Mia und die Schattenwölfe

Mia und die Schattenwölfe

Corina Sawatzky


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 488
ISBN: 978-3-99107-692-6
Erscheinungsdatum: 05.08.2021
Während Mia die Sommerferien bei ihrer Cousine im Magischen Wald verbringt, kommt es zu einer Bedrohung durch den Zauberer Taragonn und seine Schattenwölfe. Gemeinsam mit ihren Freunden kann Mia die Gefahr abwenden.
Von der Umgebung bekam Mia zunächst nicht sonderlich viel mit. Sie und Sophie waren viel zu sehr damit beschäftigt, allerlei Neuigkeiten auszutauschen.
Erst als das Taxi nach einer Weile seine Fahrt verlangsamte und schließlich zum Stehen kam, schaute Mia neugierig zum Fenster hinaus. Sie war verblüfft zu sehen, dass sie mitten auf einem Waldweg standen, der gerade breit genug für ein Auto war. Zuerst dachte Mia, sie würden nur einen kleinen Zwischenstopp einlegen. Daher war sie mindestens genauso erstaunt wie der Taxifahrer, als Tante Anna wie selbstverständlich verkündete: „Ja, genau hier steigen wir aus.“
Nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte, wartete Tante Anna, bis das Auto außer Sichtweite war. Erst dann ging sie entschlossenen Schrittes auf zwei hochgewachsene Birken zu, die sich in einem Abstand von etwa zwei Metern gegenüberstanden. Genau zwischen diesen beiden Bäumen blieb sie stehen und neigte ihren Kopf nacheinander nach links und nach rechts. Die Geste erweckte den Eindruck, als wolle Tante Anna die Birken grüßen und ihnen gleichzeitig Ehrerbietung erweisen. Anschließend hob sie ihre Arme seitlich in die Luft, schloss voller Konzentration die Augen und murmelte leise einige Wörter. Für Mia klangen sie in etwa wie: „Aperta porta
aureum“.
Kaum waren die Wörter ausgesprochen, fing die Luft zwischen den beiden Birken an zu flimmern. Es sah aus, als habe jemand einen Vorhang aus feinem, goldenem Nieselregen zwischen die Bäume gespannt.
Tante Anna öffnete die Augen nun wieder und machte eine einladende Geste in Mias Richtung. „Bitte schön – das Tor zum Magischen Wald. Tritt einfach hin­durch!“
Mia zögerte. Die Sache war ihr nicht ganz geheuer. Sophie bemerkte Mias Unbehagen und meinte einfühlsam: „Keine Angst, es ist überhaupt nicht schwer. Mach es mir einfach nach.“
Mit diesen Worten trat sie resolut in den goldenen Schimmer. Im nächsten Moment war keine Spur mehr von ihr zu sehen.
Mia war zu verblüfft, um etwas zu sagen, und schaute hilfesuchend zu ihrer Tante. Diese nickte ihr aufmunternd zu und ermutigte sie: „Dir kann nichts passieren und es tut auch kein bisschen weh. Sophie erwartet dich auf der anderen Seite.“
Also atmete Mia einmal tief durch und ging vorsichtig auf die schimmernde Wand zu. Kurz davor blieb sie stehen und zögerte erneut. Dann gab sie sich einen Ruck, schloss sicherheitsshalber die Augen und machte einen großen Schritt vorwärts. Ein seltsames Gefühl ergriff Besitz von ihr. Es war wie ein leichtes elektrisches Kribbeln – nicht unangenehm, aber höchst sonderbar. Im nächsten Augenblick war es auch schon vorüber. Mia öffnete die Augen und sah sich um. Vor ihr stand Sophie und grinste sie an. Ansonsten hatte sich nicht allzu viel verändert. Der Wald sah ein wenig dichter aus und die Farben kamen Mia etwas intensiver vor. Aber wenn sie erwartet hatte, dass plötzlich ein Lebkuchenhäuschen samt Hexe davor auftauchen würde, hatte sie sich getäuscht.
Sie drehte sich zu dem Tor um, durch das sie gerade gekommen war. Eben in diesem Augenblick trat Tante Anna wie selbstverständlich durch den goldenen Schimmer. Direkt danach klatschte sie zweimal in die Hände, rief: „Diffuso“, und das Tor war ebenso schnell verschwunden, wie es zuvor aufgetaucht war.
„Da wären wir also!“, sagte Tante Anna fröhlich zu Mia. „Das hier ist der Magische Wald. Jetzt müssen wir nur noch zu unserem Haus fahren. Es ist aber nicht mehr sehr weit – du hast die Reise bald geschafft.“
Gerade fragte sich Mia, womit sie wohl zu dem Haus fahren sollten, als sie eine Kutsche entdeckte, die fast gänzlich hinter einem großen Busch verborgen war.
