8 - 10 Jahre

Oi, der Außerirdische

Hartmut B. Rücker

Oi, der Außerirdische

Flo und Oi auf Io

Leseprobe:

Flo steuert eine Rakete

„Dann …, dann …, dann fliege ich“, hat Flo gesagt.
Alle haben sie protestiert. Doch Flo hat sich durchgesetzt und Minuten später in der Rakete befunden, gemeinsam mit dem kranken Oi.
Flo blickt aus dem Fenster der Rakete und beobachtet, wie die Erde immer kleiner wird.
Zunächst kann sie noch ihr Haus erkennen und ihre Eltern, die im Garten stehen und ihr nachsehen.
Sekunden später ist das Haus verschwunden und nur noch eine große Fläche in verschiedenen Farben zu erkennen; hellbraun und grün, dazwischen grau. Die Rakete stößt durch die Wolkendecke, und schon kommt es Flo vor, als säße sie in einem Flugzeug. Doch niemand ist da, der sie daran erinnert, dass sie nun die Reiseflughöhe erreicht haben und die Gurte öffnen können. Die Reiseflughöhe hat Flo noch längst nicht erreicht. Denn die Rakete steigt höher und höher. Um sie herum verfärbt sich der Himmel von hellblau zu dunkelblau und mit einem Mal ist es schwarz. Schwarz wie die Nacht mit einem blauen Fleck in der Mitte, umgeben von einem hellen Kranz.
Und die Erde wird immer kleiner. Flo erinnert sich daran, dass sie ihren Eltern Bescheid geben wollte, wie es ihr geht, als sie gerade am Mond vorbeifliegt. Der ist so groß, dass Flo beinahe die Hand ausstrecken möchte, um ihn zu berühren. Aber so schnell, wie er aufgetaucht ist, ist er auch schon wieder verschwunden.
Schade, denkt Flo. Ich wäre gerne kurz ausgestiegen, um ein paar Sprünge auf dem Mond zu machen. Wie viele Menschen haben dieses Vergnügen schon gehabt? Nicht viele, weiß Flo. Und wenn sie sich richtig erinnert, wäre sie der erste weibliche Mensch gewesen, der einen Fuß auf den Erdtrabanten gesetzt hätte.
Aber, und das wird Flo mit einem Mal klar, so weit, wie sie gerade geflogen ist, ist überhaupt noch kein Mensch unterwegs gewesen. Flo ist tatsächlich der erste Mensch, der sowohl die Erde als auch den Mond von einer Position aus sieht, die noch niemand auf der Erde eingenommen hat. Und das macht sie sehr stolz. Auch wenn von diesem historischen Ereignis sonst niemand Notiz nimmt.
Ach ja, meine Eltern. Flo reißt sich von dem Gedanken los, eine Heldentat begangen zu haben und noch immer zu begehen, denn die Rakete fliegt ja immer noch und entfernt sich rasend schnell von Erde und Mond.
Flo drückt die Wahltaste des Kommunikationsgeräts, das sie an einer Halterung links von sich entdeckt hat, und wartet einige Sekunden, dann hört sie die Stimme ihrer Mutter.
„Wie geht es dir?“, fragt sie.
„Gut, danke“, antwortet Flo. „Wir sind gerade am Mond vorbeigeflogen“, berichtet sie weiter.
„Ihr seid was?“
„Am Mond vorbeigeflogen“, wiederholt Flo und muss schmunzeln. Was genau hat sich ihre Mutter eigentlich vorgestellt, als Flo die Rakete betreten hat? Dass das alles nur ein Spiel ist und sie nur ein Mal um den Häuserblock fliegt?
„Aber ihr seid doch gerade abgeflogen!“
„Die Rakete ist ziemlich schnell“, sagt Flo.
„Wie sonst soll es sich denn ausgehen, dass die Rakete lediglich zwei Tage zum Jupiter braucht? Die muss so schnell sein“, mischt sich nun Herr Freimut ein. „Und? Was ist das für ein Gefühl, den Mond so nahe zu sehen?“
„Eigentlich ist es, wie wenn man durch das Teleskop schaut. Nur eben viel näher und ich muss mein zweites Auge nicht zusammenzwicken“, erklärt Flo.
„Wie ich dich beneide“, seufzt Herr Freimut.
„Wie geht es Oi?“, unterbricht Frau Freimut ihren Mann.
„Unverändert“, berichtet Flo. Gerne hätte sie noch mehr erzählt, aber Flo erinnert sich daran, dass ihre eigentliche Aufgabe das Steuern der Rakete ?ist.
„Ich muss jetzt Schluss machen. Die Rakete fliegt leider nicht von alleine.“
„Aber …“, versucht Frau Freimut das Gespräch mit ihrer Tochter zu verlängern.
„Ich melde mich, wenn wir angekommen sind.“
„Versprochen?“
„Versprochen!“
„Großes Ehrenwort?“
„Mami! Mach dir bitte keine Sorgen, mir geht es gut.“ Manchmal benimmt sich ihre Mutter, als wäre Flo noch ein Baby.
„Mach’s gut“, seufzt Frau Freimut.
„Sie schafft das schon“, beruhigt Herr Freimut seine Frau.
„Ich weiß, aber …“ Und dann hört Flo nichts mehr, denn sie betätigt den Schalter zum Beenden des Gesprächs.
Mach dir keine Sorgen. Was für ein blöder Spruch. Natürlich machen sich ihre Eltern Sorgen. Immerhin fährt Flo nicht mal für das Wochenende zu ihrer Großmutter nach Oberösterreich. Nein, sie fliegt mit ihrem außerirdischen Freund zu dessen Heimat.
So tapfer Flo vor Kurzem noch gewesen ist, als sie den Vorschlag gemacht hat, den kranken Oi nach Hause zu bringen, und so toll es gewesen ist, so rasch an Höhe zu gewinnen, ohne ein flaues Gefühl im Magen, wie sonst beim Start eines Flugzeugs, sie bekommt nun doch Zweifel, ob es eine so gute Idee gewesen ist. Im Gespräch mit ihrer Mutter hat sie Zuversicht vorgetäuscht. Sie hat ihre Mutter nicht beunruhigen wollen, aber am liebsten würde sie doch umkehren.
