8 - 10 Jahre

Oi, der Außerirdische

Hartmut B. Rücker

Oi, der Außerirdische

Oi und der Asteroid

Leseprobe:

Ein Anruf mitten in der Nacht



Im Haus der Freimuts herrscht nächtliche Stille. Endlich ist Frau Freimut eingeschlafen. Die vergangenen Nächte hat sie kein Auge zugemacht. Jede Minute hat sie auf eine Nachricht von ihrer Tochter gewartet. Herr Freimut hat mit dem Schlafen weniger Probleme gehabt. Einzig die lästigen Rüttelaktionen seiner Frau haben seinen Schlafrhythmus empfindlich gestört. Doch das hat er ihr nicht vorgehalten, denn natürlich hat er ihre Beweggründe verstanden. Immerhin ist Flo alleine zum Jupitermond Io geflogen.
Nun, natürlich nicht ganz alleine. Sie hat Oi nach Hause geflogen. Denn Oi ist krank gewesen. So krank, dass er seine Rakete nicht mehr alleine hat steuern können.
Was das betrifft, hat Flo gute Nachrichten gehabt. Oi ist sehr schnell wieder gesund geworden. Umso mehr hat sich Frau Freimut darüber gewundert, dass Flo nicht augenblicklich wieder zur Erde zurückgeflogen ist. Ist der Mond denn wirklich so interessant?
Die Sorge um ihre Tochter hat Frau Freimut schlaflose Nächte bereitet. Herr Freimut hat dann immer versucht, sie zu beruhigen. Zwar hat auch er oft an seine Tochter gedacht, aber er hat Oi vertraut. Doch seine Zuversicht hat Frau Freimut nicht beruhigen können. Noch weniger die Tatsache, dass sie sich darüber mit niemandem hat austauschen können, denn Ois Existenz ist ja immer noch ein Geheimnis, das nur wenige Menschen auf der Erde kennen.
Drei Tage ohne Schlaf haben dann endlich ihren Tribut gefordert und Frau Freimut ist sanft in das Land der Träume hinübergedriftet.
„RING! RING!“ Ein schriller Ton zerreißt die Stille.
Frau Freimut dreht sich zu ihrem Mann und flüstert: „Schatz, kannst du bitte rangehen? Ich komme beim besten Willen nicht hoch!“
„Wer ruft denn mitten in der Nacht an?“
„RING! RING!“
„Na, der wird etwas zu hören bekommen!“ Herr Freimut schlupft in seine Hausschuhe und macht sich auf den Weg ins Wohnzimmer, wo das Telefon steht. Er steigt die Treppe hinab und konzentriert sich dabei darauf, nicht zu stolpern.
Unten angekommen hebt er ab und brüllt, ohne auf eine Reaktion von seinem Gegenüber zu warten, in die Hörermuschel: „Was fällt Ihnen ein, mitten in der Nacht hier anzurufen? Wissen Sie, wie spät es ist?“
„RING! RING!“
Verdutzt starrt Herr Freimut den Telefonhörer an. Wie kann das Telefon klingeln, wenn er doch den Hörer in der Hand hält? Außerdem - fällt ihm ein - kündigt der Apparat einen Anrufer mit einem anderen Klingelton an. Er will schon seine Frau darüber informieren, als sie auf ein erneutes „RING! RING!“ ungehalten erwidert:
„Nun geh doch endlich ans Telefon! Es … Oh … Schei…“ Ihre gute Erziehung lässt sie das Wort nicht fertig aussprechen. Denn endlich hat sie begriffen, dass nicht der Apparat im Wohnzimmer so penetrante Geräusche von sich gibt, sondern das kleine, nicht von dieser Welt stammende Gerät auf ihrem Nachtkästchen.
Zwei Sekunden später geht auch Herrn Freimut ein Licht auf. Er lässt den Hörer fallen und sprintet die Treppe hoch. Diesmal achtet er nicht darauf, nicht zu stolpern, und stolpert prompt.
,Eigentlich müsste ich doch langsam die Unebenheiten in unserem Haus kennen‘, denkt er und reibt sich sein Knie, während er in das Schlafzimmer humpelt. Dort findet er seine Frau an der Bettkante sitzend mit großen Sorgenfalten im Gesicht.
,Schei…‘ Auch Herr Freimut ist von seinen Eltern gut erzogen worden und so denkt er nicht einmal das Wort zu Ende.
„Ist etwas mit Flo?“, will er wissen. „Was ist? Sag schon!“
Doch Frau Freimut winkt ab und lauscht gespannt der Stimme am anderen Ende des Kommunikationsgeräts. Nach wenigen Augenblicken nickt sie, doch ihre Miene bleibt ernst.
„Du machst mich wahnsinnig!“, ruft Herr Freimut. „Würdest Du mir …“
Wieder bedeutet Frau Freimut ihrem Mann, endlich den Mund zu halten und abzuwarten.
Endlich, nach gefühlten zwei Stunden, in denen Herr Freimut auf- und abgeht, sich gleichzeitig die Haare rauft und seine Frau anfleht, ihn in Kenntnis zu setzen, legt Frau Freimut das Kommunikationsgerät aus der Hand und setzt sich auf ihr Bett. Dabei atmet sie sichtlich erleichtert auf. Das beruhigt auch Herrn Freimut, obwohl er immer noch nicht weiß, worum es überhaupt geht. „Nun sag schon“, drängt er seine Frau zu einer Stellungnahme. „Wie geht es Flo? Kommt sie jetzt nach Hause oder nicht?“
