6 - 7 Jahre

Irmi und das Geheimnis der Blumenfee

Evelyn Mayer

Irmi und das Geheimnis der Blumenfee

Leseprobe:

<strong>Irmis Sommerferien</strong>

„Mir ist so langweilig, Tante Helen!“, stöhnte Irmi frustriert. Laut gähnend kauerte sie auf dem Fußboden, während sie vor Langeweile begann eine ihrer roten Haarsträhnen um den Zeigefinger zu wickeln.
Tante Helen war bloß zwei Jahre älter als ihre Mama. Trotzdem fand Irmi, dass es bestimmt tausend Jahre sein mussten, die ihre Tante älter war. Die Mama hatte schönes blondes Haar und noch keine grauen Haare. Tante Helen hingegen sah aus wie ein weiß-blonder Schneeball mit grauen Strähnen. Außerdem benahm sich Tante Helen wirklich richtig uralt. Die saß so gerne vor dem Fernsehapparat und guckte Seifenopern oder Schnulzen, in denen dauernd wer geküsst oder geheiratet wurde. Pfui, wer mag so etwas schon sehen! Die Tante meint nicht, dass sie alt ist, sie sagt immer zur Mama, dass die grauen Haare auch bei ihr sprießen werden, wenn das „Irmilein“ ein bisserl größer ist. So groß wie ihre Tochter, die Renate. Renate ist schon sechzehn Jahre alt. In Irmis Augen war das auch schon richtig alt.
„Die hat es gut“, dachte Irmi oft bei sich, „ein Moped müsste man fahren dürfen!“ Das Moped könnte Irmis Probleme lösen. Mit diesem könnte sie schnurstracks zu Papa heimdüsen. Wie lustig könnte es mit Papa sein! Der hatte zu Hause bestimmt viel Spaß, und sie musste sich bei der Tante langweilen.
Der kleine Rotschopf starrte Löcher in die Luft und seufzte unaufhörlich vor sich hin.

Irmi machte in diesem Sommer zwei Wochen Ferien bei der Tante Helen. Aber irgendwie hatte sie sich das alles ganz anders vorgestellt. In Irmis Träumen war sie mit der Renate Moped gefahren. Sie sah es genau vor sich. Wie wild doch Renates blondes und ihr eigenes rotes Haar im Fahrtwind wehte! Sogar die Sonne konnte Irmi fühlen. Doch alles war anders gekommen, als gedacht.

Gestern war sie angekommen. Die Mama hat ihr noch einen fetten „Abschiedsschmatz“ auf die Wange gedrückt. Das konnte Irmi gar nicht leiden. Immerhin war sie jetzt groß. Mit fünf und drei viertel Jahren bekommt man keinen Schmatz mehr. Schon gar nicht vor den Augen der Lieblingscousine. Renate fand es total lustig, als sich Irmi angeekelt Mamas Lippenstift von der Wange wischen musste. Dabei hatte sie die rote Farbe so nur noch mehr im Gesicht verteilt. Sogar am Hals klebte nun das lästige Rot. Nun kam das, wovor Irmi nicht nur vor den Augen ihrer Cousine graute. Mutti benetzte ein Taschentuch mit ihrer Spucke und rubbelte damit in Irmis Gesicht herum, bis all die Farbe ab war und Irmis Gesicht auch ohne Lippenstift rot anlief. Mama wusste genau, wie sehr Irmi das hasste. Trotzdem konnte sie es einfach nicht lassen. Als habe sie ein zwanghaftes Bedürfnis, Irmi bloßzustellen.

Nun war bereits der nächste Morgen angebrochen. Das Schönwetter vom Vortag hatte nicht angehalten. Es regnete seit dem Morgengrauen. Im Garten standen tiefe Pfützen. Wie schön es doch wäre, darin herumzuhopsen! Aber leider – die Tante hatte es ausdrücklich verboten. Renate war noch am Vorabend mit ihrer Freundin und deren Eltern zum Zelten nach Italien gefahren. Irmis Mama war bestimmt schon in ihrem Seminar und gab fremden Leuten gute Tipps über Kindererziehung. Wobei Irmi still und heimlich bezweifelte, dass ihre Mama dies auch wirklich tat. Natürlich wusste Irmi, dass ihre Mutter ihre Arbeit sehr ernst nahm und auch immer mit vollem Eifer bei der Sache war. Trotz allem konnte sich Irmi nicht vorstellen, dass jemand, der seinem eigenen Kind mit Spucke das Gesicht abwusch, irgendeinem Menschen wirklich gute Ratschläge erteilen konnte.