Seltsamerweise war kein Pferd vor die Kutsche gespannt und auch in der näheren Umgebung konnte Mia keines entdecken. Dafür zog ein kleines Männchen, das auf dem Kutschbock saß, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es war nur ungefähr halb so groß wie Mia, sah reichlich verhutzelt aus und hatte unglaublich dicke Pausbacken. Wie um sein ziemlich unansehnliches Äußeres wettzumachen, war das Männchen besonders elegant angezogen. Es trug einen schicken schwarzen Anzug an seinem kleinen Körper und einen ebenfalls schwarzen Zylinder auf dem nicht ganz so kleinen Kopf.
Sophie stellte die beiden einander vor: „Das ist Mia, meine Cousine. Und das ist Windipuss, unser Kutscher.“
„Erfreut“, nuschelte das Männchen mit dem Namen Windipuss und zog dabei galant seinen Hut.
Mia war fast zu erstaunt, um antworten zu können, brachte dann aber doch noch ein „Danke, ebenfalls“ hervor.
Nachdem sie in die Kutsche gestiegen waren, wollte Mia gerade fragen, wie sie ohne Pferd vorwärtskommen sollten. In diesem Augenblick zog Windipuss an einem Seil, woraufhin sich eine Art Fallschirm vor der Kutsche entfaltete. Im nächsten Moment holte das Männchen so tief Luft, dass sich seine Backen prall aufbliesen. In jede Seite passte etwa so viel hinein wie in fünf große Luftballons zusammen und Mia hatte schon Angst, die Wangen würden zerplatzen. Doch dann stieß das kleine Kerlchen die Luft mit einem festen Stoß in Richtung des Fallschirmes aus. Dieser blähte sich daraufhin auf und zog die Kutsche mit einem sanften Ruck nach vorne.
So ging es ohne Unterbrechung weiter. Kaum hatte Windipuss in den Fallschirm gepustet und somit die Kutsche angetrieben, holte er auch schon das nächste Mal Luft und blies sie erneut nach vorne aus. Auf diese Weise kam die Kutsche stetig und sogar recht flott voran.
Mia kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, entspannte sich aber schnell und begann, die Fahrt in vollen Zügen zu genießen. Neugierig betrachtete sie die Landschaft, die nun an ihr vorüberzog.
Die Kutsche fuhr einen schmalen Waldweg entlang. Links und rechts von ihm befanden sich Bäume, Wiesen und Büsche, so weit das Auge reichte. Ab und zu sah Mia allerdings auch kleine Holzhütten stehen.
Die Luft war herrlich frisch und roch angenehm nach Tannennadeln, Moos, würzigen Kräutern und duftenden Blüten.
Plötzlich drosselte Windipuss die Kutsche, denn ein dicker Ast hing quer über den Waldweg, sodass das Gefährt nicht passieren konnte.
Tante Anna fixierte den großen Baum, zu dem der Ast gehörte, und fragte laut: „Meister Rombert, wärt Ihr wohl so freundlich, uns vorbeizulassen?“
Daraufhin öffneten sich mitten in dem Baumstamm träge zwei Augen und blickten in ihre Richtung. Nun erkannte Mia auch eine Nase, die sie vorher für eine einfache Ausbuchtung der Rinde gehalten hatte, und einen Mund, der gemächlich zu sprechen ansetzte.
„Oh, Frau Anna“, sagte der Baum mit tiefer, behäbiger Stimme. „Was für ein Vergnügen, Euch zu sehen! Natürlich mache ich Euch gerne Platz!“
Langsam hob sich der Ast nach oben und gab den Waldweg frei.
„Vielen Dank, Meister Rombert. Und einen schönen Tag noch!“, rief Tante Anna, als die Kutsche sich wieder in Bewegung setzte.
Mia war fassungslos. Sie hatte sich ja viel ausgemalt, was ihr im Magischen Wald alles begegnen könnte. Doch trotz ihrer lebhaften Fantasie hätte sie es niemals für möglich gehalten, auf was für unglaubliche Wesen sie hier treffen würde. Immer noch staunend beschloss sie, sich von nun an über nichts mehr zu wundern.
Gerade als sie diesen Entschluss gefasst hatte, vernahm sie einen lieblichen, zarten Gesang. Neugierig hielt sie nach dessen Ursprung Ausschau und entdeckte links neben dem Waldweg ein außergewöhnliches Blumenbeet. Die verschiedensten Arten von Blumen standen ordentlich in Reih und Glied neben- und hintereinander. Genau wie der Baum von eben hatten auch die Blumen Gesichter. Aus ihren zierlichen Mündchen kamen die lieblichen Stimmen, die Mias Aufmerksamkeit
auf sich gezogen hatten. Die Blumen sangen!
