Ach Gott ...
eine Spurensuche
EUR 28,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 396
ISBN: 978-3-99130-932-1
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
Hat Religion uns Menschen im Westen noch etwas zu sagen? Ja, sogar viel, wie uns Christian Keller in seinem Buch „Ach Gott…“ aufzeigt. Er konfrontiert uns mit den Folgen der heutigen Welt des Nihilismus und macht deutlich, wie eine gelebte Religion uns wieder einen Sinn im Leben geben kann.
Absicht
Laut Internet leben auf Erden fast acht Milliarden Menschen, von diesen seien rund achtzig Prozent religiös und jeder dritte ein Christ. Es fällt schwer, dies zu glauben, denn in Mitteleuropa befindet sich das Christentum heute in einer Krise. Die Nachrichten über sexuelle Übergriffe von katholischen Priestern gaben 2022 und 2023 zusätzlichen Anlass zu Kirchenaustritten. Viele nutzten die Gelegenheit, um Geld zu sparen. Es verbreitet sich in der heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft mehr und mehr die Ansicht, der christliche Glaube sei überholt und die geforderte Kirchensteuer nicht mehr wert.
Wir leben in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen geraten scheint. Man weiß nicht mehr, was oben und unten ist und woran man sich orientieren soll. So schluckt man erst mal alles, was einem durchs Fernsehen, auf Internet-Plattformen oder durch Bücher angeboten wird, und das ist viel. Da wird beraten, animiert, da werden Karten gelegt, Lichtbotschaften übermittelt und Jenseitskontakte mit hohen Trefferquoten versprochen. Wem soll man da glauben? Am besten niemandem? Und wem folgen?
Wenn man bedenkt, dass das Christentum zwei Jahrtausende und dabei auch die Aufklärung im 18. Jahrhundert sowie das 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen überlebte, ist man schon erstaunt, dass «jeder Dritte» auf Erden ein Christ sein soll. Denn seit Ende des 20. Jahrhunderts breitet sich die Moderne immer stärker aus. Das Fernsehen gewann an Bedeutung, es kamen dann die Digitalisierung, das Internet. das Handy und schließlich die künstliche Intelligenz. Und alles hatte Folgen, die wir noch nicht alle überblicken. Instagram, Facebook, WhatsApp, Twitter und TikTok beschäftigt das junge «Volk» weit mehr als Religion. Stars, Superstars und Megastars werden grenzenlos verehrt und nachgeahmt. Selbst das Negative, das man oft über diese «Sterne» erfährt, hemmt die Begeisterung nicht, im Gegenteil, es fördert sie eher.
Nur Jesus ist bei uns kein Thema mehr und seine Worte wurden von unendlich vielen anderen «Influencern» mit Worten aller Art und Herkunft verdrängt. Weihnachten wird zwar noch auf verschiedene Weisen gefeiert, aber niemand weiß mehr, warum und wozu. Zweitausend Jahre sind eine lange Zeit. Wir stellen aber trotz aller Veränderungen und Infragestellungen fest, dass die Worte Jesu darin eine Konstante bilden, die zwanzig Jahrhunderte hindurch aktuell geblieben ist und vielleicht schon morgen neu entdeckt werden wird.
Dies Buch kann, aber muss nicht vom ersten bis zum letzten Kapitel gelesen werden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen, auch wenn das Thema weitergeht. Daher können Sie irgendwo beginnen, wenn Sie ein Kapitel besonders anspricht.
1 Wer erklärt uns die Welt?
«Das menschliche Leben ist ein sinnloses und absurdes Chaos …»
(Die Malerin Suzanne Valadon)
Wer erklärt uns die Welt?
Man hat sich dazu auf eine einleuchtende und einfache Erklärung geeinigt, nennt sie die Evolution, oder auf Deutsch «Entwicklung». Es gibt dazu zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht für alle verständlich sind: die Mutation und die Selektion. Mutationen sind zufällige Veränderungen der Erbmasse, der Gene. Selektion bedeutet, dass der Stärkere, der Fittere, der Anpassungsfähigere die Schwächeren überlebt. Die Schwachen gehen zugrunde oder werden aufgefressen und können sich nicht fortpflanzen. Raubtiere halten sich an Schwächere oder an Geschwächte, nur die Schnellsten können fliehen, nur die Stärksten können sich wehren. Das tönt einleuchtend und fürs Erste mag es uns genügen.
Religionen geben sich mit diesen Erklärungen nicht zufrieden, sie «glauben» an ein intelligentes, höheres Wesen, das hinter allem steht und alles nach seinem Willen lenkt. Sie glauben dies, weil was sie sehen, so schön, so kompliziert und verwirrend ist, dass ihnen das Wort «Entwicklung» als Erklärung nicht genügt.
Credo bedeutet auf Deutsch: Ich glaube. Jeder Mensch hat sein Credo, hat irgendeine Vorstellung von der Welt, vom Leben, von sich selbst. Das gilt überall und war auch immer so. Der Überlebenskampf kann jedoch für einen Menschen oder für ein Volk so hart sein, dass wenig Zeit für ein Nachdenken und damit für Kultur bleibt. Wer arbeiten muss bis zum Umfallen, hat weder Zeit noch Kraft, um nachzudenken, und sinkt vor lauter Müdigkeit gleich in den Schlaf. Philosophieren setzt einen gewissen Wohlstand voraus.
