Atme, Liebes!

Atme, Liebes!

Lilli Herzstein


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-95840-870-8
Erscheinungsdatum: 12.09.2019
Wie schafft Frau gleichzeitig Gattin und liebevolle Mutter zu sein, ohne sich selbst in den Hintergrund zu stellen, zu verlieren? Wie können Familie, Job und Hausbau unter einen Hut gebracht werden? Lilli Herzstein verrät ihre ganz persönlichen Erfahrungen, Tipps und Tricks.
Die Welt durch Kinderaugen sehen

Ich gehe mal wieder spazieren. Vorhin hat es geregnet. Das heißt, die Feldwege sind matschig. Toll … Und ausgerechnet heute hat der Kindergarten seinen alljährlichen Betriebsausflug und bleibt somit geschlossen. Können die nicht an einem anderen Tag ihren Ausflug machen? Meine Laune hält sich in Grenzen. Ich weiß ganz genau, dass der Hund nachher wieder eine andere Fellfarbe hat – nämlich von Braun zu Matschigbraun.
Die Kinder haben Spaß. Wenigstens etwas! Sie rennen durch die Pfützen, dass es spritzt und knatscht. Der Hund auch noch mit durch. Der Kleine ruft schon, dass ihm das Wasser zu den Gummistiefeln reinläuft. Super … Meine Laune sinkt dem Nullpunkt entgegen.

Während ich noch überlege, in welcher Reihenfolge ich nach dem hoffentlich schnell vorübergehenden Spaziergang das Auto belade, rennen meine beiden Kinder mitsamt Hund schon voraus. Der Hund … kann der nicht ein bisschen schneller machen? So einen Haufen zu setzen ist doch nicht so schwer. Aber ausgerechnet heute, wo alles so schön matschig ist, geht der natürlich wie ein Nilpferd in Pfützen tauchen, anstatt mal daran zu denken, sein Geschäft zu erledigen.
Warum bin ich heute auch ausgerechnet hierher zum Spazierengehen? Weil wir immer hier laufen? Ich könnte ja auch mal woanders laufen.

Hier rennen, da rufen, dort schimpfen, drüben einsammeln. Aber spazieren waren wir. Macht man ja als Mama. Frische Luft tut schließlich gut. Der Hund muss ja auch mal raus. Und überhaupt. Meine Gedanken fließen zäh in einem Strom. Und das bergab.


Endlich kommt die Sonne raus. Aber das hilft mir jetzt auch nicht viel. „So schnell trocknen der Weg und die Wiese nun auch wieder nicht“, raunt mir eine kleine, gehässige Stimme ins Ohr.

Irgendwann hole ich meine Kinder ein. Sie stehen vor einem Baum und starren ihn an. Ich laufe vorbei und rufe ihnen zu, dass sie weitergehen sollen. Wir wollen schließlich die Runde beenden und es hinter uns bringen. Meine Tochter ruft mich zurück.
Nach einem genervten Schnaufen meinerseits und einem Seitenblick auf den Hund – der immer noch wie ein Nilpferd in der Matschpfütze liegt – kehre ich um und gehe zu ihr.

„Mama“, sagt sie. „Mama, schau mal.“
Ich sehe nichts.
„Mama, jetzt guck doch mal den Baum an.“
Ich schaue den Baum an.
„Ja und? Was ist denn mit dem Baum? Der steht doch da gut“, sage ich zu meiner dreijährigen Tochter und versuche, beherrscht zu bleiben.
„Ja, Mama. Jetzt guck doch, wie der Baum glitzert“, sagt sie und hüpft schon bei mir am Arm.

Ich stehe und schaue. Und schaue. Und schaue … Auf einmal sehe ich, was sie mir zeigen will. Weswegen sie so aufgeregt ist.
Sie sieht die Schönheit der Welt. Die Urform des „Rein-Seins“. Auf einmal kommen mir die Tränen.
Dieser Baum, wie er dort steht mit den vielen, vielen Regentropfen darauf, ist unbeschreiblich schön. Die Sonne, die ihn von hinten anstrahlt, lässt ihn glitzern. Ja richtig strahlen. In Tausenden Regenbogenfacetten leuchtet dieser eine Baum. Mit jedem Kopfneigen glitzert es anders.