Eine einzelne Blume – eine große lila Tulpe – stand vor der Gruppe und schwenkte ihre Blätter, als würde sie dirigieren.
Auf einmal ertönte ein Ton, der überhaupt nicht zu der übrigen Melodie passte. Eine kleine rosa Lilie schlug sich eine Hand, oder besser gesagt ein Blatt, vor den Mund und auch alle anderen Blumen verstummten betreten.
Missbilligend tadelte die lila Tulpe die kleine Lilie: „Dorea, du machst immer an der gleichen Stelle einen Fehler! Heute Abend übst du so lange, bis du sie sogar im Schlaf richtig singen kannst. In Ordnung?“
Die kleine Lilie nickte eifrig.
Sophie riss Mia aus ihrer faszinierenden Beobachtung, indem sie ihr erklärte: „Der Blumenchor übt für das Sommernachtsfest.“
„Sommernachtsfest?“, fragte Mia, die kaum ihren Blick von den Blumen wenden konnte.
„Ja, jedes Jahr im August feiern wir eine riesige Party, das Sommernachtsfest. Dort gibt es köstliche Speisen, erlesene Getränke und vor allem Musik. Man tanzt bis in die späte Nacht hinein und die Mädchen und Frauen übertrumpfen sich gegenseitig mit den prächtigsten Kleidern. Glücklicherweise findet es dieses Jahr genau am Ende unserer Ferien statt und du wirst es bestimmt genießen!“
„Klingt toll“, antwortete Mia. Im Moment konnte sie allerdings nicht an ein Fest denken, das noch in so weiter Ferne lag. Dafür war sie viel zu gefesselt von der Landschaft, die im Augenblick an ihr vorbeizog. Sie sog die Eindrücke begeistert in sich auf und hätte noch stundenlang so weiterfahren können. Aber da verkündete
Tante Anna auch schon: „Jetzt sind wir gleich da.“
Und tatsächlich erreichten sie bereits wenige Minuten später eine kleine Lichtung, auf der ein Holzhäuschen stand. Es war ein wenig windschief, hatte ein mit Moos
bewachsenes Dach und sah sehr urig und gemütlich aus.
Die Kutsche kam zum Stillstand und Tante Anna machte eine einladende Bewegung. „Hier wohnen wir. Nochmals herzlich Willkommen bei uns zu Hause, Mia!“
Mit diesen Worten stieg sie aus und nahm Mias Koffer mit. Mia und Sophie folgten ihr.
Als die drei vor der Tür des Häuschens standen, drang plötzlich ein schnüffelndes Geräusch an Mias Ohr. Und bei näherem Hingucken erkannte sie, dass die Haustür eine große Nase hatte, deren Flügel sich sanft bewegten. Die Tür schnupperte!
„Ah! Die Hausherrin ist zurückgekehrt“, ertönte wenig später eine knarzige Stimme, die aus dem Inneren der Tür zu kommen schien. Nachdem sie ein weiteres Mal die Nasenflügel gebläht hatte, sprach sie weiter: „Und auch Fräulein Sophie ist dabei.“
Sie schnüffelte erneut. „Aber da ist noch jemand, den ich nicht kenne!“
„Ganz recht“, antwortete Tante Anna. „Wir haben einen Gast, der für sechs Wochen bei uns wohnen wird. Sie heißt Mia und ist meine Nichte. Sie ist befugt, das Haus zu betreten, wann immer sie das wünscht. Also nimm bitte eine Geruchsprobe von ihr und lass sie auch dann ein, wenn sie alleine nach Hause kommt!“
„Wie die Hausherrin wünscht!“, sprach die Tür. „Würde das neue Fräulein wohl etwas näher herantreten?“
„Geh nur“, ermutigte Tante Anna Mia. „Die Tür muss deinen Geruch intensiv aufnehmen. Nur dann kann sie ihn sich merken und lässt dich ins Haus, wenn du vor ihr stehst.“
Mia trat beherzt näher an die Tür heran.
Sofort war ein deutliches Schnüffeln zu vernehmen und die Nasenflügel blähten sich erneut. „Bitte einmal die Arme heben!“, verlangte die Tür.
Mia tat, wie ihr geheißen, und hörte, wie die Nase mit der Schnüffelei fortfuhr. Die vorbeistreichende Luft kitzelte Mia an den Achseln und brachte sie zum Kichern. Dann hörte das Schnüffeln abrupt auf und die Tür sagte mit ihrer knarzigen Stimme: „Nun denn, hereinspaziert!“ Mit diesen Worten schwang sie nach innen auf und gab den Weg ins Haus frei.
