Flöckchens große Reise

Flöckchens große Reise

Claudia S. Lang


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 72
ISBN: 978-3-99038-754-2
Erscheinungsdatum: 21.11.2014
Robi ist sieben als sein Großvater stirbt. Durch die Schneeflocke Flöckchen erfährt er, was es mit der Kraft der Liebe auf sich hat, und dass Loslassen nicht unbedingt schmerzhaft sein muss. Robi lernt, wieder fröhlich zu sein und den Tod nicht mehr als bösen Geist zu sehen. Eine Geschichte, die auch Erwachsenen Trost spendet!
Für Eltern und andere liebevolle Menschen

Wenn der Hamster Ihres Kindes stirbt, können Sie versuchen, ein neues Tier in den Käfig zu setzten, in der Hoffnung, dass Ihr Kind den Unterschied nicht bemerkt, und mit dem Nebeneffekt, dass es mit der irrigen Meinung groß wird, ein Hamster habe eine Lebenserwartung von zehn Jahren oder mehr. Doch angesichts eines verstorbenen Großvaters klappt dieser folgenschwere Trick nicht mehr und spätestens dann sind die befangensten Eltern gezwungen, sich im Zuge einer behutsamen und pädagogisch wertvollen Erziehung mit dem Thema Tod auseinander zu setzen. Dass dies kein leichtes Unterfangen ist, vor allem dann nicht, wenn man als Erwachsener selbst unter dem Verlust eines geliebten Menschen oder Tieres zu leiden hat, ist verständlich. Natürlich hinterlässt der Tod in unser aller Herzen meist schmerzhafte Spuren und diese Tatsache ist auch nicht zu banalisieren, doch dieses Buch zeigt einen sinnvollen und positiven Umgang mit einem Thema, das uns alle betrifft und uns allen widerfährt.


VORWORT für Kinder
Liebe Leserin! Lieber Leser!

Dieses Buch habe ich für dich geschrieben, weil es im Laufe des Lebens vorkommt, dass ein geliebter Mensch oder ein geliebtes Tier stirbt oder auch eine Freundschaft zu Endegeht. Und wenn das passiert, dann sind wir meistens sehr traurig und vermissen dieses Wesen sehr. Natürlich darf das auch eine Weile so sein, denn es ist wichtig, zu weinen und die Traurigkeit herauszulassen, damit sie wieder vorbei gehen kann und die Fröhlichkeit wieder zurückkommt. Aber es ist auch wichtig für das Glück in Deinem Leben, den Tod als das zu sehen, was er tatsächlich ist: Er ist kein böses Ungeheuer, vor dem man sich ewig fürchten muss, sondern ein guter Freund des Lebens, der unser Dasein erst möglich macht. Das Sterben gehört zum Leben dazu und ist wichtig, damit immer wieder neues Leben entstehen kann. Es gibt kein HELL ohne DUNKEL und kein GROSS ohne KLEIN und daher auch kein LEBEN ohne TOD. Vielleicht hast du schon etwas vom unendlichen Kreislauf des Lebens gehört und auch davon, dass es etwas gibt, das wir Menschen SEELE nennen … und genau die Seele in jedem Lebewesen ist es, die niemals stirbt. Denn dieser Teil in uns allen ist der göttliche Teil in uns, den wir alle gemeinsam haben und durch den wir auf ewig miteinander verbunden sind. Wenn also ein Wesen, das du liebst, gerade gestorben ist, dann ist zwar das körperliche Leben, welches du mit deinen Augen sehen konntest, vorbei, aber die Liebe und die Verbundenheit können auf ewig in deinem Herzen lebendig bleiben. Nachdem du um die verlorene Person oder das verlorene Tier geweint hast, darfst du dich darüber freuen, dass es diese schöne Beziehung in deinem Leben gegeben hat. Denn jede Freundschaft und jede Liebe dieser Welt ist immer ein ganz besonderes Geschenk des Lebens an DICH. Die nachfolgende Erzählung kann dir helfen zu verstehen, wie Leben funktioniert und wie man trotz trauriger Ereignisse wieder fröhlich werden kann. Ich wünsche dir nun viel Freude und Trost beim Lesen dieser spannenden und abenteuerlichen Geschichte und dass du bald wieder von Herzen lachen kannst. – Alles Liebe, Deine Claudia