Glauben hat mit Philosophieren zu tun, es hat mit Nachdenken zu tun, es ist kein Defizit des Denkens, es setzt im Gegenteil ein Denken voraus. Selbst wer die Welt und das Leben als eine bloße Verkettung von Zufällen versteht, glaubt an etwas. Er glaubt an sehr vieles und vor allem daran, dass aus purem Zufall Sinnvolles, ja Wunderbares werden kann. Dies ist ein Glaube, der dem Zufall viel zumutet, indem er davon ausgeht, «dass der Urknall es fertigbrachte, sich selbst, unsere Welt und damit auch uns selbst hervorzubringen». (Zitat aus einer Buchbesprechung über den Urknall)
Wie entstand das erste Atom, wie entstand die erste lebende Zelle? Dazu hätte ein bloßer Knall nicht gereicht. Es hätte eine unendlich lange Kette von sinnvollen Zufällen dazu gebraucht, eine Kette von ebenfalls bloßen Zufällen. Aber ein Zufall oder eine Sammlung von Zufällen ist grundsätzlich dumm. Ein Zufall kann sich zwar als sinnvoll erweisen und erfolgreich sein, aber dies sind Ausnahmen. Ein typisches Beispiel ist die Lotterie. Es kann sein, dass jemand die richtige Zahlenfolge ausfüllte und dadurch viel Geld gewann, aber diesem einen stehen hunderttausende gegenüber, die falsch tippten und leer ausgingen. Ein Elefant ohne Rüssel ist nicht überlebensfähig. Also benötigte er den schon von Anfang an. Es ist nicht so, dass der Rüssel einfach zufällig wuchs und erst am Ende ein wunderbares Instrument bildete. Er besteht aus etwa vierzigtausend Muskeln und wird für alles Mögliche verwendet. Ein Meisterstück.
Würde ich, was nur selten vorkommt, die Motorhaube meines Autos öffnen, sein Inneres betrachten und mir dabei überlegen, wie alle Einzelteile zusammenwirken, damit ich bequem von A nach B fahren kann, dann müssten meiner Meinung nach unter meiner Motorhaube viel, sehr viel Denkarbeit, viel Erfahrung und viel Können stecken. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mein Auto fährt. Sie wohl auch nicht.
Wenn ich, wie kürzlich in einer Fernsehsendung, höre, beim Wüstenfuchs hätten sich die drei Knöchelchen des Innenohres aus zwei Kieferknochen «entwickelt», kann ich nicht umhin, mir zu überlegen, wie genau das vor sich gegangen sein könnte. Was oder wer steuerte diese Entwicklung? Rutschten die beiden Kieferknochen (die rein zufällig vorhanden waren?) einfach langsam nach hinten und verwandelten sich in drei, von ihrer bisherigen Form völlig verschiedene, fürs Innenohr aber dringend benötigte und in ihrem Größenverhältnis absolut präzise Knöchelchen? Ein purer Zufall oder eher eine lange Kette von sinnvollen und erfolgreichen Zufällen? Das Ohr des Wüstenfuchses funktioniert, und dies kann kein Zufall sein, er hört sogar das Krabbeln eines Käfers unter einer dicken Sanddecke, er hört, was wir nicht hören, dabei ist doch schon unser Ohr kompliziert genug. Ich war von der Sendung fasziniert und fühlte mich in meiner Meinung bestärkt, dass etwas so Sinnvolles nicht einfach durch eine Reihe von Zufällen erklärt werden kann. In einer anderen Sendung über das vorgeburtliche Leben hieß es, der menschliche Embryo entwickle sich nach einem ganz «ausgeklügelten Bauplan». Auch hier die Frage: Wer klügelte denn diesen Bauplan aus? Zufälle sind per definitionem planlos und bestimmt nicht ausgeklügelt.
Der Evolutionstheorie in großen Zügen zu folgen, wirkt sehr logisch und überzeugend. Ich empfinde sie als großen Wurf und ihr Gedanke an die Einheit allen Lebens ist wunderbar. Aber je größer das Staunen, desto mehr tauchen Zweifel an der Zufälligkeit auf. Mutation und Selektion können nicht alles erklären. Um den Spuren des Lebens zu folgen, braucht es viel Zeit und Geduld. Man müsste dazu Zisterziensermönch werden mit nichts als einem kleinen Garten, in dem man täglich arbeiten, beobachten und nachdenken könnte.
Aber nun sind wir moderne Menschen und keine Mönche. Moderne Menschen sind von der Zeit Gehetzte und Gejagte. Das, was wir «Bauchgefühl» nennen, kommt dabei zu kurz. Eine Erkenntnis wie die nachfolgend zitierte kommt nicht von heute auf morgen: Nichts ist in den Teilen, das nicht ist im Ganzen. Nichts ist im Ganzen, das nicht ist in den Teilen. (Meister Eckhart 1260–1328) Auch die Intuition ist ein Weg der Erkenntnis und führt zu Einsichten in Sachverhalte, die nicht über eine Reihe von rationalen Entscheidungen ablaufen. Die Intuition ist eine Eingebung, sie stammt aus dem Unbewussten. Wie gelangte sie dorthin?
Ich nehme an, dass der Glaube an die Zufälligkeit allen Geschehens wohl darum so beliebt und verbreitet ist, weil dieser Glaube kaum mehr von uns verlangt als ein freundliches Kopfnicken. Der Preis dieser Unverbindlichkeit ist, dass er einem letztlich auch nichts gibt. Er lässt uns mit unserem Fragen allein. Der Glaube an die Zufälligkeit alles Seienden ist lähmend, wenn man ihn ernst nimmt, man kann dabei leicht in Verzweiflung geraten, weil alles Sehnen und Trachten sinnlos erscheinen. Nur erzählt man dies niemandem.
