Cover: Die Rasterfahndung

Die Rasterfahndung


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-7116-0419-4
Erscheinungsdatum: 27.02.2025
Als Stefan in das Auto eines unbekannten Mannes steigt, ahnt er nicht, welche Folgen das für ihn haben wird. Denn er ist in den Händen eines Triebtäters gelandet … Doch seine Freunde lassen ihn nicht im Stich und ermitteln selbst gegen den Täter.
Er schleicht herum

Heidi liegt wach im Bett. Die Uhr schlägt Mitternacht. Sie findet keine Ruhe. Zu stark kratzen die Erinnerungen in ihrem Kopf. Die Seelenwunde schmerzt wieder. Sie hätte niemals gedacht, dass sie von ihrer Kindheit eingeholt wird, dass sie von vergangenen Zeiten überrollt wird. „Er ist wieder unterwegs“, hämmern ihre Sinne, ihre Gedanken, ihre Alarmglocken. „Er war immer unterwegs“, gesteht sie sich ein, und das bedrückt sie umso mehr. Sie hat es nur nicht mehr gewusst. Sie hat solche Gedanken aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Sie hat sie gelöscht. Sie hat sie verdrängt.
Heidi Müller hat ein Studium abgeschlossen und ist eine zweiunddreißigjährige erfolgreiche Frau; gescheit, selbstbewusst, alleinstehend, beliebt bei Kolleginnen und Kollegen und einem Stab von Mitarbeiterinnen unter ihrer Führung. Jetzt fischt sie in den Erinnerungen ihrer Kindheit und zieht einen kapitalen Fang an Land, vielmehr ins Bett. Der hat ihr damals vor zwanzig Jahren das Leben über Monate lang vergiftet. Nun liegt er taufrisch in ihrem Magen.

Schon einmal während ihrer Zeit als Studentin hatte eine Schlagzeile ihre Nerven strapaziert. Sie hatte sie überflogen und verteufelt. In den öffentlichen Medien las sie: „Versuchte Entführung!“ Und neben dem Bild eines Polizeiautos stand geschrieben: „Ein achtjähriger Schüler dürfte am Montag in Vellach nur knapp einer Entführung entkommen sein. Der Bub wartete nach der Schule auf seinen Bus, als plötzlich ein Wagen stehen blieb. Ein Mann versuchte, den Schüler ins Auto zu zerren. Der Bub konnte sich losreißen. Dienstag Mittag wurde der mutmaßliche Entführer festgenommen.“
Weiter unten war von der Einvernahme des Tatverdächtigen die Rede, Hintergründe seien unbekannt. Der achtjährige Schüler habe bei einer Bushaltestelle gestanden, als plötzlich ein Auto angehalten habe. Nach Angaben der Polizei sei ein Mann herausgesprungen und habe versucht, den Schüler ins Auto zu zerren. Als der Bub sich gewehrt habe, habe ihm der Mann einen Faustschlag versetzt. Trotzdem sei es dem Schüler gelungen, sich loszureißen und zu fliehen. Zu Hause habe der Achtjährige seinem Vater von dem Vorfall erzählt. Am Weg zur Polizei habe der Bub den Wagen des mutmaßlichen Entführers entdeckt, der Vater habe sich Teile der Kennzeichennummer gemerkt. Nach einer landesweiten Fahndung sei es gelungen, den mutmaßlichen Entführer auszuforschen und zu verhaften. Der Mann sei einvernommen worden. Er habe jedoch ein Alibi, so die Sicherheitsbehörde, möglicherweise habe sich der Bub bei dem Auto geirrt. Zweifel an der Geschichte des Schülers bestünden aber absolut nicht. Die Ermittlungen seien noch in vollem Gange.
Heidi findet keine Ruhe. Sie denkt an ihre Kindheit. Nun hämmert in ihrem Kopf, was zwanzig Jahre zuvor in ihrem Heimatort passiert war. Sie versucht einzuschlafen, es gelingt nicht. Sie verdrängt die Gedanken an jene fürchterlichen Momente von damals. Hat sie Schuld getragen, als die tragischen Ereignisse eingeleitet wurden? Heidi denkt klar. Denn seit heute blutet die Wunde wieder. Ein Zeitungsbericht von heute hat ihren gedanklichen Rückfall ausgelöst, beinahe eine Kopie von damals. Sie hat das Blatt am Abend gelesen: „Unbekannter spricht Kinder an“. Mit diesen Schlagworten ist sie gefangen. Da wird vom Albtraum aller Eltern berichtet. Ein Kind sei auf dem Schulweg von einem Fremden angesprochen worden und habe in ein Auto gelockt werden sollen. So sei es im Umfeld einer österreichischen Schule jüngst mehrmals vorgekommen. Ein unbekannter Mann habe es auf Kinder abgesehen. Er versuche, die Kinder anzulocken, bedränge sie plötzlich mit erschreckenden Sätzen wie: „Deine Mutter ist krank, ich bring dich zu ihr.“ Die Polizei ermittle in dem Fall und arbeite mit der Schulleitung zusammen. Angaben zur Person würden veröffentlicht.
Glücklicherweise heißt es, bisher sei nichts passiert, denn die Kinder hätten richtig reagiert und ähnliche Vorfälle ihren Eltern erzählt. Ein Polizist, der um Hinweise aus der Bevölkerung bittet, hält Ratschläge für die Kinder bereit: „Davonlaufen und laut zu schreien beginnen! Dann flüchtet der Täter auch!“