FLÖCKCHENS GROSSE REISE

Es war ein kalter Wintermorgen. Die Erde hüllte sich in ein dickes Kleid aus weichem Pulverschnee und eine verheißungsvolle Stille lag über der ganzen Stadt. Das war die Zeit im Jahr, in der selbst die Sonne etwas später als üblich aufstand und obendrein viel früher zu Bett ging als im Sommer. Hinter einer grauen Wolkendecke drehte sich Herr Sonne gerade faul von einem Traum in den nächsten und Frau Mond verabschiedete sich völlig erschöpft von der langen Nacht in ihre Gemächer auf der anderen Seite der Erde. Es waren nur noch drei Tage bis Silvester, also dem letzten Tag im alten Jahr und der Nacht, in der das neue Jahr geboren wird. Über den schneebedeckten Rasen im Garten der Familie Wundersam huschte eilig ein geschäftiges Eichkätzchen. Es holte gerade aus einem seiner unzähligen Geheimverstecke eine gewaltige, leckere Nuss und verschwand damit schnell wieder in seiner kuscheligen Höhle im alten Kastanienbaum. Die meisten Menschen lagen um diese Zeit noch im Bett und auch Familie Wundersam schlummerte tief und fest in ihren Federkissen. Doch einer stand hellwach am Fenster und blickte gedankenversunken in den klirrend kalten Tag hinaus.
Es war der kleine Robi. Eigentlich hieß er Robert, aber seine Eltern und Freunde riefen ihn einfach Robi. Er war seit gestern sehr traurig, und obwohl ihn seine Mutter ganz besonders lieb in den Schlaf geküsst hatte, tat er nur so, als ob er eingeschlafen war, denn er wollte nicht dass sie sich Sorgen um ihn machte. Seine Mama hatte schon den ganzen Tag über sehr viel geweint und sogar sein Vater, den er noch niemals zuvor weinen sah, zerdrückte ein paar heimliche Tränen, als er sich rasierte. Der Grund für diese Traurigkeit war Opa.

Es war ganz früh am Morgen gewesen, als das Telefon geklingelt hatte und Robis Mutter den Hörer abgenommen und allmählich immer trauriger geklungen hatte, bis ihr schließlich ganz große Tränen über die Wangen gelaufen waren. Der Mann am anderen Ende des Telefons war ein Doktor aus dem Krankenhaus und er hatte gesagt, dass Opa gestorben war.

Robi hatte ihn noch vor zwei Tagen im Spital besucht und ihm einen riesigen Strauß bunter Blumen mitgebracht. Opa war schon lange krank gewesen, und manchmal hatte er große Schmerzen. Aber er war der liebste Opa der Welt, denn er hatte immer Witze mit Robi gemacht und ihm außerdem eine supertolle Schaukel gebaut, die Robi ganz allein gehörte. Diese Schaukel hatte er sich zum Geburtstag vor einem Jahr gewünscht, und obwohl Papa es fast nicht erlaubt hätte, hing sie eines Tages auf dem großen, alten Kastanienbaum im Garten mit einer blau-schimmernden Schleife umwickelt, auf der stand: „Für meinen lieben Robi von Deinem Opa – alles Gute zu Deinem Geburtstag, mein Großer!“ Das war abgesehen von dem roten Fahrrad zu Weihnachten das schönste Geschenk, das er überhaupt je bekommen hatte.

Aber Opa war jetzt nicht mehr da. Robis Vater hatte ihm erklärt, dass Opa jetzt im Himmel beim lieben Gott sei und nun auf die ganze Familie aufpasse. Aber das machte sein kleines Herz auch nicht wieder froh. Wieso war Opa einfach so gegangen, er hatte sich überhaupt nicht verabschiedet und er hatte doch versprochen, mit Robi im nächsten Sommer angeln zu gehen?! – Robi quälten unzählige Fragen. Die ganze Nacht über hatte er nicht recht gewusst, ob er nun auf Opa, auf den Arzt im Krankenhaus oder gar auf den lieben Gott selbst böse sein wollte. Nur eines wusste er, dass Opa sein bester Freund gewesen war und dass er nun niemals mehr mit ihm spielen würde. Robi stand mit eiskalten Füßen noch immer am Fenster und starrte in den grauen Morgen.

