Cover: Eicha im Abenteuerwald Orscholz

Eicha im Abenteuerwald Orscholz


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 38
ISBN: 978-3-7116-0016-5
Erscheinungsdatum: 29.07.2024
Umgeben von ihren Waldfreunden wächst Eicha, die kleine Eichel, zu einem kräftigen Baum heran.Drei Naturmärchen vom Baumwipfelpfad in Orscholz für Kinder und junggebliebene Erwachsene, die noch gern in die Fantasiewelt entschwinden.
Der Baum im Orscholzer Wald


Kennt ihr mich noch nicht?
Habt ihr mich noch nie gesehen?
Dann wart ihr noch nie am Baumwipfelpfad in Orscholz.
Aber meine Geschichte fängt schon viel früher an, denn jetzt bin ich nach Menschenrechnung schon satte fünfundsiebzig Jahre alt. Vor fünfundsiebzig Jahren also, es war Frühling, die ersten warmen Sonnenstrahlen drangen durchs Geäst meiner betagten Baumnachbarn. Ich lag als Eichel gut warm vom Waldboden bedeckt den ganzen Winter vorher in der dunklen, feuchten Erde. Aber als die schmalen, hellen Strahlen den Boden berührten, wurde ich neugierig. Und mein Kopf platzte auf.

Es tat nicht weh, nein. Ich war nur überrascht, was da aus mir herauswuchs: ein kleines, grünes Blatt.
Meine übergroßen Baumnachbarn schauten freundlich zu mir herab und ich hörte, wie einer so was sagte wie: „Hallo, willkommen, kleine Eiche!“
Ich? Eine Eiche? Nein, das konnte nicht sein, das konnte ich wirklich nicht glauben. Ich war doch nur eine harte Eichelnuss mit einem Blatt als Haarschopf! Aber gut, die älteren Bäume wissen ja meist mehr, haben jahrelang Erfahrung gesammelt, also stimmte das sicher, was sie sagten: Ich war von der Eichel zum Miniaturbaum mutiert.
Die folgenden Tage gab ich mir reichlich Mühe, mich zu recken und zu strecken, saugte den Rest des Frühlingsregens gierig in mich auf und siehe da, mein Blatt schoss in die Höhe und verzweigte sich sogar.
Morgens, wenn ich erwachte, musste ich manchmal lachen. Viele kleine, schwarze Ameisen kletterten über mich und kitzelten meine Blätter. Sogar eine Schnecke kroch gemächlich an mir empor und blieb mit ihrem schleimigen Körper an mir hängen. Damals wünschte ich mir einen richtig heftigen Dauerregen, um dieses doch sehr schwere Tier zu entfernen.
Ja, ich kannte die Welt noch nicht und alle kleinen Ereignisse waren spannend und oft auch lustig. Als ich zwei Monate alt war, berieten sich die großen Eichen ringsum, welchen Namen sie mir geben sollten. Nach langem Hin und Her entschieden sie sich für Eicha.
Fortan reagierte ich immer, wenn mein Name fiel.
„Eicha, duck dich, da kommt ein Hase!“
„Eicha, du bist ja ganz schön gewachsen! Weiter so!“
„Eicha, keine Angst. Es naht ein Gewitter. Die Blitze werden dich nicht erreichen, wir beschützen dich!“
Mein erster Sommer ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben weil mir so heiß wurde, aber ich das große Glück hatte, doch immer noch im kühlen Schatten meiner wuchtigen Freunde zu stehen.
Mein erster Herbst war voll Überraschungen. Plötzlich regnete es nicht nur Tropfen, sondern auch Blätter und – Eicheln! Wie gern hätte ich allen heruntergefallenen Eicheln erzählt, was im nächsten oder übernächsten Frühjahr mit ihnen geschehen würde, aber sie waren alle wie betäubt vom Sturz aus den Baumwipfeln und so ließ ich sie mal ausruhen und in den Boden einsacken.

Der Wald veränderte sich so sehr, dass ich ihn fast nicht wiedererkannte. Abgesehen davon, dass alle Bäume ohne Laub waren, hörte ich auch kaum noch das fröhliche Gezwitscher aller Arten von Vögeln.

Die meiste Unterhaltung hatte ich wegen der vielen, niedlichen Eichhörnchen, die jetzt ganz fleißig heruntergefallene Eicheln und sonstige Nüsse einsammelten. Und auch ein paar Rehe kamen vorbei und ich hatte oft die Befürchtung, dass sie auf mich treten würden; glücklicherweise wurde ich verschont. Auch Hirsche kamen mich besuchen. Ich verstand anfangs nicht, warum sie Äste auf ihrem Kopf tragen, bis Eichota, die rang älteste Eiche unserer Gruppe, mir erklärte, dass man das Geweih nennt.
Dann kam mein erster frostiger Winter. Niemals hätte ich gedacht, dass mir so kalt werden könnte. Mein ganzer Lebenssaft ging von mir weg und wurde von der Erde abgesogen. Ich bestand nur noch aus holziger Hülle. Als dann weiße Flocken fielen und ich unter einer dichten Schneedecke verschwand, ging es mir wieder besser und ich bin dann fest eingeschlafen.

In meinem zweiten Frühjahr lernte ich das Wort „Knospe“ kennen. Was das sein sollte, erfuhr ich eines Morgens im März. Irgendwas regte sich in mir und sprudelte und kribbelte und da war so ein Auswuchs an einem meiner Zweige. „Eicha“, sagten meine Freunde ringsum, „jetzt wirst du ein richtiger Baum! Aus den Knospen werden dir neue Blätter wachsen!“
Das machte mich sehr stolz. Ich war endlich ein richtiger Baum!
So vergingen die Jahre. Als ich fünfzig wurde, fühlte ich mich stark und fast schon weise, so viel hatte ich schon erlebt.
Dann kamen Männer in den Wald mit Lastwagen, Kränen und Maschinen und wir Bäume hatten alle Angst, ja Todesangst.
Man hörte ja rundherum manchmal kreischende Sägen und anschließend einen Baum, der schrie, wenn er umfiel und starb.

Aber diesmal war alles anders. Überall wurden Stützen gebaut und ein Pfad ganz oben bei unseren Kronen angelegt. Viele Menschen kommen seitdem tagtäglich zu uns und bestaunen unser Blätterwerk. Mein Leben war, bis der Wipfelpfad gebaut wurde, sehr angenehm und ich genoss jede Jahreszeit. Jetzt ist jeder Tag ausgefüllt mit Menschen, die zu uns hochsteigen. So ruhig wie vorher ist es zwar nicht mehr, aber die Besucher, die den Pfad gehen, sind respektvoll und stören die Waldruhe nicht. Im Gegenteil. Alle, die zu uns kommen, lieben Bäume und werden auch anderswo versuchen, Wälder zu schützen.

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