Alltag & Lebensführung

Allergien und Phobien, ein Tsunami der Zivilisation

Hans-Jürgen Schramm

Allergien und Phobien, ein Tsunami der Zivilisation

Zwei Schwestern schlagen Alarm

Leseprobe:

Eine Allergie der Seele

Wie schon mehrfach erwähnt, haben Phobien eine frappierende Verwandtschaft mit den Allergien. Phobiker benehmen sich demgemäß auch wie jemand, der an einer Allergie leidet. Das fällt schnell ins Auge, wenn man beide beobachtet. So haben sie die Gewohnheit, ihren Peinigern aus dem Wege zu gehen, betreiben also ein Vermeidungsverhalten. Wer will ihnen das verübeln. Nur hat das unterschiedliche Folgen. Um das zu begreifen, müssen beide einer vergleichenden wissenschaftlichen Betrachtung mittels erkenntnistheoretisch und phänomenologisch überprüfbarer Fakten unterzogen werden. Begleiten wir sie deshalb auf ihren Wegen und beginnen mit dem erkenntnistheoretischen Exkurs bei der Allergie:
Die lästigen allergischen Symptome sollten – wie schon betont – nicht in Grund und Boden verdammt werden. Sie sind doch in Wahrheit Folge einer Pflichtausübung des Immunsystems zum Schutze seines Wirts. Sie stellen eine Abwehrleistung dar mit dem Ziel der Eliminierung der Stoffe, sogenannter Allergene, die bei den Betroffenen Unheil anzurichten vermögen. Und da das ganze Szenario nur ganz bestimmten Substanzen gegenüber geschieht, begegnen wir dabei auch einer hochgradigen Spezifität. So geriert diese Abwehr zu einem sinnvollen Geschehen, mehr noch zu einem teleologischen, also zielgerichteten und zweckmäßigen Vorgang. Das wiederum haben die Betroffenen ihren Genen und, wie ebenfalls schon erwähnt, in unserer reizüberfluteten Umwelt zunehmend auch einer erworbenen Überempfindlichkeit zu verdanken. Hier wehrt sich also ein Organismus gegen etwas Stoffliches, Materielles. Das tut er jedoch niemals gleich beim ersten Kontakt mit dem unverträglichen Agens. Man bezeichnet den Vorgang der ersten Berührung als Sensibilisierung, bei der erst eine ganze Palette immunologischer Voraussetzungen geschaffen werden muss, um den Prozess der Abwehr überhaupt leisten zu können. Erst beim zweiten Kontakt passiert dann die eigentliche allergische Reaktion, die die Betroffenen von nun an zeitlebens begleitet.
Wie sieht das nun bei der ‚Schwester‘, der Phobie, aus?:
Hier setzt sich ein Wesen, wie wir bereits erfahren konnten, ebenso gegen sehr spezifische Einflüsse zur Wehr, die jedoch vornehmlich immaterieller Natur sind. Auch hier bedeutet die erste Konfrontation eine Sensibilisierung, die dann zur Entstehung spezifischer Animosität im Sinne einer Phobie führt und demgemäß erst bei folgenden Kontakten bzw. Situationen in Erscheinung tritt. Bei Clara konnten wir das sehr typisch beobachten. Hier vollzieht sich also eine immaterielle Reaktion ebenso im Sinne eines zielgerichteten und zweckmäßig ausgerichteten Aktes, nämlich zur Abwehr einer auch nicht tragbaren seelischen Belastung oder gar Belästigung, wie die gegenständlichen bei der materiellen Schwester.
Phänomenologisch gestaltet sich der Vergleich folgendermaßen:
Eine materiell allergische Reaktion verläuft anfallsartig, eine phobische ebenso. Beide stehen der anderen im Grad ihrer Dramatik in nichts nach. Allergien und Phobien verzeichnen beide eine steigende Tendenz. Beide sind Opfer veränderter gesellschaftlicher und Umweltbedingungen. Beide unterliegen einer sich steigernden ursächlichen Vielfalt. Auch können materielle Allergien sekundär Wirkungen auf die Psyche hinterlassen und wie bei den Phobien Stressqualität annehmen. Beide entwickeln nach einer gewissen Zeitspanne eine nachlassende Toleranz gegenüber den – zivilisatorisch bedingt – stetig steigenden Reizeinflüssen, wodurch sich das Reizspektrum ständig erweitert.
Das Extrem einer allergischen Reaktion, der anaphylaktische Schock, ist Folge einer völligen Erschöpfung immunologischer Kapazität und kann den Tod bedeuten. Das Ebenbild bei den Phobien ist der Ausbruch eines Panikanfalls, der ebenso lebensgefährlich enden kann.
Zum Schluss kommen wir auf das schon erwähnte Vermeidungsverhalten zurück:
Ein Allergiker hat soeben erfahren, dass er sich vor Roggenpollen in Acht nehmen soll. Wenn also die Blütezeit gekommen ist, wird er sich hüten (müssen), Spaziergänge in der Nähe von Roggenfeldern zu unternehmen. Er riskierte dann nicht allein tränende und brennende Augen, sondern eine erhebliche Reizung seines gesamten Atemwegssystems, vom Schnupfen bis zum bedrohlichen Asthmaanfall. Besonders sensible Personen können gar keinen Weg ins Freie unternehmen, denn die Pollen machen ja nicht an den Grenzen ihres Feldes halt. Hier ist also vorübergehend eine vollkommene Meidung bestimmter Bezirke der Außenwelt geboten.