„Gestorben“ – „tot“: Robi wiederholte diese Worte immer wieder in seinen Gedanken. Was passierte eigentlich, wenn man starb? Und warum müssen die Pflanzen, die Tiere und sogar wir Menschen sterben? In der Schule hatte die Frau Religionslehrerin gesagt, dass Jesus Christus, obwohl er gestorben war, zu Ostern wieder von den Toten auferstanden sei. Vielleicht kam Opa ja zu Ostern wieder? Genau das würde er seine Mutter fragen, sobald sie wach war. Heute war Sonntag und da schliefen seine Eltern meistens länger als sonst, aber Robi konnte es einfach nicht mehr erwarten und schlich leise in ihr Schlafzimmer. Er musste jetzt ein für alle Mal wissen, ob Opa zu Ostern wiederkam. Vorsichtig zupfte er an Mamas Decke und war sehr erleichtert, als sie kurz darauf die Augen aufschlug und ihn zärtlich an sich drückte. „Es ist Sonntag, Robi, du kannst noch ein bisschen weiterschlafen.“ „Aber ich muss dich was ganz Wichtiges fragen, Mama!“, sagte Robi mit gequälter Stimme. „Ja, was denn, mein Schatz?“, erwiderte die Mutter sorgenvoll. „Kommt Opa zu Ostern wieder, so wie Jesus Christus?“ Robis Augen hingen erwartungsvoll an den Lippen seiner Mutter. Sie rang mit den Tränen, schließlich war es ihr Vater, der gestorben war, und obwohl sie bereits eine erwachsene Frau war, fiel ihr der Abschied scheinbar genauso schwer wie Robi. „Nein, mein kleiner Liebling“, sagte sie leise. „Opa kommt nicht mehr zurück, aber er hat dich sehr lieb gehabt und er wird auf eine andere Weise immer bei dir sein, nämlich in deinen Gedanken und in deinem Herzen.“ „Aber wieso erzählt uns dann die Frau Lehrerin in der Schule so eine blöde Geschichte, wenn es gar nicht stimmt?“ Die Tränen rannen in strömenden Bächen ungehindert über seine kleinen Wangen und eine Woge der Verzweiflung wallte in den sonst so großen, blauen und klaren Augen auf. „Deine Lehrerin hat euch erzählt, was in der Bibel steht. Dieses Buch will uns Menschen helfen, mit den schwierigen Dingen im Leben besser zurecht zu kommen … Opa ist nicht Jesus und von uns normalen Menschen aufersteht keiner – leider!“, erklärte die Mutter, doch so ganz reichte ihm diese Aussage noch nicht. „Aber die Frau Lehrerin hat gesagt, wir sind alle Gottes Kinder, wieso musste dann Opa trotzdem sterben?“
Schließlich war auch sein Vater wach geworden und mischte sich wohlwollend in die Unterhaltung ein. „Komm her, mein Sohn“, sagte er verständnisvoll und Robi kuschelte sich zwischen seine Eltern ins Bett. Das kam nur noch selten vor, denn er war schon ein großer Junge und hatte sein eigenes Bett in seinem eigenen Zimmer, doch heute fühlte er sich gar nicht so groß. „Das ist nämlich so“, erklärte sein Vater, „wir alle haben eine Seele, und wenn wir sterben, dann wird unser Körper begraben, und die Seele wandert zu Gott in den Himmel und hilft dort den Engeln, über uns Menschen auf der Erde zu wachen.“ „Aber wieso hat dann keiner dieser Engel auf Opa aufgepasst, damit er eben nicht stirbt?“ Wieder rannen Robi Tränen über sein kleines Gesicht. „Weil wir alle älter werden und wenn wir sehr alt sind, dann kehren wir wieder zu Gott zurück“, versuchte der Vater seinem verzweifelten Sohn klarzumachen.
Das passte alles nicht zusammen! Wenn Papa recht hatte und wir wieder zum lieben Gott zurückkehren mussten, dann konnten wir ihn doch auch fragen, ob wir wieder auf die Erde herunterkommen können; und dann könnten wir unsere Familien und Freunde besuchen und später wieder zu Gott gehen. Je mehr sich Robi anstrengte und seinen Eltern Löcher in den Bauch fragte, umso verwirrender war das, was er zu hören bekam.
Wenn Opa bei Gott war und es ihm im Himmel gut ging, warum weinten dann sogar die Erwachsenen – die müssten sich doch dann darüber freuen!? Und wenn Jesus zurückkommen konnte, wieso durfte dann Opa nicht zurück – wenigstens nur für ein paar Tage? Warum hatte sich Gott niemand anderen geholt? Und wieso hatte Opa Gott nicht gesagt, dass er noch viel mit Robi vorhatte? Warum werden wir überhaupt alt und krank? Wann muss ich denn eigentlich sterben? Ob sterben wohl weh tat? Und mit einem Mal wurde dem kleinen Mann ganz Angst und Bange: Was, wenn nun Papa oder Mama sterben, er brauchte sie doch so sehr?! Würde er dann ganz alleine auf der Welt bleiben?