Als ich mich vor Jahren spätabends auf einen letzten Spaziergang mit meinem verstorbenen Hund begab, wölbte sich manchmal ein klarer Himmel über uns beiden und ich blieb dann gerne stehen und blickte staunend in den Raum, der nach Newton grenzenlos sein soll, nach Einstein sich mindestens zehn Billionen Lichtjahre in jede Richtung erstrecke und von dem niemand mit Sicherheit weiß, ob er nun endlich oder unendlich sei. Ich konnte auf freiem Feld und von bloßem Auge die Milchstraße, einzelne Sternbilder und sogar Sternhaufen ausmachen. Ich wusste, dass nichts schneller ist als das Licht und die Lichtgeschwindigkeit konstant bleibt. Daher musste es manchen Stern geben, den ich zwar sehen konnte, der aber in Wirklichkeit längst erloschen war. Nur das Licht, das er ausstrahlte, war noch immer von weither unterwegs, ich konnte den Stern noch immer wahrnehmen. Sein Licht war seit Jahrtausenden unterwegs und noch vorhanden, obwohl der Stern selbst schon längst erloschen war. Dort, wo er gewesen war, war es finster und finster ist es auch zwischen den Himmelskörpern. Trotzdem soll es mehr Sterne geben als Sandkörner auf der Erde.
Im Frühjahr beeindruckt mich jedes Jahr von neuem der gute alte Löwenzahn. Seine Robustheit, seine intensivgelbe Blüte und vor allem seine Fähigkeit, in kurzer Zeit seine zerfransten schmalen Blütenblätter in eine so genannte «Pusteblume» zu verwandeln, lassen mich immer wieder stehen bleiben, um dieses kleine Wunder näher anzusehen. Ein ganzes Feld voller Löwenzahnblumen, in denen aus den Blütenblättern kleine Fallschirme entstehen, an denen je ein kleiner Same hängt. Diese Fallschirme sind absolut regelmäßig auf dem Blütenboden verteilt und warten dort auf einen Windstoß, der sie vom Blütenboden löst und irgendwohin trägt. Eine in ihrer Wirksamkeit kaum zu überbietende Fortpflanzungsmethode. Es gibt dazu noch Tausende anderer Methoden und man könnte jede zum Patent anmelden, weil jede funktioniert und in ihrer Art einmalig ist.
Öfters bleibe ich im Sommer auch bei einem der Blumengärten stehen, die da und dort meinen Weg säumen. Die Tulpen haben, wie so viele andere Blumen, des Nachts und bei Regen ihre Kelche geschlossen. Was für eine Erfindung! Sind die Tulpen von selbst daraufgekommen? Oder die Evolution? Ist also die Evolution intelligent, erfinderisch und voller Fantasie? Oder ist sie nur eine riesige Produktionsfirma, die planlos und andauernd Sinnloses produziert und nur selten einmal einen Treffer landet?
Zum Thema Entwicklung noch eine Frage. Haben Sie schon mal vom Koboldmaki gehört? Er ist etwa so groß wie unsere Hand und hat überaus große Augen, mit denen er auch im Dunkeln sehen kann. Er lebt auf Bäumen und springt auf der Jagd nach Insekten von Baum zu Baum. Sehr hilfreich ist ihm dabei ein langer Schwanz, dank dem er seine Balance halten kann. Wie kam er zu diesem langen Schwanz? Entwickelte sich dieser über zweihunderttausend Jahre Millimeter um Millimeter, war also die längste Zeit für sein Gleichgewicht gar nicht brauchbar?
Wie soll ich mir mit Selektion die Tatsache erklären, dass das Schneehuhn, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sein Federkleid dreimal jährlich wechselt und sich damit der Farbe seiner Umwelt vollständig anpasst? Wie kam denn das Schneehuhn darauf, dass es durch ein weißes Federkleid im Schnee für seine Feinde kaum auszumachen und dadurch geschützt ist? Oder wurden einfach alle braunen von Feinden gefressen, bis noch ein weißes zufällig überlebte? Aber dieses blieb eben nicht weiß, sondern passte sich in der Farbe den Jahreszeiten an. Wie ließ sich diese farbliche Veränderung seiner Federn bewerkstelligen und derart wirkungsvoll an die jahreszeitliche Umgebung anpassen? Schwierige Frage!
Selbstverständlich kann sich per Zufall auch einmal etwas für das Überleben einer Art Sinnvolles ereignen. Doch die Chance dafür ist minim. Falls aber Zufälle meistens danebengehen, bis sie ein einziges Mal, auch dies zufällig, etwas Positives bewirken, dann würde die Natur eine solche Veränderung rasch als unbrauchbar eliminieren. Der Koboldmaki mit einem nur werdenden Schwanz könnte so, wie er lebt, nicht überleben.
Ein Einsiedlerkrebs hatte die Idee, sich in ein leeres Schneckengehäuse zu verkriechen. Eine ausgezeichnete Idee, die ihm das Überleben erleichterte, er hatte so ein eigenes Haus, das ihn vor Feinden schützte. Seine Hinterbeine benötigte er nicht mehr und daher verkümmerten sie und sind heute kaum noch vorhanden. Wir kennen das: Wer sich nicht bewegt, dem schrumpfen die Muskeln; wer sie jedoch trainiert, der verstärkt sie.
Das Leben ist eine einzige Kette von sinnvollen Entwicklungen! Wenn die Evolution intelligent, voller Fantasie und zielgerichtet wirkte, dann wäre sie nur ein anderer Name für das, was der Glaubende als Gott bezeichnet.