Heidi quälen die Gedanken. Sie heften sich an ihren ehemaligen Schulfreund Stefan. „Was wohl aus ihm geworden ist?“, sinniert sie dahin und lässt die Periode ihrer freundschaftlichen Beziehung in der Hauptschule, die jetzt Mittelschule heißt, aufblühen. „Eine schöne Zeit“, denkt sie, „außer in dem Jahr, in dem es passierte.“ Ob Stefan je wieder glücklich geworden ist? Dieser Gedanke plagt Heidi jetzt und sie flüchtet in einen Halbschlaf, der ihr die ganze Dramatik eines Ereignisses, das in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende alles überschattete, noch einmal wie einen Film vor den Augen abspulen lässt …



Aus heiterem Himmel

Stefan zögerte keinen Augenblick. Erschöpfung, Nässe und dieser pure Zufall deckten alles zu, was es möglicherweise zu überlegen gegeben hätte. Er durfte sogar neben dem freundlichen Herrn Platz nehmen, vorne Platz nehmen. Der hatte ihm extra die Beifahrertür geöffnet. Der Wagen beschleunigte. Stefan fühlte sich sicher. Gleich würde er bei seiner Mami sein. Gott sei Dank!

Unter normalen Umständen wäre Stefan nie in das Auto eingestiegen. Aber was ist denn schon normal? Oft muss man eine Ausnahme machen, wenn andere Umstände einen dazu verleiten. Und jeder, der jetzt nachdenkt, gibt Stefan recht. Freilich, wenn Stefan länger nachgedacht hätte, dann hätte er gezögert. Wie oft hatte ihn Mami vor einem solchen Schritt gewarnt. Und er, der kluge und stets überlegt handelnde Bub, wäre auch jetzt standhaft geblieben und hätte den Fahrbahnrand niemals verlassen. Nichtsdestotrotz saß er nun in diesem fremden Auto, denn da waren die besonderen Umstände. Und so war es dazu gekommen:

