8 - 10 Jahre

Das silberne Land

Rainer Beekes

Das silberne Land

und andere Abenteuer von Anna, Clara, Tim und Tom

Leseprobe:

Annas und Claras Abenteuer bei Oma
Anna kommt an

Anna war glücklich! Es waren Osterferien und sie durfte zu ihrer Oma aufs Land fahren! Oma wohnte in einem alten Haus mit einem großen Hof am Rande einer kleinen Stadt. Es war fast wie in einem Dorf und man konnte dort immer etwas erleben, zum Beispiel im Wald spielen oder prima Rad fahren. Oma hatte deshalb extra ein Fahrrad angeschafft, wenn Anna zu Besuch kam. Und noch etwas war neu für Anna. Zum ersten Mal durfte sie allein mit der Bahn fahren! Ihre Eltern brachten sie zum Bahnhof und setzten sie in den Zug. Anna war schon oft mit dem Zug zu Oma gefahren. Sie wusste genau, wo sie aussteigen musste. Aber es war doch etwas Besonderes, zum ersten Mal alleine zu fahren, und Anna war sehr stolz darauf. Und es gab noch etwas, worauf sie sich freute. Nicht weit von Omas Haus wohnte ihre Freundin Clara, die so alt war wie Anna. Zusammen hatten sie schon viel unternommen, wann immer Anna bei Oma gewesen war.
Nachdem sie ihren Koffer und ihren Rucksack auf dem Nebensitz verstaut hatte, winkte sie durch das Zugfenster ihren Eltern zum Abschied. Dann setzte sich der Zug in Bewegung und die beiden ihr so vertrauten Gestalten wurden immer kleiner und kleiner, bis der Zug schließlich um eine Kurve und dann über Land fuhr. Zu beiden Seiten dehnten sich Weizenfelder aus. Es war warm und Anna öffnete das Fenster, um die frische Luft zu genießen. Der Schaffner, der ihre Fahrkarte kontrollierte, war sehr freundlich und wünschte ihr noch eine gute Reise. Anna setzte sich wieder auf ihren Platz und holte aus ihrem Rucksack eine Flasche Limonade und ein Kinderbuch hervor. Die Fahrt würde zwei Stunden dauern, sie hatte also genug Zeit, es sich gemütlich zu machen. Tatsächlich hatte sie das Buch schon nach einer Stunde ausgelesen und begann, sich zu langweilen. Sie wünschte, sie hätte ein etwas anspruchsvolleres Buch mitgenommen. Aber das war nun nicht mehr zu ändern und so verbrachte Anna die restliche Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen. Endlich tauchten die ersten Häuser auf und dann war es endlich so weit – der Zug fuhr in den Bahnhof ein.
Auf dem Bahnsteig stand schon Annas Oma. Sie erkannte Anna sofort und winkte ihr fröhlich zu. Anna winkte zurück und machte sich dann gleich daran, auszusteigen. Sie umarmte Oma, denn Anna mochte ihre Oma sehr und Oma mochte Anna natürlich auch.
„Wie war die Reise?“, fragte Oma. Anna erzählte ihr von dem Buch, der Landschaft und der Langeweile. Vor dem Bahnhof wartete schon die nächste Überraschung auf Anna – Clara war da, um sie abzuholen! Sie wartete bei dem Taxi, das sie und Oma hergebracht hatte und mit dem sie nun wieder zurückfahren würden. Anna stürmte sofort auf Clara zu und umarmte sie.
Der Taxifahrer half Oma, Annas Gepäck im Kofferraum zu verstauen, und dann ging es los. Natürlich hatten sich Anna und Clara viel zu erzählen und Oma hörte ihnen zu.
Zu Hause angekommen brachte Anna erst einmal ihren Koffer und ihren Rucksack in ihr Zimmer. Es war ein schönes altes Zimmer, dessen Wände ganz mit hellem Holz verkleidet waren. Ihr Fenster ging hi­naus auf den Hof, hinter dem ein Bach floss. Dahinter begann schon der Wald, der im Dunkeln ganz schön unheimlich aussehen konnte. Am Abend war Anna froh, zu Hause zu sein. Sie kuschelte sich dann in ihr weiches Bett und las noch ein wenig vor dem Einschlafen. Lange wollte sie aber nicht ihren Gedanken nachhängen, denn Oma hatte bereits angekündigt, dass es aus Anlass ihrer Ankunft Kakao und Schokoladenkuchen geben würde. Und wer Omas Schokoladenkuchen kannte, der ließ sie nicht warten! Oma buk für Anna die leckersten Kuchen der Welt. Und so saßen Anna, Clara und Oma bis zum Abend in der Küche, naschten Kuchen und erzählten sich Neuig­keiten. Schließlich wurde es langsam dunkel und Clara musste nach Hause fahren. Wie immer war sie mit dem Fahrrad gekommen und Oma und Anna winkten ihr zum Abschied. Weil sie all den Kuchen gegessen hatten, fiel das Abendessen nur klein aus. Anna schaute danach noch mit Oma die Nachrichtensendung an und sagte dann gute Nacht. Bevor sie aber nach oben ging, suchte sie sich noch ein Buch aus Omas Bücherregal aus. Oma hatte tolle alte Bücher, und auch wenn Anna nicht immer verstand, worum es ging, liebte sie es doch, vor dem Einschlafen darin herumzublättern. Diesmal aber war Anna von der Reise und den Erzählungen so müde, dass sie nach dem Zähneputzen und Waschen gleich das Licht löschte und einschlief.




