Lilly und Drops

Lilly und Drops

Doris Waclavik


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 106
ISBN: 978-3-99048-106-6
Erscheinungsdatum: 24.06.2015
Lilly ist zwölf und ein unkompliziertes, sportliches Mädchen, das gerne Basketball spielt. Ihre Eltern erben ein altes Haus am Land und Lilly entdeckt dort einen magischen Ort, an dem sie einen lebendigen Tropfen findet, den sie Drops nennt. Drops kann sich verwandeln und begleitet Lilly überall hin.
4.


Die ganze Woche über war Lilly irgendwie unruhig und aufgekratzt. So sehr sie auch über die Vorkommnisse im Haus und mit dem Baum verwirrt war - irgendwie überwog doch ihre Neugierde.
Eines Abends, als sie mit ihren Eltern beim Abendessen saß, fragte sie so beiläufig: „Sagt mal, wem hat unser Wochenendhaus eigentlich früher gehört? Wer hat denn dort sonst noch gewohnt?“
„Warum willst du das denn wissen?“
„Äh - nur so.“
„Also, wer das Haus tatsächlich erbaut hat, weiß ich leider nicht“, gab Mutti zur Antwort. „Aber bevor Omi das Haus geerbt hat, hat Großtante Ottilie dort gelebt. Und zuvor Otti gemeinsam mit ihrer Mutter Liliane.“
„Wie sagst du hieß sie - Liliane?“
„Ja, Lilly - sie hieß genauso wie du.“
„Oh“, meinte Lilly. „Und wie war die Liliane so?“
„Kind, was du so alles wissen willst … Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, weil ich sie nie kennengelernt habe. Aber nach allem, was man sich so in der Familie erzählt hat, dürfte sie eine sehr schrullige, eigenartige und eigenbrötlerische Dame gewesen sein. Irgendwie hat Omi mal gemeint, sie hätte magische Kräfte - was aber vollkommener Unsinn ist“, erklärte Mutti. „Vergiss dieses Schauermärchen einfach. Es ist sicher nichts Wahres daran.“
Hm, dachte Lilly. Na, dann könnte ich ja so einiges verstehen.
Zum Wochenende hin wurde Lilly immer zappeliger und konnte es kaum erwarten, wieder zum Haus zu fahren. Eines war für sie klar: Sie würde den Geheimnissen auf die Spur kommen.
Kaum waren sie am Freitag wieder in der Ödhütte angekommen, lauerte Lilly auf eine Gelegenheit, wieder zu dem eigenartigen Baum zu gehen. Diesmal allerdings musste kein Efeu nachhelfen. Als sie dort angekommen war, tat sich nichts. Absolut Nichts. Keine Öffnung am Boden. Gar nichts. Enttäuscht wollte sie schon wieder zum Garten zurückkehren, als sie die Idee hatte, es mit dem Efeu zu versuchen. Sie ergriff den stärksten Strang und zog daran. Nach einigen Versuchen - siehe da -, war plötzlich die Öffnung wieder zu sehen.
Lilly konnte erkennen, dass einige Stufen zu sehen waren. Na, was sollte schon Großartiges geschehen? Sie hatte eine Taschenlampe dabei, und den Efeustrang würde sie keinesfalls mehr loslassen. Vorsichtig einen Schritt nach dem anderen setzend, machte sie sich auf den Weg nach unten. Das Loch war nicht sehr tief, eher so wie ein Kellergeschoss. Als Lilly unten angekommen war, stellte sie fest, dass es sich hierbei wohl um einen außen liegenden Keller gehandelt haben musste.
Sie leuchtete den Raum aus. Auf den ersten Blick musste sie feststellen, dass die Gerüchte um Liliane wohl doch keine Ammenmärchen waren. Hier unten war die reinste Hexenküche! Nein, dachte Lilly. An Hexen glaube ich einfach nicht. Vielleicht war die Urgroßtante ja nur heilkundig.
Sie sah, dass jede Menge getrocknete Zweige von der Decke hingen. In unzähligen Behältnissen lagerten getrocknete oder in Flüssigkeit eingelegte Knospen und Blätter. Jetzt war Lilly auch klar, von wem das Büchlein stammen musste - von Liliane!
Sie sah sich weiter in dem Raum um, musste aber zu ihrer Enttäuschung feststellen, dass es hier nichts Aufregendes zu finden gab. Schade! Als Lilly schon wieder zurück zu den Stufen gehen wollte, sah sie in einer Ecke einen zwar alten, aber wunderschönen Krug stehen. Da sie wusste, dass Mutti alte Krüge und Gefäße sammelte, wollte sie ihr eine Freude bereiten und den Krug mitnehmen. Sie würde versuchen, ihn zu säubern und am Abend als Geschenk überreichen.
