6 - 7 Jahre

Über das Wünschen

Cornelia Pagel & Tanja Frank & Isabel Huttner & ehemals

Über das Wünschen

Ein Kinderbuch zum Thema Obdachlosigkeit

Leseprobe:

Für Leonie Marie -
mein kleines Wunder und größtes Geschenk

Cornelia Pagel

Max ist so aufgeregt. Nur noch fünf Tage bis Weihnachten! Es hat die ganze Nacht geschneit. Ein perfekter Tag für eine Schneeballschlacht. Oder zum Schneemann bauen?
Er muss unbedingt seinen Freund Tim anrufen, damit sie einen Plan machen. Doch da fällt ihm etwas ein! Er soll ja mit seiner Mutter in die Innenstadt fahren. Einkäufe erledigen. Wie schrecklich! Wozu bloß?
Andererseits …
„Mama, was bekomme ich eigentlich zu Weihnachten?“, ruft er seiner Mutter zu.
„Was hast du dir denn vom Christkind gewünscht?“, fragt sie. „Abgesehen von einem Hund. Das weiß ich. Denn der steht ja jedes Jahr auf deinem Wunschzettel!“
„Richtig“, stellt Max entrüstet fest und zieht sich die Jacke über. „Irgendwie liest das Christkind meine Briefe nie zu Ende! Ein Fußballtrikot steht drauf und Eintrittskarten fürs Stadion. Und dann - ganz groß, wie immer - ein Hund!“
Gemeinsam gehen sie die Treppe hinunter.
„Mama“, sagt Max, als sie auf die Straße treten, „weißt du, ob das Christkind überhaupt richtig lesen kann?“
„Du könntest einen neuen Anorak brauchen und deine Fußballschuhe sind zu klein geworden. Aber dein wichtigster Wunsch hat immer vier Beine“, meint Ute lächelnd, als sie in der Innenstadt angekommen sind.
„Und eine Schnauze“, sagt Max und rennt plötzlich über die Straße.
Ute kann ihn nicht aufhalten.
„Schau Mama, so einen!“ ruft er. „Genau so einen Hund hätte ich gerne.“
Dort auf dem Gehweg liegt ein Berner Sennenhund zu Füßen eines alten Mannes. Der Mann hat eine Decke um die Beine geschlungen. Seine Mütze sitzt ihm tief im Gesicht. Er hat eine Dose neben sich, in der ein paar Münzen liegen. Die Hände wärmt er sich im Fell des Hundes.
Max streckt dem Mann die Hand hin.
„Guten Tag. Ich bin der Max. Das da hinten ist meine Mama Ute. Sie haben aber einen schönen Hund! Wie heißt er denn?“
Der Mann schaut Max verdutzt an und ergreift dann die kleine Hand.
„Ich bin der Franz. Und das ist die Lucy“, sagt er.
„Kann ich sie streicheln?“, fragt Max.
„Entschuldigen Sie bitte den Überfall“, sagt Ute schnaufend, als sie Max einholt. „Mein Sohn wünscht sich so sehr einen Hund. Nur leider haben wir in unserer kleinen Wohnung wenig Platz.“
„Sie ist ganz lieb“, sagt der Mann zu Max. „Streichle sie ruhig!“
Dann wendet er sich an Ute. „Freut mich“, sagt er.
„Guten Tag.“
„Maaamaaa“, sagt Max gedehnt, als sie später beim Abendessen sitzen.
„Warum sitzt der Franz mit der Lucy auf der Straße?“
Ute schabt mit dem Besteck über den Teller und überlegt.
„Weißt du das etwa nicht?“, fragt Max, dessen Mama die meisten Dinge erklären kann.
„Naja“, sagt Ute, „auch in Deutschland gibt es arme Menschen. Ich habe gelesen, dass über 9.000 in München im Moment wohnungslos sind. Das bedeutet“, sagt sie, „dass sie keine eigene Wohnung haben. Viele übernachten in Notunterkünften der Stadt.“
„Wie viele sind 9.000?“, fragt Max.
„Hmm“, macht Ute. „Kannst du dich erinnern, wie groß das Fußballstadion ist?“
„Klar“, sagt Max.
„Da passen 15.000 Besucher rein. Etwas mehr als die Hälfte von denen.“
Max schluckt.
„Kannst du dir das vorstellen?“
„Ja“, sagt Max. „Das sind viele.“
„Menschen, die auf der Straße schlafen müssen, nennt man Obdachlose“, sagt Ute. „Ich vermute, dass Franz obdachlos ist.“
Max überlegt.
„Aber friert er denn nicht bei der Kälte?“, will er wissen.
„Doch“, sagt Ute. „Ganz sicher!“
Wie ihr bereits wisst, mag Max das Einkaufen nicht. Am nächsten Tag aber muss Ute ihn nicht lange überreden. Diesmal geht er freiwillig mit. Die Häuser sind im Schnee versunken. Es hat die ganze Nacht hindurch weiter geschneit. Aber Max interessiert sich heute weder für den Schnee noch für den nassen Matsch auf den Straßen. Denn Max sucht Lucy.
„Luuuucy!“, brüllt er und läuft los, als er ihr lautes Bellen hört.
Franz und Lucy sitzen ganz in der Nähe des Platzes, an dem Max sie gestern gesehen hat.
Ute kommt kaum hinterher. Max umarmt Lucy stürmisch.
„Hallo Max“, sagt der alte Mann.
„Hallo Franz“, sagt Max und grinst.
„Meine Güte, ist das kalt!“, bibbert Ute und schlingt die Arme um sich.
Max rennt mit Lucy den Gehweg auf und ab.
„Wir haben alles erledigt und wollten noch eine Tasse Tee trinken gehen. Wollen Sie uns eventuell begleiten?“
Franz schaut Ute erstaunt an.
„Wenn es Ihnen recht ist“, sagt sie schnell.
Franz antwortet nicht.
„Vielleicht dürfen wir Sie einladen?“, fragt Ute.
„Ich bin der Franz“, sagt der Mann leise und streckt ihr die Hand hin.
„Ute“, erwidert sie.
Kurze Zeit später sitzen Max, Ute und Franz im Café an der Ecke. Lucy hat ein Schälchen Wasser bekommen. Sie liegt ruhig da und beobachtet das Treiben. Max merkt erst jetzt, wie kalt es draußen gewesen ist. Während er seinen Kakao trinkt, betrachtet er Franz von der Seite. Franz hat es sich neben der Heizung bequem gemacht. Er wärmt sich die Hände an seiner Tasse Tee. Eine Weile plaudern sie über dies und das und den Hund. Da bleibt Max‘ Blick an den Löchern in Franz’ Pullover hängen.
„Darf ich dich was fragen?“, platzt es aus Max heraus.
„Was magst du wissen?“ Franz wendet sich Max zu. Doch da bekommt Max Angst vor seinem eigenen Mut. Plötzlich traut er sich nicht mehr und gerät ins Stottern.
„Also, ähhh …“, sagt Max.
Ute kommt ihm zu Hilfe.
„Max würde gern wissen, warum du auf der Straße lebst“, sagt sie und da ist Max seiner mutigen Mama dankbar.
„Wir möchten dir damit aber nicht zu nahe treten“, sagt Ute.
„Das ist eine lange Geschichte“, antwortet Franz. „Habt ihr Zeit?“

Format:
Seitenanzahl: 60
ISBN: 978-3-99107-517-2
Erscheinungsdatum: 31.08.2021
EUR 21,90
EUR 13,99

Krampus & Nikolo