Die kleine Friedl vom Fürwengerhof
Mit Maxl an der Seite durch Freude und Einsamkeit
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 98
ISBN: 978-3-99146-998-8
Erscheinungsdatum: 12.05.2025
Auf wundersame Weise begegnete Friedl ihrem innigen Freund Maxl, dem jungen Eselhengst.Es ist Liebe auf den ersten Blick. Eine Geschichte, die ergreifend von tiefer Kinderliebe in guten und schlechten Zeiten erzählt.
Einführung
Die Familie Fürwenger lebte in einem stattlichen Vierseithof zwischen sanften grünen Hügeln, Feldern und Wäldern. Der Hof wurde vom Vater in der dritten Generation bewirtschaftet. Eine wunderschöne, von Birken gesäumte Allee führte vom zwei Kilometer entfernten Dorf bis zur Hofeinfahrt. Die hatte der Großvater selbst gepflanzt.
Neben Herrn Fürwenger lebten auf dem Hof seine Frau, die von allen als „Mama“ gerufen wurde, die Tochter Charlotte mit acht Jahren und der Sohn Paul mit fünf Jahren. Die Mutter war wieder schwanger. Schon bald sollte ein weiteres Kind die Familie vergrößern.
Zu dem Hof gehörte das Bauernhaus mit Scheunen, Ställen und Werkstatt. An der Rückseite erstreckte sich ein weitläufiger Obst- und Gemüsegarten. Auf einer Seite des Bauerngartens reihten sich Himbeeren, Brom- und Johannisbeeren. Auf der anderen Seite umrahmten verschiedenste blühende Sträucher den Bauerngarten. Zu jeder Jahreszeit leuchtete es irgendwo farbenfroh.
Wenn der Rosenbogen blühte, ging eine besonders anziehende Strahlkraft von diesem Garten aus. Er bildete den Eingang und war Frau Fürwengers ganzer Stolz. Sie hatte ihn zur Hochzeit geschenkt bekommen. Es rankten schneeweiße und rosarote Rosenblüten um den Bogen und bildeten ein Tor. Für die Kinder war es ihr persönlicher Märchengarten. Da musste man leise sein und vorsichtig. Feenspiele und Verstecken, aber auf jeden Tritt achten!
Für Charlotte war es ein Traum, für Paul nur bedingt.
Es war schon blöd, wenn sich beim Fußballspielen ein Ball in Mamas Heiligtum verirrte, weil Paul ganz schön scharf schießen konnte für sein Alter. Dann schlichen sich die Kinder leise hinein und wollten den Schaden möglichst so vertuschen, dass Mama nichts merkte. Aber Fehlanzeige – Frau Fürwenger kannte wohl jede Blume persönlich. Ihr kam man nicht aus.
Die Blumen waren ihr Hobby, der Obst- und Gemüsegarten ein – sagen wir – gewolltes Soll, das wohl notwendig war, und das bedeutete viel Arbeit: das Gemüse anbauen, Unkraut jäten und gießen. Die Erntezeit war am arbeitsreichsten. Allein war es kaum zu schaffen, all das Obst und Gemüse zu ernten und zu verarbeiten. Die Kinder wurden schon früh zur Mitarbeit erzogen. Dieses Jahr war es noch einmal anders, weil bald das dritte Kind zur Welt kommen sollte und Frau Fürwenger keine körperlich anstrengenden Tätigkeiten mehr verrichten konnte. Zum Glück kam ihre Mutter, von den Kindern liebevoll „Omi“ genannt, für ein paar Wochen zur Unterstützung.
Neben Mama Rosenbogen standen lauschig versteckt zwei Stühle mit Tischchen.
Sobald es das Wetter irgendwie zuließ, saß sie hier oft mit einem Tee oder einem Glas Wein, um die Ruhe zu genießen und den Tag ausklingen zu lassen.
An weniger arbeitsreichen Tagen gesellte sich ihr Mann zu ihr. Man hörte sie leise reden und lachen. Fast wie ein kleines Rendezvous mitten im Alltag.
Willkommen, kleine Friedl
Es war ein Sonntag. Frau Fürwengers Entbindungstermin rückte immer näher.