Und so stehen wir. Ich in der Mitte. Mein kleiner Sohn an der linken Hand und meine Tochter an der rechten Hand. Der Hund jagt inzwischen durch das hohe, nasse Gras und hat seinen Spaß. In diesem Moment ist mir bewusst, es ist ein perfekter Augenblick.
Und wieder kommen mir die Tränen in die Augen. Ich frage mich: Wie viele solcher Augenblicke mache ich selbst kaputt? Wieso laufe ich so unachtsam durch meinen Tag? Wie viele solcher Augenblicke könnte ich erleben, wenn ich ein bisschen achtsamer wäre und nicht damit beschäftigt wäre, alles als eine Anstrengung zu sehen? Als Punkte, die „abgearbeitet“ werden müssen? Wie viele Tage lasse ich einfach an mir vorübergehen, ohne sie richtig zu leben?

In diesem Moment, den glitzernden Baum betrachtend, an jeder Hand einen Teil meines Selbst, beschließe ich, meine Tage achtsamer zu leben. Es sind meine Tage. Und wenn sie abends vorüber sind, kann ich nicht zurückspulen und sie noch einmal leben.


Memo an mich: Atme, Liebes! Atme das Leben!


Versuche es doch mal!
Sei achtsam!

Gehe einmal spazieren und sei entspannter. Turnschuhe trocknen. Ziehe sie das nächste Mal einfach wieder an zum Spazierengehen. Ein blutiges Knie, weil das Kind vom Fahrrad gefallen ist, verheilt.

Und jetzt schaue Dir das Leben an!

Genieße den Spaziergang! Ist Dir schon einmal aufgefallen, wie schön ein Kinderlachen in einer Matschpfütze klingt? Wie die Wassertropfen an einem Zweig glitzern können? Wie sich die Sonnenblumen alle in dieselbe Richtung drehen? Wie schön ein Feld aussieht, wenn der Wind es küsst?

Wann bist Du das letzte Mal so richtig achtsam durch Deinen Tag gegangen?

Es ist befriedigend. Es ist befreiend. Man verfällt nicht in diese Negativschleife, denn man konzentriert sich auf die vielen, vielen schönen Dinge im Leben. Und das ist es wert!

Genieße das Leben und jeden einzelnen Tag davon. Das Leben ist uns geliehen. Nicht geschenkt. Jeder Tag könnte tatsächlich Dein letzter sein.



Ärgerlich? Anstrengend? Ätzend?
Achte auf die schönen Momente darin!

Heute gibt es Nudeln mit Soße. Das mögen meine Kinder. Es geht schnell, es geht immer. Super! Was will ich mehr?

Als ich meine gekochten Nudeln so betrachte, überlege ich, ob es nicht doch sinnvoll wäre, wenn ich ein bisschen Gemüse dazu mache. Meine Kinder essen Gemüse sogar recht gerne. Vor allem der Kleine mag Erbsen. Schnell schaue ich in die Tiefkühltruhe … und tatsächlich. Erbsen hat es noch. Ratzfatz aufgewärmt, etwas Knoblauchbutter drüber. Geht immer und schmeckt.

Um 13:30 Uhr hole ich meine Kinder aus dem Kindergarten. Zwei hungrige Mäulchen, die trotz des täglichen Mittagessens im Kindi dann zu Hause noch einmal richtig essen wollen. Mamas Essen schmeckt ja auch am besten, wie ich immer wieder wohlwollend feststelle.

Wir sitzen zusammen und die Kinder erzählen von ihrem Kindi-Tag. Der Sohn hat einem anderen ins Ohr gebissen, nachdem dieser ihn gehauen hatte. Die Tochter spricht nicht mehr mit ihrer Freundin, da diese mit einer anderen gespielt hat. Für mich klingt das nach einem ganz normalen Kindi-Vormittag.
Ich schöpfe meinem Kleinen inzwischen die dritte Portion Erbsen und betrachte ihn eine Weile. Die Große schiebt ihre Erbsen mit der Gabel von links nach rechts und versucht sie nebenher unbemerkt an den Hund zu verfüttern. Der will sie aber auch nicht so recht und zieht nur die Nase. Ich habe es gesehen. Schleckiger Hund …
Aber dem Kleinen schmeckt es. Neben dem Teller. Hinter dem Teller. Unter dem Teller. Auf der Sitzbank und unter dem Tisch. Erbsen. Überall Erbsen. Nach einer Weile frage ich ihn, ob er denn vielleicht mit einem Löffel essen mag. Damit geht es deutlich einfacher. Er beharrt auf seiner Gabel. Natürlich. Gelassen schaue ich ihm zu und nippe an meinem Wasserglas.
Nachdem schon wieder vier Erbsen unter den Tisch gekullert sind, klappt es endlich. Er strahlt mich an und lacht über das ganze Gesicht. Man sieht ihm so richtig an, wie stolz er ist. Seine Augen leuchten und er sagt: „Mami schau. Ich weiß doch, dass ich keinen Löffel brauch.“
Was für ein schöner Moment! So stolz wie er dort sitzt. Die Gabel mit der einen aufgepickten Erbse darauf. Die leuchtenden Augen dazu und natürlich dieses freche Lachen im Gesicht. Mein Sohn. Dieser Moment – für immer eingebrannt in meine Seele.

