6 - 7 Jahre

Rosinchen und das Tal des Jammers

Anna-Lena Bratz

Rosinchen und das Tal des Jammers

Leseprobe:

Widmung

Das Werk „Rosinchen und das Tal des Jammers“ widme ich meiner Familie, insbesondere aber unserem Sohn Louis, welcher uns jeden Tag aufs Neue mit großer Freude erfüllt.

***

Der erste Teil von Rosinchens Abenteuern, „Rosinchen und die rätselhafte Verschwörung“, erschien bereits 2015.

Weitere Informationen unter www.Rosinchen-Haselmaus.de


Prolog

Der frische Duft nach einem gerade geendeten Sommerregen vermischte sich mit dem kräftigen Geruch nassen Holzes. Langsam bahnte sich die Sonne ihren Weg hinter den Bäumen hervor und tauchte Wald und Wiese in farbenfrohes Orange.
Wassertropfen verdampften von Blättern und Geäst und zogen als Dunstschleier über Fluss und Felder. Es versprach ein heißer Tag zu werden. Schon bald hatten die Sonnenstrahlen auch die letzten Schatten vertrieben, und mit dem gleißenden Licht erwachten auch die Wald- und Wiesenbewohner des Eulenkönigreiches und verließen ihre Bauten und Nester.
Auch in dem Mäusebau, welcher eingerahmt von dichten Hecken liebevoll an einem Haselstrauch befestigt war, begann es zu rumoren. Kurz darauf erschien eine schwarze Stupsnase im Eingang des Nestes und sog genussvoll die Wärme des beginnenden Augustmorgens ein. Als Rosinchen ins Freie trat, erfreute sie sich wie so oft an der schönen Natur, die sie ihr zu Hause nennen durfte. Das Haselmausweibchen konnte sich nicht sattsehen an den üppigen Feldern, den mit Blumen übersäten Wiesen und dem im Morgenrot leuchtenden Fluss. Bedächtig ließ die Maus ihren Blick schweifen und blieb an dem Brombeerbusch unmittelbar neben ihrem eigenen Strauch hängen. In diesem lebte ihre Schwester Plüsch mit ihrem Mann Max, einem rundlichen, jedoch liebenswerten Mäuserich, und ihren zwei Töchtern Puschel und Wuschel. Die beiden Mädchen waren hübsch, hatten seidiges, kastanienbraunes Fell und verblüffende Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Dieses Umstandes waren sie sich trotz ihres zarten Alters auch durchaus bewusst. Die Zwillinge waren sehr verwöhnt und hatten eine Schwäche für schöne Dinge. Oft streiften sie umher und sammelten alles, was funkelte oder in dem man sich spiegeln konnte. Bei den Wald- und Wiesenbewohnern wurde dies schmunzelnd toleriert, und vor allem im Schloss waren die beiden Mädchen gern gesehene Gäste. Wegen ihrer charmanten Art bekamen sie des Öfteren ein Glitzersteinchen oder ein Schmuckstück zugesteckt.
„So etwas hat mich nie interessiert.“ Lächelnd ließ Rosinchen ihre Gedanken zurückwandern. Knapp eineinhalb Jahre waren nun seit ihrem großen Abenteuer vergangen, und noch heute konnte sie kaum fassen, wie glücklich sie seitdem war. Sie hatte ihren Mann Paul kennen und lieben gelernt, seit diesem Frühjahr einen wundervollen Sohn und im Wald herrschte Frieden und Harmonie. Dies war nicht immer so gewesen, die Königin Schnabel, die das Königreich weise und gütig regierte, war zur damaligen Zeit schwer krank gewesen. Der Haselmaus schauderte bei dem Gedanken an die fiesen Machenschaften von Schnabels Neffen Krallenfuß, welcher zu jener Zeit versucht hatte, die Königin zu vergiften, um so an die Krone zu gelangen. Nur dank des mutigen Einsatzes von Rosinchen und ihren Freunden konnte der üble Plan am Ende vereitelt werden. Kopfschüttelnd streifte das Mädchen die Erinnerungen ab. „Die schrecklichen Zeiten gehören der Vergangenheit an!“ Daraufhin lief sie zurück in ihr Heim, um ihre Familie zu wecken.
Hätte Rosinchen nur geahnt, welch dunkle Wolken sich bereits am Horizont bedrohlich zusammenbrauten!


