8 - 10 Jahre

Die Waters

Susanne Johanna Groetzner

Die Waters

Leseprobe:

<strong>1</strong>

Lautes Rasseln und Tuckern von Motoren war zu hören. Dazwischen gedämpft einige Männerstimmen. Karl Jones saß in seinem Bauwagen und grübelte über den Plänen, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Hatte er sich so verschätzt? Nach seinen Berechnungen hätten sie schon längst auf Wasser stoßen müssen. Die Hitzewellen der letzten Jahre und die milden Winter hatten die Wasserreserven der Stadt stark beansprucht. Man musste immer tiefer graben, um an das Grundwasser zu kommen. Deshalb waren er und seine Leute immer auf der Suche nach neuen Vorkommen. Würden sie nicht bald Wasser finden, müsste die Stadt die Spezialmaschinen wieder abziehen, denn jeder erfolglose Tag kostete sie eine Menge Geld.
Seufzend wollte er sich wieder über seine Pläne beugen, als die Tür des Wagens mit Schwung geöffnet wurde.
„Wir haben es gefunden, Karl!“ Sid Baker, der Vorarbeiter, strahlte über das ganze Gesicht.
Jones sprang auf und hätte dabei fast den Tisch umgeworfen.
„Endlich!“, rief er erleichtert aus. Er folgte Sid nach draußen. Die Pumpe lief noch, als sie sich ihr nun näherten. Alle Arbeiter standen um die Förderanlage herum, denn dieser Fund war ein Ereignis.
„Sieht verdammt gut aus!“, brummte Sid. „Habe selten so klares Wasser gesehen!“
„In welcher Tiefe seid ihr?“ Karl konnte sein Glück noch gar nicht fassen, er war schließlich verantwortlicher Ingenieur und musste für jede Pleite geradestehen.
Sid sah seinen Boss von der Seite an. „Etwa 250 Meter! Ganz schön tief! Dauert bestimmt eine Woche, bis wir anfangen können zu fördern! Falls das Wasser o. k. ist!“
„Kann ich das Wasser sehen?“ Sie erreichten die Pumpe.
„Natürlich!“ Sid reichte Karl einen Becher mit einer ersten Probe.
Karl nippte am Wasser, ließ es wie ein Weinkenner in seinem Mund hin- und herrollen. Dann spuckte er es aus. Den zweiten Schluck genoss er. „Das Wasser muss noch ins Labor, aber mein erstes Urteil: perfekt! Toller Fund, Jungs!“ Er sah anerkennend in die Runde.
Die Umstehenden klatschten lachend Beifall. Für sie alle waren die letzten Tage der Suche sehr anstrengend gewesen.
„Kommt, das muss gefeiert werden!“, rief Karl ausgelassen. Erneuter Beifall. Die Pumpe wurde abgestellt. Die Arbeit war so gut wie getan. Jetzt lag es in den Händen der städtischen Chemiker, ob sie fördern würden oder nicht.
Die Männer bemerkten nicht, dass sie be­obachtet wurden, als sie zum Wagen der Arbeiter hi­nüber gingen. Zwei Augenpaare folgten ihnen, bis der letzte verschwunden war. Die heimlichen Be­obachter hatten alles gehört, was neben der Pumpe gesprochen worden war, und zogen sich nun beunruhigt zurück.




