8 - 10 Jahre

Paul und der Blaue

Valentine Brent

Paul und der Blaue

Ein Abenteuer auf zwei Rädern

Leseprobe:

Diese Geschichte spielt im Süden von Deutschland, genauer gesagt, in einem kleinen Ort, der vor langer Zeit von einem fahrenden Wanderburschen gegründet sein konnte. Auf seiner Wanderung durch Täler, Höhen und mannigfaltige Wälder mag er an eben dieser Stelle, wo der Ort liegt, um den es hier geht, aus dem Wald aufgetaucht sein und wegen der herrlichen Gegend beschlossen haben: „Hier ist es gut, hier bleibe ich!“ Und so blieben er und seine Nachkommen auch, zum einen, weil sie Natur und Ruhe liebten, zum anderen, weil sie irgendwann zu alt geworden waren, um noch fortzugehen. Andere kamen dazu, weil sie der Städte überdrüssig waren und auch, weil es sich hier billiger und gemütlicher leben ließ, oder sie kamen einfach wieder zurück, nachdem sie sich draußen umgeschaut hatten und am Ende merkten, dass es hier doch am schönsten war.

Einer von ihnen war Jonathan Klingel, oder Jon, wie ihn alle nannten, der Vater von Paul. Er arbeitete als freier Architekt und war daher oft für längere Zeit von zu Hause weg. Wenn er dann heimkam und am Autobahnkreuz Richtung Heimat abbog, überkam ihn jedes Mal dieses herrliche Gefühl: gleich bin ich wieder zu Hause, jetzt noch durch den malerischen Fachwerkort, dann über die schnelle Strecke ins Tal hinunter, über diesen Berg wieder hoch und in fünf Minuten bin ich endlich daheim. Daheim, das waren Olga, seine Frau, und sein Sohn Paul, der in diesem Sommer elf Jahre alt wurde, sowie das gelbe Backsteinhaus in der Brunnengasse, in dem schon die Eltern von Jon gelebt hatten und er mit drei Schwestern aufgewachsen war.

Das Schönste an dem Haus, so fand Olga, war die große Küche, von der aus eine Treppe auf den Hof hinausging, und wo sie trotz der Nordlage genügend Luft und Licht hatte, denn das war schließlich der Ort, an dem sie sich am meisten aufhielt. Für Jonathan war der Schuppen, der Hof und Garten voneinander abgrenzte, das Wichtigste, denn dort stand sein Motorrad, dem seine ganze Leidenschaft und Liebe galt. Paul war genauso motorradverrückt wie sein Vater und sein glühendster Wunsch war ein Motorradhelm, denn ohne den nahm ihn Jon nicht auf eine Ausfahrt mit. Markus hatte schon einen, aber Markus war auch fünf Jahre älter als Paul und mit seinen fast sechzehn Jahren bald so groß wie sein Vater Erwin, dem Freund von Jon. Die beiden Männer waren früher unzertrennlich gewesen, sozusagen ein Pott und ein Deckel, und auch von Jugend an verrückt nach Motorrädern. In ihren wilden Zeiten hatten sie zuerst mit ihren Mofas, später dann mit PS-starken Maschinen die Gegend unsicher gemacht.

Sie waren immer noch eng befreundet, auch wenn sie sich nicht mehr so häufig sahen wie früher oder auch nicht mehr jedes Wochenende zusammen verbrachten. Es gab da eine Holzhütte im Wald, die Erwin von seinem Großvater geerbt hatte. Zusammen mit dem Hof, auf dem er sich nach seinen Lehr- und Wanderjahren eine Tischlerwerkstatt eingerichtet hatte, war diese Hütte an ihn gegangen, weil er von seinen Geschwistern als Einziger im Ort geblieben war und auch die Jagdleidenschaft seines Großvaters geerbt hatte. „Mit dem Auto sind wir doch in einer halben Stunde in der Stadt, wenn du Abwechslung brauchst“, sagte er immer wieder zu seiner Frau Sabine, „aber hier ist Ruhe und solche Luft, die hast du nur hier!“