Wir, die wir doch so viel intelligenter und fantasievoller sind als alle anderen Lebewesen, wir beobachten die Natur, um deren Problemlösungen zu kopieren und für uns zu übernehmen. Wie kann denn aus lauter Zufällen, allein gesteuert durch die Selektion, eine Perfektion entstehen?
Wir Menschen bestehen aus siebzig Milliarden Zellen, aus unglaublich komplizierten Zellen, jede mit einem Zellkern, in dem der gesamte Bauplan wie in einem Tresor aufbewahrt ist. In jedem Zellkern sind sämtliche Erbinformationen ähnlich einer Strickleiter gespeichert, sie verspinnen sich bei der Befruchtung zu 46 Chromosomen, übernehmen dazu 23 von der Mutter und 23 vom Vater. Und alles ist aus zwei stickstoffhaltigen Basen gebildet, die Verbindungen eingingen und weiter eingehen.
Im Bauplan Mensch liegen in seinem Erbgut die Gene, und die kleinste Veränderung eines Gens kann katastrophale Folgen haben. Die Gene setzen sich aus 3,5 Milliarden «Buchstaben» zusammen, die man mit Hilfe von leistungsfähigen Rechnern Stück für Stück entziffern konnte. Bis man allerdings die Bedeutung aller erhaltenen Daten wirklich erfasst haben wird, wird noch einige Zeit vergehen.
199 Knochen bilden unser «Gestänge», 434 Muskeln halten das Ganze zusammen. Jeder Knochen sitzt am richtigen Ort und jeder Muskel auch. Achtzehn Milliarden Nervenzellen bilden unser Gehirn. Bei der Befruchtung gab es am Anfang unserer Existenz nur eine einzige Eizelle, die sich nach der Befruchtung teilte und immer wieder teilte. Was dann folgte, war kein wildes Wuchern, jede Zelle hatte ihre Aufgabe, ihren Platz in einem hoch komplizierten Gefüge. Am Ende wurde daraus unter anderem ein bei der Geburt etwa dreihundert Gramm schweres Gehirn, das ausgewachsen drei Pfund wiegt, über sich selbst und über die Welt nachdenken und sich wundern kann
Als Erklärung dient jeweils die Feststellung: Es brauchte dazu Millionen Jahre. Es ist schwierig zu glauben, dass aus kosmischen Nebeln und Sternenstaub Menschen entstehen, wenn man nur lange genug wartet. Und was war vor der vermeintlichen Perfektion? Und woher kam diese?
«Mit welchen genetischen Tricks verwandelte die Evolution binnen weniger Millionen Jahre das Halbliterhirn eines Affen in das dreimal größere und ungleich leistungsfähigere Denkorgan des Menschen?», lese ich in einem Artikel über Genforschung. Aber trickreich kann doch nur eine Intelligenz sein und nicht eine Reihe von Zufällen.
Ich muss meine Überlegungen kurz unterbrechen. An meinem Fenster krabbelt und surrt eine Wespe. Ich öffne das Fenster und sie flüchtet. Gut so, man muss bei Wespen vorsichtig sein. Ihr Stachel ist eine erstaunliche Konstruktion. Ihr Gift ist vielleicht noch verblüffender als ihr Stachel. Die Wespe setzt zwar ihren Stachel gezielt zur Abwehr ein, doch dies allein wäre noch keine sehr wirkungsvolle Waffe, das Gift ist entscheidend.
Weiß die Wespe um die Wirkung ihres Giftes? Und wie kam sie auf dieses Gift? Wie kam sie auf die Idee, sich einen Stachel als Injektionsnadel zuzulegen, das war keine Kleinigkeit. Hat sie über unendlich lange Zeiten hinweg verschiedene Mischungen ausgetestet und nach langem Suchen diese sehr wirkungsvolle Mischung erfunden? Hat sie die anderen, wirkungslosen oder unbefriedigenden Mischungen ausgeschieden und sich, nach unzähligen Misserfolgen, für diese eine Mixtur, die für sie wirkungsvollste, entschieden?
Ich erinnere mich an einen Zwischenfall an der Tour de Suisse oder der Tour de France. Einer der Favoriten war mit offenem Mund gefahren und es hatte sich eine Wespe in seinen Mund verirrt und zugestochen. Der verzweifelte Fahrer rettete sich knapp ins Ziel und musste gepflegt werden. Ja, die Sache funktioniert.
Irgendeine Firma muss doch für diese Welt verantwortlich sein. Ist das ein «Jemand» oder ist es ein «Es»? Ist es eine zielgerichtete Kraft und Intelligenz, aber keine Person? Oder doch eine Person? Wer ist diese Person, und was will sie mit dieser Welt?
Gotthold Ephraim Lessing nannte den Begriff «Zufall» eine Gotteslästerung.
Warum blieb die unvorstellbar dichte Materie am Anfang vor dem Urknall nicht einfach so, wie sie war, eine Art Urkugel oder auch formlos im Nichts schwebend? Wenn etwas mit oder ohne Knall auseinanderfällt, dann ist es gemäß gängiger Erfahrung zerstört. Ein Auto, das auseinanderfällt, muss aus dem Verkehr gezogen werden. Beim Urknall brach etwas auseinander, aber das war kein Ende, sondern der Beginn einer hochkomplizierten Entwicklung, die zuerst ein Urmeer, dann eine erste lebende Zelle und letztlich uns Menschen hervorbrachte. Ein nach unserem Empfinden überaus sinnvoller Prozess, in dem sich aus dem Einfachen das Komplizierte und aus dem Rudimentären das Vollkommene entwickelte. Über diese Vorgänge können wir nur staunen, ja, wir können uns nicht genug über sie wundern, je mehr wir über sie erfahren.
