Cover: Kalle am Vogelhaus – Eine Wintergeschichte

Kalle am Vogelhaus – Eine Wintergeschichte


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-7116-0129-2
Erscheinungsdatum: 29.10.2024
In der Wintergeschichte um die Ringeltaube Kalle treffen sich die fliegenden Bewohner eines verwunschenen Gartens stets am Vogelhaus. Aber es lauert auch Gefahr: Zwei Katzen gehen auf die Jagd. Ein Buch über Freundschaft, Verlust und die heimische Natur.
Der alte Garten

Eigentlich hieß er Kalle, aber die anderen am Vogelhaus nannten ihn alle nur den Gerupften. Den Spitznamen hatte er weg, seit er im Sommer zusammen mit seiner Frau Annegrete eine tragische Begegnung mit der grau getigerten Katze Minke gehabt hatte. Alle fürchteten Minke. Zu Recht!
Seitdem sah Kalles hübscher grauer Kopf mit dem weißen Kragen viel kleiner und halt –gerupft aus. Das machte ihn etwas traurig, da er immer sehr stolz auf seinen Kopf gewesen war. Der Neue wollte einfach nicht mehr so richtig auf seinen restlichen graublauen Körper passen, denn Kalle war groß, stark und schwerfällig. Er war eine Ringeltaube.

Das kleine Vogelhaus hing an einem Baum in einem alten Garten, der in einem kleinen Waldstück lag, am Rande der Stadt. In diesem Wäldchen wohnten viele Tiere. Nicht nur Vögel wie das Käuzchen, die Krähen, die Buntspechte und der Grünspecht – es gab dort auch Rehe, Füchse, Marder, Dachse, Fledermäuse und natürlich Eichhörnchen.

Kalle liebte den Garten. Er war wunderschön. Ein bisschen verwunschen sogar mit seinen alten Bäumen, der Eibenhecke, der Wiese am Hang und all seinen Blumen und Sträuchern. Speziell jetzt zur Winterzeit war es besonders schön hier, da neben dem Vogelhaus ein gelber Stern aufgehängt war. Das Vogelhaus hing in einem sehr alten, knochigen, mit Moos bewachsenen Holunderstauch. Der Stern daneben erleuchtete die Dunkelheit mit seinem strahlend-hellen Licht.

Er wurde immer am ersten Advent von dem großen Zweibeiner im Holunderstrauch aufgehängt. Kalle konnte den Großen besonders gut leiden. Dieser lebte zusammen mit seiner Frau, seinem Sohn und dem großen braunen Hund Linnemann in dem alten Fachwerkhaus, das im Garten stand. Das alte Haus fügte sich gut in die Landschaft ein und wirkte auch etwas verwunschen mit seinen schiefen Holzbalken und den weißen Mauern. Morgens spiegelte sich die aufgehende Sonne in den Fenstern. Abends wärmten die glänzenden Lichter und das fröhliche Lachen der Zweibeiner den Garten rund ums Haus.

Trotzdem waren Kalle die Zweibeiner nicht ganz geheuer. Wenn sie in den Garten kamen, flog er lieber rasch auf die große Robinie, um sich sicher zu fühlen. Von dort aus konnte man alles, was geschah, gut beobachten.

Nichtsdestotrotz hätte sich Kalle gerne mal mit dem großen Zweibeiner unterhalten. Aus sicherer Entfernung versteht sich! Wie schön er es hier fand in dem verwilderten Garten. Er hätte sich auch höflich bedankt für die leckeren Körner, die der große Zweibeiner ihm immer netterweise auf die Wiese am Hang streute, aber leider verstand der Große die Sprache der Vögel nicht.



Der Chef am Vogelhaus

Die Sonne ging gerade auf und es versprach ein schöner Tag zu werden, als Kalle von leisem Gezwitscher geweckt wurde. Er hatte die Nacht auf der Robinie verbracht. Jetzt reckte und streckte er seine steif gewordenen Flügel, um wach zu werden.

„Guten Morgen“, gurrte er, „die Sonne geht auf, es ist ein neuer Tag!“

Kalle sah, dass die ersten Vögel schon am Vogelhaus eingetroffen waren. Das grün-braune, kugelige Rotkehlchen Anton mit der roten Brust und die braune Amsel Berta pickten bereits fleißig Körner vom Boden.
Die kleinen Kohlmeisen mit ihrem gelb-blauen Gefieder und dem schwarz-weißen Köpfchen fraßen unaufgeregt Samen aus dem Futterhäuschen und den Meisenknödeln. Alles von ihrem leisen „Zi-zi-bäh“ begleitet.
Kalle wollte auch gerade auf die Wiese am Hang unter dem Holunderstrauch fliegen, um zu frühstücken, als ein kleiner, hektischer Vogel mit gelber Brust, grün-blauen Flügeln und einer blauen Kappe über seinem weißen Gesichtchen ans Vogelhaus geflogen kam.

