Cover: Konrad, der Schubladen-Drache

Konrad, der Schubladen-Drache
Mutmacher in dunklen Zeiten


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 42
ISBN: 978-3-99146-703-8
Erscheinungsdatum: 29.04.2024
Hast du schon mal von Schubladen-Drachen gehört? Begleite Konrad auf seinen Reisen durch die Schubladen dieser Welt und lerne Kinder kennen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Ob er es schafft, sie zu trösten? Ein Kinderbuch zur Trauerbegleitung.
Hast Du schon mal von
Schubladen-Drachen gehört?

Hallo!
Willkommen in meiner kleinen Drachen-Welt.
Ich freue mich, dass du da bist.
Mein Name ist Konrad. Klingt ungewöhnlich? Neeee. Das kommt aus dem althochdeutschen und bedeutet tapferer Ratgeber. Das sind natürlich Eigenschaften, die ein Drache unbedingt haben muss. Drachen stehen schließlich für Tapferkeit und Stärke und gleichzeitig bin ich ein gaaaaanz guter Ratgeber. Mir fällt immer irgendeine Lösung ein.
Ich liebe es, die Bedeutung von Namen herauszufinden, das ist so ein Hobby von mir.
Meine Lieblingszahl ist übrigens die Acht. Wenn ich so richtig viel Platz zum Fliegen habe, dann fliege ich am liebsten „Achten“. Das sind dann so großartige Bögen und Kreise. Das macht mir richtig viel Spaß und ich kann meine grünen Drachenflügel so richtig ausbreiten. Die Acht hat noch eine andere gaaaaanz tolle Bedeutung. Sie steht für die Unendlichkeit und wir Drachen werden ja auch unendlich alt. Die Acht steht auch dafür, dass es immer weitergeht. Sie hat keinen Anfang und kein Ende. Es gibt also immer einen Weg – egal, in welcher Situation du dich gerade befindest.

Du denkst bestimmt, dass Drachen immer Feuer speien. Das ist bei mir nicht so. Es wäre gaaaaanz schön gefährlich, in einer Schublade Feuer zu speien. Wir Schubladen-Drachen haben eine gaaaaanz besondere Gabe, aber dazu später mehr. Nur so viel – es wird gaaaaanz bunt, es macht Ploppedi-blubbedi-rums und ohne meine lila Drachenhörner funktioniert es nicht.
Drachen gibt es schon gaaaaanz lange, aber Schubladen-Drachen wurden erst vor gaaaaanz kurzer Zeit entdeckt. Deshalb hast du wahrscheinlich noch nie von mir gehört.
Wir sind so besonders, weil wir schokoladenbraun sind und weil wir grüne Flügel haben und weil wir lila Drachenhörner haben und weil wir insgesamt sechs Finger und sechs Zehen haben und weil wir gaaaaanz mutig und tapfer sind! Puh, ich bin gaaaaanz aus der Puste. Jetzt muss ich erst mal Luft holen. So viele tolle Eigenschaften haben eben nur Schubladen-Drachen.
Natürlich haben wir in unserem Freundeskreis auch einen gaaaaanz besonderen Abschiedsgruß. Wir verabschieden uns immer mit einem „Hei-Drrrrrei“. Dabei legen wir unsere drei Finger auf unser Herz. Der „Hei-Drrrrrei“-Gruß steht für Frieden, Freude und Freundschaft.
Was meinst du? Wie alt bin ich? Wenn du mich so anschaust, kannst du mein Alter bestimmt nicht erraten. Ich verrate es dir. Ich bin 134 Jahre alt und zähle zur „jungen Generation“. Ich muss zugeben, dass ich noch eine Menge lernen muss. Mir gelingt nicht immer alles sofort. Aber das wird schon. Ich gebe nicht auf und probiere es immer wieder. Nur durch gaaaaanz viel Üben wird man immer besser in allem, was man tut.
Ich wurde in Celle geboren. Das ist eine Stadt in Niedersachsen, die vor gaaaaanz langer Zeit Kellu hieß. Das bedeutet „Siedlung am Fluss“. Celle ist umgeben von den Flüssen Aller und Fuhse und wurde 1292 von Herzog Otto dem Strengen gegründet. Die Cellenser sind aber gar nicht streng, sondern echt gaaaaanz nett.
Alle 50 Jahre findet dort unser Familien-Schubladen-Drachen-Treffen statt. Da kommen alle Drachen unserer Verwandtschaft zusammen und die Großen zeigen den Kleinen immer neue Drachen-Tricks. Da wir Schubladen-Drachen aber immer echt viel zu tun haben und wir über alle Schubladen auf dieser wunderschönen Welt verteilt sind, kommen nicht immer alle zu diesen Treffen. Ich hatte beim letzten Mal auch keine Zeit, weil ich eine gaaaaanz wichtige Aufgabe hatte, die ich erst zu Ende bringen musste. In 16 Jahren findet das nächste Treffen statt. Da bin ich gaaaaanz bestimmt wieder dabei.
Die meiste Zeit reise ich umher. Mein Reiseziel ist immer ein dunkler Ort und meistens liegt dort ziemlich viel herum. Fast hätte ich mich mal gaaaaanz doll verletzt, aber ich habe gerade noch rechtzeitig aufgepasst. Ich wohne nämlich in gaaaaanz vielen unterschiedlichen Schubladen auf dieser wunderschönen Welt. In der hintersten Schubladen-Ecke finde ich es am gemütlichsten. Da kuschele ich mich immer gaaaaanz unbemerkt ein. Ich will ja nicht gestört werden. So kann ich am besten träumen und schlafen. Manchmal werde ich doch von komischen Geräuschen geweckt und dann schaue ich gaaaaanz neugierig nach, was da los ist.
Ich kann euch ja von meinen Reisen erzählen.
Was meint ihr – habt ihr Lust?