Der Mittag verläuft ruhig. Die Kinder räumen das Spielzeug vom Kinderzimmer ins Wohnzimmer. Spielen, streiten, diskutieren, sind mal lauter und mal leiser. Ein ganz normaler Mittag.

Ich sitze am Esszimmertisch und widme mich mal wieder ein paar E-Mails, die eben vom Architekten reinkamen, bevor ich mit den beiden nach draußen gehe, um das schöne Wetter zu genießen.
Auf einmal klingelt es an der oberen Türe Sturm. An der oberen Türe? Das ist ja seltsam. Während ich mich frage, ob die untere offen stand, öffne ich die Türe zu unserer Wohnung. Was mich vor der Türe erwartet, damit habe ich nicht gerechnet.
Es stehen ein Notarzt, zwei Sanitäter und zwei Polizisten davor. Ähm … Hallo? Habe ich etwas verpasst?
Etwas irritiert begrüße ich die versammelte Mannschaft und erkundige mich, wie ich weiterhelfen kann. Der Notarzt führt mich am Arm in mein Wohnzimmer, setzt mich auf das Sofa und erkundigt sich, wie es mir geht.
Wie soll es mir denn gehen? Gut natürlich! Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Inzwischen hat auch das Team gemerkt, dass ich etwas verwundert über ihr Erscheinen bin und es mir augenscheinlich nicht schlecht geht.

Auf einmal kommt meine Tochter ins Wohnzimmer gerannt. Freudestrahlend steht sie vor mir. Sie hüpft wie ein Gummiball und kann es kaum erwarten, etwas zu sagen. Sie platzt förmlich vor Glück. „Guck, Mama. Die kommen tatsächlich, wenn man sie anruft“, platzt es aus ihr heraus, während sie noch immer an meinem Arm hüpft. Der Kleine drückt sich im Flur an die Wand und traut sich nicht so recht ins Wohnzimmer. Das sind ihm wohl zu viele Menschen auf einmal.
Immer noch auf dem Schlauch stehend, schaue ich verständnislos die beiden Polizisten an. Im Flur erhasche ich eine Bewegung. Die Nachbarn stehen im Treppenhaus und linsen zur Türe herein. Natürlich … Neugier ist des Menschen Laster.
Etwas genervt laufe ich zur Haustüre und schließe sie. Es muss ja nicht die komplette Straße mitbekommen, was hier abläuft.
Der Polizist klärt mich auf, dass in der Notrufzentrale ein Notruf von einem Kind eingegangen sei mit dem Satz: „Meiner Mama geht es nicht gut“. Sie konnten das Gespräch zu unserem Anschluss zurückverfolgen und haben daraufhin den Rettungsdienst verständigt.
In mir regt sich ein Verdacht. So langsam dämmert mir, was passiert ist und weswegen jetzt eine voll versammelte Rettungsmannschaft vor mir steht. Das Puzzle setzt sich zusammen. Ich schaue zu meiner Tochter, die nun still vor dem Sofa steht und zerknirscht ihre Fußspitzen anstarrt.

Schuldbewusst tritt sie von einem Bein auf das andere. „Wir haben im Kindi gelernt, was wir machen müssen, wenn was passiert. Bei dem aus dem Buch kam die Feuerwehr und ich wollte mal gucken, ob das wirklich geht“, erklärt sie mir mit todernstem Gesichtchen.