2
„Jona, bist du zu Hause?“ Claire schloss geräuschvoll die Haustür hinter sich. Einen Augenblick später steckte sie ihren Kopf zur Tür hinein. „Da bist du ja! Hilfst du mir beim Auspacken?“
Jona streckte sich. Er lag auf dem Bett, vor ihm sein Deutschbuch. Morgen würden sie einen Grammatiktest schreiben und darin war er nicht besonders gut. Er setzte sich auf. Diese kleine Pause kam ihm gerade recht, denn sein Kopf brummte bereits. Daher folgte er seiner Mutter in die Küche. Auf dem Tisch standen einige braune Papiertüten, angefüllt mit den Einkäufen für die nächste Woche. Jona räumte sie aus, während seine Mutter das frische Obst wusch und in eine Schale legte.
„Hast du einen bestimmten Wunsch, was ich heute Abend kochen soll?“, fragte Claire, während sie Gemüse in den Kühlschrank stapelte.
„Eigentlich habe ich keinen großen Hunger! Außerdem muss ich noch ins Wasser und mit vollem Magen schwimme ich nicht gern!“
Claire sah ihn einen Augenblick nachdenklich an, dann faltete sie die Papiertüten zusammen und legte sie in den Schrank zu den anderen. „Du hast wirklich Ausdauer! Ich war in deinem Alter nicht halb so ehrgeizig! Das kannst du nur von deinem Vater haben!“ Versonnen sah sie aus dem Fenster. „Genau wie Robert!“, wiederholte sie gedankenvoll und sah ihn traurig an.
Jona erwiderte den Blick. Er erinnerte sich zurück an jenen schrecklichen Nachmittag im Juli.
An den Nachmittag, als die beiden Polizisten die Nachricht vom Tod seines Vaters gebracht hatten.
Dieser war Bademeister im hiesigen Freibad gewesen. Er war groß und hatte eine durchtrainierte Figur. Die Badegäste mochten ihn, denn er hatte Humor und war immer freundlich. Viele junge Mädchen schwärmten für ihn, aber sein Vater hatte nur Augen für Claire. Er liebte seinen Beruf und nahm die vielen Überstunden gern in Kauf.
Urlaub im Sommer gab es für ihn nicht, aber sie verbrachten ihre freie Zeit beim Vater im Bad. Hauptsache, sie waren zusammen!
Jonas Eltern waren immer noch sehr verliebt ineinander und alberten viel herum. Nie gerieten sie ernsthaft in Streit. Jona war stolz auf seine Eltern und fand, seine Mutter sei die schönste Frau der Welt.
Eine Freundin hatte Claire mal gefragt: „Wie kommt es eigentlich, dass du immer noch so jung aussiehst? Du musst doch irgendein Geheimnis haben?!“
Seine Mutter hatte laut gelacht und gerufen: „Mein Geheimnis sind meine Männer!“
Ja, sie waren eine glückliche Familie gewesen, bis zu dem Nachmittag im Juli.
Jona war in der Schule. Er war gerade neun Jahre geworden. Seine Mutter arbeitete als Sekretärin, aber nur halbtags.
Als Claire ihn von der Schule abholte, war noch alles in Ordnung. Vater würde sie schon mit dem Essen erwarten, denn er kochte immer, wenn er als Erster zurück war.
Doch als sie die leere Einfahrt hinauffuhren, bemerkte Claire enttäuscht: „Wird wohl nichts mit unserem leckeren Mittag, Papa ist noch nicht da!“
„Vielleicht musste er länger bleiben!“, vermutete Jona.
Claire zuckte ergeben die Schultern. „Komm, ich schlage uns schnell ein paar Eier in die Pfanne!“
Kaum waren sie aus dem Wagen gestiegen, kam ein Polizeiwagen die Einfahrt herauf. Zwei Beamte stiegen aus und setzten ihre Dienstmützen auf, bevor sie auf die beiden zukamen.
„Sind Sie Claire Steel?“ Einer der Polizisten sah sie fragend an.
Claire schob sich schützend vor Jona. „Das ist richtig!“
„Könnten wir uns kurz mit Ihnen unterhalten? Allein!“, setzte er mit einem Blick auf Jona hinzu. Den Polizisten war es sichtlich unangenehm, was sie zu sagen hatten.
„Jona, geh schon mal ins Haus, ich komme in einer Minute nach!“