Kapitel 1

Krachend fiel der Baumstamm zu Boden und ließ die Erde erbeben. „Auf geht’s, Männer!“, brüllte eine tiefe Stimme. Diese gehörte Atilla, dem Anführer und selbst ernannten König einer Bande von Räubern und Plünderern. Er, ein riesiger Braunbär mit Klauen, scharf wie Schwerter, und Fangzähnen, dass einem angst und bange werden konnte, war gerade dabei, seine Männer beim Bau neuer Gehege anzutreiben. „Schneller! Ich will, dass ihr heute Abend fertig seid, sonst bekommt ihr nichts zwischen die Zähne.“ Das ließen sich die Arbeiter nicht zweimal sagen und die Sägen schnellten erbarmungslos durch das soeben gefällte Holz.
Die Truppe hatte sich in einem längst vergessenen Teil des Waldes niedergelassen. Hier hatte einst der Neffe der Eulenkönigin Schnabel, Krallenfuß, der wegen schrecklicher Vergehen seit nun bereits eineinhalb Jahren verbannt war, auf seiner Burg gehaust. Diese war mittlerweile zu einer Ruine zerfallen und von Efeu und Moos überwuchert. Atilla war mit seinem Gefolge zufällig auf das baufällige Gemäuer gestoßen und hatte Gefallen daran gefunden. Die Umgebung war düster und trostlos, tote Bäume ragten wie Speerspitzen in den Himmel und selbst die Sonne schien diesen Teil des Königreiches zu meiden. „Dieser Ort passt zu meiner schwarzen Seele.“ Bei diesem Gedanken grinste der Bär höhnisch. In der Tat, war es ein glücklicher Zufall gewesen, dass die Gruppe hier gelandet war. Ursprünglich waren sie auf der Durchreise gewesen, denn Atilla suchte einen geeigneten Platz, um sich sein eigenes Imperium zu schaffen. Größenwahnsinnig war er schon immer gewesen. Er hatte als junger Bär stets davon geträumt, aus dem Schatten seiner drei Geschwister zu treten. Seine Schwäche für exotische Tierarten, die er seit frühester Kindheit in sich trug, hatte ihm in der Vergangenheit oft Reibereien eingehandelt. Es wurde in der Gesellschaft nicht gerne gesehen, dass er Eltern ihre Kinder stahl, nur weil sie etwas Besonderes waren. Um seine Sammelleidenschaft ungestört fortsetzen zu können, schien ihm sein eigenes Königreich mehr als angemessen zu sein. Hier konnte er jegliche Unterhaltung, die zu seiner Belustigung beitragen konnte, genießen. Der Braunbär war seit jeher ein ungeduldiger Zeitgenosse. War er gelangweilt, konnte er sehr gefährlich werden, denn das ließ seine Laune sinken. Das wussten auch seine Anhänger nur zu gut und beeilten sich deshalb sichtlich mit dem Bauen der Verschläge.
Als es zu dämmern begann, trat Helena neben ihren Anführer. Helena war Atillas rechte Hand. Sie war bereits bei ihm, seit sie ein Jungtier gewesen war. Auch sie war etwas Besonderes. Halb Maus, halb Hamster, war sie immer das Gespött in ihrer Heimat gewesen, und die Möglichkeit, diesen Hänseleien zu entfliehen und sich Atilla anzuschließen, hatte sie genutzt. Nicht alle seiner Exoten hatten das Glück, sich frei bewegen zu dürfen. Im Gegenteil, die meisten von ihnen waren unfreiwillig hier und gewaltsam aus ihren Familien gerissen worden. Sie wurden in den gerade errichteten Gehegen untergebracht. Hier mussten sie sich den ganzen Tag anstarren lassen. Helena räusperte sich: „Sir, die Gefangenen sind alle in ihren Gehegen untergebracht. Die Männer fragen, ob sie nun essen dürfen.“ „Sie dürfen! Ich bin mehr als zufrieden mit dem heutigen Arbeitstag! Morgen schicke ich dich mit Ron und Casper auf Streifzug. Erkundet mir die Umgebung und haltet die Augen auf. Vielleicht findet ihr neuen Zuwachs für meinen Privatzoo.“ „Jawohl, Sir, wird erledigt!“ Die Mamster-Dame, wie der Braunbär sie liebevoll zu nennen pflegte, salutierte und zog sich dann in die Schatten der anbrechenden Dämmerung zurück.


