Cover: Mathilda, die Wollmaus

Mathilda, die Wollmaus


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-7116-1494-0
Erscheinungsdatum: 24.03.2026
Mathilda, die Wollmaus, lebt unbemerkt unter Annas Sofa, bis sich die beiden durch einen tragischen Unfall kennenlernen und Freundschaft schließen. Gemeinsam mit Anna erlebt Mathilda Annas Welt als großes Abenteuer.
Mathilda, die Wollmaus

Hallo, mein Name ist Mathilda. Warum ich Mathilda heiße und nicht einen anderen modernen, schicken Namen habe? Ich glaube, man dachte, dass Mathilda besser zu meinem Gemüt passt. Ich bin neugierig, aufgeschlossen und will die Welt entdecken.

Ich wurde geboren und bin aufgewachsen in einem beschaulichen Örtchen in Südhessen. Unter dem Sofa der kleinen Wohnung wurde nicht immer Staub gesaugt – zu meinem Glück –, denn nur so hatte ich die Möglichkeit zu entstehen und zu wachsen. Eine gleichmäßige Staubschicht bildete sich unter dem Sofa, langsam und stetig. Manchmal, wenn die Sonne schien, fingen die Staubkörnchen am Rande in der Sonne an zu funkeln und tanzten durch die Wärme in der Luft einen leichten, feenartigen Tanz.

Im Winter war es dann so weit: An einem der seltenen Sonnentage tanzten die Staubkörnchen ihren wilden und munteren Tanz. Durch die Sonneneinstrahlung wurden sie übermütig und schienen sich fast magisch anzuziehen. Beim Lüften tat ein Windzug sein Übriges und führte mehrere Staubkörnchen zusammen; es bildeten sich winzige Flocken, die in den Tanz einstimmten und immer mehr Staubkörnchen zu sich baten; es gab kaum ein Entrinnen; man wurde magisch angezogen und da war ich: Mathilda.

Ich führte ein recht beschauliches Leben unter dem Sofa, spielte mit den Kameraden und wuchs heran. Meine Mitbewohnerin, Anna (inzwischen hatte ich den Namen schon aufgeschnappt), kümmert sich gar nicht so recht um uns, solange wir unter dem Sofa bleiben.

Hin und wieder ist ein Bruder oder eine Schwester von mir zu übermütig und fliegt beim Tanzen unter dem Sofa hervor in den Raum. Leider hört da für Anna der Spaß auf. Ich glaube, sie möchte keine krümeligen Socken und schon gar nicht die Staubspuren danach auf dem Sofa oder womöglich gar noch im Bett. Anna ist dann gnadenlos und holt den Staubsauger. Es ist ein Geräusch, das mir Unbehagen durch Mark und Bein gehen lässt. Meine Geschwister haben letztendlich keine Chance. Sie versuchen zu fliehen. Wir haben bereits entdeckt, dass seitlich am Staubsauger die Lüftungsschlitze helfen, wenn man schnell und geschickt ist, den nötigen Schwung zu erhalten und zu fliehen in der Hoffnung, die Strecke bis unter den nächsten Schrank, das Bett oder zurück unter das Sofa zu schaffen und dann erst einmal wieder in Sicherheit zu sein.

Meistens, ich gebe es ungern zu, gewinnt Anna; aber fairerweise muss ich zugeben: Schafft es eine von uns in ein sicheres Versteck, lächelt sie und lässt uns in Frieden weiterleben. Aber es ist schon nicht einfach, wenn der Staubsauger wieder in der Ecke verstaut ist, Ruhe in der Wohnung einkehrt und man leise den „Gefangenenchor“ aus Nabucco von den Geschwistern hört. Ich weiß nur, dass der Beutel gelegentlich durch die Wohnungstür verschwindet und ich danach keinen der Geschwister jemals wiedergesehen habe. Manchmal frage ich mich, wo sie hingebracht werden und wie ihr Leben dort aussieht?

Anna habe ich neulich über den Tod sprechen hören am Telefon. Da ging es auch um Menschen, die für immer weg sind. Aber was bedeutet „Tod“?

Ich habe bei Anna viel gelernt. Ich weiß, was Kaffee ist, und von den leckeren Zitronenkeksen habe ich sogar schon was abbekommen, wenn sich beim Kaffeetrinken ein Zitronenkekskrümel unter das Sofa verirrt. Ich mag die Krümel, denn ich wachse schneller und inzwischen bin ich zu einer recht stattlichen Wollmaus herangewachsen. Nachteil: Ich werde schwerfälliger und muss aufpassen, da ich nicht mehr so flott unterwegs sein kann.