Charlotte hatte sich unbedingt eine kleine Schwester gewünscht, Paul natürlich einen Bruder. Es blieb ein Geheimnis, genauso wie der Name.
Die Mutter saß gerade mit einer Tasse Tee in ihrem Rosengarten zusammen mit ihrem Mann. Es war ein entspannter sonniger Morgen. Sie hatte schlecht geschlafen, das Baby boxte sie oft gerade dann, wenn sie liegen und schlafen wollte. Man konnte von außen die Abdrücke der Füße erkennen. Sie fragte sich, ob da nicht doch ein kleiner Ringkämpfer in ihre Welt kam. Vielleicht hatten die Ärzte sich geirrt.
Plötzlich hielt sie inne, hielt sich den Bauch – und schaute ihren Mann vielsagend an:
„Es geht los!“
Noch am selben Abend kam das dritte Kind des Ehepaars Fürwenger zur Welt – ein Mädchen. Sie war zierlicher als die beiden ersten Kinder, aber gesund und agil. Sie nannten sie Friederike – im Alltag aber einfach Friedl.
Die ersten Wochen nach der Geburt schlief die kleine Friedl bei den Eltern im Bett. Anders als die beiden ersten Kinder akzeptierte sie keine Flasche und keinen Schnuller. Frau Fürwenger war anfänglich etwas überfordert, musste neue Dinge ausprobieren, obwohl sie doch eigentlich schon wusste, „wie das geht“:
Sie war nervöser als bei den anderen Kindern. Sie achtete beinahe auf jeden Atemzug der Kleinen. Seltsam, wo sie doch schon so viel Erfahrung hatte.
Warum war sie beim dritten Kind auf einmal unsicher?
Bleib bei uns, kleine Friedl
Eines nachts, es war schon Winter geworden, erwachte Mama erschrocken aus einem bösen Traum. Sie war schweißgebadet. Nun war sie wach und lauschte in die dunkle Nacht. Leise hörte sie das gleichmäßige Atmen und das leise Schnarchen ihres Mannes. Aber irgendwas fehlte ihr – der feine Atemzug ihres Babys neben ihr.
„Sie atmet nicht mehr!“ In Panik beugte sie sich zu ihrem Baby hinüber.
Sie atmete ganz flach und glühte vor Fieber.
„Schatz, wach auf. Hilf mir!“, rief Frau Fürwenger und schüttelte ihren Mann ein wenig zu heftig, bis der endlich aufwachte. Sie sprang auf. In Windeseile waren beide Eltern angezogen. Sie packte die kleine Friedl so vorsichtig wie möglich in den weichsten und wärmsten Baby-Schlafsack und wollte hinausstürmen.
Im Flur stürzte sie beinahe über ihre größere Tochter. Die hatte wohl die Aufregung bemerkt und stand in dem Moment, als Frau Fürwenger hinauswollte, vor der Tür. Sie ging auf die Knie, Friedl noch immer fest im Arm, und nahm ihre große Tochter in den Arm.
„Mein Schatz, sei jetzt stark!“, sie nahm das Gesicht ihrer Tochter in beide Hände. „Friedchen geht es nicht gut. Papa und ich fahren in die Notaufnahme ins Krankenhaus. Wir sind in ein paar Stunden wieder da. Ich rufe Oma an, sie ist in einer halben Stunde da und schaut auf euch. Du schaffst das, nicht wahr?!“; mit diesen Worten küsste sie Charlotte auf die Stirn und stürmte hinaus. Papa wartete schon mit laufendem Motor. Man hörte Reifen quietschen – dann war es ganz still.
Charlotte stand einsam und verloren im Flur und konnte noch gar nicht ganz erfassen, was gerade geschehen war. Tränen kullerten ihr übers Gesicht. „Nicht weinen, ich muss doch jetzt groß und stark sein!“, dachte sie, aber das mit dem Stark-Sein war gerade nicht möglich. Wo war nur Omi?
Sie stand ganz in sich selbst versunken mit ihren Schmerzen da, dass sie gar nicht mehr wahrnahm, wie eine Tür knarrte. Eine kleine weiche Kinderhand schob sich in ihre. „Was ist los, Lotti?“ Paul war aufgewacht und stand schlaftrunken in seinem blauen Schlafanzug mit Traktormotiv vor ihr.