Bevor Sabine ihn verlassen hatte und nach Mannheim gezogen war, hatten alle zusammen die meisten Wochenenden in der Hütte verbracht: Erwin, Jon, Olga, Sabine und die beiden Jungs Markus und Paul. Seit Sabines Weggang vor vier Jahren waren sie nicht mehr zusammen dort gewesen. Und der letzte hässliche Streit zwischen ihnen hatte sich auch in der Hütte abgespielt, als Jon und Sabine allein dort gewesen waren, weil Olga kurz vor Fahrtantritt mit Paul zum Arzt musste, da der sich einen Wespenstich im Hals eingefangen hatte. Als Erwin dann dort auftauchte, fand er Jon und Sabine auf dem Sofa in der Hütte vor, beide fest schlafend. Das genügte dem extrem eifersüchtigen Erwin, um gleich einen Riesentanz zu veranstalten und die wildesten Beschuldigungen gegen seinen völlig überraschten Freund auszustoßen. Sabine benahm sich einfach albern, wie Jon fand, sagte kein Wort zur Klärung, dass sie beide einfach müde gewesen wären, sondern schürte Erwins Verdacht sogar noch, indem sie sich wie hilfesuchend an Jon klammerte. Der hatte dann einfach stinksauer das Weite gesucht. Und seither gab es keine Ausflüge mehr zur Hütte. Die Freunde hatten sich zwar nach der Trennung von Erwin und Sabine wieder vertragen, aber über den eigentlichen Anlass des Streits war nie ein klärendes Gespräch geführt worden.

Jon vermutete, dass Erwin noch zur Hütte fuhr, denn schließlich musste er sich ja um sein Jagdgebiet kümmern, aber die Ausflüge mit den Kindern gehörten schon längst der Vergangenheit an. Paul konnte sich kaum noch erinnern, wie es dort aussah. Erwin war schweigsam geworden, er tauchte jetzt selten bei den Klingels auf und verschloss sich gegenüber seiner Umwelt. Dazu kam noch sein schwieriges Verhältnis zu Markus, der zwischen beiden Eltern stand, zwar bei Erwin lebte, aber doch oft genug bei seiner Mutter war und jedes Mal von dort „völlig versaut“ zurückkam, wie sich Erwin ausdrückte. Jon hatte schon die ganze Zeit vor, mit seinem Freund mal richtig zu reden und verschiedene Dinge klarzustellen. Schließlich wurden sie beide älter, da sollten sie auch weiser geworden sein – und grauer – setzte Jon in Gedanken hinzu. Man sollte einfach wieder aufeinander zugehen.

Außerdem schien es mit Macht Frühling werden zu wollen und Jon wollte in zwei Tagen sein neues Motorrad abholen. Dafür hatte er sich extra die Woche vor Ostern freigehalten. Was, wenn er Erwin bäte, gleich am nächsten Wochenende mit ihm zur Hütte zu fahren, dann könnten sie beide mal wieder so richtig Gas geben und dabei gleich die Maschine austesten. Abends wäre dann Gelegenheit, bei einem guten Schluck und ihren Pfeifen eventuelle Unstimmigkeiten auszuräumen. Jon war sich sicher, dass Erwin auf den Köder zu einer Männertour anbeißen würde. Er ahnte, wie sehr der Freund unter der Fremdheit und dem angespannten Verhältnis mit seinem Sohn litt. Und auch darunter, dass die alte Kameradschaft zwischen ihnen deutlich gelitten hatte.
Als Paul den Blauen zum ersten Mal sah, stand die Abendsonne schon ganz schräg und schickte ein rotgoldenes Licht in die Hofeinfahrt, sodass es den Anschein hatte, als würde der Vater auf seinem Motorrad in einem Lichterglanz einherfahren. Er hatte unzählige Male seinen Vater auf dem Motorrad gesehen, aber bei dieser Maschine war auf einmal alles anders. Von ihr ging ein Leuchten aus, sie hatte ein beinahe geheimnisvolles Brummen, das Paul aufhorchen ließ. Das war kein gewöhnliches Motorrad! Im gleichen Moment, als das Motorrad stand und der Vater den Motor abstellte, schob sich eine Wolke vor die Sonne und gleichzeitig mit dem Licht des Scheinwerfers erlosch auch der Glanz auf dem Motorrad, sodass plötzlich ein ganz normales blaues Rad dastand. Aber was für eins!

Paul ließ sich von der Mauer runter auf den Hof gleiten und ging bewundernd um das Motorrad herum. Seine braune Bubenhand strich behutsam über den Kühler, glitt über Teile der Sitzbank, die aus einer Art dunkelblauem Leder bestand, und dann wieder nach vorne zum Scheinwerfer und den Seitenspiegeln. „Papa, der Blaue ist einfach klasse!“ Unbewusst hatte Paul schon den Namen ausgesprochen, der ihm sofort eingefallen war, als er das Motorrad sah. Der Junge stand wie verzaubert, bis sein Vater ein langes, lederbekleidetes Bein über den Sitz schwang, die Handschuhe auszog und seinem Sohn zuwarf. „Hier, Paul, halt die mal!“ Ein Handschuh traf ihn vor die Brust, der zweite folgte, den konnte er gerade noch greifen, der andere war auf den Boden gefallen. Jon lachte und meinte: „Gelt, die ist einfach schön!“ „Der, Papa, das ist ein Er und er heißt der Blaue!“ Das kam ganz bestimmt von Paul, denn für ihn konnte das Motorrad nur so heißen. „Du, da krieg ich Ärger mit Erwin, du weißt doch, dass Motorräder immer Frauennamen haben müssen!“ „Der nicht, Papa, der ist doch kein normales Motorrad, so wie deine vorige Maschine, die war eine Sie, und längst nicht so schön!“