Der Kampf um das Deckbett

Es musste so um Mitternacht herum sein. Der Mond schien silbern durch das Fenster, als Anna plötzlich fröstelte. Sie wachte auf und machte Licht. Kein Wunder! Ihre Bettdecke war weggezogen und lag am Fußende des Bettes! Wie war das möglich? Hatte Anna etwa in der Nacht mit den Füßen gestrampelt und die Decke so nach unten befördert? Eine merkwürdige Sache. Anna zog die Bettdecke wieder zu sich herauf, löschte das Licht und versuchte, wieder einzuschlafen. Aber es dauerte nur wenige Minuten, bis sie merkte, wie die Bettdecke wieder langsam weggezogen wurde. Anna wurde heiß und kalt. Wer oder was war das? Das konnte doch nicht wahr sein! Vorsichtig hob sie den Kopf. Wie von Geisterhand bewegt rutschte die Decke immer weiter nach unten. Das Mondlicht war hell genug, dass Anna alles erkennen konnte. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, packte ihr Ende der Decke und zog daran. Mit einem Ruck befreite sie die Decke, aber gleich darauf wurde sie erneut gepackt und nun begann ein kräftiges Zerren. Schließlich wurde es Anna zu bunt. Sie ließ die Decke los und machte das Licht an. Aber es war nichts zu sehen! Die Decke lag wieder am Fußende des Bettes auf dem Boden; sonst war das Zimmer wie immer. Anna lief es kalt den Rücken hinunter. Wer hatte an der Decke gezogen? Sie schluckte und sammelte ihren ganzen Mut. Dann rief sie: „Wer ist da? Wer wagt es, mir die Bettdecke zu klauen?“
Nichts. Keine Antwort. Plötzlich bemerkte sie, wie die Decke sich wie von Geisterhand gesteuert auf die Tür zubewegte. Wild entschlossen sprang Anna aus dem Bett und hielt sie fest. Wieder begann das Ziehen und Zerren, aber diesmal ließ Anna sich nicht unterkriegen. Sie schaffte es, einen Zipfel der Decke um einen der Bettpfosten zu wickeln. Dann purzelte sie nach hinten auf die Matratze, denn mit einem Mal hörte das Ziehen auf der anderen Seite auf. Noch ganz benommen von dem Kampf spähte Anna ängstlich in den Raum, aber sie konnte niemanden sehen. Zitternd legte sie sich wieder hin, bereit, den Kampf um die Decke wieder aufzunehmen. Aber während des Rests der Nacht geschah nichts mehr, außer dass Anna vor Angst nicht mehr einschlafen konnte.
Entsprechend müde war sie am nächsten Morgen. Oma wunderte sich zwar, besonders weil Anna in der guten Landluft immer besonders gut schlief. Aber sie akzeptierte Annas Ausrede, dass sie einfach durch die Reise aufgeregt war. Sofort nach dem Frühstück schwang sich Anna auf ihr Rad und fuhr zu Clara hinüber. „Bei Oma spukt es!“, rief sie ihrer Freundin noch vom Fahrrad aus zu.
Clara war natürlich gespannt wie ein Flitzebogen, die Neuigkeiten zu hören. Anna erzählte ihr alles, ohne etwas auszulassen.
„Was willst du jetzt tun?“, fragte Clara ratlos. „Du kannst doch nicht in einem Haus bleiben, in dem es spukt! Willst du nicht mit deiner Oma darüber reden?“
Anna dachte kurz nach. „Wer weiß, ob es wirklich spukt?“, warf sie ein. Vielleicht hat auch nur jemand einen Faden ans Deckenende gebunden.“
„Das ist doch Unsinn“, erwiderte Clara. „Das hättest du doch merken müssen. Außerdem – wer sollte so etwas tun? Deine Oma doch bestimmt nicht.“
„Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht gibt es einen Weg, das herauszufinden. Clara, du bist meine beste Freundin hier. Bist du mutig?“
Diese Frage überraschte Clara. „Natürlich bin ich mutig“, erwiderte sie.
„Bestens“, meinte Anna, „dann werden wir dem Gespenst, oder wer immer dahintersteckt, heute Nacht eine Falle stellen!“
Clara erschrak. „Ist das nicht gefährlich?“, wandte sie ein. „Ich dachte, du bist mutig“, gab Anna zurück. „Aber ich glaube nicht, dass es gefährlich ist. Schließlich ist mir nichts passiert.“
„Ja, aber was, wenn derjenige, der dir den Streich gespielt hat, gar nicht glücklich darüber ist, entlarvt zu werden?“
Nach kurzem Nachdenken entschied Anna: „Dann hat er eben Pech gehabt. So einfach lasse ich mich nicht unterkriegen!“ Anna klang sehr selbstbewusst, dabei war auch ihr ein wenig mulmig zumute. Für Clara aber war sie ab diesem Zeitpunkt eine wahre Heldin, die in ihrem Mut nicht hinter den Rittern oder Piraten aus ihren Kinderbüchern zurückstand.