Was habe ich denn noch gelernt? Ich kann Horrorfilme von Dokumentationen unterscheiden. Und ich glaube, eine Ahnung zu haben, was rot, grün und gelb bedeutet. Aber Worte wie „Tod“ oder „Leben“?

Beides scheint nicht einfach zu sein; aber im Gespräch von Anna habe ich gelernt, dass das Leben wohl gerade deswegen spannend ist, weil es nicht unbegrenzt lange geht. Sie sagt, man hat nicht ewig Zeit, Dinge, die man möchte, vor sich herzuschieben. Sie hat gelacht und gesagt, dass, selbst wenn sie 100 Jahre alt würde, bei klarem Verstand und bester Gesundheit, so würde die Zeit nie ausreichen, all das auszuprobieren und kennenzulernen, was sie möchte und gerne tun würde. Außerdem sind da immer noch die Pflichten … Was sind denn jetzt bitteschön schon wieder „Pflichten“? Anna meint, ohne Einkommen hat man kein Auskommen, aber diese Erklärung ist mir genauso undurchsichtig.

Wenn ich unter meinem Sofa hervorlug(e), ganz vorsichtig, ob die Luft vor dem Staubsauger rein ist, sehe ich Anna manchmal weinen. Ich glaube – auch wenn ich nicht weiß, was das bedeutet –, sie hat das Problem, Herzenswünsche mit dem Auskommen zu kombinieren. Oder war das anders? Oder war es das Einkommen, mit dem sie sich einen Herzenswunsch erfüllen möchte? Nein … Sie kauft sich nicht gerne Dinge neu ein … da ist sie locker. Jetzt habe ich es! Sie möchte eine Herzensaufgabe tun, womit sie ein Einkommen haben kann, mit dem sie ein Auskommen hat. Ja. Das war es!

Und wieder sind wir beim Tod und ein neues Wort: „Sterben“. Sie möchte anderen Menschen helfen im Bereich Tod und Sterben. Ich bin erschrocken. Sie wird doch nichts Unüberlegtes und Illegales tun wollen, um Menschen in Staubsaugerbeutel zu helfen und durch die Tür zu tragen? Aber nein – zum Glück – das habe ich falsch verstanden. Wenn die Leute sowieso in den Staubbeutel müssen und durch die Tür gebracht werden, möchte sie ihnen helfen, die Zeit bis dahin so schön wie möglich zu gestalten. Anscheinend dürfen Menschen sich die Staubsaugerbeutel aussuchen und – wenn sie mögen – vorher noch bunt anmalen??? Ich versteh’ die Welt der Menschen nicht wirklich. Aber ich mag Anna und wenn sie solch eine Aufgabe glücklich macht?!

Ich bin neugierig auf das nächste Telefonat; vielleicht schnappe ich noch mehr auf …



Der Sturm und Abschiede

Gestern ist etwas ganz Schlimmes passiert. Es war ein ganz normaler Tag. Anna hat gefrühstückt und die Post erledigt, Wäsche gewaschen und die Küche aufgeräumt. Wir waren gut gelaunt und aus dem Lautsprecher erklang fröhliche Musik. Anna wollte noch bügeln, was sie immer im Nebenzimmer tut. Sie hat die Zeit genutzt, um einmal gründlich durchzulüften, auch das tut sie immer; sie öffnet das Fenster ganz weit, um die frische Luft hereinzulassen, und geht nach nebenan.

Frische Luft ist für mich etwas gefährlich, aber auch spannend. Manchmal weht so ein frischer Duft von gewaschener Luft nach dem Regen herein und manchmal, gerade im Winter, auch der Geruch von einem herrlichen Kaminfeuer. Niemand von uns beachtete, dass ein Sturm heraufzog und es langsam düsterer wurde. Ich spielte mit meinen Geschwistern und Anna bügelte.

Plötzlich fuhr ein heftiger Windstoß herein, drehte seinen Kreis im Wohnzimmer, nahm Anlauf und fuhr mit einer rasanten Geschwindigkeit unter das Sofa. Meine Geschwister und ich wurden durcheinandergewirbelt; niemand wusste mehr, wo oben und unten ist. Ich versuchte, mich am Sofa noch festzuhalten und flatterte im Wind. Meine älteste Schwester wurde durch die Luft gewirbelt, trudelte wild hin und her, als sie auf der Windböe ritt, glitt Richtung Fenster und verschwand nach draußen auf die Fensterbank in den strömenden Regen. Durch den Wind fiel auch die Blumenvase nach unten, was so laut schepperte, dass Anna angelaufen kam.

