6 - 7 Jahre

Silberspinnchen

Sonja Baumgart

Silberspinnchen

Leseprobe:

Silberspinnchens Geburt


„Eine Perle, schon wieder eine Perle!“, kreischte die böse Fee Bernadetta und warf das goldene Kästchen in die Ecke, dass es nur so krachte. „Wer straft mich nur mit so einem tollpatschigen Liebhaber? Es ist jetzt schon die zwanzigste Perle, die er mir schickt!“ Ihre grasgrünen Augen schossen zornige Blitze und ihr wallendes rotes Haar funkelte so feurig, dass man sich recht vor ihr fürchten musste.
„Vergebung, schönste Bernadetta“, stammelte der Diener des gescholtenen Teobold unterwürfig und fiel auf die Knie. „Ich werde meinem Herrn ausrichten, dass er Euern Unwillen erregt hat.“
„Was heißt Unwillen?“, brauste die Fee auf. „Sage ihm, ich bin sehr wütend! Sollte er mir nur noch eine einzige Perle schicken, bin ich nicht länger seine Verlobte!“
Schweigend und mit vielen Verbeugungen entfernte sich Teobolds Diener. Bernadetta blieb allein in ihrem Gemache zurück. Ungehalten fiel ihr Blick erneut auf das goldene Kästchen. Es hatte sich beim Aufprall in der Ecke geöffnet. Die Perle, die weich in dem dunkelroten Samt ruhte, mit dem es gepolstert war, warf sanfte Strahlen.
„Du ärgerst mich nicht mehr!“, zischte die böse Fee zwischen den Zähnen hervor. Sie schwenkte ihr dreieckiges Zaubertuch, murmelte einen geheimnisvollen Spruch und rief: „Zu einer Spinne sollst du werden!“ Nach diesen Worten rauschte die Fee zur Tür hinaus und warf sie mit lautem Donnerschlag hinter sich zu.
In Bernadettas Gemach herrschte nun tiefe Stille. Nur in dem Goldkästchen regte es sich sacht. Anstelle der Perle befand sich jetzt ein wunderhübsches, silbernes Spinnchen darin. Sein Körper war zart und glänzend, die acht Beinchen fein und zerbrechlich, und die großen Augen waren dunkelblau und samten wie eine Sommernacht.

Das Silberspinnchen betrachtete sich eingehend. Es setzte vorsichtig erst ein Beinchen, dann das andere. Als das ohne Schwierigkeiten ging, wurde es mutiger. Es verließ das Kästchen und begab sich auf Entdeckungsreise.
Der Raum, den es untersuchte, war leer. Auch in den folgenden Gemächern befand sich keine Menschenseele, denn Bernadetta war mit ihrem Gefolge auf die Jagd geritten, um ihren Zorn abzukühlen. „Ich Arme“, seufzte das Spinnchen. „Ich habe keine Eltern und keine Geschwister. Ich bin ganz allein!“ Da es aber nicht allein bleiben wollte, machte es sich sogleich auf die Suche nach Freunden.