Doch das würde bedeuten, Oi im Stich zu lassen. Oi, ihren außerirdischen Freund. Oi, der es ihr zu verdanken hat, dass er nun krank in der Rakete liegt. Auf der Erde würde er sterben, dessen ist sich Flo sicher, und das hat sie auf keinen Fall zulassen können. Sie hat ihn krank gemacht. Sie ist schuld. Und daher muss sie da durch, egal, wie groß ihre Angst vor diesem Abenteuer ist.
Flo blickt Oi an. Wie er so neben ihr liegt, so blass und so grün. Selbst, wenn sie nicht wüsste, dass seine natürliche Farbe rosa ist, ist ihm anzusehen, dass etwas nicht stimmt, ganz und gar nicht stimmt mit ihm.
Flo könnte heulen.
So hat sie sich das Ende ihres Wiedersehens nicht vorgestellt. Was haben sie doch Spaß gehabt die vergangenen zwei Wochen. Ihr Besuch in Wien, die Überraschung, dass Oi ein echter Prinz ist, die Fahrt mit dem Auto, ihr Besuch im Zoo, Ois Auftritt im Zirkus. Und all die Fragen, die Oi gestellt hat. Alleine schon deswegen ist Flo neugierig auf Ois Heimatwelt und kann es eigentlich nicht erwarten, Io zu sehen.
Doch dann die Sache mit dem Wasser. Aber wie hat sie auch wissen können, dass Wasser so gefährlich für Oi ist? Es ist ihr nicht aufgefallen, dass Oi immer nur Autoreifen zu sich genommen hat. Die Menschen auf der Erde können ohne Wasser nicht existieren. Flo ist gar nicht in den Sinn gekommen, dass das auf anderen Planeten – oder Monden – anders sein könnte.
Mitleidig und schuldbewusst schaut Flo von Oi zur Steuerkonsole und wieder zu Oi.
Dabei beobachtet sie auch ihre außerirdischen Hände. Mit einer letzten Kraftanstrengung hat Oi seine Freundin in eine Bewohnerin des Mondes Io verwandelt, damit sie sowohl in der Rakete als auch später auf dem Mond zurechtkommt.
Flo versucht den Steuerknüppel so ruhig wie möglich zu halten und schnelle Bewegungen zu vermeiden.
Oi hilft ihr mit seinen Gedanken, so gut es geht. Auch wenn er sehr schwach ist.
Hie und da wirft Flo einen Blick aus dem Fenster. Jetzt, wo die Erde einer von unzähligen Punkten am Himmel ist, kommt ihr das Weltall ziemlich leer vor. Oi hat zwar versucht, sie ein wenig dichter am Mars vorbeifliegen zulassen, dennoch ist er sehr weit weg gewesen, gerade einmal stecknadelgroß, als sie den sogenannten Roten Planeten passiert haben. Allerdings nahe genug, um zu erkennen, dass er nicht wirklich rot ist. Flo nimmt sich vor, das später ihrem Vater zu berichten, wenn sie wieder zu Hause ist.
Nachdem sie den Mars hinter sich gelassen haben, beginnt die Zeit der Langeweile. Die sensationellen Entdeckungen, die sie sich erhofft hat, kann sie leider nicht erkennen. Die Rakete fliegt und fliegt. Um sie herum ist es schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Flo hat nicht viel zu tun. Nicht nur einmal fragt sie sich, ob es überhaupt notwendig gewesen ist mitzukommen. Aber dann blickt sie wieder zu Oi hinunter und sieht sein Elend und weiß, dass es ohne sie nicht geht.
Stunde um Stunde verrinnt.
Ich hätte mir ein Buch mitnehmen sollen, denkt Flo. Wenn nichts weiter geschieht, wird das eine ziemlich langweilige Reise durch das All.
Plötzlich fällt Flo ein, dass ihre Mutter ihr etwas für Oi mitgegeben hat. Ein Geschenk. Eine Erinnerung an seine Zeit auf der Erde.
Flo greift nach dem Paket. Zu gerne will sie wissen, was es ist, doch sie traut sich nicht, das Geschenkpapier zu entfernen. Immerhin gehört das Geschenk Oi und nicht ihr. Ihre Erziehung siegt über die Neugier und sie will es schon wieder weglegen, als sie eine Stimme in ihrem Kopf hört.
Mach es auf! Eine Hand berührt Flo an ihrem Fuß.
Erschrocken blickt Flo zu Oi hinunter. Sie fühlt sich ertappt. Flo muss den Reflex unterdrücken den Fuß zurückzuziehen.
Aber es gehört dir, denkt sie.
Eben, antwortet Oi. Und ich möchte wissen, was deine Mutter für mich mitgegeben hat. Zeig es mir bitte.
Flo zögert etwas, dann entfernt sie das Papier. Zum Vorschein kommt ein kleines Album, vollgeklebt mit Fotos der vergangenen zwei Wochen. Frau Freimut hat jeden Moment, den Herr Freimut und sie mit der Kamera festgehalten haben, im Geheimen in das Album getan und zu jedem Bild fein säuberlich einen kleinen Text dazugeschrieben. Flo fragt sich, wann ihre Mutter denn dafür Zeit gehabt hat. Auch Oi wundert sich. Zwar hat er Flos Eltern immer wieder mit einem schwarzen Kasten in der Hand gesehen, doch er hat sich nichts dabei gedacht. Auch nicht, wenn er immer wieder dazu aufgefordert worden ist, ruhig stehen zu bleiben und zu lächeln.
Nun kann er sich plötzlich so sehen wie auf den Bildern im Museum. Und ihm fallen Herrn Freimuts Worte ein, dass nämlich die Menschen sich gerne erinnern und daher alles festhalten wollen, sei es geschrieben oder in Bildern.
Nun hat Oi also auch etwas, das ihm hilft, sich zu erinnern. Etwas, dass es in seiner Heimat nicht gibt. Oi freut sich sehr über das Geschenk.
Flo sieht ihn lächeln und sie meint auch zu erkennen, dass sich Ois Farbe ein wenig verändert. Das Grün ist zwar immer noch grün, aber es scheint ein wenig kräftiger geworden zu sein.
Vielleicht ist die Krankheit doch nicht so schlimm, denkt Flo und schöpft ein wenig Hoffnung.