„Friedl geht’s schlecht!“, heulte sie los und fiel in die Arme ihres Bruders.
Der Anblick war herzerweichend, als Omi leise die Tür öffnete. Ihre beiden Enkel kauerten verheult und ineinander geschlungen mitten auf dem Fußboden im Flur.
„Mein Gott, kommt her, was ist denn passiert?“, rief sie erschüttert und nahm ihre geliebten Enkel fest in die Arme, eins rechts, eins links.
Im Krankenhaus begann ein Wettlauf gegen die Zeit, um Friedls Fieber zu stoppen.
Sie taten, was in ihrer Macht stand, und die Eltern wurden hinausgeschickt.
So saßen beide auf einer Bank nebeneinander im Gang, unfähig zu sprechen, und hielten einander fest, bis es Herr Fürwenger nicht mehr auf seinem Stuhl aushielt. Wie ein eingesperrtes Tier in seinem Käfig begann er, unruhig auf und ab zu gehen.
Endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit – öffnete sich die Tür und der Oberarzt kam heraus, sichtlich erschöpft meinte er: „Im Moment ist sie stabil, wie lange, wissen wir nicht. Wir müssen die Nacht und den nächsten Morgen abwarten.
Fahren Sie nach Hause. Wir sehen morgen weiter.“ Er wollte sich zum Gehen umwenden, doch Frau Fürwenger stand auf, Tränen blitzten in ihren Augenwinkeln. „Herr Doktor!“, stieß sie nur hervor.
Unwillkürlich drehte sich der Oberarzt noch einmal um. „Sie ist auf Intensiv!“, erklärte er und einen Augenblick war das Leid dieser beiden Eltern so greifbar für ihn, dass ihn beinahe eine Welle des Mitleids überrollt hätte. Doch, professionell wie er war, erlangte er schnell wieder eine freundliche, aber abgrenzende Haltung. Es wäre im Moment nicht möglich, ein Zusatzbett für sie zu organisieren, erklärte er den Eltern sachlich. „Fahren Sie heim, schlafen Sie ein wenig. Die Kleine wird jede Sekunde überwacht – ich verspreche Ihnen, dass wir sofort anrufen, wenn sich etwas verschlechtern sollte.“
Erst jetzt erinnerte sich Frau Fürwenger, in welchem Zustand sie Charlotte hatte stehen lassen, und da war auch noch Paul. Hoffentlich ist Omi rechtzeitig gekommen. Sie hatte heftige Schuldgefühle.
Herr Fürwenger legte den Arm um seine Frau und sie verließen erst zögerlich und dann doch eilig das Krankenhaus. Hoffentlich war zu Hause wenigstens alles in Ordnung.
Als sie zu Hause ankamen, war alles still. Es war zwei Uhr morgens. Sie konnten Omi und die Kinder erst nicht finden. Erst als sie im Elternschlafzimmer nachschauten – da!
Omi saß schlafend aufrecht, rechts und links ein Kind im Arm. Verheulte Taschentücher überall.
Leise, auf Zehenspitzen, schlossen sie die Tür.
Nur schnell noch selber ein wenig schlafen. Sie nahmen das Ersatz-Bettzeug und verzogen sich aufs Sofa.
Doch kaum kam Frau Fürwenger ein wenig zur Ruhe, tauchte das Bild ihrer kleinen Friedl wieder vor ihrem inneren Auge auf. Wie sie da blass allein an den Kabeln und Infusionen hing. Was gäbe sie jetzt darum, sie im Arm halten zu dürfen.
Einfach nur, dass die Kleine Mamas Herzschlag spüren kann. Sie drehte und wendete sich. Ihr tat alles weh. Sie konnte doch nicht ihr eigenes Kind allein in einem Krankenhausbett liegen lassen. Ihr Mann war inzwischen eingeschlafen – unruhig, aber gut –, dann hatte er später Kraft für die anderen Kinder, überlegte sie.
Omi brauchte sicher eine Pause nach dieser Aufregung.
