8 - 10 Jahre

Emma lernt fliegen

Silke Bockelkamp

Emma lernt fliegen

Leseprobe:

Emma und Tina folgten ihr mit etwas Abstand und flüsterten sich schon die ersten Schlachtpläne zu. Am Tisch angekommen, warteten bereits einige Wolkenkinder gebannt darauf, was gleich passieren würde. Von allen Seiten flogen noch mehr Wolkenkinder an und setzten sich dazu. Als nun endlich alle da zu sein schienen, erzählte die alte Dame von Emma und ihrer Idee. Lauter Protest war zu hören, als es hieß, dass die Wolken wieder zusammengeschoben werden müssen. Viele riefen dazwischen und schüttelten den Kopf.
„Es ist die einzige Chance!“, donnerte die Frau mit kräftiger Stimme über den gesamten Tisch. Auf einmal waren alle still. Beschämt wurden die Köpfe gesenkt.
„Los jetzt!“, kam ein letzter scharfer Ausruf und die alte Dame erhob sich und flog davon. Die Wolkenkinder machten sich eher schleppend auf den Weg und man konnte den Unmut spüren. Auch Tina wirkte nun doch etwas geknickt.
„Was ist los?“, fragte Emma ihre Freundin.
„Na ja, ich hab mich schon sehr an meine eigene kleine Wolke gewöhnt“, sagte sie.
„Wie habt ihr denn vorher gewohnt?“, fragte Emma erstaunt.
„Familien, Angehörige und Freunde haben sich eine große Wolke geteilt. So hatten wir immer mehrere große Wolken, die mal kleiner und mal größer waren“, erklärte Tina ruhig.
„Und warum wolltet ihr das nicht mehr?“, Emma wurde nun neugierig.
„Es gab immer viel Streit in den Familien, dass die Kinder zu laut seien und die Alten sich nur bedienen lassen würden und …!“, Tina brach ab.
„Am Ende haben wir uns über alles gestritten“, beendete sie ihren Satz.
„Aber das ist doch auf der Erde nicht anders!“, sagte Emma verwundert zu ihr.
„Stell dir mal vor, die Menschen würden jeder ein Haus haben wollen. Die ganze Erde würde nicht ausreichen, um alle einzeln unterzubringen. Am Ende würde Krieg herrschen. Irgendwann würde es die Menschen dann gar nicht mehr geben.“ Emma hatte einen Kloß im Hals bei dem Gedanken bekommen und schluckte kurz. Tina legte ihr beruhigend einen Arm um die Schulter.
„Was ist denn, wenn ihr euch streitet?“, fragte Tina dann.
Emma lächelte und musste an die unzähligen Male denken, wenn Mama und Papa lauthals im Flur diskutierten. Oder wenn Mama mal wieder ungerecht zu ihr war und Emma das brüllend durch die Wohnung posaunte.
„Ihr müsst eine Lösung für jedes Problem finden und das schreibt ihr am Besten auf. Dann könnt ihr es immer nachlesen und bei Streitigkeiten darauf zurückgreifen. Bei uns zu Hause nennt man das: Gesetze und Regeln“, erklärte Emma.
„Das versteh ich nicht!“ Tina schaute verdutzt zu ihr rüber.
„Na, wenn ihr euch zum Beispiel mal wieder streitet, wer den Abwasch machen soll, dann macht ihr einfach einen Plan, wer wann abwäscht. So habt ihr eine Regelung, an die ihr euch halten müsst und keiner kann jetzt streiten, dass er jetzt nicht abwaschen will oder kann!“, erklärte Emma geduldig.
„Auch gibt es für die Kinder eine Lösung“, fuhr sie fort.
„Wenn zum Beispiel die Kinder zu laut sind, dann nehmt ihr einfach eine Wolke, die nur für die Kinder zum Spielen ist. Wir haben Spielplätze zu Hause, und wenn ich Mama mächtig auf den Keks gehe, dann schickt sie mich raus auf den Spielplatz.
So hat sie zu Hause Ruhe und ich kann mich austoben und laut sein“, erklärte Emma sachlich.
Die alte Dame kam auf einmal auf die beiden Mädchen zugeflogen und unterbrach sie.
„Wollt ihr nicht mithelfen?“, fragte sie.
„Doch!“, sagte Tina hastig und erzählte ihr erst einmal aufgeregt von den Spielplätzen, den Gesetzen und Regeln und wie man alles aufschreiben sollte.
„Das sind wunderbare Ideen! Danke dir Emma!“, sagte die Dame freundlich.
„Nun aber an die Arbeit ihr zwei!“, sprach sie energisch und drehte sich um.
Emma und Tina krempelten die Ärmel hoch und flogen gemeinsam auf zwei kleine Wolken zu. Emma nahm die linke und Tina die rechte Wolke.

Nach wenigen Minuten hatten die beiden Wolken sich vereint. Zielstrebig flogen die beiden Mädchen auf zwei weitere Wolken zu. Diesmal nahm Emma, die rechte und Tina die linke. Emma war etwas näher an der schon größeren Wolke und schob ihre kleine keuchend vor sich her. Sie drehte sich zu Tina um. Diese hatte bereits einen hochroten Kopf. Plötzlich gab Emma einen spitzen Schrei von sich.






Emmas mutige Rettungsaktion



Von unten kam ein kleines Flugzeug angeflogen und steuerte direkt auf Tina zu. Emma gestikulierte wild mit den Armen und rief zu ihrer Freundin herüber. Aber es war zu spät. Das Flugzeug streifte Tina mit dem Flügel und durchbrach die Wolkendecke.

Emma musste mit ansehen, wie ihre Freundin bewusstlos Richtung Erde trudelte. Verzweifelt sah sich Emma um. Keiner außer ihr hatte den Unfall gesehen und sie war so weit von den anderen entfernt, dass sie keiner hören würde. Sie blickte wieder zu Tina, die immer weiter nach unten stürzte. Mit wild entschlossener Miene schob Emma ihre Arme nach vorne, so wie Tina es ihr für einen Sturzflug gezeigt hatte und schoss ihrer lieb gewonnenen Freundin hinterher. Die beiden Mädchen waren inzwischen so tief, dass Emma das Meer unter ihnen glitzern sah. Sie hatte Tina schon fast eingeholt und musste nur noch den Arm ausstrecken. Emma nahm all ihren Mut zusammen und griff nach der Hand ihrer Freundin. In dem Moment blitzte die Sonne durch die Wolkendecke und blendete sie. Emma verfehlte die Hand und kam selbst ins Schleudern. Nur mit Mühe stabilisierte sie sich und startete erneut einen Versuch. Diesmal klappte es. Emma hielt die Hand ihrer Freundin fest in ihrer und hätte sie um keinen Preis wieder losgelassen. Sie schaute nach unten und ihr stockte der Atem. Das Meer unter ihr wirkte schon ganz nah.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 58
ISBN: 978-3-95840-451-9
Erscheinungsdatum: 23.08.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 8,99

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