Seine Verwirrung nahm noch zu, als er versuchte, mit seiner Oma darüber zu reden. Sie kam an diesem Sonntag zu Besuch und tat ebenfalls ihr Bestes, um ihrem kleinen Enkel diesen Schmerz zu erleichtern. Doch was auch immer man ihm erzählte, er blickte da einfach nicht durch. Wenigstens hatte er nun nicht mehr so viel Angst, dass seine Eltern bald sterben müssten, denn Oma hatte gesagt, dass die beiden noch ganz, ganz lange leben würden.
Als nachmittags die Erwachsenen eine Jause zu sich nahmen, zog er sich in sein Zimmer zurück, seinen Lieblingsteddy im Arm, und blickte wieder in den Garten hinaus. Die Kohlmeisen, das Rotkehlchen und die Spatzen flatterten munter zwischen den Sträuchern und dem prall gefüllten Vogelhäuschen hin und her, und ansonsten hatte sich im Vergleich zu heute Morgen kaum etwas verändert. Die übliche Sonntagsstille und die übliche Winterstimmung; nur das Eichkätzchen schien es Robi gleich zu tun: Es streckte seinen Kopf aus seiner Baumwohnung in Robis Richtung und beobachtete, wie er, die frechen Vögel.

Es half nichts, Robi musste hinaus in den Garten, zu seiner Schaukel und weg von den Erwachsenen – er wollte nicht einmal seinen besten Freund aus der Schule sehen, der ihn vor einigen Minuten am Telefon zu sich nach Hause eingeladen hatte. „Nein danke, ein andermal vielleicht“, ließ er ihn wissen. Robi fragte seine Mama, ob er in den Garten durfte, um ein wenig zu schaukeln, und da die Mutter sein blasses Gesicht sah, dachte sie, dass ihm die frische Luft wohl gut tun würde. Sie willigte ein, jedoch nicht ohne ihn an eine warme Jacke, den Schal und die Mütze zu erinnern.

Er wischte mit seinen Handschuhen den Schnee von dem Schaukelbrett und setzte sich darauf. So verging einige Zeit, als oben am Himmel etwas Seltsames vor sich ging.
Plötzlich verschwanden die Vögel, das Eichhörnchen zog sich in seinen warmen Bau zurück und im Garten wurde es noch stiller als still. Und ganz allmählich, wie durch ein Wunder, begann es lautlos aus der schweren, dichten Wolkendecke zu schneien. Die Flocken schienen heute extra dick und groß zu sein, als ob sie Robis Großvater, sorgfältig ausgesucht, nur für ihn vom Himmel fallen ließ. Die beiden liebten Schneeballschlachten und Schneemannbauen. Ob er wohl doch da oben war, vielleicht hinter einer dieser schweren Wolken? Womöglich – wenn er sich nur genug anstrengte, dachte Robi sich, konnte er seinen Opa dahinter entdecken? Doch alles, was er sah, waren die mächtigen Flocken, die sich auf seinem nach oben gestreckten Gesicht niederließen. Wenn ihm doch nur jemand erklären könnte, was es mit dem Sterben auf sich hatte … Und als Robi so verzweifelt auf seiner Schaukel saß und ganz fest an seinen geliebten Opa dachte, geschah dort oben hinter den großen, schweren Wolken ein kleines Wunder.