Die Bestie


Vor der Burg befand sich ein großer Park. Von dorther hörte Silberspinnchen ein markerschütterndes Gebrüll. Bald entdeckte es auch den Urheber des Lärms. Es war ein riesiges Scheusal mit einem Froschkopf und Säbelzähnen. Auf dem Rücken hatte es mächtige Fledermausflügel. Das Untier war mit armdicken Ketten an eine Felsmauer von gewaltiger Dicke gefesselt.
„Uaaaah! Wenn du noch einen Schritt näher kommst, fresse ich dich!“, brüllte es dem Spinnchen entgegen.
„Einverstanden“, erwiderte Silberspinnchen. „Ich bleibe hier stehen und wir unterhalten uns. Sage mir erst einmal, wer du bist!“
„Ich bin die Bestie“, stöhnte das Untier.
„Und warum bist du so böse?“, fragte Silberspinnchen.
„Du bist der Erste, der mich das fragt“, brummte die Bestie schon etwas freundlicher. „Wenn du zuhören willst, erzähle ich dir meine Geschichte.“ Das Ungeheuer ruckelte sich, so bequem es gehen wollte, in seinen Ketten zurecht und hub an:
„Ich lebte als armer Bauer namens Paul im Lande des schrecklichen Drachen Abdul-Bek. Wir hatten kaum etwas zu essen, obwohl meine Frau und meine vier Kinder fleißig von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit mir die Felder bearbeiteten. Wenn eine Dürre kam, versengte sie unsere Ernte. Die letzten Vorräte nahmen uns dann die Diener des Drachen. Oft hatten wir nicht einmal das Saatgut für das nächste Jahr. Das Allerschlimmste aber bestand darin, dass Abdul-Bek nicht nur ein feuerspeiender Drache mit sieben Köpfen war, er war außerdem auch ein grässlicher Vampir, der täglich drei Mahlzeiten frisches, warmes Menschenblut verlangte. Wehe dem, vor dessen Hütte seine goldene Kutsche vorfuhr!
Eines Tages erschien der Drache auch bei uns. Dreißig bis an die Zähne bewaffnete Männer begleiteten ihn. Sogleich stürzte er sich auf meine Frau Lisa. Er riss der Armen die Kleider herunter und hieb ihr die Zähne seiner sieben Rachen genussvoll in den Leib, dass das Blut nur so spritzte. Hilflos, starr vor Schreck und Angst, mussten ich und meine Kinder zusehen, wie Lisa bleicher und bleicher wurde, bis Abdul-Bek auch den letzten Blutstropfen wohlig schmatzend aus ihr herausgesaugt hatte. Meine Frau starb ohne Klage, ich aber zitterte vor ohnmächtigem Hass.
Noch am selben Tag ging ich zu meinem besten Freund Beowulf. Er war der Schmied in unserem Dorfe, riesengroß und stark wie drei Bären. Seine Muskeln wölbten sich wie Berge, aber er hatte ein gutes Herz und tat niemals einem Schwächeren etwas zuleide. Auch er hasste den furchtbaren Drachen. Abdul-Bek hatte sein jüngstes Kind ausgesaugt und dadurch getötet. Wir waren uns schnell einig, dass wir das Ungeheuer umbringen mussten, damit wir endlich wieder friedlich und ohne Furcht in unserem Lande leben konnten.
Sogleich begannen wir mit den Vorbereitungen. Zwei Wochen lang schmiedete Beowolf am Schwerte Segur, das hart sein musste wie Diamant. Weitere fünf Wochen benötigte er, um Rüstungen für uns herzustellen, die undurchdringlich waren für Drachenzähne. Dann überzog er sie mit einer feuersicheren Schicht, damit uns die Flammen aus Abdul-Beks Rachen nichts anhaben konnten. Schließlich fertigte er noch einen nadelspitzen Dolch und eine Lanze für mich an.
Wir nahmen genügend Proviant mit auf die Reise. Schon nach einigen Tagen waren wir in der Nähe des Drachenschlosses. ‚Komm heraus, Abdul-Bek! Wir wollen mit dir kämpfen!‘, rief Beowulf mit lauter Donnerstimme. Schnaubend und Feuer spuckend erschien das Ungeheuer. Bald waren wir völlig in Schweiß gebadet. Die Luft flimmerte von der Glut, die aus Abdul-Beks weitgeöffneten Rachen drang. Der erste Kopf fiel. Auf der Erde schäumte rot das Blut des schrecklichen Drachen. Dann der zweite Kopf, der dritte und vierte. Der Boden dröhnte. Tiefe Erdspalten taten sich auf. Ich versuchte, mit Dolch und Lanze das Schuppenkleid Abdul-Beks zu durchstoßen. Mehrere tiefe Wunden klafften schon darin. Außer Atem hob ich ein wenig meinen Helm. Sogleich nutzte der Drache die Gelegenheit, mir mit seinen grässlichen Vampirzähnen einen tiefen Schnitt am Hals beizubringen. Ich wankte zur Seite und versuchte, mit einem Taschentuch das spritzende Blut zu stillen.
Beowulf war noch unverwundet, aber seine Kräfte nahmen zusehends ab. Da fiel schon der fünfte Kopf unter dem Schlage des Schwertes Segur herab in den blutigen Schlamm. Der Drache brüllte gequält auf.
Er versuchte immer wieder, Beowulf den Helm vom Haupte zu reißen. Der aber wich gewandt zurück, um sich dann erneut auf das Untier zu stürzen. Da! Der sechste Kopf! Gleich war es geschafft. Aber Beowulf taumelte. Wütend biss er die Zähne zusammen, um nicht zu fallen. Er brauchte unbedingt eine Pause.
Ich raffte trotz meiner Verwundung all meine Kräfte zusammen und stieß dem Drachen meine Lanze ins linke Schulterblatt. Hurra, sie steckte! Abdul-Bek brach auf die Knie. Ich holte meine Waffe wieder heraus und wollte ihm den Todesstoß versetzen. Da flehte sein letzter Kopf jämmerlich: ‚Töte mich nicht, tapferer Held! Ich gebe dir Gold, Silber, Edelsteine, die schönsten Frauen, die edelsten Pferde. Ich gebe dir so viel fruchtbares Land, dass du sieben Wochen lang reiten musst, um es zu durchqueren. Ich gebe dir alles, was du dir nur wünschen kannst, wenn du mich am Leben lässt!‘
Mit erhobener Waffe hielt ich inne. Ich zögerte, dachte nach. Immerhin, solche Schätze für einen armen Bauern … Was sollte ich tun? ‚Ja!‘, rief ich schließlich. ‚Ja, ich lasse dich leben!‘ Da richtete sich der Drache noch einmal auf. Ehe ich es verhindern konnte, riss er Beowulf den Helm vom Haupt und biss ihm den Kopf ab.
Der Kopf lag auf dem Boden und rollte drohend seine Augen. Sein Mund öffnete sich, und schaurig tönten daraus die Worte: ‚Ich verfluche dich, Paul. Du hast unsere Freundschaft verraten und dich von Abdul-Bek kaufen lassen. Dafür sollst du als Bestie auf Erden leben, bis es dir durch eine gute Tat gelingt, jemanden zu erlösen!‘ Damit schloss der Kopf die Augen, und Beowulf war tot. Der Drache kroch zurück zu seinem Schloss. Einige Tage später starb auch er an seinen Verwundungen. Seine Versprechen hat er nicht gehalten.
Ich aber verspürte ein schreckliches Kribbeln auf meiner Haut, wie die Bisse von tausend Ameisen. Mein Körper blähte sich auf. Aus meinen Händen wurden Klauen. Eklige Glotzaugen sprossen aus meinem Kopf. Am Rücken wuchsen mir Fledermausflügel. Der Fluch Beowulfs hat sich erfüllt. Oh, ich schäme mich so! Kein Tag ist bisher vergangen, an dem ich meinen Verrat nicht bitter bereut hätte!“ Mit diesen Worten beendete die Bestie ihre Erzählung.