Der Himmel brütete etwas aus. Plötzlich schoben sich Wolken heran, bedrohlich schnell. Der Wetterumschwung war angekündigt und doch überraschte er alle. Unaufhörlich drängten dunkle Massen herbei. Sie verkündeten Schlechtwetter, noch schlimmer, sie warnten vor Unheil.
Nur die drei Kinder bemerkten vorerst nichts davon. „Kommst du heute runter mit deinen Skates?“, hatte Andreas seinen Freund Stefan gefragt. „Wenn Mami es erlaubt“, hatte dieser geantwortet, denn Mami war sehr streng. Schließlich hatte er Mami überzeugen können: keine Hausaufgaben auf, herrliches Herbstwetter; Helm aufgesetzt, Schutzausrüstung angelegt, nach zwei Stunden garantiert wieder zu Hause. Versprochen!
Wie junge Hunde tollten die Buben nahe dem Ortszentrum herum. Auch Heidi, Andreas´ Schwester, gesellte sich zu ihnen. Eine zwölfjährige Hauptschülerin gibt sich sonst nicht mit Erstklässlern ab. Doch für die wilde Heidi spielte das keine Rolle. Sie hielt nicht viel von der Meinung anderer, sie tat, was ihr Spaß machte. Außerdem mochte sie den kleinen Stefan. Er zählte für sie nicht zu den Angebern, zu den Super-über-drüber-Gescheiten. Stefan wirkte auf sie bescheiden, ehrlich, mit einer besonderen Ausstrahlung. Diese Ausstrahlung liebte sie. Natürlich hätte sie darüber nie mit jemandem gesprochen. Das Gefühl war von allein da. Man konnte ihr nicht andichten, dass sie Stefan verehrte, so weit hätte sie es nie kommen lassen. „Ich, die starke Heidi, und ein Erstklässler, niemals!“, hätte sie sich gewehrt. Trotzdem war da etwas, nämlich diese Ausstrahlung. Und das liebte Heidi.
Die drei flitzten den Radweg entlang den Hügel hinauf und in den Parkplatz hinein. Sie steckten mit Pflastersteinen einen Torlauf aus und fegten durch den Slalom, bis ein Gemeindearbeiter maulte. Rückwärts in die Senke hinein, ein neuer Spaß lockte, im Kreis gewirbelt, einen Achter gedreht, ein Wettrennen vorbereitet, einem Radfahrer nachgejagt. Flugs waren zwei Stunden verstrichen.
„Schon halb fünf, ich muss nach Hause!“, nörgelte Stefan plötzlich herum. „Doch nicht jetzt, wir starten gleich das Wettrennen!“, entgegnete Andreas.
„Ich muss nach Hause, ich habe Mami versprochen, dass ich pünktlich bin!“, wiederholte Stefan. „Dann laufen wir wenigstens noch eine Runde bis hinauf zur Anschlagtafel und zurück!“, befahl Andreas, während er abhob. Den beiden anderen blieb nichts übrig. Sie verfolgten den Ausreißer. „Sieg!“, jubelte Andreas und bremste scharf ab, während Stefan und Heidi die letzten Meter bewältigten. „Ich lade euch noch auf ein Getränk ein“, freute sich Andreas über seinen Vorsprung. Er rollte zur Eingangstür beim Kaufhaus nebenan. „Ich muss nach Hause“, beteuerte Stefan, „Mami wartet auf mich!“ „Wegen der fünf Minuten ist es auch egal“, beruhigte ihn Heidi. Zu dritt also betraten sie das Kaufhaus, Stefan zögerlich.
Inzwischen war die Sonne verschwunden und mit ihr ein Spätsommertag, der sich mitten in den November verirrt hatte. Explosionsartig drängten die Wolken auseinander. Innerhalb weniger Minuten deutete alles auf Regen hin. Der Wind setzte an und rüttelte die letzten Früchte von den Bäumen. Es tröpfelte bereits, als die Kinder ins Kaufhaus huschten. Das Geschäft lag an der Bundesstraße, die durch den Ort führte.
Kurz bevor die durstigen Sportler das Kaufhaus aufgesucht hatten, hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemand seinen Wagen geparkt, und zwar an einer unauffälligen Stelle. Die Kinder schenkten dem Wagen und dem Lenker keine Beachtung. Der Wagenlenker schenkte den Kindern jedoch größte Beachtung. Besonders der Kleine, der unentschlossen hinter den beiden anderen nachtrödelte, erregte seine Aufmerksamkeit. Gierig behielt der Unbekannte die Eingangstür im Auge. Er wartete. Und er wusste offenbar genau, worauf er wartete.
„Herrliches Wetter“, dachte er. Schon klatschten die ersten schweren Tropfen an die Scheiben. Wie Fetzen wirbelten sie auf Park, Bank, Bankett und Baum, auf Haus, Hof, Hütte und Hollerstauden.
„Was wollt ihr trinken?“, fragte Andreas Heidi und Stefan. „Mir egal“, antwortete Heidi, „du lädst uns ein, also besorge etwas!“ „Ich habe keinen Durst, ich will nach Hause“, jammerte Stefan. „Seht nur, es hat angefangen zu regnen!“, quälte er die beiden anderen weiter. Er umklammerte seinen Helm, den er zuvor abgenommen hatte, und rollte in Richtung Ausgang.
„Halt, bleib da, ich nehme drei Limodosen!“, entschied Andreas auf einmal und fischte die Dosen aus dem Regal heraus. „Dosengetränke sind für mich verboten!“, regte sich Stefan schon wieder auf. „Weißt du, was ich dir sage: Du darfst überhaupt nichts! Du bist die ganze Zeit ekelhaft, wegen jeder Kleinigkeit muss man dich bitten, ob du unter Umständen vielleicht eventuell bereit wärst, auch nur zuzuhören. Was darfst du denn überhaupt?“ Andreas war plötzlich wütend geworden, weil Stefan nicht auf sein Angebot eingehen wollte.
Auch Heidi hielt zu Andreas: „Zier dich nicht wegen jeder Kleinigkeit, Stefan, du bist kein Muttersöhnchen. Ob du ein paar Minuten später nach Hause kommst, ist doch völlig egal. Wir zischen eine Dose hinunter, ich lege noch einen Kaugummi drauf und dann verschwinden wir von hier. Mach kein Theater!“
Sogleich hätte sie ihren Rat gerne zurückgenommen. Stefan nämlich hörte nur mehr „Muttersöhnchen“ und das war ihm zu viel. Er empfand einen Angriff auf seine Mami und auf sich selbst. Er liebte seine Mami, auch wenn sie so streng war. „Muttersöhnchen“ hämmerte es in ihm. Im Nu saß der Helm auf seinem Kopf fest, mit ein paar flotten Schritten schlängelte er sich an der Kasse vorbei. „Muttersöhnchen!“
Er flitzte hinaus. Der starke Regen hinderte ihn keinen Augenblick daran zu beschleunigen und abzuhauen. „Endlich nach Hause“, dachte er. Stefan hetzte über die Straße und mühte sich gegen den Wind den Berg hinauf. „Stefan!“, schrie Heidi ihm nach. Sie wollte ihn im Geschäft zurückhalten. „Halt, mein Fräulein, erst wird bezahlt!“ Die energische dicke Dame an der Kasse beobachtete genau und drohte mit den Fingern. „Ach, der Kaugummi!“, besann sich Heidi und stellte sich in der Reihe an. Wenige Augenblicke später steckte sie ihren Einkauf Andreas zu. „Bis gleich!“, keuchte sie und schwupp – auch Heidi hatte das Geschäft verlassen. Sie kurvte um die Ecke. „Stefan, warte, ich habe es nicht so gemeint!“, wollte sie ihm nachrufen. Sie musste sich mit ihm versöhnen, ehe er zu Hause war. Ekelhafter Regen, wo steckte ihr Freund denn? „Stefan!“