Fest entschlossen stand Mama auf. Es war kalt. Sie musste das Eis von den Fensterscheiben kratzen. Ihr Kopf war nicht sicher, was sie genau tun sollte, ihr Herz schon. Die Kälte in den Fingern und um sie herum machte sie etwas wacher und ihren Kopf etwas klarer. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung und alles würde gut werden. Entschlossen startete sie den Wagen. Es war, als würde er von selbst gelenkt. Auf einmal stand sie schon vor dem Eingang der Notaufnahme. Benommen öffnete sie die Tür. Alles still. Doch auf einmal spürte sie einen Stich in ihrem Herzen, er war so heftig, dass sie vor Schmerzen in die Knie ging. Sie stirbt.
Mama rannte tränenüberströmt Richtung Intensivstation. Ihre Füße taten das von ganz allein. Mitten im Laufen wurde sie plötzlich von einer Person aufgefangen. Es war die Nachtschwester. „Sie kommen genau richtig, wir wollten sie gerade anrufen.“
„Wo ist sie, geben Sie sie mir!“ Die Worte, sie waren nur gehaucht. Doch die kleine zarte Frau hatte in diesem Moment eine Ausstrahlung von derartiger Kraft und Majestät, dass es der Krankenschwester für einen Moment den Atem verschlug.
Sie konnte sich ihrem Bann nicht entziehen. Die beiden Frauen schwebten mehr, als wenn eine unsichtbare Hand sie schieben würde. Sie ließen alle Vorschriften außer Acht. Die Krankenschwester öffnete mechanisch die Tür und löste dieses unendlich zarte Geschöpf von den Kabeln, schaltete alle Maschinen aus.
Mit unendlicher Zärtlichkeit nahm Mama die kleine Friedl auf die Brust und legte sich mit ihr aufs Bett, die Krankenschwester breitete mit einem Gebet eine Decke über die beiden und verließ unbemerkt den Raum.
Mama sagte noch: „Rufen Sie meinen Mann an, in einer halben Stunde. Dann werden wir es wissen. Lassen Sie es lange klingen!“, sagte sie noch.
Der kleine Körper von Friedl war kraftlos. Ihr blasses Köpfchen lag auf Mamas Brust, die sich ruhig hob und senkte – auf und ab. Mama spürte – bei allem Leid –, dass der Körper der kleinen Friedl ruhiger wurde, und sie spürte einen ganz feinen Atem.
Aus ihrem Inneren strömten alle Lieder und Kindergebete, die Mama in ihrer eigenen Kindheit von ihrer Mutter gelernt hatte. Sie sang leise – ruhig, mehr ein Summen ihr ganzes Sein, ein einziges Gebet. Sie bat alle Schutzengel des Himmels um Hilfe – bettelte um die Kraft, annehmen zu können, was auch immer geschehen würde. Sie war ihrem Herzen gefolgt, hatte alles, was in ihrer Macht stand, getan – jetzt konnte sie nur noch abwarten.
Einige Stunden später.
Füße rannten – „Wo ist sie? Wo sind sie?“ Schon von Weitem waren Papas Schritte zu hören und seine Stimme. Auch ihn fing die Nachtschwester im richtigen Moment ab, sie legte die Finger auf den Mund und deutete ihm an, mitzukommen.
Da lag Mama in tiefem Erschöpfungsschlaf, und auf ihrem Bauch die kleine Friedl. Man sah nur ihr Köpfchen aus der Decke herausschauen. Die goldblonden Löckchen klebten an ihrer Stirn. Ihr Gesicht wirkte blass und eingefallen – aber ein Hauch, ein zarter Hauch von Rosa auf ihren Wangen.
Herr Fürwenger war ein gestandener Kerl, den so schnell nichts umwarf, aber in diesem Moment sprangen auch ihm spontan die Tränen in die Augen, nein, eher ein Sturzbach an Tränen. Er schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, sich zu fassen. Er hatte diese Nacht zwar ein paar Stunden geschlafen – aber er wurde von einem schrecklichen Alptraum geplagt. Eine Stimme rief nach ihm. Erst so leise, dass er es nicht hören konnte. Er musste im Traum alle Aufmerksamkeit aufbringen und sich konzentrieren. Und mit der Zeit merkte er, dass es zwei Stimmen waren – ganz leise, ganz feine, kaum hörbar. Es dauerte im Traum unendlich lange, bis er endlich begriff, dass seine Frau und seine kleine Tochter nach ihm riefen. Einen Moment lang konnte er das Bild sehen, wie seine Frau mit Friedl auf dem Bauch im Bett lag. Im Traum wollte er aufstehen und losrennen. Er wollte zu ihnen – er musste doch seine kleine Tochter retten und seiner Frau helfen.