Anna schloss das Fenster und hob die Scherben auf – plötzlich war alles still im Raum; nur draußen hörte man noch das Pfeifen des Windes. Anna hörte mich schluchzen und kam langsam zum Sofa. Sie kniete sich nieder und schaute vorsichtig darunter. Sie fand mich dort, als ich mich erstarrt vor Angst an eine Sprungfeder klammerte und wimmerte. Ich hatte noch gar nicht begriffen, was geschehen war. Annas Hand kam langsam näher. Ganz behutsam löste sie mich von der Sprungfeder, holte mich hervor und setzte mich auf ihre offene Hand. Traurig schauten wir uns an. Ich konnte vor Aufregung gar nicht richtig reden und bekam kaum Luft; ich konnte immer nur Richtung Fenster starren. Anna trug mich sanft zum Fenster und dort sahen wir sie: Meine Schwester lag, vom Regen durchnässt, auf der Fensterbank, matt und kraftlos. Ich rief nach ihr, aber sie antwortete nicht mehr.
Anna legte mich sicher in ein Weinglas, öffnete das Fenster, nahm meine Schwester auf und legte sie auf ein sauberes Tuch – es war schneeweiß. Sie schloss das Fenster sorgsam, überprüfte es zur Sicherheit noch mal und holte mich aus meinem Weinglas. Zusammen gingen wir zu meiner Schwester und schauten sie traurig an.

„Du bist nicht alleine, kleine Wollmaus. Ich bin bei dir“, sagte Anna zu mir. Ich konnte nur aus traurigen Augen zurückschauen und fragte sie, ob das „Sterben“ sei. Ich sagte, dass ich das nicht verstehe: Meine Schwester ist da, ich sehe sie und doch ist sie auch nicht da. Anna erklärte mir, dass jedes Lebewesen auf der Erde einen Körper benutzt und all das, was die Persönlichkeit ausmacht, den Menschen, so wie wir ihn kennen, ist darin verborgen. Der Mensch, der gerne Spaghetti isst, Fangen spielt und gerne in die Sonne blinzelt. Und irgendwann stirbt ein Körper. Meistens, wenn er alt und verbraucht ist, manchmal durch eine Krankheit und manchmal auch durch einen Unglücksfall, so wie es jetzt meiner Schwester passiert ist.

„Und sie kommt nie wieder?“

„Nein.“

„Anna, was machen Menschen mit Freunden und Familie, die gestorben sind?“

„Wir beerdigen sie und erinnern uns an sie.“

„Können wir das auch mit meiner Schwester tun, so wie bei den Menschen?“

„Kleine Wollmaus, ich helfe dir gerne.“

Anna hat dann auf dem Esstisch Platz gemacht und eine Stoffserviette wie ein kleines Deckchen ausgelegt. Darauf hat sie umgekehrt eine kleine Dessertschale gelegt. In ihrem Schreibtisch hat sie ein bisschen suchen müssen – es war etwas schwierig, da sie mich ständig auf dem Handteller mitgetragen hat – sie sagt, ich müsse jetzt nicht alleine sein und außerdem muss ich ihr helfen. Wir finden eine kleine, rechteckige Schachtel, die Anna öffnet. „Perfekt“, sagt sie. „Die ist hervorragend geeignet.“ Aus ihrem Nähkästchen zaubert Anna noch ein Stück Stoff hervor. Es ist sooo weich und fühlt sich gut an und es riecht ein bisschen nach Annas Parfum. Sie legt den Stoff in die Schachtel und hebt dann ganz vorsichtig meine Schwester hinein. Die Schachtel bringen wir zum Esstisch und stellen sie auf die als Podest umgedrehte Dessertschale. Am Kopfende zündet Anna eine kleine Kerze an und irgendwoher hat sie noch eine Blume gezaubert.
5 Sterne
Liebenswertes Kinderbuch mit außergewöhnlicher Hauptfigur - 26.04.2026
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Mathilda, die Wollmaus erzählt die Geschichte einer aus Hausstaub bestehenden Wollmaus, die in der Wohnung von Anna das Licht der Welt erblickt und dem weiteren Zusammenleben in dieser ungewöhnlichen 2er-WG.Die junge Maus blickt neugierig in die Welt und durch ihre großen Augen sehen wir als Leser die Welt in einem ungewohnten Blickwinkel: Kreativ malt die Autorin sprachliche Bilder und verknüpft in Mathildas naiv-wirrem Gedankenstrudel die Themen auf amüsante Weise. Dabei werden mal schwerere und mal leichtere Themen gestreift und durch diese Abwechslung entsteht ein kurzweiliges Lesevergnügen.Begleitet werden die Geschichten von liebevollen Illustrationen, welche die flusige Protagonistin noch stärker zum Leben erwecken. Empfehlen würde ich das Buch für Kinder von 6 bis 10 Jahren.

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