Konrad und Felix
Papas Uhr ist stehengeblieben

Ich weiß ja nie so genau, in welcher Schublade ich gerade bin. Bei der Anreise passe ich meistens nicht so genau auf. Ich liege also in einer Schublade irgendwo auf dieser wunderschönen Welt und döse so vor mich hin.
Tief in mir fühle ich, dass heute etwas anders ist. Die Schublade ist aufgeräumt. Alles scheint seinen Platz zu haben und dann entdecke ich eine gaaaaanz große Armbanduhr. Ich bin mir sicher, dass diese Uhr nur an ein gaaaaanz großes Erwachsenen-Handgelenk passt.
Gaaaaanz vorsichtig schiebe ich die Schublade mit all meiner Kraft von innen auf.
Auf dem Bett liegt ein kleiner Junge. Er trägt eine Jeans und ein blau-gestreiftes T-Shirt. Er liegt auf der Seite und schaut mir direkt in die Augen.
Wir beide erschrecken uns ein wenig.
„Ich bin Konrad.“ Vorsichtig krabbele ich aus der Schublade und setzte mich auf den Nachttisch. „Du hast ein ungewöhnliches Kinderzimmer. Wie heißt du?“, frage ich den Jungen verwundert.
„Felix.“ Mehr sagt er nicht.
„Felix ist ein sehr schöner Name. Weißt du, was er bedeutet?“
„Nein“, sagt der Junge, „weißt du das denn?“
„Na klar. Ich bin zwar erst 134 Jahre alt, aber schließlich ein richtiger Schubladen-Drache und dann weiß man so einiges“, sage ich gaaaaanz stolz. Das konnte den kleinen Felix nicht beeindrucken.
„Felix bedeutet der Glückliche“, erkläre ich ihm. Auch das konnte den kleinen Jungen nicht dazu bringen, aufzustehen, und glücklich sah er wirklich nicht aus.
„Das ist nicht mein Zimmer. Das ist das Schlafzimmer meiner Eltern und hier hat immer mein Papa geschlafen. Seit ein paar Tagen kommt Papa nicht mehr nach Hause. Mama weint gaaaaanz viel und sagt, dass Papa im Himmel ist und von dort auf uns aufpasst“, erzählt mir Felix.
Jetzt staune ich und entdecke das hellblaue Hemd, das Felix fest umklammert.
„Mein Papa war bei der Feuerwehr und hat gaaaaanz viele Häuser gelöscht. Immer, wenn er sein hellblaues Hemd angezogen hat, wusste ich, dass es wieder irgendwo brennt. Dann ist mein Papa immer gaaaaanz schnell losgefahren und hat das Feuer ausgemacht.“
Voller Stolz richtet Felix sich auf und hält das zerknitterte Hemd gaaaaanz fest.
„Dann ist etwas Schlimmes passiert. Mama sagt, dass Papa einen Unfall hatte. Seitdem sind alle gaaaaanz traurig. In meinem Bauch ist so ein Loch, als wenn da etwas fehlt. Das tut weh, aber eine Wärmflasche hilft nicht und dann ist auch noch Papas Uhr in der Schublade stehengeblieben“, sagt Felix wieder gaaaaanz leise.
„Du darfst traurig sein. Du darfst auch weinen. Das ist ok“, tröste ich ihn. „Füll das Loch in deinem Bauch mit schönen Gedanken an deinen Papa. Das hilft bestimmt“, schlage ich vor.
Gaaaaanz nebenbei krame ich in meiner fast unsichtbaren Hosentasche. Ich bin ja nur ein sehr kleiner Drache und ich habe natürlich auch nur eine sehr kleine Hosentasche. Alle Dinge in dieser Hosentasche sind natürlich auch gaaaaanz klein. Zum Glück habe ich ja meinen Drachen-Staub.