Da jedes Lebewesen auf Gottes Erde eine Seele hat oder Teil einer Seelengemeinschaft ist, hat auch jedes Wesen eine eigene Geschichte, einen eigenen Weg und seine ganz bestimmten Aufgaben. Vom kleinen Grashüpfer bis zum großen Elefanten haben alle ihren ganz besonderen Lebenssinn. Sogar der kleine Kieselstein am Wegesrand, der große Kastanienbaum im Garten und das Gänseblümchen auf der Wiese, sie alle haben, wie auch wir Menschen, ihren Platz im unendlichen Strom des Lebens. Und bis zu diesem Tag war es ein gut gehütetes Geheimnis der Natur, dass sogar jede einzelne Schneeflocke ihren ganz bestimmten Auftrag zu erfüllen hat.

Eine dieser Schneeflocken war Flöckchen. Sie war vor geraumer Zeit als salzige Träne namens Plopp geboren und von der Wange eines weinenden Mädchens gekullert, die sich im Schulhof den Ellbogen aufgeschlagen hatte.

Die Zeit als Träne war abgelaufen und nun stand die kleine Seele vor Gottes Angesicht und fragte ehrgeizig: „Lieber, guter Gott, du schicktest mich als Träne zur Erde und sagtest, ich solle mich für die kleine Resi bereithalten, damit sie ihren Kummer durch mich hinausspülen kann, wenn sie traurig ist.

Und als sie im Schulhof stürzte, war ich zur Stelle und trug gemeinsam mit meinen Tränen-Geschwistern ein wenig Schmerz aus ihrer Seele, damit sie bald wieder lachen konnte.

Als eine ihrer Tränen fiel ich zur Erde; ich verdunstete und komme nun wieder als Seele zu dir, um meine nächste Aufgabe in einem neuen Leben zu erhalten. Sag mir, was darf ich als Nächstes tun? Und als was oder wer darf ich als Nächstes geboren werden?“ Aufgeregt und in freudiger Erwartung zappelte die ehemalige Träne hin und her. Sie war eine fleißige und ehrgeizige Seele und sehnte sich nach weiteren und neuen Aufgaben. Von anderen Seelen im Kosmos hörte sie viele aufregende Geschichten; einige unter ihnen waren Tiere oder Blumen und andere waren Menschen.
Im Übrigen ist KOSMOS ein anderes Wort für Universum oder Weltall, ein unendlich großer Raum, wo die Zeit keine Rolle spielt, denn auch sie ist unendlich verfügbar.
Obwohl sie genau wusste, dass jede Entwicklung ihre Zeit brauchte und jede Aufgabe ihren richtigen Zeitpunkt fand, war sie schon sehr ungeduldig. Wie schon gesagt, sie war eine sehr eifrige Seele und wollte weiter an Erfahrungen und Erlebnissen wachsen und reifen. Gott sah ihre Ungeduld und überlegte einige Zeit, bis er schließlich zu ihr sprach: „Mal sehen, du scheinst mir voller Tatendrang und großem Eifer, hast Erfahrung mit traurigen Kindern und linderst aufopfernd deren Kummer –
du sollst deine besondere Aufgabe haben. Als Schneeflocke namens ‚Flöckchen‘ schicke ich dich zur Erde und gebe dir den Auftrag, als einzige jemals sprechende Flocke einem kleinen, traurigen Jungen namens Robi den Lauf des Lebens zu erklären. Kein menschliches Wesen außer ihm wird dich hören oder verstehen können und du hast nur begrenzte Zeit für diesen Auftrag, also erledige ihn sorgfältig und gewissenhaft.“

„Aber wie soll ich ihm das Leben erklären, wenn du doch das Leben bist? Ob ich das wohl schaffe?“, fragte sie ein wenig unsicher. „Natürlich schaffst du das, meine Kleine“, antwortete Gott zuversichtlich. „Wenn du da bist, wirst du es wissen, schließlich bist du ein Teil von mir! Ich vertraue voll und ganz auf dich und das solltest du auch tun. Du weißt ja, es lernen immer beide, der Lehrer und der Schüler. Diesmal fliegst du zur Erde als Lehrer und kehrst als erfolgreicher Schüler deines Lebens wieder zurück. So begegnen sich immer alle Wesen abwechselnd als Schüler und Lehrer und machen sich gegenseitig weiser und größer. Nur jene, die das Lernen am Leben verweigern (also die Lebensschule schwänzen), die müssen halt so lange bei derselben Aufgabe bleiben, bis auch sie gelernt haben, was es zu entdecken gibt.“