Die Gespensterfalle

Die Sache, die Anna sich ausgedacht hatte, war höchst einfach. Clara sollte sich mit einer Tüte Mehl bewaffnet im Zimmer verborgen halten. Dann, wenn die Decke sich wieder zu bewegen begann, sollte sie dem vermeintlichen Dieb das Mehl überschütten und so das Gespenst, oder was immer es sein mochte, sichtbar machen. Gleichzeitig hatte sich Clara mit einer Schere bewaffnet. Sollte die Decke doch an einen Faden gebunden sein, konnte sie ihn schnell durchschneiden. Insgeheim war Anna gar nicht davon überzeugt, dass alles klappen würde, aber etwas Besseres wollte weder ihr noch Clara einfallen.
Abends, als alle im Bett lagen, schlich Anna nach unten, um Clara ins Haus zu lassen, die mit ihrem Fahrrad gekommen war und an der Tür zum Hof wartete. Vorsichtig und leise stahlen sich die Freundinnen nach oben in Annas Zimmer. Sie hatten vorher alles genau alles genau abgesprochen, sodass sie ihre Positionen einnehmen konnten, ohne sich durch ein lautes Wort zu verraten.
Clara versteckte sich unter dem Bett, während Anna sich hinlegte und vorgab zu schlafen. So warteten sie. Lange Zeit geschah nichts. Erst wieder um die Geisterstunde herum passierte etwas. Annas Decke begann sich langsam zu bewegen. Anna tat so, als würde sie es nicht bemerken, aber sie blinzelte aus ihren geschlossenen Augen zum Fußende des Bettes. Das Mondlicht, das zum Fenster hereinschien, war hell genug, damit man erkennen konnte, dass dort niemand war und sich die Decke buchstäblich wie von Geisterhand bewegte. Sie rutschte immer weiter nach unten. Anna brüllte: „Jetzt!“ Clara rollte unter dem Bett hervor, die Tüte Mehl in der Hand und im nächsten Moment hatte sie deren Inhalt dorthin geschüttet, wo sie den Deckendieb vermutete. Und tatsächlich: Jemand hustete und spuckte, und als sich der Mehlstaub gelegt hatte, waren die Umrisse einer Gestalt erkennbar.
„Jetzt haben wir dich!“, rief Anna triumphierend und zog die Bettdecke wieder an sich.
„Wer bist du?“, fragte Clara mit ein wenig Angst in der Stimme.
Anna und sie waren während der Aktion so konzent­riert beschäftigt gewesen, dass sie ihre Angst ganz vergessen hatten. Nun aber wurde ihnen bewusst, dass sie offenbar einem echten Gespenst gegenüberstanden! Was aber würde das Gespenst nun machen?
„Okay, ihr habt gewonnen, ich gebe auf“, vernahmen sie eine leise Stimme. Dann sahen sie, wie die Gestalt zu leuchten begann und kurz darauf konnten sie erkennen, dass das Gespenst so aussah, wie man sich Gespenster gemeinhin vorstellt. Die Gestalt sah aus wie jemand, der sich ein Betttuch übergeworfen hatte. Das Gespenst rieb sich mit seinen Händen die Augen, dann blickte es Anna und Clara traurig an. Tatsächlich sah das Gespenst so Mitleid erregend aus, dass die beiden Mädchen ihre anfängliche Furcht glatt vergaßen. So ein Gespenst jagte niemandem Angst ein.