„Ach“, dachte Kalle auf seiner Robinie, „jetzt geht das Theater wieder los!“

Philipp, die Blaumeise, führte sich immer auf, als wäre er der Chef an der Futterstelle. Keinem anderen Vogel gönnte er etwas. Er war ständig in Bewegung. Aufgeregt flog Philipp von hier nach dort, von dort nach hier und wieder zurück, um die anderen zu vertreiben. Mit seinem Gehabe verwandelte er die beschauliche Ruhe des Gartens in ein flatterndes Durcheinander.

„Alles meins, alles meins!“, schimpfte er dabei lauthals. „Zi-zi-zi, alle weg hier, hinfort mit euch! Alles meins, meins, meins!“

Vor lauter Aufregung, Geflatter und Getöse vergaß Philipp meistens, dass er eigentlich zum Fressen und nicht zum Vögelverjagen ans Futterhäuschen gekommen war.
Die anderen Vögel hatten Respekt vor Philipp, weil er so angriffslustig war. Sie wollten seinen spitzen Schnabel nicht abbekommen. Obwohl Philipp so klein war, flogen sie genervt und schimpfend davon.

Berta, die viel größer war als Philipp, hüpfte in aller Seelenruhe auf einen Zweig des Haselnussstrauchs und schimpfte ärgerlich in Philipps Richtung. „So ein Theater am frühen Morgen. Es gibt genug zu fressen! Der große Zweibeiner kommt doch regelmäßig vorbei und sorgt für ausreichend Nachschub!“

„Genau, Philipp“, riefen auch die Kohlmeisen, „hör jetzt mal mit dem Theater auf! Das Vogelhaus ist für alle da!“

Philipp flog beleidigt und immer noch etwas hungrig in das Wäldchen davon. Noch von Weitem hörte man ihn theatralisch schimpfen. „Hier kann mich ja eh keiner leiden, dann such ich mir halt woanders etwas zu fressen!“

Kopfschüttelnd blieben die anderen zurück und flogen wieder auf den Holunderstrauch, wo sie weiter fraßen.

Die Vögel waren sich allerdings einig, wann es wirklich Zeit war, Theater im Garten zu machen. Nämlich immer dann, wenn eine der drei Katzen in den Garten kam und gefährlich um den Holunderstrauch oder über die Wiese am Hang strich. Die grau getigerte Minke, der schwarze Max und die weiß-braun gescheckte Trine wussten ganz genau, dass die Vögel zum Futterhaus kamen.

Immer wenn sich eine Katze näherte, brach ein wahrer Tumult los, es wurde aus sicherer Entfernung warnend getschilpt, geträllert und gepfiffen. Achtung, Achtung, hieß das, sie sind wieder unterwegs und wollen uns fangen.

Die Katzen jagten nicht, weil sie Hunger hatten, nein, sie waren alle von ihren Zweibeinern wohlgenährt. Sie hatten einfach Spaß am Jagen!



Trine geht Mäuse jagen

Trine lag gelangweilt in ihrem warmen Zuhause auf der Couch. Sie streckte sich gähnend und überlegte, was sie wieder einmal anstellen könnte.
„Vielleicht sollte ich meine Zweibeiner anmaunzen“, überlegte sie hin und her, während sie ihre Pfötchen leckte, „dann bekomme ich bestimmt eine Leckerei oder werde gekrault.“

Sie reckte sich noch ein letztes Mal, sprang von der Couch und trollte sich in die Küche.

„Ist hier irgendwas los?“, miaute Trine schon auf dem Weg durch den Flur.
„Kann mich mal jemand kraulen?“, fragte sie, als sie in der Küche ankam.

Aber ihre Zweibeinerin, die normalerweise immer etwas Leckeres für sie bereithielt, war mit Kochen beschäftigt und hatte keine Augen und Ohren für sie.

„Hallo, hier bin ich! Hörst du mich nicht? Ich müsste jetzt auf der Stelle mal dringend gekrault werden“, forderte Trine ungeduldig.

Sie strich schnurrend um die Beine ihres Frauchens, aber diese hatte offensichtlich keine Zeit für sie.

„Dann geh ich halt raus! Mäuse jagen!“, verkündigte sie gekränkt und verließ ihr Haus durch die Katzenklappe in der Tür.

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