Lilly stieg die Stufen wieder hoch, ließ den Efeu fallen, und flugs schloss sich die Öffnung wieder. Unbeobachtet konnte sie zum Haus zurückkehren. Mutti und Papa waren noch unterwegs zum Einkaufen, und so wollte sie sich sofort daranmachen, den Krug zu reinigen. Sie marschierte in die Küche, besah sich den Krug nochmals genauer. Bis auf eine eigenartig eingetrocknete Schicht am inneren Boden war dieser völlig in Ordnung.
Am besten würde es sein, Wasser hineinzugeben und das Ganze aufweichen zu lassen. Gesagt, getan. Lilly gab ein wenig Wasser in den Krug und wollte ihn mit auf den Dachboden nehmen, damit Mutti ihn nicht gleich entdecken würde.
Oben angekommen, stellte sie den Krug beiseite und wollte Lilianes Buch weiter erkunden. Sie blätterte die nächsten Seiten durch - ohne diesmal durch Zurückblättern gehindert zu werden, als sie ein deutliches „Blubb“ hörte. Ihre Eltern konnten noch nicht zurück sein, das hätte sie am Motorengeräusch gemerkt. Okay, wohl doch wieder eine Einbildung, dachte sie, als kurz darauf ein neuerliches, diesmal etwas lauteres „Blubb“ zu vernehmen war.
Na, jetzt spinn ich aber wirklich, dachte sie bei sich. Sie wollte dem Geräusch aber doch auf den Grund gehen. Sie sah sich am Dachboden um, konnte aber nichts finden. Sie hörte weiter genauer hin, und diesmal war laut und deutlich ein „Hicks“ vernehmbar. Das Hicks kam aus der Richtung ihres Kruges.
Lilly nahm ihn hoch, sah hinein und stieß einen lauten Schrei aus! Aus dem Krug sahen ihr zwei riesengroße Augen entgegen. Fast hätte sie vor lauter Schreck den Krug fallen lassen. Sie drückte ihre Augen fest zusammen, holte tief Luft und sah nochmals hinein. Diesmal blickte ihr nur ein Auge entgegen, das zweite war zugekniffen.
Mannomann - das war aber zu viel des Guten. Lilly beugte sich nochmals über das Gefäß und starrte hinein. Ganz langsam öffnete sich das zweite Auge wieder, und das „Etwas“ starrte genauso verdutzt zurück wie sie. Lilly schüttelte den Krug ein wenig und hoffte, dass so die Augen wieder verschwinden würden. Irrtum. Ein ziemlich erbostes „Mpf“ war die Reaktion.
Soweit Lilly sehen konnte, hatte sich die eingetrocknete Flüssigkeit in einen zähflüssigen, bläulichen Brei verwandelt - aus dem sie zwei Augen anstarrten. „Äh … Kannst du mich hören?“, fragte sie in den Krug hinein.
Die beiden Augen klappten einmal zu und dann wieder auf.
„Kannst du mich auch verstehen?“
Und wieder klappten die Äuglein zu und auf.
„Uuuuund - kannst du mir auch antworten?“
Wieder das Gleiche - Augen zu, Augen auf.
„Und was soll ich tun?“
Anstatt einer Antwort formte sich der Brei zu einem großen Tropfen, sprang aus dem Krug und platschte auf den Boden. Lilly machte vor Schreck einen Schritt zurück und fiel prompt über eine der Kisten. Den Krug noch in der Hand, blieb sie einfach sitzen und starrte das Gebilde nur an. „Was in aller Welt bist du denn?“
Der Brei verwandelte sich wieder in einen Tropfen, und zu den beiden Augen gesellte sich nun auch noch ein überbreiter Mund. Das Ding gab nur „Mdzin“ zur Antwort.
„Bitte was bist du?“, fragte Lilly nochmals nach.
„Medzin“, gab das Ding zurück.
„Ah, ich verstehe. Du meinst wohl Medizin - oder?“
Der Tropfen klimperte mit den Augen, und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln - sofern man dies so bezeichnet konnte.
„Und - Medizin wofür, wogegen, für wen?“
Ein verständnisloses „wiß nit“ war die Antwort.
„Also - du weißt es nicht. Verstehe ich dich richtig?“, fragte Lilly zurück - und der Tropfen beugte sich nach vorn. Als wollte er nicken.
„Dann hast du also auch keine Ahnung, warum es dich gibt, wie du heißt und woher du kommst?“
„Wiß nit“, kam es zurück.
„Na gut“, sagte Lilly. „Ist ja auch egal, dein Alter oder woher du bist. Aber einen Namen gebe ich dir. Ich nenne dich Drops. Du siehst aus wie einer und bist einer! Ach ja und - ich bin die Lilly!“



