6 - 7 Jahre

Romys Dackelgeschichten

Sonja Kistner

Romys Dackelgeschichten

Leseprobe:

Der Einbrecher

Es war an einem Abend im Herbst, als Herrchen und Frauchen sich zum Ausgehen bereit machten. Sie zogen beide ihre Mäntel an und als ich anfing mich bemerkbar zu machen, um nicht vergessen zu werden, strich Herrchen mir über den Kopf und sagte zu mir: „Romy, du kannst heute nicht mitkommen. Die Leute, die wir besuchen, haben eine Katze. Du musst heute mal allein zu Hause bleiben.“
Auch Frauchen streichelte mich und gab mir zum Abschied einen kleinen Kauknochen. „Hier, Romy, damit dir das Warten nicht zu lang wird, und pass gut auf unser Haus auf.“
„Natürlich, was denkst du denn, ich bin doch hier der Hund im Haus“, bellte ich zum Abschied.
Jedoch war mir dabei etwas mulmig zumute, denn ich war noch nie nachts allein zu Haus gewesen und hatte etwas Angst davor. Doch ich war fest entschlossen Herrchen und Frauchen nicht zu enttäuschen und gut auf unser Haus aufzupassen.
So bezog ich also, kaum dass die beiden weg waren, mit meinem kleinen Kauknochen Stellung auf dem unteren Treppenabsatz, von welchem aus ich sowohl die Haustür als auch alle Zimmertüren zum Flur im Blick hatte.
Draußen wehte ein starker Wind und pfiff um die Hausecken, was ein schreckliches Heulen verursachte.
Komisch, wenn Herrchen und Frauchen da waren und ich mich zwischen die beiden auf dem Sofa einkuscheln konnte, kam mir das nie so gruselig vor.
„Doch was soll schon passieren?“, sagte ich mir immer wieder und kaute weiter an meinem Knochen.
So vergingen die Minuten und aus Minuten wurden Stunden.
Ich weiß nicht, wann, aber ich muss wohl eingeschlafen sein, denn plötzlich weckte mich ein Hämmern und Knacken im Wohnzimmer.
Was konnte das nur sein?
Leise stand ich auf und spähte um die Wohnzimmertür herum, um zu schauen, wo dieses Geräusch herkam.
Im dämmrigen Licht konnte ich erkennen, wie eine riesige schwarze Gestalt sich an unserer Terrassentür zu schaffen machte. Mir stockte der Atem und ich bekam plötzlich schreckliche Angst.
Ohne zu überlegen, rannte ich nach oben ins Schlafzimmer und versteckte mich unter Herrchen und Frauchens Bett.
Zitternd kauerte ich mich zusammen, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Doch ob ich wollte oder nicht, mir kamen Frauchens Worte in den Sinn: „… und pass gut auf unser Haus auf.“
„Tja“, dachte ich, „ich weiß ja, dass ich aufpassen soll und dass ich verhindern muss, dass dieser Dieb hier etwas klaut, doch wie nur?“
Vor meinem geistigen Auge sah ich Wachhunde, die ich kannte, doch waren diese alle viel größer, stärker und furchteinflößender als ich.
Wer hatte denn schon vor mir Angst? Selbst kleine Kinder riefen, wenn sie mich sahen nur: „Ohhh Mama, schau, der niedliche kleine Dackel.“ Oder: „Ohhh, ist die süüüüüüß.“
Wie soll jemand, den alle nur „süß“ finden, einen Einbrecher stellen?
Als ich gerade noch mit diesem Problem beschäftigt war, hörte ich ein sehr lautes Knacken und danach leise Schritte unten im Haus.
Oh nein, der Dieb schien bereits hereingekommen zu sein.
Ich musste unbedingt etwas unternehmen und durfte vor allen Dingen keine Zeit verlieren, das war sicher.
Unmöglich konnte ich zulassen, dass dieser Mensch hier etwas stahl.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker begann ein Plan in meinem Kopf Gestalt anzunehmen.
Ich musste diesen Kerl irgendwie unschädlich machen und dann dafür sorgen, dass jemand die Polizei rief.
Das mit der Polizei war das kleinste Problem, denn wir haben einen Nachbarn, der anscheinend Spaß daran hatte, häufig die Polizei anzurufen, und dies daher bei jeder Gelegenheit tat, auch wenn nur ein Hund bei Nacht im Garten laut bellte.
Nur wie sollte ich den Dieb so lange festhalten, bis die Polizei da war?
Und schon kam mir auch dafür eine Idee.
Mir fiel ein, dass Herrchen aus Versehen mal auf eines meiner Quietschspielzeuge getreten war und sich so erschrocken hatte, dass er hinfiel.
Doch dieser Effekt würde nicht reichen. Der Dieb musste, wenn er fiel, schon so fallen, dass er erst mal liegen blieb, während ich den Nachbarn dazu brachte, die Polizei zu rufen.