„Um was geht’s denn?“, mischte sich jetzt Olga ein, die oben in der Küchentür erschienen war. Sie stützte die Hände auf das Geländer der Treppe, die in den Hof runterführte, und seufzte ein bisschen wegen der Motorradverrücktheit von Mann und Sohn. „Kommt zum Abendbrot, ihr zwei“, damit drehte sie sich um und wollte zurück in die Küche. Mit einem Sprung war Jon an der Treppe und konnte seine Frau gerade noch am Rocksaum erwischen. „Halt, Olga, erst sag, dass dir der Blaue auch gefällt!“ Jon lachte zu seiner Frau hoch und bekam zur Antwort einen leichten Schlag mit dem Geschirrtuch, das Olga in der Hand hielt. „Schön blau ist er jedenfalls!“, damit machte sie ihren Rock frei und verschwand in der Küche.

„Siehst du, Papa, du hast ihn auch der Blaue genannt, gelt, er heißt der Blaue!“, vor lauter Aufregung hopste Paul um Vater und Motorrad herum und behinderte ihn in jeder Weise, weil Jon gerade den Blauen auf den Mittelständer abstellen wollte. „He, mach langsam, lass mich das Teil erst mal abstellen, der ist ganz schön schwer“, damit wuchtete Jon den Blauen auf den Ständer und trat dann einen Schritt zurück, um seinen wahrgewordenen Traum in Ruhe betrachten zu können. Beide, Vater und Sohn, umkreisten das Motorrad und sahen es sich von allen Seiten genau an. Es war wirklich ein Genuss in Blau. Die Radspeichen schimmerten im Abendlicht wie Gold und Paul erschien der Glanz irgendwie unwirklich und nicht ganz normal zu sein, fast hätte er gedacht, dass ihm der Blaue zublinzeln würde. Abermals strich er bewundernd über den Tank und die Schutzbleche, den Lenker und die Lampen. Er musste einfach mit den Händen das Motorrad ‚begreifen‘, so fast verzaubert schien es ihm. Jon erklärte ihm die neuen Bremsen und machte ihn auf das Nummernschild aufmerksam: Da stand nach dem HD für Heidelberg ein JK für Jonathan Klingel und die Zahl 100. „Supertoll!“, fand Paul, hängte sich an seinen Vater und bettelte: „Lass mich doch mal mitfahren, Papa, jetzt bin ich doch schon groß genug!“ „Mal sehen“, kam die Antwort, „erst musste ja einen Helm haben, ohne den läuft gar nichts!“ Paul wandte sich enttäuscht ab und maulte: „Den haste mir schon letztes Jahr versprochen, und jetzt bin ich wirklich schon groß genug!“ „Klar, nur warum werden dann die Noten nicht besser? Also, wenn ich wirklich was so dringend wollte, ich würde mir mehr Mühe geben!“

Das ewige Thema, das Paul gar nicht gern hörte, aber um gerecht zu sein, musste er zugeben, dass sein Vater schon ein bisschen recht hatte. Er war wirklich oft einfach zu faul gewesen oder hatte sich ablenken lassen und eben nur das Allernötigste getan. Eben wie Markus auch. Dem hatte Erwin sogar ein Mofa zu seinem sechzehnten Geburtstag versprochen, vorausgesetzt, dass er versetzt würde, was im Augenblick noch ziemlich unwahrscheinlich aussah. Paul legte den Kopf schief und blieb in Gedanken versunken neben dem Blauen stehen. Vielleicht sollte er mal mit Markus reden, sie hatten sich eigentlich immer gut verstanden, und Markus hatte ihm gegenüber nie auf sein höheres Alter gepocht oder war sich zu erhaben gewesen, um mit ihm zu spielen. Und wenn sie sich jetzt zusammentun würden, um zu lernen, dann müssten sie es doch bis zu den Sommerferien schaffen können, Helm und Mofa zu gewinnen. Dafür blieben ihnen noch gute vier Monate Zeit. Nach dem Abendessen, beschloss Paul, wollte er einfach mal wieder zur Werkstatt gehen und mit Markus reden. Nur kam es dann ganz anders, als der Junge sich das gedacht hatte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-95840-323-9
Erscheinungsdatum: 02.02.2017
EUR 17,90
EUR 10,99

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