...
Die Familie Fürwenger lebte in einem stattlichen Vierseithof zwischen sanften grünen Hügeln, Feldern und Wäldern. Der Hof wurde vom Vater in der dritten Generation bewirtschaftet. Eine wunderschöne, von Birken gesäumte Allee führte vom zwei Kilometer entfernten Dorf bis zur Hofeinfahrt. Die hatte der Großvater selbst gepflanzt.
Neben Herrn Fürwenger lebten auf dem Hof seine Frau, die von allen als „Mama“ gerufen wurde, die Tochter Charlotte mit acht Jahren und der Sohn Paul mit fünf Jahren. Die Mutter war wieder schwanger. Schon bald sollte ein weiteres Kind die Familie vergrößern.
Zu dem Hof gehörte das Bauernhaus mit Scheunen, Ställen und Werkstatt. An der Rückseite erstreckte sich ein weitläufiger Obst- und Gemüsegarten. Auf einer Seite des Bauerngartens reihten sich Himbeeren, Brom- und Johannisbeeren. Auf der anderen Seite umrahmten verschiedenste blühende Sträucher den Bauerngarten. Zu jeder Jahreszeit leuchtete es irgendwo farbenfroh.
Wenn der Rosenbogen blühte, ging eine besonders anziehende Strahlkraft von diesem Garten aus. Er bildete den Eingang und war Frau Fürwengers ganzer Stolz. Sie hatte ihn zur Hochzeit geschenkt bekommen. Es rankten schneeweiße und rosarote Rosenblüten um den Bogen und bildeten ein Tor. Für die Kinder war es ihr persönlicher Märchengarten. Da musste man leise sein und vorsichtig. Feenspiele und Verstecken, aber auf jeden Tritt achten!
Für Charlotte war es ein Traum, für Paul nur bedingt.
Es war schon blöd, wenn sich beim Fußballspielen ein Ball in Mamas Heiligtum verirrte, weil Paul ganz schön scharf schießen konnte für sein Alter. Dann schlichen sich die Kinder leise hinein und wollten den Schaden möglichst so vertuschen, dass Mama nichts merkte. Aber Fehlanzeige – Frau Fürwenger kannte wohl jede Blume persönlich. Ihr kam man nicht aus.
Die Blumen waren ihr Hobby, der Obst- und Gemüsegarten ein – sagen wir – gewolltes Soll, das wohl notwendig war, und das bedeutete viel Arbeit: das Gemüse anbauen, Unkraut jäten und gießen. Die Erntezeit war am arbeitsreichsten. Allein war es kaum zu schaffen, all das Obst und Gemüse zu ernten und zu verarbeiten. Die Kinder wurden schon früh zur Mitarbeit erzogen. Dieses Jahr war es noch einmal anders, weil bald das dritte Kind zur Welt kommen sollte und Frau Fürwenger keine körperlich anstrengenden Tätigkeiten mehr verrichten konnte. Zum Glück kam ihre Mutter, von den Kindern liebevoll „Omi“ genannt, für ein paar Wochen zur Unterstützung.
Neben Mama Rosenbogen standen lauschig versteckt zwei Stühle mit Tischchen.
Sobald es das Wetter irgendwie zuließ, saß sie hier oft mit einem Tee oder einem Glas Wein, um die Ruhe zu genießen und den Tag ausklingen zu lassen.
An weniger arbeitsreichen Tagen gesellte sich ihr Mann zu ihr. Man hörte sie leise reden und lachen. Fast wie ein kleines Rendezvous mitten im Alltag.
Willkommen, kleine Friedl
Es war ein Sonntag. Frau Fürwengers Entbindungstermin rückte immer näher.
Charlotte hatte sich unbedingt eine kleine Schwester gewünscht, Paul natürlich einen Bruder. Es blieb ein Geheimnis, genauso wie der Name.
