Der verbotene Park

Der verbotene Park

Hubertus von Wick


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 258
ISBN: 978-3-99131-240-6
Erscheinungsdatum: 23.02.2022
Tobias ist gerade erst mit seiner Mutter aus der Stadt in das langweilige Dolben gezogen, wo scheinbar auch gar nichts los ist. Das ändert sich aber rasch, als er mit Philipp und Mareike Freundschaft schließt und gemeinsam mit ihnen auf Erkundungstour geht.
Die Hexe und der verbotene Park

„Lass uns durchs alte Dorf gehen“, schlug Tobias vor. „Dann kannst du mir gleich mal zeigen, wo man hier einkauft.“
Philipp war einverstanden. Er hatte sein Rad bei Tobias vor der Haustür angeschlossen, als er hörte, dass dessen Fahrrad noch in der Werkstatt war. So marschierten sie los, ein Stück den Hasenring hinunter, dann links durch eine noch unbefestigte Seitenstraße und schließlich quer über ein unbebautes Grundstück, auf dem ein riesiger Berg Mutterboden lag. Sie kletterten rutschend und auf allen vieren den Berg hinauf und rannten ihn auf der anderen Seite wieder hinunter. Dann stiegen sie über einen kleinen Staketenzaun, schlichen über ein fremdes Grundstück und erreichten den alten Dorfkern von Dolben.
Das alte Dolben war sehr idyllisch. Neben der schmalen Durchgangsstraße lag der Dorfteich umringt von kleinen Fachwerkhäusern, deren Dächer sich beinahe berührten. Ähnlich kleine Häuser standen rechts und links der Straße, manche noch mit Reet gedeckt, unterbrochen von etwas größeren Häusern, die neueren Datums waren und kleine Läden beherbergten. Dort gab es eine Bäckerei, eine Fleischerei, ein Schreibwarengeschäft, das auch Spielsachen führte, und ein kleines Bekleidungsgeschäft. Davon würde Tobias seiner Mutter sicherheitshalber nichts erzählen.
„Komm, wir quetschen uns zwischen den Fachwerkhäusern durch und schauen mal, wie es auf der Rückseite weitergeht“, schlug Philipp vor.
Sie gingen am Dorfteich vorbei und scheuchten dabei ein Entenpaar auf. Dann tauchten sie in den finsteren Schlund ein, den die beiden Hauswände mit ihren gerade einmal anderthalb Metern Zwischenraum ließen. Sie hörten Stimmen auf der Rückseite und hielten einen Augenblick inne.
„Warte einen Moment“, raunte Tobias seinem Freund zu und hielt ihn an der Schulter zurück.
„Wir können da nicht so einfach durchspazieren, wenn dahinter Leute sind.“
Philipp legte seinen Zeigefinger auf den Mund, um Tobias zu bedeuten, er solle leise sein, und schlich vorsichtig weiter die Hauswand entlang zum rückwärtigen Teil des Gebäudes. Tobias folgte ihm wenige Schritte auf Zehenspitzen, als er plötzlich eine fast lautlose Bewegung hinter sich wahrnahm. Er wirbelte herum und blieb erstarrt stehen. Direkt vor ihm stand eine alte Frau in einem schwarzen Umhang. Ihr hässliches zerknittertes Gesicht sah aus, als trüge sie eine Maske, und ihre Augen funkelten ihn böse an. Für einen Augenblick dachte Tobias, sein Herz bliebe stehen. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf. Er dachte an Flucht, kam aber an der Frau, die ihn an eine Märchenhexe erinnerte, nicht vorbei. Nach hinten herauszuflüchten war ebenfalls nicht möglich, dann hätte er wahrscheinlich gleich mehrere Leute auf dem Hals. Und auf Philipp zu hoffen war aussichtslos: der war genauso gefangen wie er selbst.
Also hieß es, sich seinem Schicksal zu ergeben, was wohl mindestens eine Standpauke bedeutete. Doch es kam anders. Vollkommen unerwartet spuckte die Alte ihm ins Gesicht und packte ihn an der Schulter. Während sie ihn schüttelte, zischte sie ihn in einem eigenartig heiser-krächzenden Ton an:
„Geht nicht hin. Keiner darf hinein. Es ist verboten. Im Park wohnt der Tod. Niemand kommt aus dem verbotenen Park zurück.“