Asteroiden im Anflug

Und weiter vergehen die Stunden. Flos Blicke wechseln zwischen Oi, dem Steuerknüppel und dem Fenster hin und her. Wenn sie Oi ansieht, muss sie an ihren Fehler denken und das macht sie traurig. Doch aus dem Fenster zu schauen ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Denn was sie da sieht, ist lediglich unendliches Schwarz, das an ihr vorüberzieht.
Also versucht sie die meiste Zeit, sich auf den Steuerknüppel zu konzentrieren. Das erscheint ihr ziemlich einfach, denn sie muss eigentlich nur den Anweisungen des Displays neben dem Steuerknüppel folgen, das ihr hie und da anzeigt, in welche Richtung der Knüppel zu bewegen ist. Wie bei Peters Spielekonsole, findet Flo.
Außerdem hat Flo nun reichlich Zeit, sich Gedanken über den Jupitermond Io zu machen. Auch wenn sie nicht lange dort verbringen wird – sie will ja Oi nur abliefern und sich dann wieder auf die Erde bringen lassen – überlegt sie, was sie erwartet.
Sie weiß, dass der Mond Io von Galileo Galilei entdeckt worden sein soll, der genauso wie sie die Sterne beobachtet hat. Er braucht ungefähr einen Tag und achtzehn Stunden, um sich einmal um den Jupiter zu drehen. Das hat bereits zu großen Verwirrungen geführt, als es darum gegangen ist, festzustellen, wie alt Oi im Vergleich zu Flo ist.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 162
ISBN: 978-3-99048-626-9
Erscheinungsdatum: 19.09.2016
EUR 22,90
EUR 13,99

Herbstlektüre