Die Mutter saß gerade mit einer Tasse Tee in ihrem Rosengarten zusammen mit ihrem Mann. Es war ein entspannter sonniger Morgen. Sie hatte schlecht geschlafen, das Baby boxte sie oft gerade dann, wenn sie liegen und schlafen wollte. Man konnte von außen die Abdrücke der Füße erkennen. Sie fragte sich, ob da nicht doch ein kleiner Ringkämpfer in ihre Welt kam. Vielleicht hatten die Ärzte sich geirrt.
Plötzlich hielt sie inne, hielt sich den Bauch – und schaute ihren Mann vielsagend an:
„Es geht los!“
Noch am selben Abend kam das dritte Kind des Ehepaars Fürwenger zur Welt – ein Mädchen. Sie war zierlicher als die beiden ersten Kinder, aber gesund und agil. Sie nannten sie Friederike – im Alltag aber einfach Friedl.
Die ersten Wochen nach der Geburt schlief die kleine Friedl bei den Eltern im Bett. Anders als die beiden ersten Kinder akzeptierte sie keine Flasche und keinen Schnuller. Frau Fürwenger war anfänglich etwas überfordert, musste neue Dinge ausprobieren, obwohl sie doch eigentlich schon wusste, „wie das geht“:
Sie war nervöser als bei den anderen Kindern. Sie achtete beinahe auf jeden Atemzug der Kleinen. Seltsam, wo sie doch schon so viel Erfahrung hatte.
Warum war sie beim dritten Kind auf einmal unsicher?
Bleib bei uns, kleine Friedl
Eines nachts, es war schon Winter geworden, erwachte Mama erschrocken aus einem bösen Traum. Sie war schweißgebadet. Nun war sie wach und lauschte in die dunkle Nacht. Leise hörte sie das gleichmäßige Atmen und das leise Schnarchen ihres Mannes. Aber irgendwas fehlte ihr – der feine Atemzug ihres Babys neben ihr.
„Sie atmet nicht mehr!“ In Panik beugte sie sich zu ihrem Baby hinüber.
Sie atmete ganz flach und glühte vor Fieber.
„Schatz, wach auf. Hilf mir!“, rief Frau Fürwenger und schüttelte ihren Mann ein wenig zu heftig, bis der endlich aufwachte. Sie sprang auf. In Windeseile waren beide Eltern angezogen. Sie packte die kleine Friedl so vorsichtig wie möglich in den weichsten und wärmsten Baby-Schlafsack und wollte hinausstürmen.
Im Flur stürzte sie beinahe über ihre größere Tochter. Die hatte wohl die Aufregung bemerkt und stand in dem Moment, als Frau Fürwenger hinauswollte, vor der Tür. Sie ging auf die Knie, Friedl noch immer fest im Arm, und nahm ihre große Tochter in den Arm.
„Mein Schatz, sei jetzt stark!“, sie nahm das Gesicht ihrer Tochter in beide Hände. „Friedchen geht es nicht gut. Papa und ich fahren in die Notaufnahme ins Krankenhaus. Wir sind in ein paar Stunden wieder da. Ich rufe Oma an, sie ist in einer halben Stunde da und schaut auf euch. Du schaffst das, nicht wahr?!“; mit diesen Worten küsste sie Charlotte auf die Stirn und stürmte hinaus. Papa wartete schon mit laufendem Motor. Man hörte Reifen quietschen – dann war es ganz still.
Charlotte stand einsam und verloren im Flur und konnte noch gar nicht ganz erfassen, was gerade geschehen war. Tränen kullerten ihr übers Gesicht. „Nicht weinen, ich muss doch jetzt groß und stark sein!“, dachte sie, aber das mit dem Stark-Sein war gerade nicht möglich. Wo war nur Omi?
Sie stand ganz in sich selbst versunken mit ihren Schmerzen da, dass sie gar nicht mehr wahrnahm, wie eine Tür knarrte. Eine kleine weiche Kinderhand schob sich in ihre. „Was ist los, Lotti?“ Paul war aufgewacht und stand schlaftrunken in seinem blauen Schlafanzug mit Traktormotiv vor ihr.
„Friedl geht’s schlecht!“, heulte sie los und fiel in die Arme ihres Bruders.
Der Anblick war herzerweichend, als Omi leise die Tür öffnete. Ihre beiden Enkel kauerten verheult und ineinander geschlungen mitten auf dem Fußboden im Flur.