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Laut Internet leben auf Erden fast acht Milliarden Menschen, von diesen seien rund achtzig Prozent religiös und jeder dritte ein Christ. Es fällt schwer, dies zu glauben, denn in Mitteleuropa befindet sich das Christentum heute in einer Krise. Die Nachrichten über sexuelle Übergriffe von katholischen Priestern gaben 2022 und 2023 zusätzlichen Anlass zu Kirchenaustritten. Viele nutzten die Gelegenheit, um Geld zu sparen. Es verbreitet sich in der heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft mehr und mehr die Ansicht, der christliche Glaube sei überholt und die geforderte Kirchensteuer nicht mehr wert.
Wir leben in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen geraten scheint. Man weiß nicht mehr, was oben und unten ist und woran man sich orientieren soll. So schluckt man erst mal alles, was einem durchs Fernsehen, auf Internet-Plattformen oder durch Bücher angeboten wird, und das ist viel. Da wird beraten, animiert, da werden Karten gelegt, Lichtbotschaften übermittelt und Jenseitskontakte mit hohen Trefferquoten versprochen. Wem soll man da glauben? Am besten niemandem? Und wem folgen?
Wenn man bedenkt, dass das Christentum zwei Jahrtausende und dabei auch die Aufklärung im 18. Jahrhundert sowie das 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen überlebte, ist man schon erstaunt, dass «jeder Dritte» auf Erden ein Christ sein soll. Denn seit Ende des 20. Jahrhunderts breitet sich die Moderne immer stärker aus. Das Fernsehen gewann an Bedeutung, es kamen dann die Digitalisierung, das Internet. das Handy und schließlich die künstliche Intelligenz. Und alles hatte Folgen, die wir noch nicht alle überblicken. Instagram, Facebook, WhatsApp, Twitter und TikTok beschäftigt das junge «Volk» weit mehr als Religion. Stars, Superstars und Megastars werden grenzenlos verehrt und nachgeahmt. Selbst das Negative, das man oft über diese «Sterne» erfährt, hemmt die Begeisterung nicht, im Gegenteil, es fördert sie eher.
Nur Jesus ist bei uns kein Thema mehr und seine Worte wurden von unendlich vielen anderen «Influencern» mit Worten aller Art und Herkunft verdrängt. Weihnachten wird zwar noch auf verschiedene Weisen gefeiert, aber niemand weiß mehr, warum und wozu. Zweitausend Jahre sind eine lange Zeit. Wir stellen aber trotz aller Veränderungen und Infragestellungen fest, dass die Worte Jesu darin eine Konstante bilden, die zwanzig Jahrhunderte hindurch aktuell geblieben ist und vielleicht schon morgen neu entdeckt werden wird.
Dies Buch kann, aber muss nicht vom ersten bis zum letzten Kapitel gelesen werden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen, auch wenn das Thema weitergeht. Daher können Sie irgendwo beginnen, wenn Sie ein Kapitel besonders anspricht.
1 Wer erklärt uns die Welt?
«Das menschliche Leben ist ein sinnloses und absurdes Chaos …»
(Die Malerin Suzanne Valadon)
Wer erklärt uns die Welt?
Man hat sich dazu auf eine einleuchtende und einfache Erklärung geeinigt, nennt sie die Evolution, oder auf Deutsch «Entwicklung». Es gibt dazu zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht für alle verständlich sind: die Mutation und die Selektion. Mutationen sind zufällige Veränderungen der Erbmasse, der Gene. Selektion bedeutet, dass der Stärkere, der Fittere, der Anpassungsfähigere die Schwächeren überlebt. Die Schwachen gehen zugrunde oder werden aufgefressen und können sich nicht fortpflanzen. Raubtiere halten sich an Schwächere oder an Geschwächte, nur die Schnellsten können fliehen, nur die Stärksten können sich wehren. Das tönt einleuchtend und fürs Erste mag es uns genügen.
Religionen geben sich mit diesen Erklärungen nicht zufrieden, sie «glauben» an ein intelligentes, höheres Wesen, das hinter allem steht und alles nach seinem Willen lenkt. Sie glauben dies, weil was sie sehen, so schön, so kompliziert und verwirrend ist, dass ihnen das Wort «Entwicklung» als Erklärung nicht genügt.
Credo bedeutet auf Deutsch: Ich glaube. Jeder Mensch hat sein Credo, hat irgendeine Vorstellung von der Welt, vom Leben, von sich selbst. Das gilt überall und war auch immer so. Der Überlebenskampf kann jedoch für einen Menschen oder für ein Volk so hart sein, dass wenig Zeit für ein Nachdenken und damit für Kultur bleibt. Wer arbeiten muss bis zum Umfallen, hat weder Zeit noch Kraft, um nachzudenken, und sinkt vor lauter Müdigkeit gleich in den Schlaf. Philosophieren setzt einen gewissen Wohlstand voraus.