„Sie kommt nach Hause“, antwortet Frau Freimut. „Und Oi kommt mit.“
„Wahrscheinlich, um die Rakete dann wieder mitzunehmen“, mutmaßt Herr Freimut.
„Leider nein“, gibt Frau Freimut von sich.
„Was heißt hier: Leider nein?“, wundert sich Herr Freimut.
„Leider nein heißt, dass er nicht nur kommt, um die Rakete dann wieder nach Hause zu fliegen“, erklärt Frau Freimut. „Leider nein heißt, dass er noch aus einem anderen Grund zu uns kommt.“
„Und was? Will er den Badeurlaub nachholen, der so plötzlich ins Wasser gefallen ist?“
„Eher nicht“, meint Frau Freimut.
„Nun sag schon“, drängt Herr Freimut seine Frau. „Mach es doch nicht so spannend.“
„Spannend ist es nicht.“ Frau Freimut schüttelt den Kopf. „Eher verheerend.“
Mit seinen Händen bedeutet Herr Freimut seiner Frau, endlich weiterzusprechen.
„Oi ist nicht das einzige Außerirdische, was zu uns kommt. Ein Asteroid kommt auch. Leider fliegt er nicht an uns vorbei, sondern er sagt auch ,Hallo‘. Soll heißen, er wird mit der Erde kollidieren.“
„Wow“, sagt Herr Freimut nur.
„Wow trifft es nicht ganz“, widerspricht Frau Freimut. „Denn diese Kollision werden wir nicht überleben. Und damit meine ich nicht nur dich und mich, sondern die gesamte Menschheit, die Tier- und die Pflanzenwelt. Der Asteroid ist so groß, dass er die Erde zerstören wird.“
„Wow“, sagt Herr Freimut noch einmal. „Und was machen wir jetzt?“
„Flo hat gesagt, dass es noch einige Wochen dauern wird, bis der Asteroid einschlagen wird. Und dass wir diese Zeit dazu nützen sollen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“
„Und mit wir meinst du die Amerikaner“, schlussfolgert Herr Freimut. „Wie sicher ist das mit dem Asteroiden?“
„Flo hat von ziemlich sicher gesprochen. Angeblich haben die Wissenschaftler eine Wahrscheinlichkeit von 99,7?% gemessen.“
„Das können die?“
„Offensichtlich!“
„Wow!“
„Über das können wir uns ein anderes Mal unterhalten“, unterbricht Frau Freimut die Gefühlswelt ihres Mannes. „Jetzt gilt es, ein paar Leute anzurufen. Du weißt, wen ich meine.“
„Ja, ich weiß, wen du meinst“, nickt Herr Freimut. „Aber es ist mitten in der Nacht. Die werden noch alle schlafen.“
„Als ob das eine Rolle spielen würde. Hier geht es nicht darum, auf die Gefühle und die Schlafgepflogenheiten anderer Rücksicht zu nehmen. Hier geht es darum, die Welt zu retten. Also rette sie. Ruf an.“
„Okay, ich mach ja schon.“
Herr Freimut begibt sich also wieder in das Wohnzimmer, um die Freunde mit den schwarzen Sonnenbrillen und den auffällig unauffälligen Autos anzurufen.
,Ich glaube nicht, dass sie mir glauben werden‘, denkt er.
Während es in der Leitung klingelt, fällt ihm ein, dass er seine Frau nicht nach dem Befinden seiner Tochter gefragt hat. ,Das werde ich aber gleich nachholen, wenn ich wieder oben bin‘, nimmt er sich vor.
In diesem Augenblick meldet sich eine Stimme: „Galaxis In- und Export? Was kann ich für Sie tun?“
,Wer hat sich nur diesen bescheuerten Namen als Tarnung ausgedacht?‘, wundert sich Herr Freimut. Und welche Telefonistin ist um diese Zeit noch im Büro? Das muss doch auffallen.
„Hier spricht Franz Freimut. Geben Sie mir bitte …“, weiter lässt ihn die Dame nicht sprechen. Herr Freimut hört plötzlich Musik in seinem Ohr. ,Mozart‘, kann er gerade noch denken, als die Musik auch schon wieder unterbrochen wird.
„Herr Freimut“, meldet sich eine wohlbekannte Stimme. „Schön, dass sie anrufen. Wie geht es Ihrer Tochter?“
„Danke der Nachfrage, sie ist schon auf dem Weg nach Hause“, antwortet Herr Freimut höflich. Doch dann erinnert er sich daran, dass er aus einem wesentlich wichtigeren Grund mitten in der Nacht anruft, als einfach nur Konversation zu betreiben. „Doch deswegen rufe ich nicht an.“
„Das dachte ich mir schon“, schmunzelt der Mann am anderen Ende der Leitung. Doch dieses Schmunzeln vergeht ihm in dem Augenblick, in dem Herr Freimut vom drohenden Ende der Welt berichtet. Plötzlich wird der Mann ganz ernst.
„Danke für die Information. Ich werde das sofort weitergeben. Ich melde mich. Bleiben Sie am besten gleich neben dem Apparat.“
,Bye, bye Nachtruhe‘, denkt Herr Freimut und macht es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer bequem.









Mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Erde



Traurig legt Flo das Kommunikationsgerät aus den Händen. Gerne hätte sie ihrer Mutter erfreulichere Nachrichten mitgeteilt.
Während auf der Erde Herr Freimut auf einen Rückruf wartet, sitzt Flo in Ois Rakete und ist zum Nichtstun gezwungen.
Gleich nach dem Start ist der ganze Stress der vergangenen Stunden von Flo abgefallen. Sie haben es geschafft, den Mond zu verlassen. Oi ist bei ihr. Sie können die Erde retten.
Zumindest können sie es versuchen. Alleine würden sie es ohnehin nicht schaffen.
Mit einem Mal merkt Flo, wie müde sie tatsächlich ist. Wie lange hat sie nicht mehr geschlafen? Flo kann sich nicht mehr erinnern. Die Eindrücke vom Mond haben sie derart überwältigt, dass sie an Schlaf nicht gedacht hat. Doch nun sitzt sie in der Rakete und hat nichts anderes zu tun, als aus dem Fenster zu starren und zu warten, wie die Zeit vergeht.
Und wieder vergeht sie viel zu langsam.
Warum legst du dich nicht hin und schläfst?, fragt Oi. Ich schaffe das schon allein.
Ich kann nicht schlafen. Nicht jetzt.
Wenn nicht jetzt, wann dann? In den nächsten Stunden passiert nichts. Ich wecke dich rechtzeitig. Versprochen.
Das Wort „versprochen“ hat Flo nur noch aus der Ferne wahrgenommen, denn ganz automatisch sind ihr die Augen zugefallen und sie ist erst viele Stunden später wieder aufgewacht.
Und es hat sich nichts getan. Als Flo aus dem Fenster blickt, ist es immer noch pechschwarze Nacht, als wären sie nicht von der Stelle gekommen. Fragend schaut Flo Oi an, doch der lächelt nur zurück.
Die Rakete fliegt mit Höchstgeschwindigkeit, doch Flo kommt es dennoch viel zu langsam vor.
,Wenn wir jetzt auf dem Raumschiff Enterprise wären, könnten wir mit WARP-Geschwindigkeit fliegen und wären im Nullkommanix zu Hause‘, denkt sie und schaut Oi dabei fragend an.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 164
ISBN: 978-3-99048-987-1
Erscheinungsdatum: 17.08.2017
EUR 23,90
EUR 14,99

Krampus & Nikolo