Kapitel 2

Ratlos kratzte sich Fritz den weißen Fleck auf seiner Brust, welcher aus sonst grauem Fell hervorstach. „Wo Louis wohl steckt?“ Der Sohn von Rosinchen und Paul war unschlagbar im Finden neuer Verstecke und blieb auch nach den intensiven Bemühungen des Hasenjungen, ihn zu entdecken, verschwunden. Louis und Fritz hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der kleine Mäuserich war ein quirliger, aufgeweckter Kerl, den es immer nach draußen zog. Sein äußeres Erscheinungsbild war sehr ungewöhnlich, da seine Mutter Rosinchen ihm Eigenschaften einer Haselmaus und sein Vater Paul ihm die Merkmale einer Springmaus vererbt hatte. Heraus kam eine interessante Mischung, denn Louis hatte die langen Springbeine seines Vaters. Dazu gesellte sich ein langer Schwanz mit buschiger Spitze. Die klugen Knopfaugen, die schwarze Fellfärbung sowie seine Kopfform kamen wiederum nach Mama Rosinchen. Kurzum: Der Kleine war etwas ganz Besonderes.
Fritz hingegen bildete den genauen Gegensatz zu Louis, vielleicht war das auch der Grund, warum die Jungen so unzertrennlich waren. Mit seiner ruhigen, fast schüchternen Art war der Hase der Ruhepol der beiden. Kennengelernt hatten sich Fritz und der Mäuserich durch ihre Väter. Diese dienten beide am Schloss der Königin Schnabel als Ritter und waren über die Arbeit hinaus zu Kameraden geworden. Sir Franz Möhrenfein und seine Frau Neele wohnten zusammen mit ihrem Sohn Fritz unten am Fluss in einem geräumigen Hasenbau. Von hier aus hatten sie einen wunderbaren Blick über das Wasser bis hin zum Waldrand, wo Paul mit seiner Familie lebte. Oft verabredeten sich die Hasen und Mäuse zu einem Stück Haselnusskuchen oder einem kräftigen Karottenschnaps, den Franz mit viel Liebe selber herstellte. Jeden Morgen holte Sir Möhrenfein seinen Gefährten Paul an dessen Nest ab, um mit ihm gemeinsam zum Schloss zu gehen. Die Frauen erledigten derweil den Haushalt, sammelten Wintervorräte oder trafen sich zu einem gemütlichen Plausch auf der Wiese, während ihre Söhne zusammen herumtollten und die Umgebung erkundeten. Ab und zu gesellte sich auch Plüsch zu der Runde, doch ihre beiden Mädchen konnten dem Gebalge der Jungs nicht viel abgewinnen, weswegen sie meist unter sich blieben.
„Buh!“ Erschrocken machte Fritz einen Satz in die Luft. Louis hatte sich von hinten an ihn herangeschlichen und ihm einen gehörigen Schrecken eingejagt. „He! Was soll das?“ Mit einem lauten Schrei stürzte sich der Hase auf den kleinen Mäuserich. Zu einem wirren Knäuel verkeilt, kullerten die beiden die Wiese hinunter. Unten angekommen ließen sie sich lachend in das von der Mittagshitze ausgedörrte Gras fallen. Louis verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute zu den weißen Wolken empor, die wie kleine Schäfchen den blauen Himmel zierten. Er hätte ewig so da liegen können, die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Fell, Fritz an seiner Seite. Die Maus wandte sich dem Junghasen zu: „Du bist mein allerbester Freund, und nichts und niemand kann uns trennen, richtig?“ „Richtig!“, bestätigte Fritz mit einem ernsten Nicken. Zufrieden lehnte sich Louis daraufhin wieder zurück, schon wieder ganz mit dem Gedanken beschäftigt, was sie als Nächstes erleben könnten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 124
ISBN: 978-3-95840-206-5
Erscheinungsdatum: 25.01.2017
EUR 14,90
EUR 8,99

Krampus & Nikolo