5 Sterne
Die Rasterfahndung, Franz Oberascher - 26.01.2026
Franz Spöcklberger

Es ist dem Autor gelungen, ein relevantes Thema, sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, in einen überzeugenden Plot zu bringen. Der von Anfang bis zum Ende mitreißende Text besticht durch seine schöne Sprache und starke Emotionalität an prädestinierten Stellen, wie dem Weihnachtsfest der Familie Stabauer oder der Rache der Mutter des Opfers an einem gewissenlosen Journalisten.Die Handlung ist eingebettet in das Lokalkolorit des nördlichen Flachgaus und des angrenzenden bairischen Grenzraumes. Cover und Layout sehr ansprechend.Fazit: Sehr (weiter-) empfehlenswert und gewinnbringend als Basislektüre für themenbezogene Klassenlektüre

5 Sterne
Pflichtlektüre für Heranwachsende. nde de ndede - 01.05.2025
H. F.

Spannend und verständlich wird hier ein Problem unserer Zeit aufgegriffen und bearbeitet. Dieses Jugendbuch sollte ein jeder Heranwachsende gelesen haben um sich mit dem Thema Kindesmissbrauch vertraut zu machen. Spannend, kurzweilig erzählt und aufklärend!

5 Sterne
Pflichtlektüre für Heranwachsende. nde de ndede - 01.05.2025
H. F.

Spannend und verständlich wird hier ein Problem unserer Zeit aufgegriffen und bearbeitet. Dieses Jugendbuch sollte ein jeder Heranwachsende gelesen haben um sich mit dem Thema Kindesmissbrauch vertraut zu machen. Spannend, kurzweilig erzählt und aufklärend!

5 Sterne
Spannend bis zum Schluss  - 13.04.2025
pepi h.

wow...je länger ich das Buch las, umso mehr packte mich die Geschichte.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Die Rasterfahndung

Maya Hofer

Zappel und Schlafi – Ein Jahr voller Abenteuer

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder