Ein Zebra wünscht sich bunte Streifen

Ein Zebra wünscht sich bunte Streifen

Brunhilde Angelika Schlüter


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 148
ISBN: 978-3-95840-636-0
Erscheinungsdatum: 05.07.2018
Zwölf Kindergeschichten zum Lesen, Vorlesen und Ausmalen. Fantasievoll gestaltete Erzählungen aus Natur, Tier- und Märchenwelt, die sanft auf klassische Themen der Kindererziehung hinweisen.
Ein Zebra mit bunten Streifen


Ganz weit von uns entfernt, in Afrika, gibt es Gegenden, in denen Tiere zu Hause sind, die wir nur vom Zoobesuch oder aus Büchern kennen.
Da leben Löwen, Nashörner, Giraffen, Elefanten, Affen, viele Arten bunter und auch nicht so farbenfreudiger Vögel, Zebras … ach, man kann sie so schnell gar nicht alle benennen, es sind noch viel, viel mehr.
Sie leben zum Teil friedlich zusammen oder gehen sich lieber aus dem Weg. Wie es das Gesetz der Wildnis so vorschreibt.
Von einer Familie der Zebras muss ich euch unbedingt eine Geschichte erzählen, die auch für afrikanische Verhältnisse ganz außergewöhnlich ist.
In einer dieser Zebraherden lebt die Familie Streifig.
Der Vater heißt Erwin, die Mutter Gisela und ihr kleiner Sohn Ferry.
Als Ferry zwei Jahre alt wurde, bekam er ein Brüderchen, das den Namen Philipp erhielt. Na, und weil der Ferry den Namen des Brüderchens noch nicht richtig aussprechen konnte, rief er ihn einfach nur Flipp.
Ja, und wie das so mit solchen Rufnamen ist, man behält sie meist lebenslänglich.
Alle riefen den kleinen Kerl nur Flippi, und eigentlich passte der Name auch unwahrscheinlich gut zu ihm, denn er war ein überdurchschnittlich lebhaftes Kind, eben etwas ausgeflippt.
Flippi war immer guter Dinge, zu jedem Spaß aufgelegt, hatte stets gute Laune, war fleißig und hilfsbereit und jeder mochte ihn leiden. Eigentlich konnte er rundum zufrieden sein, wenn ihn nicht etwas sehr belastet hätte:
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als bunte Streifen zu haben. Sein schwarz-weißes Fell fand er so langweilig, so trist.
All seine Freunde trösteten ihn und meinten, dass Zebras von jeher so ausgesehen hätten.
Bei aller Einsicht, Flippi blieb betrübt.
Er beneidete insgeheim sogar die bunten Vögel und leuchtenden Blüten an den Büschen.
Seine Freunde merkten, wie traurig er war.
Als die Tiere sich wieder einmal abends auf der Waldlichtung trafen, berieten sie, ob und wie man dem Freund wohl helfen könne.
Dann machte die Giraffe Benny den Vorschlag, ihn anzumalen. Alle lachten und schüttelten die Köpfe.
Nur der Elefant Emil überlegte sich diesen Vorschlag und trötete dann lauthals: „Ich glaube, das ginge, aber wo bekommen wir Farbe her?“
Die flugfähigen Insekten waren ganz aufgeregt, sie hatten die Idee, bunte Pollen und Nektar aus den Blüten zu sammeln, die dann zur Farbe verarbeitet werden könnten.
Die Vögel erklärten sich sofort bereit, Federn als Pinsel zur Verfügung zu stellen.
Selbst der stolze Marabu, der immer was Besonderes sein wollte, versprach, etwas von seinem Federkleid zu opfern.
Überzeugt von ihrem Unternehmen, konnten die Tiere kaum den Morgen erwarten, um ihren Plan umzusetzen.
Flippi war begeistert und gerührt, als er von der Aktion der Freunde unterrichtet wurde.
Endlich würde sich sein größter Wunsch erfüllen!
Es war ein aufwendiges Unternehmen.
Keins der beteiligten Tiere hätte mit so viel Arbeit gerechnet.
Für Flippi war ihnen aber nichts zu viel.
Die Insekten sammelten Farbpollen vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Von den Straußen bekamen sie halbe Eierschalen als Farbtöpfchen.
Die Elefanten holten in ihrem Rüssel das notwendige Wasser und die flinken Äffchen halfen beim Anrühren des Farbbreis.
Die kleinen Warzenschweine waren ganz aufgeregt.
Sie stellten ihre Schwänzchen auf wie Antennen, das machen sie nämlich immer, wenn sie in einer außergewöhnlichen Situation sind, und rannten los, um allen Tieren von der geplanten Aktion zu berichten.
Nun war es so weit, das Bemalen konnte beginnen.
Die Giraffen und Elefanten hatten sich dazu bereit erklärt, denn aufgrund ihrer Größe kamen sie an alle Körperstellen gut heran.
Die Tiere saßen im Kreis um Flippi und die Maler und konnten ihrer Begeisterung kaum Ausdruck verleihen.
Flippi stand ganz still, was ihm nun wirklich schwerfiel. Er traute sich kaum zu atmen, damit die Striche nicht verwackeln.
Nach vielen Stunden harter Arbeit war es dann endlich geschafft! Begeistert gingen sie mit Flippi zur Wasserstelle, damit er sein Spiegelbild bewundern konnte. Es war aber auch ein gelungenes Werk!
