiser des Stirling Point Lookout in Bluff erfuhren.
Dort war man noch 4800 Kilometer vom Südpol entfernt und fast 19.000 Kilometer von London. Mit seinem prägnanten Namen musste die allersüdlichste Siedlung auf der Südinsel von Aotearoa am Ende der Nordwest-Südost-Weltdiagonalen auch die Welthauptstadt der Limerick-Dichter sein. Froh hier angekommen zu sein und angesichts einer einsam trinkenden, schweigsamen, aber furchteinflößenden älteren Dame am Nebentisch, dichteten wir im Spyglass Pub in Erinnerung an die gestrenge „Lady from Beaver Creek“ (s. Kap. 1) bei Midstrength Lager am frühen Nachmittag, was querdenkenden Fahrenden meist nur bei schwerem Ale um Mitternacht gerät …

Das könnte ihnen auch gefallen :

Auf einer Weltdiagonalen

Pascal Furrer

Peregrinus Einfach Werden

Buchbewertung:
*Pflichtfelder