Während Vermeidungsverhalten beim Allergiker sinnvoll ist und Beschwerdefreiheit verschafft, führt es beim Phobiker zur Sklaverei. Meidet der beispielsweise wegen einer Claustrophobie, das ist eine hochgradige Furcht in schon genannten engen Räumen, dauerhaft einen Fahrstuhl, um in den zwölften Stock eines Gebäudes zu gelangen, wird er seine Phobie niemals loswerden. Ähnlich ergeht es Menschen mit Flugangst. Ihr ewiger Verzicht auf das Besteigen eines Flugzeuges geht auf Kosten des Erlebens vieler Schönheiten dieser Welt und obendrein hat das nicht geringe Familienkonflikte zur Folge. Die Tragik, die die schon erwähnte Agoraphobie auszeichnet, entspricht einer eben dauerhaften und kompletten Meidung der Außenwelt.
Und damit sind wir bei der Therapie angelangt, bei der sich wiederum die Bilder gleichen. Der vorläufig noch immer als Ideal geltenden Methode einer sogenannten Desensibilisierung zur erstrebten Heilung einer Allergie entspricht die psychische Desensibilisierung des Phobikers in Form der genannten Verhaltenstherapie. Bei der stofflichen Desensibilisierung wird das Allergen in stufenweiser Konzentration dem Allergiker injiziert, womit eine immunologische Toleranz angestrebt wird. Bei der Verhaltenstherapie wird der Phobiker ebenso, jedoch nicht materiell, sondern in dosierten Graden speziell seinen Furcht auslösenden Situationen bzw. Erlebnissen zunächst in Wort, dann in Bildern, auch Filmen oder gegenständlichen Imitaten und schließlich den realen Objekten bzw. Situationen ausgesetzt.
Um das erstaunliche ‚Fass‘ an Gemeinsamkeiten zum Überlaufen zu bringen, muss ich noch auf ein sehr bedeutendes Phänomen eingehen. Wenn jemand auf Birkenpollen allergisch reagiert, wird er es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf Äpfel und Haselnüsse tun. Das hängt mit allergener Verwandtschaft der Inhaltsstoffe aller drei Substanzen zusammen. Man bezeichnet das als Kreuzallergie. Derartiges geschieht tausendfach im Konzert allergener Vielfalt.
Diese kreuzartige Reaktionsweise findet sich ebenso bei den Phobien. Gleicht oder ähnelt ein neues Erlebnis dem, das einst zu einer phobischen Reaktion geführt hatte, vollzieht sich eine solche prompt auch bei dem Doppelgänger. Wir haben das bei Clara wirkungsvoll miterleben können.
Seit dem Tage, an dem diese wundersame Verwandtschaft zweier zunächst völlig unterschiedlicher Erkrankungen mein Gehirn wie ein Blitz traf, hat mich diese Erkenntnis nicht mehr losgelassen. Alles, was ich bis dahin mit dem Begriff Allergie verband, verlor seine Gültigkeit. Ein völlig neues Bild der Allergie entstand und verbunden damit auch ein gänzlich anderes Verständnis ihrer Bedeutung. Ich sah erst jetzt in ihr das schöpferische Prinzip der Anzeige von Überschreitungen der Toleranzschwelle gegenüber Reizen und Fremdeinwirkungen, eben einen Wächter mit protektivem Auftrag. Handelt es sich hier doch um Antworten auf Reize aus der Umwelt. Reize repräsentieren eine Aktion und erzeugen eine Re-aktion. Letztere spielt sich bei den Allergien organsymptomatisch, also substanziell, stofflich, materiell ab, bei den Phobien nichtstofflich, immateriell, eben als geistig/seelischer Prozess. Wir können somit für die Phobien von einer Allergie der Seele sprechen. Der Begriff Allergie besitzt demnach – wie das Licht – eine doppelte Wesenheit, eine materielle und eine immaterielle, und sollte zukünftig in der Medizin auch nur noch so verstanden werden.
Je stärker also in unserer Gesellschaft die Seele belastet wird, umso höher wird nicht allein die Gefahr des Anstiegs der Phobien werden, sondern angesichts der sich dabei gleichzeitigen Ergreifung des Immunsystems auch dessen Abwehrleistungen beeinträchtigt. Das wiederum hat zur Folge, dass auch die materiellen Allergien explodieren können und, was noch weit bedeutsamer ist, es zu bedrohlicher Wehrlosigkeit gegenüber feindlichen Erregern aller Art kommen kann. Beide Allergieformen sind somit untrennbar miteinander verwoben. (s. Abb. 2 S. 142 und Abb. 3 S. 143)

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 148
ISBN: 978-3-95840-349-9
Erscheinungsdatum: 02.02.2017
EUR 16,90
EUR 10,99

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