Seufzend setzte sich das Gespenst auf den Boden und legte seinen Kopf in die Hände. „So, nun habt ihr mich also erwischt. Gespenster sind allergisch gegen Mehl. Gute Güte, ich bin vielleicht ein schöner Geist! Anstatt Angst und Schrecken zu verbreiten, lasse ich mich von zwei kleinen Mädchen austricksen“, meinte es niedergeschlagen.
Anna und Clara kamen vorsichtig näher. „Wer bist du?“, fragte nun Anna wieder.
Der Geist richtete sich auf und erklärte: „Ich bin Gustav, das Gespenst. Ich spuke hier schon seit 500 Jahren.“
Anna und Clara sahen sich groß an. „Donnerwetter“, meinte Clara bloß.
„Allerdings“, entgegnete Gustav, „seit 500 Jahren habe ich hier gespukt, dass es alle nur so gegruselt hat. Aber seit Oma hier wohnt, ist alles ganz anders.“ „Wieso?“, wollte Anna wissen.
„Ach, eure Oma hat keine Angst vor Gespenstern. Stellt euch vor, sie hat mich sogar zum Tee eingeladen!“
„Oma weiß, dass es hier spukt?“, fragte Anna ungläubig. „Warum hat sie nie etwas davon ge­sagt?“
„Warum sollte sie?“, entgegnete Gustav. „Schließlich ist es meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Menschen das merken. Außerdem – wer hätte ihr schon geglaubt? Es ist eigentlich ein Skandal, wie wenig Menschen an Gespenster glauben“, entrüstete sich Gustav.
„Sie hätte uns immerhin warnen können“, meinte Anna.
„Hättest du ihr vielleicht geglaubt? Außerdem musste ich ihr versprechen, dich in Ruhe zu lassen. Dafür bekomme ich jeden Freitag ein Stück von ihrem wundervollen Apfelkuchen.“ „Und warum hast du mir ausgerechnet jetzt die Bettdecke weggezogen, wo du mich doch in Ruhe lassen solltest?“, wollte Anna wissen.
„Na ja“, antwortete Gustav, „in letzter Zeit war Oma ein wenig zerstreut. Deshalb hat sie wohl aus Versehen dein Bett mit meinem Sonntagsgespensterumhang bezogen. Den wollte ich gerne wiederhaben. Ich hätte dir auch nichts getan. Und um ehrlich zu sein, ich kann niemandem etwas tun. Es ist zwar meine Aufgabe als Gespenst, Leute zu erschrecken, aber ihnen etwas antun kann ich nicht. Außerdem bin ich sowieso ein friedliches Gespenst.“
„Da bin ich aber froh“, sagte Clara erleichtert. Und Anna zog das Deckbett ab und reichte Gustav das Laken. „Hier, bitteschön. Das nächste Mal fragst du aber bitte, wenn du etwas haben möchtest.“
„Oh, vielen herzlichen Dank“, bedankte sich Gustav und nahm das Laken an sich. Dennoch sah er aus, als ob er noch etwas auf dem Herzen hätte. „Was ist?“, fragte Clara. „Gibt es noch etwas? Ich bin müde und würde jetzt gerne ins Bett gehen, nachdem wir hier das Geheimnis des Bettlakens gelüftet haben.“ Gustav druckste herum. „Na ja, es gibt da noch etwas. Es ist mir sehr peinlich, aber meine Gespensterehre gebietet es mir, es euch zu sagen.“
„Was zu sagen?“, fragte Anna.
„Es ist so“, fuhr Gustav zögernd fort, „dass jeder, der ein Gespenst fängt, sich von ihm einen Wunsch erbitten kann.“
„Hä?“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 390
ISBN: 978-3-99003-237-4
Erscheinungsdatum: 23.11.2010
EUR 20,90
EUR 12,99

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