Glauben hat mit Philosophieren zu tun, es hat mit Nachdenken zu tun, es ist kein Defizit des Denkens, es setzt im Gegenteil ein Denken voraus. Selbst wer die Welt und das Leben als eine bloße Verkettung von Zufällen versteht, glaubt an etwas. Er glaubt an sehr vieles und vor allem daran, dass aus purem Zufall Sinnvolles, ja Wunderbares werden kann. Dies ist ein Glaube, der dem Zufall viel zumutet, indem er davon ausgeht, «dass der Urknall es fertigbrachte, sich selbst, unsere Welt und damit auch uns selbst hervorzubringen». (Zitat aus einer Buchbesprechung über den Urknall)
Wie entstand das erste Atom, wie entstand die erste lebende Zelle? Dazu hätte ein bloßer Knall nicht gereicht. Es hätte eine unendlich lange Kette von sinnvollen Zufällen dazu gebraucht, eine Kette von ebenfalls bloßen Zufällen. Aber ein Zufall oder eine Sammlung von Zufällen ist grundsätzlich dumm. Ein Zufall kann sich zwar als sinnvoll erweisen und erfolgreich sein, aber dies sind Ausnahmen. Ein typisches Beispiel ist die Lotterie. Es kann sein, dass jemand die richtige Zahlenfolge ausfüllte und dadurch viel Geld gewann, aber diesem einen stehen hunderttausende gegenüber, die falsch tippten und leer ausgingen. Ein Elefant ohne Rüssel ist nicht überlebensfähig. Also benötigte er den schon von Anfang an. Es ist nicht so, dass der Rüssel einfach zufällig wuchs und erst am Ende ein wunderbares Instrument bildete. Er besteht aus etwa vierzigtausend Muskeln und wird für alles Mögliche verwendet. Ein Meisterstück.
Würde ich, was nur selten vorkommt, die Motorhaube meines Autos öffnen, sein Inneres betrachten und mir dabei überlegen, wie alle Einzelteile zusammenwirken, damit ich bequem von A nach B fahren kann, dann müssten meiner Meinung nach unter meiner Motorhaube viel, sehr viel Denkarbeit, viel Erfahrung und viel Können stecken. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mein Auto fährt. Sie wohl auch nicht.
Wenn ich, wie kürzlich in einer Fernsehsendung, höre, beim Wüstenfuchs hätten sich die drei Knöchelchen des Innenohres aus zwei Kieferknochen «entwickelt», kann ich nicht umhin, mir zu überlegen, wie genau das vor sich gegangen sein könnte. Was oder wer steuerte diese Entwicklung? Rutschten die beiden Kieferknochen (die rein zufällig vorhanden waren?) einfach langsam nach hinten und verwandelten sich in drei, von ihrer bisherigen Form völlig verschiedene, fürs Innenohr aber dringend benötigte und in ihrem Größenverhältnis absolut präzise Knöchelchen? Ein purer Zufall oder eher eine lange Kette von sinnvollen und erfolgreichen Zufällen? Das Ohr des Wüstenfuchses funktioniert, und dies kann kein Zufall sein, er hört sogar das Krabbeln eines Käfers unter einer dicken Sanddecke, er hört, was wir nicht hören, dabei ist doch schon unser Ohr kompliziert genug. Ich war von der Sendung fasziniert und fühlte mich in meiner Meinung bestärkt, dass etwas so Sinnvolles nicht einfach durch eine Reihe von Zufällen erklärt werden kann. In einer anderen Sendung über das vorgeburtliche Leben hieß es, der menschliche Embryo entwickle sich nach einem ganz «ausgeklügelten Bauplan». Auch hier die Frage: Wer klügelte denn diesen Bauplan aus? Zufälle sind per definitionem planlos und bestimmt nicht ausgeklügelt.
Der Evolutionstheorie in großen Zügen zu folgen, wirkt sehr logisch und überzeugend. Ich empfinde sie als großen Wurf und ihr Gedanke an die Einheit allen Lebens ist wunderbar. Aber je größer das Staunen, desto mehr tauchen Zweifel an der Zufälligkeit auf. Mutation und Selektion können nicht alles erklären. Um den Spuren des Lebens zu folgen, braucht es viel Zeit und Geduld. Man müsste dazu Zisterziensermönch werden mit nichts als einem kleinen Garten, in dem man täglich arbeiten, beobachten und nachdenken könnte.
Aber nun sind wir moderne Menschen und keine Mönche. Moderne Menschen sind von der Zeit Gehetzte und Gejagte. Das, was wir «Bauchgefühl» nennen, kommt dabei zu kurz. Eine Erkenntnis wie die nachfolgend zitierte kommt nicht von heute auf morgen: Nichts ist in den Teilen, das nicht ist im Ganzen. Nichts ist im Ganzen, das nicht ist in den Teilen. (Meister Eckhart 1260–1328) Auch die Intuition ist ein Weg der Erkenntnis und führt zu Einsichten in Sachverhalte, die nicht über eine Reihe von rationalen Entscheidungen ablaufen. Die Intuition ist eine Eingebung, sie stammt aus dem Unbewussten. Wie gelangte sie dorthin?
Ich nehme an, dass der Glaube an die Zufälligkeit allen Geschehens wohl darum so beliebt und verbreitet ist, weil dieser Glaube kaum mehr von uns verlangt als ein freundliches Kopfnicken. Der Preis dieser Unverbindlichkeit ist, dass er einem letztlich auch nichts gibt. Er lässt uns mit unserem Fragen allein. Der Glaube an die Zufälligkeit alles Seienden ist lähmend, wenn man ihn ernst nimmt, man kann dabei leicht in Verzweiflung geraten, weil alles Sehnen und Trachten sinnlos erscheinen. Nur erzählt man dies niemandem.