Während Tobias noch wie angenagelt und schreckensbleich vor der alten Hexe stand, hatte Philipp schon reagiert. Er hatte das Geräusch des Spuckens gehört, sich umgedreht und die beiden voreinander stehen sehen. Er war herbeigeeilt und hatte gerade noch die letzten Worte der Frau aufgeschnappt. Jetzt riss er Tobias von dem eisernen Griff der Alten los und zerrte ihn zur Rückseite der Häuser hin. Tobias’ Lebensgeister kehrten zurück, er stürzte fast, fing sich aber wieder und folgte Philipp dann mit schnellen Schritten.
„Los, nach hinten raus!“, kommandierte der und hatte das Ende des finsteren schmalen Ganges schon fast erreicht.
„Auch Ihr kommt nicht zurück“, rief ihnen die Alte mit heiserer Stimme nach. „Es ist verboten!“
Entgegen ihrer Erwartung öffneten sich hinter den gedrungenen Fachwerkhäusern keine Gärten, sondern ein Stückchen Wiese, hinter dem sich quer zu den Häusern ein unbefestigter Weg aus dem Dorf herausschlängelte.
Die Jungen hetzten den Weg hinunter und sprangen hinter dem Dorf in einen tiefen Graben, der zu ihrem Glück noch kein Wasser führte, weil der September sehr trocken gewesen war. Die Böschungen des Grabens waren mit hohem Gras bewachsen. Hier waren sie erst einmal in Sicherheit.
„Bäh, so ein Schwein“, erregte sich Tobias und wischte sich mit seinem Hemd das Gesicht trocken. „Rotzt die mir glatt ins Gesicht!“
„Die war doch nicht ganz frisch“, meinte Philipp noch ganz außer Atem. „Oder war sie besoffen?“
„Ist mir ziemlich egal“, schimpfte Tobias. „Es war jedenfalls ekelhaft. Alte Hexe!“
Mit einem anderen Stück seines Hemdes wischte er sich noch einmal durchs Gesicht.
„Was wollte die eigentlich von uns?“, fragte Philipp und lugte vorsichtig über den Böschungsrand hinaus.
„Die hat nur herumgesponnen“, meinte Tobias und würgte sein Hemd wieder in die Hose. „Aus irgendeinem verbotenen Park kämen wir nicht wieder zurück, weil da der Tod lauert, oder so.“
„Klingt ziemlich verkalkt“, lachte Philipp.
Eine Wiesenschnake, im Volksmund „Schneider“ genannt, tänzelte schwerfällig in der Nachmittagssonne zwischen ihnen hindurch und berührte mit ihren langen Beinen zweimal wippend Philipps Haar.
Der vertrieb sie, indem er energisch den Kopf schüttelte.
„Wollen wir weiter? Die Luft ist rein.“
Tobias nickte, wischte sich noch einmal mit dem Handrücken über Mund und Nase und erhob sich. Sie kletterten aus dem Graben und orientierten sich erst einmal, um festzustellen, wo sie waren.
Vor ihnen lag das alte Dorf, im Hintergrund, etwas nach Süden versetzt, ragte ein Kran in die Lüfte, der im Neubaugebiet stand, das von hier aus selbst aber nicht zu sehen war. Der Weg, auf dem sie standen, führte vom Dorf weg auf ein kleines Wäldchen zu, in das sich ein kleines Haus hineinduckte, als wolle es sich verstecken.
Die Jungen hatten das Haus fast gleichzeitig entdeckt und schauten sich an.
„Wollen wir hin?“, fragte Tobias.
„Ich liebe alte Häuser“, lachte Philipp und trabte los.
Nach der Erfahrung von eben blieben sie zunächst in vorsichtigem Abstand von dem kleinen Gebäude stehen. Es sah einem Friesenhäuschen sehr ähnlich, wie Tobias es im letzten Jahr in Schleswig-Holstein kennengelernt hatte, als er mit dem Sportverein an der Nordsee war. Das schmale Mittelteil ragte schlank in die Höhe, während rechts und links von ihm die Dachflächen nach vorn zeigten. Diese tief heruntergezogenen Flächen vermittelten tatsächlich den Eindruck, als ducke sich das Haus. Kleine Sprossenfenster hingen ein wenig schief in ihren Fensteröffnungen, und die Haustür bestand aus schweren, zusammengezimmerten Bohlen, die irgendwann einmal mit Farbe angestrichen gewesen waren. Jetzt allerdings sah man nur noch kleine Reste abblätternder Farbe, die darauf hindeuteten, dass die Tür einmal blau gewesen sein musste. Im schlanken Mittelteil des Hauses, über der Haustür, verschloss ein Fensterladen eine kleine Luke.