„Mein Gott, kommt her, was ist denn passiert?“, rief sie erschüttert und nahm ihre geliebten Enkel fest in die Arme, eins rechts, eins links.
Im Krankenhaus begann ein Wettlauf gegen die Zeit, um Friedls Fieber zu stoppen.
Sie taten, was in ihrer Macht stand, und die Eltern wurden hinausgeschickt.
So saßen beide auf einer Bank nebeneinander im Gang, unfähig zu sprechen, und hielten einander fest, bis es Herr Fürwenger nicht mehr auf seinem Stuhl aushielt. Wie ein eingesperrtes Tier in seinem Käfig begann er, unruhig auf und ab zu gehen.
Endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit – öffnete sich die Tür und der Oberarzt kam heraus, sichtlich erschöpft meinte er: „Im Moment ist sie stabil, wie lange, wissen wir nicht. Wir müssen die Nacht und den nächsten Morgen abwarten.
Fahren Sie nach Hause. Wir sehen morgen weiter.“ Er wollte sich zum Gehen umwenden, doch Frau Fürwenger stand auf, Tränen blitzten in ihren Augenwinkeln. „Herr Doktor!“, stieß sie nur hervor.
Unwillkürlich drehte sich der Oberarzt noch einmal um. „Sie ist auf Intensiv!“, erklärte er und einen Augenblick war das Leid dieser beiden Eltern so greifbar für ihn, dass ihn beinahe eine Welle des Mitleids überrollt hätte. Doch, professionell wie er war, erlangte er schnell wieder eine freundliche, aber abgrenzende Haltung. Es wäre im Moment nicht möglich, ein Zusatzbett für sie zu organisieren, erklärte er den Eltern sachlich. „Fahren Sie heim, schlafen Sie ein wenig. Die Kleine wird jede Sekunde überwacht – ich verspreche Ihnen, dass wir sofort anrufen, wenn sich etwas verschlechtern sollte.“
Erst jetzt erinnerte sich Frau Fürwenger, in welchem Zustand sie Charlotte hatte stehen lassen, und da war auch noch Paul. Hoffentlich ist Omi rechtzeitig gekommen. Sie hatte heftige Schuldgefühle.
Herr Fürwenger legte den Arm um seine Frau und sie verließen erst zögerlich und dann doch eilig das Krankenhaus. Hoffentlich war zu Hause wenigstens alles in Ordnung.
Als sie zu Hause ankamen, war alles still. Es war zwei Uhr morgens. Sie konnten Omi und die Kinder erst nicht finden. Erst als sie im Elternschlafzimmer nachschauten – da!
Omi saß schlafend aufrecht, rechts und links ein Kind im Arm. Verheulte Taschentücher überall.
Leise, auf Zehenspitzen, schlossen sie die Tür.
Nur schnell noch selber ein wenig schlafen. Sie nahmen das Ersatz-Bettzeug und verzogen sich aufs Sofa.
Doch kaum kam Frau Fürwenger ein wenig zur Ruhe, tauchte das Bild ihrer kleinen Friedl wieder vor ihrem inneren Auge auf. Wie sie da blass allein an den Kabeln und Infusionen hing. Was gäbe sie jetzt darum, sie im Arm halten zu dürfen.
Einfach nur, dass die Kleine Mamas Herzschlag spüren kann. Sie drehte und wendete sich. Ihr tat alles weh. Sie konnte doch nicht ihr eigenes Kind allein in einem Krankenhausbett liegen lassen. Ihr Mann war inzwischen eingeschlafen – unruhig, aber gut –, dann hatte er später Kraft für die anderen Kinder, überlegte sie.
Omi brauchte sicher eine Pause nach dieser Aufregung.
Fest entschlossen stand Mama auf. Es war kalt. Sie musste das Eis von den Fensterscheiben kratzen. Ihr Kopf war nicht sicher, was sie genau tun sollte, ihr Herz schon. Die Kälte in den Fingern und um sie herum machte sie etwas wacher und ihren Kopf etwas klarer. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung und alles würde gut werden. Entschlossen startete sie den Wagen. Es war, als würde er von selbst gelenkt. Auf einmal stand sie schon vor dem Eingang der Notaufnahme. Benommen öffnete sie die Tür. Alles still. Doch auf einmal spürte sie einen Stich in ihrem Herzen, er war so heftig, dass sie vor Schmerzen in die Knie ging. Sie stirbt.