Als ich mich vor Jahren spätabends auf einen letzten Spaziergang mit meinem verstorbenen Hund begab, wölbte sich manchmal ein klarer Himmel über uns beiden und ich blieb dann gerne stehen und blickte staunend in den Raum, der nach Newton grenzenlos sein soll, nach Einstein sich mindestens zehn Billionen Lichtjahre in jede Richtung erstrecke und von dem niemand mit Sicherheit weiß, ob er nun endlich oder unendlich sei. Ich konnte auf freiem Feld und von bloßem Auge die Milchstraße, einzelne Sternbilder und sogar Sternhaufen ausmachen. Ich wusste, dass nichts schneller ist als das Licht und die Lichtgeschwindigkeit konstant bleibt. Daher musste es manchen Stern geben, den ich zwar sehen konnte, der aber in Wirklichkeit längst erloschen war. Nur das Licht, das er ausstrahlte, war noch immer von weither unterwegs, ich konnte den Stern noch immer wahrnehmen. Sein Licht war seit Jahrtausenden unterwegs und noch vorhanden, obwohl der Stern selbst schon längst erloschen war. Dort, wo er gewesen war, war es finster und finster ist es auch zwischen den Himmelskörpern. Trotzdem soll es mehr Sterne geben als Sandkörner auf der Erde.
Im Frühjahr beeindruckt mich jedes Jahr von neuem der gute alte Löwenzahn. Seine Robustheit, seine intensivgelbe Blüte und vor allem seine Fähigkeit, in kurzer Zeit seine zerfransten schmalen Blütenblätter in eine so genannte «Pusteblume» zu verwandeln, lassen mich immer wieder stehen bleiben, um dieses kleine Wunder näher anzusehen. Ein ganzes Feld voller Löwenzahnblumen, in denen aus den Blütenblättern kleine Fallschirme entstehen, an denen je ein kleiner Same hängt. Diese Fallschirme sind absolut regelmäßig auf dem Blütenboden verteilt und warten dort auf einen Windstoß, der sie vom Blütenboden löst und irgendwohin trägt. Eine in ihrer Wirksamkeit kaum zu überbietende Fortpflanzungsmethode. Es gibt dazu noch Tausende anderer Methoden und man könnte jede zum Patent anmelden, weil jede funktioniert und in ihrer Art einmalig ist.
Öfters bleibe ich im Sommer auch bei einem der Blumengärten stehen, die da und dort meinen Weg säumen. Die Tulpen haben, wie so viele andere Blumen, des Nachts und bei Regen ihre Kelche geschlossen. Was für eine Erfindung! Sind die Tulpen von selbst daraufgekommen? Oder die Evolution? Ist also die Evolution intelligent, erfinderisch und voller Fantasie? Oder ist sie nur eine riesige Produktionsfirma, die planlos und andauernd Sinnloses produziert und nur selten einmal einen Treffer landet?
Zum Thema Entwicklung noch eine Frage. Haben Sie schon mal vom Koboldmaki gehört? Er ist etwa so groß wie unsere Hand und hat überaus große Augen, mit denen er auch im Dunkeln sehen kann. Er lebt auf Bäumen und springt auf der Jagd nach Insekten von Baum zu Baum. Sehr hilfreich ist ihm dabei ein langer Schwanz, dank dem er seine Balance halten kann. Wie kam er zu diesem langen Schwanz? Entwickelte sich dieser über zweihunderttausend Jahre Millimeter um Millimeter, war also die längste Zeit für sein Gleichgewicht gar nicht brauchbar?
Wie soll ich mir mit Selektion die Tatsache erklären, dass das Schneehuhn, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sein Federkleid dreimal jährlich wechselt und sich damit der Farbe seiner Umwelt vollständig anpasst? Wie kam denn das Schneehuhn darauf, dass es durch ein weißes Federkleid im Schnee für seine Feinde kaum auszumachen und dadurch geschützt ist? Oder wurden einfach alle braunen von Feinden gefressen, bis noch ein weißes zufällig überlebte? Aber dieses blieb eben nicht weiß, sondern passte sich in der Farbe den Jahreszeiten an. Wie ließ sich diese farbliche Veränderung seiner Federn bewerkstelligen und derart wirkungsvoll an die jahreszeitliche Umgebung anpassen? Schwierige Frage!
Selbstverständlich kann sich per Zufall auch einmal etwas für das Überleben einer Art Sinnvolles ereignen. Doch die Chance dafür ist minim. Falls aber Zufälle meistens danebengehen, bis sie ein einziges Mal, auch dies zufällig, etwas Positives bewirken, dann würde die Natur eine solche Veränderung rasch als unbrauchbar eliminieren. Der Koboldmaki mit einem nur werdenden Schwanz könnte so, wie er lebt, nicht überleben.
Ein Einsiedlerkrebs hatte die Idee, sich in ein leeres Schneckengehäuse zu verkriechen. Eine ausgezeichnete Idee, die ihm das Überleben erleichterte, er hatte so ein eigenes Haus, das ihn vor Feinden schützte. Seine Hinterbeine benötigte er nicht mehr und daher verkümmerten sie und sind heute kaum noch vorhanden. Wir kennen das: Wer sich nicht bewegt, dem schrumpfen die Muskeln; wer sie jedoch trainiert, der verstärkt sie.
Das Leben ist eine einzige Kette von sinnvollen Entwicklungen! Wenn die Evolution intelligent, voller Fantasie und zielgerichtet wirkte, dann wäre sie nur ein anderer Name für das, was der Glaubende als Gott bezeichnet.
Wir, die wir doch so viel intelligenter und fantasievoller sind als alle anderen Lebewesen, wir beobachten die Natur, um deren Problemlösungen zu kopieren und für uns zu übernehmen. Wie kann denn aus lauter Zufällen, allein gesteuert durch die Selektion, eine Perfektion entstehen?
