Alltag & Lebensführung

Alle Uhren gehen falsch!

Benno Zeitmetz Kreuzmair

Alle Uhren gehen falsch!

tractatus neo-horologicus

Leseprobe:

Vorzeit


Time to say „Good Bye“ to Time

Zeit wird es, uns endlich aus unserer Zeitknechtschaft zu befreien!

Die Menschen haben sich von jeher überflüssigerweise immer intensiv mit der Zeit beschäftigt. Anstatt sich die Naturereignisse, sich selbst darin eingeschlossen, zeitfrei zu vergegenwärtigen, haben sie versucht, die Zeit in den Griff zu bekommen, sie zu begreifen, um sie dem Leben überzustülpen, das Leben „zeitigend“ zu bändigen. Dabei ist unserer Spezies bisher nichts Schlaueres eingefallen, als die Zeit messbar zu machen, sie zu metrisieren, um sie zu maîtrisieren – ein folgenschwerer Irrtum, in dem wir auch heute noch – scheinbar auszeitlos – befangen sind.

Messbarkeit verlangt gleich lange, zu vervielfachende, teilbare und auf eine Strecke, ja, zur Strecke gebrachte Zeitschnipsel. Und je genauer das gelang, umso stolzer waren wir. Der galoppierende Präzisionismus endete vorläufig bei der Atomuhr, Abweichung: 3 Sekunden in 1 Million Jahren. Deren Zeitmessverfahren ist bereits ex definitione dem Zeitlaien unverständlich, lautet sie doch:

„Die Sekunde ist das 9’192’631’770-Fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids Cäsium 133 entsprechenden Strahlung.“


Das hat nun mit Zeitangaben, wie „gegen Sonnenaufgang“, wirklich nichts mehr zu tun, ja, ist gar vom Sonnensystem und seiner Peristaltik völlig abgekoppelt und auf einen galaxismotions-abstrahierten Schwingungszustand bezogen. Wie nett, dass der Gesetzgeber des „Zeitgesetzes“ doch immer wieder versucht, das Feigenblatt einer Schaltsekunde über die schamlose Blöße zu halten.

Aber bald wird uns auch die Atomuhr erschreckend ungenau erscheinen. Sie wird, als „zur Zeitmessung unbrauchbar“ abgestempelt, mit ungewissem Recyclingziel auf dem Zeitstoffhof landen und nur noch ein mitleidig kopfschüttelndes „Wie konnten wir nur?“ auslösen. Sic transit gloria horae.

Schon passiert: Der Münchner Forscher Theodor Hänsch hat im Jahre 2005 den Physik-Nobelpreis für seinen Beitrag auf dem Gebiet der Optik erhalten. Er entwickelte die Laser-basierte Präzisions-Spektroskopie, was auch immer dies sein mag. Wie alle Nobelpreisträger musste er sich die naiv-journalistische Frage gefallen lassen, wofür so was eigentlich gut sei. „Mit dieser Erfindung lassen sich die Schwingungen von Lasern messen“, antwortete, ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, der ansonsten sympathische Hänsch und fügte, einem beispiellosen Exaktizismus frönend, hinzu: „Das ist unter anderem für die Herstellung genauerer Uhren nützlich.“ Also noch weniger als die 3 Sekunden Abweichung in 1 Million Jahren, die die Atomuhren versprechen? Geht’s noch?

Da bleibt nur, sobald als möglich aus dem atemberaubend eng geschnürten Fischbein-Korsett des aktuellen Zeitbegriffs durch kräftiges Einatmen und Sprengen auszubrechen, bevor es uns die Luft abdrückt und der Unerbittlichkeit der Zeit gegenüber ohnmächtig macht. Dem tief einatmenden Sprengen der Zeitfessel, dem Ausbruch aus dieser inhuman-zwangskategorisierenden Selbstverkrampfung folgt der Aufbruch in eine neue, in Wahrheit aus der säkularen Verschüttung freigeschaufelte Zeitwahrnehmung und die beginnt mit einer neuen Zeitmessung. Der Zeitbegriff muss, beginnend mit der Umstürzung der herkömmlichen Zeitmessung, revolutioniert werden! Und da Revolution „Umkehrung“, ja, „Umwälzung“ heißt, bietet sich nach dem Scheitern des derzeitigen Zeitkonzepts „outside in“, also der Aufoktroyierung, gar der „Indoktrinierung“ der Zeit von außen her, das gewendete Konzept des „inside out“ an: Die Zeit kann, soll sie denn menscheln, nur aus unserem Innersten kommen und nach außen strahlen, nicht umgekehrt.






1 Zeit


1.1 Wünschen

Die Zeit als Abfolge von Ereignissen passt der Mensch an seine Bedürfnisse an: Er wünscht sich ein bestimmtes Zeittempo für einen bestimmten, von ihm definierten Zeitraum. Das Zeitmaß muss, um angenehm zu sein, wünschbar sein. Wir haben eine klare Vorstellung davon, wie lange etwas dauern soll, wie viel Zeit wir für etwas zur Verfügung haben möchten, wie schnell die Zeit aktuell fließen soll.

„Verweile doch, du bist so schön“, ist Goethes Aufforderung an den Augenblick. „Denn jede Lust will Ewigkeit“, erkennt Nietzsche. Daher ist also der Wunsch die Steuerungsgröße, der Regler für das Zeit-Erleben. Wir wünschen uns die freie Gestaltbarkeit der Zeit, die Dehnungs-Verfügung über sie, genauer noch: die Flexibilisierungs-Macht zur Streckung und Stauchung des Zeit-Ablaufs. Kriterien für die Wunschdauer des Zeit-Erlebens sind dabei: Angenehme Erlebnisse wollen gedehnt werden, unangenehme sollen so schnell als irgend möglich vergehen. Jeder von uns erlebt dies dauernd. Sitzen wir etwa im Stuhl des Zahnarztes, so wünschen wir, so schnell wie möglich behandelt zu werden und die Praxis wieder verlassen zu dürfen. Die wunschgemäße Verweildauer soll so kurz als möglich, die Behandlung in kürzester Zeit beendet sein.

Ganz anders wünschen wir uns die Liebesnacht. Sie kann gar nicht lang genug dauern, hat doch bereits in Homers Odyssee Athene die Nacht der Wiedervereinigung von Odysseus und Penelope nach 10-jähriger Trennung verlängert. Freilich trägt eine Verlängerung stets auch das Gefühl des „Es ist einmal zu Ende“ in sich. Denken Sie nur an die meistgebrauchte aller Abmoderationsformeln: „Auch ein schöner Abend geht einmal zu Ende!“ Die Wunschzeit ist oft nicht nur als eine Prolongation der Zeit erwünscht, sondern auch als ein Ausschalten der Zeit für einen gefühlsmäßig unbestimmten, ja, unbestimmbaren Zeitraum. Da mag etwa das Schmökern in einer Buchhandlung, das Einlassen auf ein Stück im Theater oder auf einen Film das sonst erbarmungslos erscheinende Ticken der Uhr vergessen machen. Es zählt dann nur noch die erlebte, an der Dichte der Erzählung „sich orientierende“ Zeit.


1.2 Fühlen

Ebenso urpersönlich, emotional ist die Fühlzeit: Sie wird durch tiefes Hineinhorchen in uns selbst hörbar. Die Fühlzeit ist unser temporaler Lebens-Kompass. Sie gibt eine wichtige Regelgröße für unser Wohlbefinden ab. Wir vergleichen unaufhörlich die gefühlte Zeit mit der uns gewünschten Zeit. Angenehm ist dabei die Empfindung, wir hätten „genug“ Zeit, gar „alle Zeit der Welt“. Betrachtet man diese Formulierungen näher, dann kann man drei Kategorien der Zeit-Empfindung unterscheiden:

Die erste ist jene Spannung im Zeit-Erleben, die darin gründet, dass es uns zu langsam vorangeht, etwa in einer Warteschlange, beim Lesen eines Romans, bei der Erledigung einer Aufgabe durch jemand anderen. Charakteristisch für diese („Na-wird’s-bald-“)Situation ist, dass die Dauer der gewünschten und der gefühlten Zeit auseinanderklaffen. Die gefühlte Zeit ist länger als die gewünschte. Dabei spielt es keine Rolle, ob man einer Augenblicks-Betrachtung zuneigt oder in Zeit-Abschnitten, Zeit-Räumen denkt. Es entsteht diese berühmte, als unangenehm empfundene Zeit-Spannung, die sich oft mit Worten entlädt, wie „Geht das nicht noch schneller?“ oder „Wie lange dauert das eigentlich noch?“ oder scherzhaft: „Stunden später“.


1.3 Kommen

Die herkömmliche Zeit bezeichne ich als „Komm-Zeit“ oder „Konventional-Zeit“. Dabei sind die Begriffe etwas weiter als die bloße Vorstellung, zwei Menschen, die eine Begegnung, ein Rendezvous vereinbaren wollen, müssten die amtlich angebotene Zeit als Grundlage nehmen.