Alle fielen sich vor Freude um die Hälse, weinten und lachten vor Glück und lobten die Maler.
Am glücklichsten aber war Flippi.
Er hatte end-lich bunte Streifen!
In seinem wildesten Ga-lopp rannte er nach Hause, um sich mit seinem neuen Aussehen vorzustellen.
Die erwartete Begeisterung, die ihn so beflügelt hatte, blieb aus. Der Vater sah ihn entsetzt an, und sagte nur: „Aber Philipp, was soll das, was hast du dir denn dabei gedacht?“
Und wenn Vater Philipp und nicht Flipp sagte, war das immer eine ernste Situation.
Flippi senkte den Kopf. Schämte er sich, oder war er nur traurig und enttäuscht über die negative Anteilnahme? Er hatte doch totale Bewunderung erwartet.
„Geh, und wasch dir den Quatsch ab“, meinte Vater. Aber so einfach ging das nicht.
Die Mischung aus Pollen, Nektar und Wasser hatte das Fell wohl dauerhaft eingefärbt.
Einesteils war Flippi froh darüber, denn sonst wäre sein Traum viel zu schnell geplatzt.
Andererseits erklärte ihm der Vater, dass die Streifen von der Natur so schwarz-weiß gewollt seien, denn sie schützen bei der Flucht vor Feinden, sie erzeugen beim schnellen Lauf Trugbilder, die die Beutetiere irritieren.
Oje, nun konnte Flipp sein farbiges Aussehen gar nicht mehr so freudvoll genießen.
Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Die gesamte Zebraverwandtschaft distanzierte sich von dem bunten Familienmitglied, das nun bei Gefahr ein Risiko sein könnte.
Ja, nun hatte er, was er wollte, war aber plötzlich einsam. Er setzte sich an den Waldrand und weinte bitterlich. Jedoch, er hatte Glück im Unglück. Ein Professor aus Europa war in Afrika unterwegs, um das Verhalten der Tiere untereinander zu erforschen.
Er fand den schluchzenden Flipp, der ihm dann seine Geschichte erzählte, die den Tierexperten mächtig berührte.
Der Professor legte seine Stirn in Falten und dachte angestrengt nach, wie dem armen Zebra geholfen werden kann.
Sie saßen sich lange schweigend gegenüber, dann sprang der Gelehrte plötzlich auf, er hatte die rettende Idee: Er nahm Flippi mit nach Europa, wo er in dem Zirkus PI PA PURZELBAUM als Artist freudig aufgenommen wurde.
Das bunte Zebra wurde zur Attraktion jeder Vorstellung.
Es tanzte, sprang elegant durch die Manege und beeindruckte durch sein farbiges Aussehen.
Bei seinen Artistenkollegen war Flippi beliebt wie sonst kein Zweiter, und das Publikum umjubelte ihn bei seinen Auftritten.
Eigentlich hatte er nun alles, was er sich erträumt hatte. Nur, wenn er unter den Zuschauern eine dunkelhäutige Familie entdeckte, kullerten ihm ein paar versteckte Tränchen aus seinen Zebraäuglein über seine bunten Streifen, denn er wurde an die Menschen in Afrika erinnert.
Ja, Flippi hatte Heimweh!
Mitten in einer Abendvorstellung, er zeigte gerade seine schönsten Pirouetten und Purzelbäume, schrillte plötzlich eine Sirene. War das ein Feuer-alarm?
Flippi riss die Augen ganz weit auf, um die Situation einzuschätzen.
Aber, was war das denn:
Seine Zebramama beugte sich über ihn und sagte: „Nun aber raus aus den Federn, du Langschläfer, es ist Zeit für die Schule.“
Hatte er denn das alles nur geträumt?
Aber, bunte Streifen, die hatte er sich doch wirklich sehnlichst gewünscht.
Er rannte zum Spiegel, tatsächlich, er sah aus, wie eben ein Zebra so aussieht, schwarz-weiß gestreift. Aber das Allerwichtigste, er war daheim!
Mama, Papa und Bruder Ferry warteten schon mit dem Frühstück auf ihn.
„Ach, bin ich froh, dass ich hier bin“, jauchzte er, aber keiner der drei wusste etwas mit der Bemerkung anzufangen.
Viel fröhlicher als sonst machte er sich auf den Weg zur Schule. Erleichtert, dass alles nur geträumt war.
Nun ja, das mit dem bunten Fell hatte er sich schon immer gewünscht, aber sein Traum hat ihn erkennen lassen, dass die Erfüllung aller Sehnsüchte nicht immer zum großen Glück führt.
Am Abend beim Treff der Tiere auf der Waldlichtung erzählte er allen von seinem Schlaferlebnis.
Ja, ja, sagten die Freunde, das hätten wir schon so für dich getan. Über diese Aussage war Flippi überglücklich.
Er erkannte, wie wichtig und wertvoll es ist, gute Freunde und eine liebevolle Familie zu haben.
Was sind dagegen alle Äußerlichkeiten.
Die Idee mit den bunten Streifen hat er im Nachhinein verworfen, findet sein naturgegebenes Fell inzwischen sehr schön.



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Eveline Ziegler

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