Ich holte einen hellblauen Punkt aus meiner Hosentasche und gebe ihn Felix. Er schaut mich fragend an.
„Was ist das für ein kleiner hellblauer Punkt auf meiner Hand?“, wundert er sich.
Los geht’s! Ich reibe mit meinen drei Fingern die lila Drachenhörner auf meinem Kopf und sogleich sprüht es lila Drachen-Staub auf den klitzekleinen hellblauen Punkt in Felix Hand. Mit einem Ploppedi-blubbedi-rums ist der kleine Punkt zu einem hellblauen Knopf in der Größe einer Walnuss geworden.
Als sich der lila Drachen-Staub verzogen hat, traut Felix seinen Augen nicht und schaut staunend auf den Riesen-Knopf.
„Steck ihn in deine Hosentasche“, sage ich zu ihm, „egal, wohin du gehst. Auf diese Weise hast du immer eine Erinnerung an deinen Papa und an eure schönen Erlebnisse bei dir.
Das schönste Geschenk, das du deinem Papa machen kannst, ist, glücklich zu sein. Stell dich mutig und tapfer allen Herausforderungen, so wie sich dein Papa jedem Feuer entgegengestellt hat.“
Felix steckt den großen Knopf in seine Hosentasche und geht in den Flur hinaus. Das hellblaue Hemd seines Vaters hält er immer noch gaaaaanz fest. Manche Dinge brauchen ihre Zeit.
Für mich ist es Zeit, zu gehen. Ich lege eine Hand auf mein Herz und verabschiede Felix mit unserem Drachen-Gruß. So wird er von Frieden, Freude und Freundschaft begleitet.
„Hei-Drrrrrei, kleiner Felix. Mach’s gut!“, flüstere ich ihm hinterher.
Diese Drachen-Staub-Sache macht mich immer gaaaaanz müde. Den restlichen Drachen-Staub streue ich auf die Armbanduhr und der Sekundenzeiger setzt sich in Bewegung. Ich krabbele zurück in die hinterste Ecke der Schublade. Dort kuschele ich mich ein, schnarche wahrscheinlich ein bisschen und sammele Kraft für das nächste Schubladen-Drachen-Abenteuer.



Konrad und Lucy
Die Sprache der Wolken

Ich weiß ja nie so genau, in welcher Schublade ich gerade bin. Bei der Anreise passe ich meistens nicht so genau auf. Ich liege also in einer Schublade irgendwo auf dieser wunderschönen Welt und döse so vor mich hin. Heute riecht es irgendwie anders als sonst und das weckt meine Neugier. Ich rieche Öl, Holz und Gummi und in der Schublade liegen ein Schraubenzieher und viele dreckige Lappen.
Vorsichtig schiebe ich die Lappen zur Seite – ich will ja nicht schmutzig werden. Ich drücke die Schublade mit all meiner Kraft von innen auf. Sie ist aus Metall und klemmt. Nach ein paar Versuchen schaffe ich es trotzdem.
Ich sehe mich um und entdecke viele Geräte und Maschinen. Da steht ein Rasenmäher, Spaten und Schaufel hängen an der Wand und in der Ecke sehe ich ein rotes Fahrrad. Es hat einen platten Vorderreifen. Die Tür steht weit offen. So wie es aussieht, bin ich heute in einem Gartenhaus gelandet. Es ist niemand sonst zu sehen.
Ich klettere aus meiner Schublade und fliege zur Tür hinaus.

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