Meiner Meinung nach reicht ein Uhrenabgleich vollkommen aus: Die Begegnungswilligen brauchen sich lediglich auf den Start-Zeitpunkt der gemeinsamen Zeit-Vorstellung und die Geschwindigkeit des Zeit-Ablaufs einigen. Stellen sie etwa das Tempo ihrer Uhr auf eineinhalb Stunden pro Stunde, so müssen sie das eben nur beide einheitlich tun und gleichzeitig vereinbaren, ab welchem Zeitpunkt die um eine halbe Stunde länger dauernde Normalzeitstunde gelten soll.

Beispiel: A und B stellen bei sich ihre Uhren so, dass diese in sechzig Minuten Normalzeit neunzig Minuten anzeigen. Vereinbaren sie um 12 Uhr, dass sie sich um 13.30 Uhr treffen wollen, dann zeigt die Uhr der beiden um 13.00 Uhr Normalzeit eben 13.30 Uhr „Komm-Zeit“ an. Der Ausdruck „Konventionalzeit“ (lat. convenire – zusammenkommen) taugt daher für das Phänomen der sozusagen vertraglich vereinbarten Zeit. Diese Zeit-Art ist allerdings in unserem Zusammenhang die unwesentlichste.






2 Uhr


2.1 Platte

Das Zifferblatt ist zweidimensional, hat lediglich Länge und Breite für die Zeit übrig, ist eine „Platte“, sollte Ziffer-„Platt“ heißen. Die Zeit auf wenige Bruchteile von Millimetern zusammenzuquetschen heißt, sie platt zu walzen. Die Idee, die Zeit auf einem flachen Kreis darzustellen, ist so flach wie ihr Ergebnis.

Zeit ist aber ein Gefüge, ein reliefartiges Gelände mit Höhen und Tiefen, alles andere als gleichmäßig oder eben. Weiter konnte man die Zeit-Messung von der Zeit-Tempo-Findung nicht anders entfernen, als sie auf einer flachen Skala zu abstrahieren. Diese Plattitüde muss daher schnellstens ausgeglichen werden durch Blasen werfen, Vulkanisieren und Kratern. Ästhetik, bloße Optik, möglichst in abstrakt-geometrischen Formen, geht stets an den Verwerfungen und Geworfenheiten realer Existenz vorbei. Wir werden später noch Relief und Hologramm als Gestaltungsansätze kennenlernen.


2.2 Messer

Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger zerhacken die Zeit in gleichmäßige Teile (siehe „Vorzeit“). Sie schneiden quasi gleich große Tortenstücke aus. Das Instrument, mit dem diese Zeit-Schlachtung und Vivisektion bewerkstelligt wird, ist der Stunden- und Minutenzeiger. Den abgestuften Sprung zwischen Minute und Stunde kann sowieso niemand erklären, insbesondere nicht die Frage, warum denn zwischen beiden künstlichen Kategorien kein gleitender Übergang möglich sein soll. Unser gewohnter Zeitmesser ist daher das Zeit-„Messer“, das ungewollt gleich große Zeit-Stücke schneidet.


2.3 Peitsche

Besonders lästig tut sich der Sekundenzeiger hervor. Währen Stunden- und Minutenzeiger noch einigermaßen lautlos und unmerklich, eher dezent, auf ihrem vorgeschriebenen Weg dahingleiten, tut dies die „springende“ Sekunde, angeblich eine tolle Leistung des Uhrmacherhandwerks, nicht. Sichtbar und geradezu bedrohlich peitscht uns der Sekundenzeiger von Termin zu Termin. Eigentlich müsste hier – um dies akustisch zu veranschaulichen – bei jeder Sekunde ein Knall zu hören sein. Besonders Nerven sägend sind lange Sekundenzeiger, deren Ende nach jedem Sekundensprung noch leicht nachwippt, um den Peitschenhieb deutlich fühlbar zu machen.






3 Neuzeit


3.1 Ein-Zeit

3.1.1 Erstes Näherungsmodell: Das Zeit-Relief

Der erste Akt in der Revolutionierung der Zeitmessung ist die Individualisierung der optischen Zeitbasis, nämlich des Zifferblatts. Jegliche kühle Glätte, gar auch noch steril poliert, muss aufgegeben werden zugunsten verschiedener Materialien und Texturen, ungleichmäßigen Geländes, gar eines schwankenden Bodens, den man wie beim Gang übers Moor unter den Füßen spürt. Ein schönes Beispiel hierfür sind die unregelmäßigen Böden von Friedensreich Hundertwasser.