Ein paar Nächte zuvor hatte der Rotschopf von Muttis Seminaren geträumt. Irmi erkannte sie sofort an der schlanken Figur und dem schulterlangen Haar. Da stand sie, die Frau Lehrer, ihre Mami! Sie befand sich in einem kahlen Klassenzimmer, ohne Bilder an den Wänden oder Blumen an den Fensterbänken. Ohne Zweifel, das war ihre Mutter. Wie Schulkinder saßen viele Mütter und Väter in ihren Bänken. Sie lauschten gespannt den Worten der Frau Lehrer, so, als würde diese jeden Augenblick Zuckerl oder Schokolade verteilen. Anders konnte es sich das Irmilein nicht erklären, wie jemand nur eine Minute still auf so unbequemen Holzstühlen sitzen mochte. Es schien so, als saugten sie jedes Wort und jede Geste ihrer Mutter in sich auf. Mutti nahm etwas Weißes aus der Tasche. War vielleicht darin die Schokolade eingewickelt? Sie wandte sich wieder mit dem Gesicht zu ihren eifrigen Schülern. Irmi verstand nicht gleich, was sie sagte. Doch ihre Schüler nickten nur bestätigend, als hätten sie soeben die weiseste Erkenntnis ihres bisherigen Lebens erhalten. Flink brachten sie jedes Wort zu Papier. Der Rotschopf musste sich erst über eines der Hefte lehnen, um endlich erfahren zu können, warum Mamas Seminare so beliebt waren. Irmi spürte, wie sich die Gänsehaut auf ihren Armen ausbreitete. Denn sie begann nun das Gesehene laut vorzulesen: „Bespucken Sie ein Taschentuch, so lässt sich jeder Fleck auf der Wange Ihres Kindes mit Leichtigkeit entfernen!“
Irmi konnte sich noch gut an diesen Traum erinnern, denn ihr graute danach so sehr, dass sie meinte, unmöglich wieder einschlafen zu können. Nach den Sommerferien würden alle Kinder in der ersten Klasse Irmi hänseln und ihr die Schuld geben, wenn deren Eltern sie in aller Öffentlichkeit mit dem Taschentuch … iiih … – Einfach zu grausam, um es noch einmal zu erwähnen!

Zwei Wochen musste Irmi bei der Tante Helen bleiben. Zwei Wochen ohne Renate, ohne Mama und ohne Papa. Der Papa war nicht verreist. Er traute es sich jedoch nicht ernsthaft zu, nach der Arbeit allein auf Irmi aufzupassen. Niemand kannte Irmi besser als der Papa. Auch wenn sein Töchterchen aussah wie ein kleiner Engel – hinter dem Heiligenschein loderte bereits warnend das feuerrote teuflische Haar seiner kleinen Irmi hervor. Es tobte ein kleines unbezähmbares Energiebündel in ihr, welches jederzeit außer Rand und Band zu geraten drohte. Besonders, wenn ihre Mama außer Sicht war, gab sie ihr Bestes, damit Papa nicht vergaß, dass sie auch noch im Haus war. Einmal hatte Papa einen Versuch unternommen seiner Tochter allein Herr zu werden. Doch es ging über alle Maßen schief.
Zuerst sprudelte morgens die Milch, welche für Irmis Kakao gedacht war, in großen Blubberblasen über den Topfrand herab. Sie verewigte sich stinkend auf der Herdplatte. Irmi stand auf einem Stuhl und be­obach­tete kichernd das lustige Spektakel. Nach dem Verzehr von extra knusprigem Marmeladentoast und Himbeersaft versuchte Papa sein Töchterchen einzukleiden. Er hatte Irmi zwei verschiedenfarbige Socken angezogen, weil ihn ein lautes Klingelgeräusch ablenkte. Am Handy war Papas Chef. Dieser suchte im Büro nach sehr wichtigen Unterlagen. Der Chef war anscheinend der Meinung, dass ihr Papa telepathische Fähigkeiten besäße und wüsste, wohin die Unterlagen verschwunden waren. Natürlich wusste der Papa in diesem Moment nicht einmal, wovon sein Chef überhaupt sprach, denn seine volle Aufmerksamkeit widmete er soeben den komplizierten Knöpfen auf Irmis Kleid. Tänzelnd stand sie vor ihm und wollte es unbedingt anziehen. „Dieses und kein anderes!“, hatte sie lauthals verkündet, obwohl der Chef noch immer am Telefon war.

Natürlich wusste Papa nicht, dass Mama verboten hatte, das Kleid auch nur anzusehen, geschweige denn aus dem Kasten herauszuholen! Mama hatte es zwei Tage zuvor gekauft, damit ihr Töchterchen auf Omas Geburtstagsfeier ausnahmsweise ohne Flecken auf der Kleidung herumlief.
Übrigens, die Knöpfe des Kleides gehörten nicht auf Irmis Vorderansicht, sondern auf ihre Rückseite. Dies erfuhr der völlig gestresste Papi jedoch erst, als er zufällig beim Einkaufen Tante Helen traf. Schmunzelnd erklärte sie dem Papa, wie konfus er seine Tochter angezogen hatte. Jedoch begann sie erst richtig zu lachen, als sie Papa sagte, dass Irmi noch immer Zahnpasta im Gesicht kleben hatte. Der Papa meinte etwas beleidigt, dass er Irmi nur so lustig angezogen habe, weil sie es so gewollt hätte. Was natürlich nicht ganz der Wahrheit entsprach. Aber Irmi war ihrem Papi wegen dieser kleinen Flunkerei nicht böse, denn Papa hatte Tante Helen und ihr mit Spucke benetztes Taschentuch in letzter Sekunde noch abwenden können. Von einem Moment auf den anderen packte Papa Irmi am Handgelenk. Im Davonhuschen verabschiedeten sie sich noch von der Tante, während Papas freie Hand auf die Straßenbahn deutete, als wollte er sagen, sie müssten noch schnell die nächste Straßenbahn erreichen. Was natürlich auch geflunkert war. Sie waren ja mit dem Auto gekommen. Dies hatte der wütende Papi wohl vergessen, denn als sie in der Straßenbahn saßen – worüber sich Irmi wahnsinnig freute, da sie noch nie Straßenbahn gefahren war –, wurde dem Papi bewusst, dass in diesem Moment die Parkuhr auf dem Auto ablaufen musste.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 234
ISBN: 978-3-99003-270-1
Erscheinungsdatum: 29.03.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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