Wir Menschen bestehen aus siebzig Milliarden Zellen, aus unglaublich komplizierten Zellen, jede mit einem Zellkern, in dem der gesamte Bauplan wie in einem Tresor aufbewahrt ist. In jedem Zellkern sind sämtliche Erbinformationen ähnlich einer Strickleiter gespeichert, sie verspinnen sich bei der Befruchtung zu 46 Chromosomen, übernehmen dazu 23 von der Mutter und 23 vom Vater. Und alles ist aus zwei stickstoffhaltigen Basen gebildet, die Verbindungen eingingen und weiter eingehen.
Im Bauplan Mensch liegen in seinem Erbgut die Gene, und die kleinste Veränderung eines Gens kann katastrophale Folgen haben. Die Gene setzen sich aus 3,5 Milliarden «Buchstaben» zusammen, die man mit Hilfe von leistungsfähigen Rechnern Stück für Stück entziffern konnte. Bis man allerdings die Bedeutung aller erhaltenen Daten wirklich erfasst haben wird, wird noch einige Zeit vergehen.
199 Knochen bilden unser «Gestänge», 434 Muskeln halten das Ganze zusammen. Jeder Knochen sitzt am richtigen Ort und jeder Muskel auch. Achtzehn Milliarden Nervenzellen bilden unser Gehirn. Bei der Befruchtung gab es am Anfang unserer Existenz nur eine einzige Eizelle, die sich nach der Befruchtung teilte und immer wieder teilte. Was dann folgte, war kein wildes Wuchern, jede Zelle hatte ihre Aufgabe, ihren Platz in einem hoch komplizierten Gefüge. Am Ende wurde daraus unter anderem ein bei der Geburt etwa dreihundert Gramm schweres Gehirn, das ausgewachsen drei Pfund wiegt, über sich selbst und über die Welt nachdenken und sich wundern kann
Als Erklärung dient jeweils die Feststellung: Es brauchte dazu Millionen Jahre. Es ist schwierig zu glauben, dass aus kosmischen Nebeln und Sternenstaub Menschen entstehen, wenn man nur lange genug wartet. Und was war vor der vermeintlichen Perfektion? Und woher kam diese?
«Mit welchen genetischen Tricks verwandelte die Evolution binnen weniger Millionen Jahre das Halbliterhirn eines Affen in das dreimal größere und ungleich leistungsfähigere Denkorgan des Menschen?», lese ich in einem Artikel über Genforschung. Aber trickreich kann doch nur eine Intelligenz sein und nicht eine Reihe von Zufällen.
Ich muss meine Überlegungen kurz unterbrechen. An meinem Fenster krabbelt und surrt eine Wespe. Ich öffne das Fenster und sie flüchtet. Gut so, man muss bei Wespen vorsichtig sein. Ihr Stachel ist eine erstaunliche Konstruktion. Ihr Gift ist vielleicht noch verblüffender als ihr Stachel. Die Wespe setzt zwar ihren Stachel gezielt zur Abwehr ein, doch dies allein wäre noch keine sehr wirkungsvolle Waffe, das Gift ist entscheidend.
Weiß die Wespe um die Wirkung ihres Giftes? Und wie kam sie auf dieses Gift? Wie kam sie auf die Idee, sich einen Stachel als Injektionsnadel zuzulegen, das war keine Kleinigkeit. Hat sie über unendlich lange Zeiten hinweg verschiedene Mischungen ausgetestet und nach langem Suchen diese sehr wirkungsvolle Mischung erfunden? Hat sie die anderen, wirkungslosen oder unbefriedigenden Mischungen ausgeschieden und sich, nach unzähligen Misserfolgen, für diese eine Mixtur, die für sie wirkungsvollste, entschieden?
Ich erinnere mich an einen Zwischenfall an der Tour de Suisse oder der Tour de France. Einer der Favoriten war mit offenem Mund gefahren und es hatte sich eine Wespe in seinen Mund verirrt und zugestochen. Der verzweifelte Fahrer rettete sich knapp ins Ziel und musste gepflegt werden. Ja, die Sache funktioniert.
Irgendeine Firma muss doch für diese Welt verantwortlich sein. Ist das ein «Jemand» oder ist es ein «Es»? Ist es eine zielgerichtete Kraft und Intelligenz, aber keine Person? Oder doch eine Person? Wer ist diese Person, und was will sie mit dieser Welt?
Gotthold Ephraim Lessing nannte den Begriff «Zufall» eine Gotteslästerung.
Warum blieb die unvorstellbar dichte Materie am Anfang vor dem Urknall nicht einfach so, wie sie war, eine Art Urkugel oder auch formlos im Nichts schwebend? Wenn etwas mit oder ohne Knall auseinanderfällt, dann ist es gemäß gängiger Erfahrung zerstört. Ein Auto, das auseinanderfällt, muss aus dem Verkehr gezogen werden. Beim Urknall brach etwas auseinander, aber das war kein Ende, sondern der Beginn einer hochkomplizierten Entwicklung, die zuerst ein Urmeer, dann eine erste lebende Zelle und letztlich uns Menschen hervorbrachte. Ein nach unserem Empfinden überaus sinnvoller Prozess, in dem sich aus dem Einfachen das Komplizierte und aus dem Rudimentären das Vollkommene entwickelte. Über diese Vorgänge können wir nur staunen, ja, wir können uns nicht genug über sie wundern, je mehr wir über sie erfahren.
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