Mia folgte ihrer Tante und Cousine hinein. Sophie führte sie zuerst im Haus herum und zeigte ihr alle Räumlichkeiten. Das Haus war innen wesentlich weitläufiger, als es von außen den Anschein hatte.
Im Erdgeschoss befanden sich eine Küche und ein sehr gemütliches Wohnzimmer, von dem aus man in den großen, gepflegten Garten gelangen konnte.
Vom geräumigen Flur aus führte eine Holztreppe ins Obergeschoss hinauf. Mia stellte auf dem Weg nach oben fest, dass mehrere der Stufen laut und gemütlich knarrten, wenn man darauf trat.
Am Ende der Treppe befand sich eine kleine Diele, von der mehrere Zimmer abzweigten. Eines dieser Zimmer war Sophies Schlafzimmer. Es war herrlich groß und wunderbar fantasievoll eingerichtet. Besonders angetan war Mia von dem bequem aussehenden Himmelbett, welches breit genug für beide
Mädchen war.
Mit ausgestreckten Armen drehte Sophie sich um ihre eigene Achse und sagte: „Das hier ist mein eigenes Reich und ich freue mich so sehr, es in nächster Zeit mit dir zu teilen. Komm, wir räumen mal deinen Koffer aus. Ich habe schon gestern Platz im Schrank gemacht, damit deine Kleidung auch noch hineinpasst.“

Nach getaner Arbeit gingen die beiden Mädchen wieder nach unten, da es inzwischen schon Zeit für das Abendessen war.
Tante Anna hatte den Tisch bereits gedeckt.
„Setzt euch, ihr zwei Hübschen“, sagte sie. „Mia, du musst nach deiner langen Reise einen Bärenhunger haben!“
Mia war in der Tat hungrig und trat daher eilig näher an den Tisch. Sie zog einen der Stühle zu sich heran, um darauf Platz zu nehmen. Statt auf der Sitzfläche landete sie aber im nächsten Moment mit einem lauten Plumps mit ihrem Po auf dem Boden.
„Au!“, rief sie verwirrt. Sie war sich sicher, dass der Stuhl eben noch direkt hinter ihr gestanden hatte und schaute sich irritiert nach ihm um. Verwundert sah sie, dass er sich nicht an der erwarteten Stelle befand, sondern etwa einen Meter hinter Mia.
„Oh, du unartiger Stuhl!“, rief Tante Anna, die das Geschehen beobachtet hatte. „Geh sofort auf den Dachboden und denk dort über dein Verhalten nach! Ich möchte dich erst morgen Früh wieder hier sehen!“
Zu Mias maßlosem Erstaunen setzte der Stuhl sich widerwillig in Bewegung, wobei er mithilfe seiner vier Beine wie ein Hund vorwärtslief. Bei der Tür blieb er zögernd stehen. Erst, nachdem Tante Anna „Sofort, oder ich mache dir Beine!“ gerufen hatte, bewegte er sich endgültig aus dem Raum.
„Es tut mir leid, Schätzchen!“, sagte ihre Tante nun an Mia gerichtet. „Ich hätte dich warnen sollen. Das war Charlie, ein sehr ungezogener Stuhl. Er erlaubt sich immer wieder Scherze auf Kosten anderer. Wir haben ihn noch nicht allzu lange und er muss erst richtig erzogen werden. Setz dich einfach auf einen der anderen Stühle – die sind alle ganz folgsam.“
5 Sterne
Geheimtipp - 22.10.2021
Familie Kies

Dieses Buch beinhaltet alles, was man sich für ein magisches Leseabenteuer nur wünschen kann und hat unsere Kinder (11 Jahre, 9 Jahre und 6 Jahre) verzaubert. Die beiden Älteren haben es selbst gelesen und unserem Jüngsten haben wir es vorgelesen. Einmal angefangen, kann man es nicht mehr aus der Hand legen. Mia besucht in den Sommerferien ihre Tante, die eine gute Hexe ist. Mit ihrer Cousine Sophie entdeckt sie die Geheimnisse des Magischen Waldes. Doch wird dieser von Taragonn und den Schattenwölfen bedroht. Die Hauptfigur lernt nicht nur sprechenden Gegenstände und wundersame Wesen kennen, sondern erlebt mit ihrer Cousine, der Elfe Lindara und dem freundlichen Junge Tristan ein phantasiereiches, geheimnisvolles und spannendes Abenteuer. Klare Leseempfehlung!

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