5.


Lilly war über Drops Erscheinen und Anwesenheit hin- und hergerissen. Sie hatte Fragen über Fragen und wusste nicht, wo sie anfangen sollte.
„Nachdem du mich verstehst, aber nicht allzu gut sprechen kannst … Hat Liliane mit dir gesprochen?“
Drops nickte.
„Und du hast verstanden, was sie gesagt hat?“
Wieder ein Nicken von Drops.
„Hm, bist du als einzige Medizin im Keller geblieben?“
Auch dazu nickte der kleine Tropfen.
„Und was hat Liliane zu dir gesagt? Hat sie überhaupt was gesagt?“
Drops zog die Augen zusammen, formte seinen Mund in alle möglichen Richtungen und brachte nur ein „Fefefu“ zustande.
„Ah ja. Ich habe keine Ahnung, was du mir sagen willst.“
„Fefefu“, plagte sich Drops neuerlich. „Fefefu.“ Er sah Lilly dabei richtig böse an.
„Ehrlich, Drops. Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst. Absolut keine Ahnung!“
„Lilly! Mit wem sprichst du denn da oben?“
Lilly fuhr vor Schreck zusammen. Sie hatte ihre Eltern nicht zurückkommen hören.
„Äääääh - mit niemandem! Nur mit mir selbst, Papa!“
„Na, dann ist ja gut. Kommst du in einer halben Stunde runter? Wir wollen nach Hause fahren!“
„Ja, mach ich!“
Lilly beobachtete Drops die ganze Zeit und sah, wie er zusammenzuckte, als er die Stimme ihres Vaters hörte. „Brauchst keine Angst zu haben, Drops. Das ist mein Papa - falls du weißt, was das ist. Der tut dir nichts. Nur - wir beide müssen vorsichtig sein, es darf dich auf keinen Fall jemand entdecken. Verstehst du das?“
Drops gab ein deutliches „Mhm“ von sich.
„Hör mal, Drops - ich sollte dir was erklären. Wir wohnen nicht hier, sondern kommen derzeit nur an bestimmten Tagen her. Ich muss dich also allein lassen. Hüpf zurück in den Krug. Ich gebe dir genug Wasser, damit du nicht wieder eintrocknest. Und ich verspreche dir, ich lasse mir etwas einfallen, damit du vielleicht mit nach Hause fahren kannst. Ich kann dich jetzt nicht mitnehmen. Das geht einfach nicht.“
Drops Augen wurden riesengroß. „Nein, nein, nein - Drops bleibt nit hier“, flüsterte er und hüpfte wie verrückt am Boden herum. „Nein - geht nit. Drops kann nit allein bleiben!“
Lilly versuchte ihn zu beruhigen. „Schau, Drops, ich weiß nicht, wie ich dich mitnehmen könnte. Außerdem - ich muss zur Schule gehen. Ich bin nicht immer zu Hause.“
Egal was auch immer Lilly erklärte - Drops war völlig außer sich. „Wenn Lilly nit rückkommt, wenn Wetter zu heiß und Drops wieder eintrocknet, wenn anderer Mensch kommt und Drops findet und mitnimmt. Nein, Drops will und muss mit. Drops bleibt nit hier!“
Lilly wusste nicht mehr weiter. Sie sah den kleinen aufgeregten neuen Freund nur an - und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie wir das anstellen sollen. Ich habe keine Ahnung!“
„Drops weiß wie! Er kann sichch verwandeln und niemand kann sehen.“
„Und wie soll das gehen?“, fragte Lilly nach. „Hm?“
„Drops kann sichch verändern. Er kann hart wie Stein werden. Er kann andere Farbe haben. Er kann anders als Tropfen sein - ja, das kann er!“ Drops nickte, seine Augen rollten, und plötzlich verwandelte er sich in eine Art Murmel. Nicht mehr in der blauen Farbe, sondern bunt und mit kugelrunder Form. Gleich darauf veränderte er sich nochmals - diesmal knallgelb und im Aussehen einer Lakritzschlange ähnlich. „Siehst du - geht!“
Lilly überlegte eine Weile und meinte dann: „Na gut. Versuchen wir es. Verwandle dich in einen dünnen, flachen Kreis, damit ich dich um meinen Unterarm wickeln kann. Als Armband müsste es eigentlich funktionieren!“
Drops verwandelte sich augenblicklich in ein gummiähnliches, grünes Freundschaftsband. „Gut“, meinte Lilly. „So kommen wir vielleicht durch.“ Sie streifte sich Drops aufs Handgelenk und war zufrieden. „Ach ja, und noch was, Drops. Keinen Mucks, keinen Ton. Sonst fliegen wir auf. Hast du das verstanden?“
Das Drops-Armband zog sich kurzzeitig etwas enger um das Handgelenk, und nur zwei kleine Augen blinzelten einmal auf und wieder zu.
Alles war zur Heimfahrt bereit. Lillys Eltern verschlossen die Haustür, die drei bestiegen das Auto, und auf ging’s - zurück nach Hause. Während der Fahrt bemerkte Lilly, dass Drops immer wieder seine Augen öffnete, um alles sehen zu können, was sich so außerhalb des Fahrzeuges abspielte. Bisher hatte er ja nichts anderes als den dunklen Kellerraum und den Dachboden gesehen. Die Eindrücke mussten wohl überwältigend sein - dacht Lilly bei sich.
Nachdem die Fahrt und der Abend zu Hause so gut verlaufen waren, beschloss Lilly, dass Drops auch mit in die Schule durfte. Sie packte in der Früh ihre Schultasche, legte das Armband an und machte sich auf den Weg.

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