Tja, da stehen wir. Notarzt, Rettungsdienst, Polizei und ich. Wir schauen uns gegenseitig an. Begeistert sind sie nicht gerade, aber ein Schmunzeln müssen sie sich auch verkneifen. Nachdem sich der Rettungsdienst noch einmal rückversichert hat, dass mir auch wirklich nichts fehlt, ziehen sie unverrichteter Dinge von dannen. Meine Wangen brennen. Unangenehm ist mir das ja dann doch. Na, hoffentlich musste jetzt kein Notfall deswegen warten.
Die Polizisten erklären meinem Mädchen währenddessen, dass sie wirklich kommen, wenn sie anruft, sie das aber nicht einfach so testen darf. Sie nickt eifrig mit ihrem Kopf, die großen, dunklen Augen unschuldig aufgerissen. Wie lieb ich sie habe. Mein Kleiner schleicht zu mir und kuschelt sich an mein Bein. Die Polizisten gehen und ich stehe mit meinen Kindern im Wohnzimmer. Ja, so etwas erlebt man auch nicht alle Tage.
„Und ich hab doch recht. Sie kommen, wenn ich sie anrufe“, stänkert sie gegen ihren Bruder und streckt ihm die Zunge raus.
Ich stehe neben den beiden und beobachte sie.
Schimpfen werde ich nicht mit ihr. Die Polizisten haben eindringlich genug mit ihr gesprochen.

Während die beiden wieder in ihre Zimmer abziehen, lasse ich mich auf einen der Esszimmerstühle gleiten. Ich streichele meinen wachsenden Bauch.
„Ich bekomme noch einmal so eins …“, denke ich mit einem Lächeln.


Memo an mich: Atme, Liebes! Manchmal musst Du tief durchatmen und die Situation einfach sacken lassen.



Persönliche Nachricht an Dich:

Immer wieder ärgern uns Kleinigkeiten im Laufe des Tages. Ja – es ist anstrengend, wenn das Kind mehr unter dem Tisch isst als darauf. Wenn etliche Erbsen über den Tisch kullern, weil ein kleiner Mensch sich so verzweifelt abmüht, sie mit einer Gabel aufzupicken und dann zu essen.

Oder wenn das Kind etwas ausprobiert, was nicht der Norm entspricht. Wenn das Kind nicht so funktioniert, wie man es sich als Elternteil vorstellt.

Aber ist Dir der Moment aufgefallen, in dem es klappt? Dieser eine Moment, wenn strahlende Kinderaugen Dich glitzernd anlachen? Wenn der Stolz förmlich greifbar ist?

Dann sind die zehn Erbsen, die unter dem Tisch liegen, egal. Du musst nach dem Essen eh kurz drübergehen und ob Du eine oder zehn aufsammelst, ist irrelevant.
Dann sind auch die Momente, in denen man als Elternteil die Kontrolle wollte und langsam aber stetig merkt, dass man sie nicht hat, egal.

Genieße diesen einen Moment, in dem Dein Kind fast platzt vor Stolz.

Solche Beispiele gibt es etliche am Tag. Ja, ich weiß, es ist anstrengend, in solchen Situationen ruhig zu bleiben. Aber Du hast nichts davon, wenn Du schimpfst. Außer dass Du schon wieder in die Negativspirale abrutschst.

Schöne Momente gibt es über den Tag verteilt so viele. Leider nehmen wir sie nicht wahr, da wir mehr damit beschäftigt sind, uns zu ärgern. Dabei müssen wir nur achtsam sein.

Versuche es doch mal!
Um Dir bewusst zu machen und damit Du einmal siehst, wie viele solcher schöner Momente Du eigentlich am Tag hast, habe ich eine kleine Aufgabe für Dich:

Mache Dir an Dein rechtes Handgelenk verschiedene Gummis, Reifen, Haargummis oder Ähnliches. Immer, wenn Du solch einen schönen Moment an Deinem Tag erlebst, wechselst Du einen Reifen von rechts nach links. Links sitzt Dein Herz. Da gehören all die schönen Momente hin.

Schau Dir abends an, wie viele schöne Momente Du hattest. Du wirst überrascht sein.

Bewahre sie Dir. Einmal den Tag gelebt, können wir ihn nicht noch einmal erleben und sagen: Heute würde ich es anders machen.
5 Sterne
Ein Buch von Herzen für jedes Bücherregal - 06.10.2019
Clara

Als Mama kann ich das Buch nur allen Mamas empfehlen! Es ist von Herzen geschrieben und nimmt den Leser direkt auf eine Reise mit. Sie beschreibt so viele Momente, die man als Mama durchaus nachvollziehen kann und dem Leser direkt ein Schmunzeln entlockt. Ich habe als Mama viele Denkanstöße bekommen, die ich nun versuchen möchte in meinen Alltag mit einzubinden. Außerdem will auch ich mir über die Frage "wenn ich ständig auf etwas warte - wann lebe ich denn dann?" gedanken machen. ... DANKE für dieses tolle Buch!

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