Unsicher schaute Jona seine Mutter an, folgte dann aber ihrer Bitte. Kaum war Jona verschwunden, wandte sich Claire an die Polizisten. „Ist etwas mit meinem Mann? Ist er verletzt?“
Einer der Polizisten nahm seine Mütze ab und drehte sie verlegen zwischen seinen Händen. Der andere starrte auf seine Schuhe.
„Mrs. Steel“, begann der ohne Mütze zögernd, „Ihr Mann ist vor einer Stunde ertrunken!“
Claire ließ sich gegen das Auto fallen. Ihr verschwamm alles vor den Augen.
„Es muss sich da um einen Irrtum handeln“, brachte sie schließlich gepresst heraus, „mein Mann rettet andere vor dem Ertrinken!“
Der Polizist, der bislang geschwiegen hatte, nahm Claire behutsam am Arm und führte sie ins Haus. Der zweite folgte ihnen nach. Mit ruhiger Stimme schilderten die beiden den Unfall.
Demnach war ein junges Mädchen beim Toben unter Wasser und in Panik geraten. Statt zu schwimmen, konnte es nur noch verzweifelt strampeln. Jonas Vater bemerkte die Versuche der fast schon Ertrinkenden, an den Rand zu gelangen, und nachdem er seinen Kollegen Bill auf die Situation aufmerksam gemacht hatte, sprang er ins Becken, um ihr zu helfen.
Trotz des Getümmels im Schwimmbecken bekam er sie gleich zu fassen und brachte sie zum Rand, wo sie von Bill in Empfang genommen und aus dem Wasser gezogen wurde. Dieser trug sie zu einer Liege und kümmerte sich um sie.
Jonas Vater wollte sich ebenfalls aus dem Wasser ziehen, doch da musste er einen Schlag oder Tritt gegen den Kopf bekommen haben, denn er wurde bewusstlos und versank, ohne dass es jemand mitbekam.
Kaum einer hatte die Rettungsaktion bemerkt und niemand vermisste den zweiten Bademeister. Erst ein paar Kinder mit Taucherbrillen entdeckten Minuten später den leblosen Körper auf dem Grund des Beckens, doch da war bereits jede Hilfe zu spät.
Nachdem die Polizisten gegangen waren, holte Claire Jona zu sich ins Wohnzimmer und versuchte ihm begreiflich zu machen, was sie selbst noch nicht begreifen konnte.
Danach machten die zwei eine schwere Zeit durch, doch irgendwie schafften sie es, mit dem Tod von Vater und Mann fertig zu werden. Ihre Erinnerungen halfen ihnen dabei.
Seit dem Unfall hatte sich eine Menge geändert. Seine Mutter musste nun den ganzen Tag arbeiten, damit sie in dem Haus wohnen bleiben konnten. Jona wurde zum Schlüsselkind. Er sah seine ­Mutter jetzt immer erst abends und an den Wochenenden. Sie verbrachten so viel Zeit wie möglich zusammen. Mit seinen Freunden konnte Jona über dieses Thema nicht sprechen.
Doch die Zeit heilt alle Wunden. Der Schmerz ließ langsam nach und der Junge begann den Tod zu akzeptieren.
Jona schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu verscheuchen.
Seine Mutter blickte immer noch versonnen aus dem Fenster. Sie war so in Gedanken, dass sie zusammenzuckte, als er sie am Arm berührte. „Mama, ich hau jetzt ab!“
Sie nahm ihn spontan in den Arm. „Bist du eigentlich glücklich, mein Schatz?“
Er befreite sich verlegen aus ihrer Umarmung. „Weißt du doch!“
Sie machte sich am Herd zu schaffen. „Komm nicht zu spät!“
Jona wollte noch etwas sagen, ließ es dann aber und ging ins Bad. Dort hing an einem Haken seine Sport­tasche. Er nahm sie und packte seine Badehose und ein Handtuch ein.
„Ich fahre jetzt!“ Jona zog sich im Flur seine Turnschuhe an und nahm seinen Haustürschlüssel vom Brett.
„Grüß Bill von mir, hörst du?“, kam es aus der Küche.
Jona stieg der Geruch von Spiegeleiern in die Nase, als er das Haus verließ.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 76
ISBN: 978-3-99003-481-1
Erscheinungsdatum: 21.07.2011
EUR 11,90
EUR 7,99

Krampus & Nikolo