Leise hoppelte ich im Dunkeln die Treppe runter, dann versicherte ich mich, dass der Dieb noch im Wohnzimmer rumwühlte, und huschte um die Ecke zu meinem Körbchen.
Sehr vorsichtig schob ich meine Decke zur Seite und nahm eines der Quietschtiere zaghaft zwischen die Zähne, es durfte ja nicht schon jetzt quietschen und mich verraten.
Nach und nach holte ich auf diese Weise alle Quietschtiere heraus und verteilte diese auf den Treppenstufen nach oben.
Als ich fertig war, huschte ich vorsichtig an den Quietschtieren vorbei nach oben, um durch das Treppengeländer zu beobachten, ob mein Plan auch funktionierte.
Ich brauchte gar nicht lang zu warten, da kam die dunkle Gestalt auch schon aus dem Wohnzimmer und machte Anstalten die Treppe hi­naufzusteigen. Ich hielt den Atem an.
Auf den unteren Stufen passierte noch nichts, doch dann trat der Einbrecher auf die fünfte Stufe. Quiiiiiiiiiiiieeeeeetsch!
Ein lang gezogener Quietscher ertönte und der Dieb erschrak so sehr, dass er das Gleichgewicht verlor und nach hinten die Treppe he­runterfiel. Rummsbumms.
Ich beobachtete noch kurz, was geschah, er blieb wirklich liegen, jedoch stöhnte er.
Mir würde nicht viel Zeit bleiben. Jetzt oder nie.
Ich stürzte die Treppe hinunter, rannte an dem am Boden liegenden Einbrecher vorbei und unter lautem Gekläff durch die offene Terrassentür in den Garten.
Ich kläffte so laut ich konnte und es dauerte nicht lang, da ging bei unserem Nachbarn das Licht an und eine wütende Stimme rief aus dem Fenster: „Ruhe da draußen, sonst rufe ich die Polizei.“ Juhu, es klappte, mein Plan schien aufzugehen.
Noch einige Kläffer später hörte ich in der Ferne die Polizei mit Lalülala näher kommen.
„Jetzt bloß nicht nachlassen“, sagte ich mir.
Doch scheinbar hatte der Einbrecher die Polizeisirenen auch schon gehört, er taumelte eilig aus der Terrassentür in den Garten und wollte abhauen, doch nicht mit mir … Ich rannte bellend und knurrend auf ihn zu und als er nach mir trat, verbiss ich mich in seiner Wade.
Da hing ich nun und hielt mich krampfhaft fest.
Der Dieb jaulte und so gab ich nicht auf, bis ich die Polizisten mit unserem Nachbarn im Morgenmantel auf unser Grundstück stürmen sah.
Unser Nachbar rief: „Halten Sie den Mann, der wohnt hier nicht.“
Als die Polizisten den zappelnden Einbrecher übernahmen, konnte ich endlich loslassen.
Ich war schrecklich erschöpft, aber glücklich, dass mein Plan geglückt war.
Kurz nach den Polizisten kamen auch Herrchen und Frauchen nach Hause.
„Was ist denn hier los?“, rief Herrchen, als er die Polizisten und unseren Nachbarn im Morgenmantel in unserem Garten sah.
„Dieser Mann ist vermutlich bei Ihnen eingebrochen, doch Ihr mutiger kleiner Dackel hier hat ihn aufgehalten, sonst wär er uns entwischt. Bitte schauen Sie gleich nach, ob etwas gestohlen wurde“, sagte der eine Polizist an Herrchen gewandt und deutete auf die dunkle Gestalt, welche er festhielt.
Doch Herrchen und Frauchen sahen nur mich an und Frauchen liefen Tränen über ihr Gesicht. Sie nahm mich auf den Arm und trug mich ins Haus.
„Dieser Mann hier hat uns angerufen, weil Ihr Dackelchen so laut kläffte, gut, dass sie so aufmerksame Nachbarn haben“, ergänzte der andere Polizist.
Dankend schüttelte Herrchen die Hand unseres Nachbarn, dann folgte er Frauchen ins Haus.
Beide streichelten und lobten mich, und als Herrchen die Treppe hochgehen wollte, sah er die Quietschtiere darauf liegen, lächelte und schüttelte den Kopf.
Ich schlief bald ein, und als ich am nächsten Morgen in meinem Körbchen erwachte, lagen direkt davor ein nigelnagelneues Quietschtier und eine dicke Bockwurst.
Tja, es lohnt sich schon, einen Einbrecher zu fassen, jedoch noch mal möchte ich so etwas Aufregendes nicht tun müssen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 70
ISBN: 978-3-99026-866-7
Erscheinungsdatum: 22.04.2013
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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