Überrascht waren die Jungen, dass im rechten Teil des Hauses noch Gardinen hingen, auch wenn sie bestimmt schon Jahre lang nicht mehr gewaschen worden waren. Der linke Teil des Hauses sah unbewohnt aus.
„Da wohnt noch jemand“, stellte Philipp leise fest.
„Lass uns hinten herum gehen“, raunte Tobias. „Ich habe keine Lust, mich heute noch einmal anspucken zu lassen.“
In großem Bogen umgingen sie das Haus, kletterten über einen Graben und gelangten bald an eine mindestens zwei Meter hohe Mauer aus Feldsteinen, die dicht mit Efeu überwuchert war.
„Wahnsinn“, staunte Philipp, „das muss ein riesiges Grundstück sein. Hast du gesehen, wie lang diese Mauer ist?“
„Hundert Meter, schätze ich, und hinter Bäumen völlig versteckt. Von draußen nicht zu sehen.“
„Ob das alles zu dem kleinen Häuschen da vorne gehört?“, überlegte Philipp.
„Wäre möglich. Mich würde brennend interessieren, wie es hinter dieser Mauer aussieht“, meinte Tobias und schaute sich suchend nach einer Möglichkeit um, die Mauer zu überwinden.

„Wenn das Grundstück zum Haus gehört, ist es mit Sicherheit kein gepflegter Garten“, vermutete Philipp. „Lass uns ein Stück an der Mauer entlanggehen, vielleicht finden wir eine Stelle, an der wir hinaufklettern können.“
So marschierten sie im Gänsemarsch die Mauer entlang und schauten nach einer Lücke, durch die sie hindurchgelangen konnten. Die Mauer erwies sich aber im Gegensatz zu dem Haus als außerordentlich gut erhalten, und sie fanden kein einziges Loch. Vielleicht lag es daran, dass die Mauer in ihrer gesamten Länge von Schwarzerlen und Birken eingefasst war und ihr auf diese Weise über all die Jahre Schutz geboten hatten. Nach fast hundert Metern endlich knickte die Mauer rechtwinklig ab. Und auf der Stirnseite des Grundstückes hatten sie Glück. Eine Birke war bei einem der letzten Stürme entwurzelt worden und von außen gegen die Mauer gefallen. Sie stand da wie eine Leiter an die Mauer gelehnt und forderte die Jungen geradezu auf, an ihrem Stamm emporzuklettern.
Tobias machte den Anfang. Auf allen vieren zog er sich vorsichtig nach oben und bemühte sich, vom Stamm nicht abzurutschen. Er hatte Glück, dass am oberen Teil des immer schmaler werdenden Stammes rechts und links genügend kleine Äste abgingen, die er als Haltegriffe nutzen konnte.
„Ich bin oben“, meldete er an Philipp weiter, als er vom Stamm auf die Mauer gesprungen war.
Philipp hatte auch schon die Hälfte des Aufstiegs hinter sich gebracht.
„Wie viel Platz ist da oben?“, fragte er hinauf.
„Fünfzig Zentimeter, schätze ich“, gab Tobias zurück und streckte seine Hand aus, um seinen Freund das letzte Stückchen auf die Mauerkrone herüberzuziehen.
„Mann, staunte Philipp. „Ein verwilderter Park.“
„Park?“, stutzte Tobias und schaute Philipp überrascht an. „Glaubst du, das ist der verbotene Park, von dem die alte Hexe gefaselt hat?“
„Wäre auf jeden Fall spannend“, grinste Philipp. „Wir sollten mal ausprobieren, ob da unten tatsächlich der Tod lauert.“
„Und wenn er uns geschnappt hat, erscheinen wir der Alten als Gespenster, spucken ihr ins Gesicht und wimmern: „Alte, du hattest ja so recht!“
Tobias sagte das in einer solchen Grabesstimme, dass Philipp vor lauter Lachen fast von der Mauer fiel.
„So, und wie kommen wir da jetzt herunter?“, fragte Tobias, als sich Philipp beruhigt hatte.
„Ganz einfach: springen!“ Und er machte einen gewaltigen Satz von der Mauer in das Innere des Parks.
„Bist du verrückt?“, rief Tobias erschrocken herunter. „Da kommst du nie wieder heraus! Oder siehst du irgendwo eine Leiter?“
„Oh, Mist, daran habe ich gar nicht gedacht“, erwiderte Philipp und schaute sich nach einem Hilfsmittel um, mit dem er auf die Mauer zurückgelangen konnte. Dann schüttelte er den
Kopf.
„Keine Leiter in Sicht. Aber wenn du auch herunterkommst, können wir eine Räuberleiter machen. Ich ziehe dich dann von oben auf die Mauerkrone.“
„Witzbold! Dann kann ich dich auch gleich selbst auf die Mauer ziehen!“, sagte Tobias und tippte sich an die Stirn.
„Aber dann können wir den Park vorher nicht mehr erkunden“, grinste Philipp.
„Also gut, probieren wir’s“, stimmte Tobias zu und sprang hinunter. „Wenn das mit deiner Räuberleiter nachher nicht klappt, sind wir hier gefangen“, gab er zu bedenken, als er sich aufgerappelt hatte.
5 Sterne
Super - 30.03.2022
Thomas K.

Auch als Erwachsener habe ich das Buch mit Freude und Spannung gelesen. Und ganz unaufdringlich erklärt es fast nebenbei, dass man manches ganz anders sieht, bzw. sehen kann, wenn man vorher miteinander gesprochen hat. Toll!Ich bin sehr gespannt auf weitere Veröffentlichungen!

Das könnte ihnen auch gefallen :

Der verbotene Park

Brunhilde Angelika Schlüter

Ein Zebra wünscht sich bunte Streifen

Buchbewertung:
*Pflichtfelder