„Warum bist du hier angekettet?“, fragte Silberspinnchen.
„Bernadetta hat mich einfangen lassen, weil ich so scheußlich bin. Ich soll ihren Park bewachen.“
„Wenn du in Ketten liegst, kannst du keine gute Tat vollbringen“, sagte Silberspinnchen nachdenklich. „Hab Geduld, mir wird schon etwas einfallen, um dich zu befreien.“







Die blaue Sonne der Lichtechsen


Drei lange Nächte hindurch studierte Silberspinnchen heimlich in der Burgbibliothek Bernadettas Zauberbücher. Schließlich glaubte es, das Richtige zur Befreiung der Bestie gefunden zu haben.
„Höre bei Vollmond die Stimme des Schuhu! Folge dem Pfad der grünen Molche! Suche im Lande Nirgendwo die Wurzel Krawunkel! Zerreibe sie zu Pulver und rühre daraus mit Ameisenspucke einen Brei! Isst du ihn, so erhältst du die Kraft von zwanzig Riesen.“
„Also, frisch ans Werk“, sagte sich Silberspinnchen. „Zunächst muss ich herausfinden, wo der Schuhu wohnt.“ Es lief, wohin seine acht Beinchen es trugen. So gelangte es in ein Felsengewölbe, dessen Wände wunderhübsch glitzerten. Das Spinnchen war so verzaubert von dem Glanz, dass es nicht mehr auf den Weg achtete. Ein Gang mündete in den nächsten, verzweigte sich, und schließlich hatte Silberspinnchen völlig die Orientierung verloren. Inzwischen war das Glitzern erloschen. Stockfinstere Nacht umgab die silberne Spinne, die sich vorsichtig an den Wänden entlangtastete.
Nach langem Umherirren vernahm Silberspinnchen ein schwaches Klagen: „Oh, wir Unglücklichen! Nie wieder können wir unserem Herrscher vor Augen treten“, hörte es und ging den Stimmen nach. Bald stand es vor sieben Tieren, die aussahen wie geflügelte Eidechsen. In der Finsternis konnte es jedoch nur ihre Umrisse erkennen.
Die Tiere erzählten ihm, dass sie Lichtechsen seien. Es war ihre Aufgabe, den sagenhaften Schatz des Königs Balibur zu bewachen. Balibur hatte ihnen dazu eine blaue Sonne geschenkt, denn die Lichtechsen brauchten viel Licht und Wärme. Ohne diese Sonne erstarrten sie in der Kälte und Dunkelheit der Höhlen schon nach kurzer Zeit.

Davon erfuhr der Riese Kuno, genannt der Schafsköpfige, weil er einen Schafskopf hatte. Er war ein erbitterter Widersacher Baliburs und beneidete den König um seinen Reichtum. Kuno schickte seine drei arglistigen Diener Baba, Bobo und Bubu, die so klein waren wie ein Daumennagel, aber übermenschliche Kräfte besaßen. Ungesehen drangen sie in die Höhle ein und stahlen die blaue Sonne. Um sich nicht zu verbrennen, zerrten sie sie in einem feuerfesten Netz hinter sich her.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 152
ISBN: 978-3-95840-467-0
Erscheinungsdatum: 27.09.2017
EUR 24,90
EUR 14,99

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