Die reliefartige Formung des Zeitbodens ermöglicht dem über ihn hinstreichenden Zeiger, sich zu verbiegen, auf- und abzugleiten, sich zu verkürzen und zu verlängern. Diese Variabilität muss der Zeiger freilich technisch auch aufweisen! Nur so kann er den Gang über Zeitberge und durch Zeittäler sinnfällig machen. Das Relief kann – typisiert – auf dem Ziffer-Gelände vorgegeben sein. Um diese Starre weich zu machen, empfiehlt sich allerdings, eine Möglichkeit zum Eingriff in die Zeitlandschafts-Gestaltung vorzusehen, ja, den Uhren-Nutzer zur Mitgestaltung aufzurufen!

3.1.2 Zweites Näherungsmodell: Das kontubative Chrono-Hologramm

Kontubation ist ein von mir neu geprägtes Wort zur Überwindung des Begriffs der Konzentration. Während die Konzentration alles um das zielführende Vorgehen herum ausschließt, lässt die Kontubation gewünschte und zufällige Außeneinflüsse gefiltert zu.

Sieht man den ein bestimmtes Ziel erreichen Wollenden oder einen bestimmten Weg gehen Wollenden sozusagen „in einer Röhre“, also z.?B. in einem Tunnel, agierend, so bewegt sich der Konzentrierte in einem Raum, der nach außen hin der Realität und der eigenen Gedankenwelt gegenüber hermetisch abgeschlossen ist – am Tunnelbeispiel gezeigt, sind zur Außen- und Innenwelt dicke Gesteinsschichten aufgetürmt.

Ganz anders das Erleben des Kontubierten: Er bewegt sich in einer Glasröhre und kann die Transparenz des Glases steuern: Er lässt nur so viel von den Außenwahrnehmungen durch, wie er möchte. Das Hologramm ist die innere Ausgestaltung der dreidimensionalen Zeitstraße. Es ist nicht glatt, zylindrisch – sonst wäre es nur die, um die Dimension „Tiefe“ erweiterte, Zwei-Dimensionalität des Zifferblatts. Das Hologramm repräsentiert die inneren Wände des Höhlenwegs in ihrer Vielgestaltigkeit und Unregelmäßigkeit. Man blickt auf die Uhr sozusagen wie in einen Zeit-Tunnel, durch den man sich bewegt.


3.2 Aus-Zeit

Ein- und Auszeit liegt die Idee zugrunde, man könne das Zeit-Erleben ein- und ausschalten, mit einem Knopf etwa in der Idee des englischen „Toggle’s“, also eines Schalters, der bei Betätigung („Triggern“) den jeweils anderen von zwei Zuständen herstellt.
So gilt es als zeitgemäß, eine „Auszeit“ zu nehmen, etwa um einem drohenden „Burn-out-Syndrom“ vorzubeugen. Der Überbeanspruchung dadurch, dass man etwa zu viel, also mehr als guttut, auf sich nimmt oder mehr Fremdbestimmtes, als man auf Dauer hinzunehmen bereit ist oder verkraftet, soll nach dem Auszeit-Konzept dadurch gegengesteuert werden, dass man einfach den Schalter umlegt und sozusagen die Zeit „ausschaltet“. Freilich ist dies ein Missbrauch des Begriffs „Zeit“. Es wird ja nicht die Zeit ausgeschaltet, sondern die bisherige Art der Tätigkeit, deren Umfang oder Fremdbestimmtheits-Anteil.

Außerdem hat die „Auszeit“ eine anti-therapeutische Komponente, impliziert der Begriff doch, dass irgendetwas „ausgeschaltet“ worden ist, weil es – oft ein beschämendes Eingeständnis – „zu viel“ war. Zum anderen ist das „Aus“-Schalten im Gegensatz zum „Ab“-Schalten nur vorübergehend – solange es auch dauern mag. Wer „aus“-schaltet, unterwirft sich dem Konzept der „Schaltbarkeit“, steht unter dem Zwang, auch irgendwann mal wieder „ein“-schalten zu müssen, sonst wäre der Schaltmechanismus, ja, die Idee des „Ein“- und „Aus“-Schalten-Könnens ad absurdum geführt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 50
ISBN: 978-3-95840-247-8
Erscheinungsdatum: 23.01.2018
EUR 19,90
EUR 11,99

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