Die junge Seele freute sich über diese wichtige Aufgabe, auch wenn sie noch nicht so recht wusste, wie sie das bewerkstelligen sollte. Und sie wusste sehr genau, dass das Leben einer Schneeflocke nur von kurzer Dauer war. Nur am Nordpol lebten die Flocken besonders lange, weil die Temperaturen dort das gesamte Jahr über schön niedrig waren. Wenn sich nicht gerade ein riesiger Eisbär mit seinem kuscheligen, warmen Fell im Schnee wälzte, war man dort als Flocke einigermaßen sicher. Doch es gab Wichtigeres zu tun, als am Nordpol neben Pinguinen und Seelöwen faul herumzuliegen und in der Wintersonne zu glänzen.

Sie hatte schließlich einen wichtigen Auftrag: Nämlich dem traurigen Robi das Leben und den Tod zu erklären! Und wer weiß, vielleicht waren ja auf dem Weg dahin auch noch ein paar nette Abenteuer für sie dabei.

Das Ziel von Flöckchens Reise war eine Stadt namens Wien in einem Land namens Österreich. In diesem Land gab es verschiedene Wetterzeiten, nämlich Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Was für ein Glück für Flöckchens Mission, dass gerade Winter war. Man wusste nämlich nie so genau, wann die vier Geister der Jahreszeiten sich hierzulande abwechselten; in den letzten Jahren wurden sie immer launischer. Doch Väterchen Frost war erst seit Kurzem in der Stadt und würde wohl noch ein ganzes Weilchen bleiben. Flöckchen, die ja noch immer als kleine Seele im Kosmos herumflog, konzentrierte sich nun ganz fest auf die Gestalt einer besonders freundlichen Schneeflocke. Sie stellte sich die schönste Schneeflocke aller Zeiten vor und fand sich im nächsten Augenblick auf einer dieser dicken, weichen Wolken über Robis Garten wieder. Rings herum tummelten sich viele Tausende anderer Schneegebilde und machten sich bereit zum großen Absprung. Das war nun der Moment, in dem Flöckchen wahrhaftig und endlich wiedergeboren war.

„Jipiiiiiiiiih!“, schrie eine ihrer zahlreichen Nachbarinnen und stürzte sich voller Lebensfreude in die Tiefe. „Auf geht’s!“ sprach ein Flocken-Kollege und ließ sich kopfüber ebenfalls auf die Erde plumpsen; wobei man nicht so genau sagen konnte, wo bei diesem Flocken-Mann der Kopf war, denn er war sehr dick und sehr rund. „Na, dann wollen wir mal sehen, was mich diesmal da unten erwartet!“, rief eine andere Schneetänzerin. „Hoffentlich lande ich nicht wieder ausgerechnet auf dem Ofen eines Maroni-Verkäufers, denn dann bin ich flugs wieder im Himmel.“
Sie schien schon einmal als Schneeflocke auf dieser Welt gewesen zu sein, und weil ihre Angst vor dem neuen Leben auf der Erde so groß gewesen war, war ihr bereits die Landung missglückt und sie hatte noch einmal zurückkehren müssen, um erneut geboren zu werden.
5 Sterne
Claudia S. Lang Flöckchens große Reise - 07.03.2015
Markus Saffer

Wie der Tod zu Leben gehört,gehört dieses Buch in jedes Bücherregal,eine liebevolle, klare Auseinandersetzung mit diesem Thema,brillant auf den Punkt gebracht, ein Muss von 6-99

Das könnte ihnen auch gefallen :

Flöckchens große Reise

Cornelia Busse

Evan und Gelina hören von Gott – Ein Kinderbuch zum Ausmalen

Weitere Bücher von diesem Autor

Flöckchens große Reise

Claudia S. Lang

ICH³ - Innerlich einfach gut aufgestellt!

Buchbewertung:
*Pflichtfelder