Mama rannte tränenüberströmt Richtung Intensivstation. Ihre Füße taten das von ganz allein. Mitten im Laufen wurde sie plötzlich von einer Person aufgefangen. Es war die Nachtschwester. „Sie kommen genau richtig, wir wollten sie gerade anrufen.“
„Wo ist sie, geben Sie sie mir!“ Die Worte, sie waren nur gehaucht. Doch die kleine zarte Frau hatte in diesem Moment eine Ausstrahlung von derartiger Kraft und Majestät, dass es der Krankenschwester für einen Moment den Atem verschlug.
Sie konnte sich ihrem Bann nicht entziehen. Die beiden Frauen schwebten mehr, als wenn eine unsichtbare Hand sie schieben würde. Sie ließen alle Vorschriften außer Acht. Die Krankenschwester öffnete mechanisch die Tür und löste dieses unendlich zarte Geschöpf von den Kabeln, schaltete alle Maschinen aus.
Mit unendlicher Zärtlichkeit nahm Mama die kleine Friedl auf die Brust und legte sich mit ihr aufs Bett, die Krankenschwester breitete mit einem Gebet eine Decke über die beiden und verließ unbemerkt den Raum.
Mama sagte noch: „Rufen Sie meinen Mann an, in einer halben Stunde. Dann werden wir es wissen. Lassen Sie es lange klingen!“, sagte sie noch.
Der kleine Körper von Friedl war kraftlos. Ihr blasses Köpfchen lag auf Mamas Brust, die sich ruhig hob und senkte – auf und ab. Mama spürte – bei allem Leid –, dass der Körper der kleinen Friedl ruhiger wurde, und sie spürte einen ganz feinen Atem.
Aus ihrem Inneren strömten alle Lieder und Kindergebete, die Mama in ihrer eigenen Kindheit von ihrer Mutter gelernt hatte. Sie sang leise – ruhig, mehr ein Summen ihr ganzes Sein, ein einziges Gebet. Sie bat alle Schutzengel des Himmels um Hilfe – bettelte um die Kraft, annehmen zu können, was auch immer geschehen würde. Sie war ihrem Herzen gefolgt, hatte alles, was in ihrer Macht stand, getan – jetzt konnte sie nur noch abwarten.
Einige Stunden später.
Füße rannten – „Wo ist sie? Wo sind sie?“ Schon von Weitem waren Papas Schritte zu hören und seine Stimme. Auch ihn fing die Nachtschwester im richtigen Moment ab, sie legte die Finger auf den Mund und deutete ihm an, mitzukommen.
Da lag Mama in tiefem Erschöpfungsschlaf, und auf ihrem Bauch die kleine Friedl. Man sah nur ihr Köpfchen aus der Decke herausschauen. Die goldblonden Löckchen klebten an ihrer Stirn. Ihr Gesicht wirkte blass und eingefallen – aber ein Hauch, ein zarter Hauch von Rosa auf ihren Wangen.
Herr Fürwenger war ein gestandener Kerl, den so schnell nichts umwarf, aber in diesem Moment sprangen auch ihm spontan die Tränen in die Augen, nein, eher ein Sturzbach an Tränen. Er schlug die Hände vors Gesicht und versuchte, sich zu fassen. Er hatte diese Nacht zwar ein paar Stunden geschlafen – aber er wurde von einem schrecklichen Alptraum geplagt. Eine Stimme rief nach ihm. Erst so leise, dass er es nicht hören konnte. Er musste im Traum alle Aufmerksamkeit aufbringen und sich konzentrieren. Und mit der Zeit merkte er, dass es zwei Stimmen waren – ganz leise, ganz feine, kaum hörbar. Es dauerte im Traum unendlich lange, bis er endlich begriff, dass seine Frau und seine kleine Tochter nach ihm riefen. Einen Moment lang konnte er das Bild sehen, wie seine Frau mit Friedl auf dem Bauch im Bett lag. Im Traum wollte er aufstehen und losrennen. Er wollte zu ihnen – er musste doch seine kleine Tochter retten und seiner Frau helfen.
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