6 - 7 Jahre

Domi und die Höhle der schwarzen Drachen

Ute Vogell

Domi und die Höhle der schwarzen Drachen

Abenteuerroman für Kinder

Leseprobe:

1. Domi muss schreiben

Domi kaute an seinem Stift und warf keinen Blick auf das blauglitzernde Meer und den warmen, feinen Sand tief unter ihm.
Natürlich wäre er lieber dort. Aber was sollte er machen?

Rechts von ihm saßen wenige Touristen in der Mittagshitze auf der Hotelterrasse und tranken Kaffee oder aßen Eis.
Links neben ihm lag Mama auf einer Sonnenliege und schlief.
Wahrscheinlich hielten Oma und Opa oben auf der Dachterrasse ihre Siesta und Uroma schnarchte in ihrem Zimmer.
Nur er sollte hier am Bistrotisch sitzen und schreiben. Wie jeden Mittag seit ihrer Ankunft im Hotel.

Mama und Oma waren der festen Überzeugung, dass er jeden Tag etwas schreiben müsste. Wenigstens zehn Minuten.
Opa hatte vorsichtig versucht, ihm zur Hilfe zu kommen.
„Es reicht doch, wenn der Junge jeden zweiten, dritten Tag eine Postkarte an Opa Hubert schreibt“, hatte er vorgeschlagen.
Da hatten Domis große, braune Augenscheinwerfer Opa angestrahlt und sein Kopf hatte eifrig genickt.
Opa hatte freundlich zurückgelächelt.
Aber Mama und Oma waren unerbittlich.
„Nein, tägliches Schreiben. Das ist zu deinem Besten, Domi.“
Also hatte Domi seine Augenscheinwerfer wieder abgeschaltet.
Resignierend hatte Opa seine Schultern hochgezogen.
Gegen Mama und Oma anzukommen, war nie einfach.

Domi seufzte.
Ja, er war gut in Mathe. Richtig gut – super, fand seine Klassenlehrerin.
Aber mit dem Schreiben – nun ja, beim Schreiben war er halt nicht „weit voraus“.
„Für einen Linkshänder ist es auch schwerer. Ein bisschen Üben würde nicht schaden!“

Aber weil Domi etwas gegen Üben hatte, war Oma mal wieder auf eine ihrer schrägen Ideen gekommen. Sie hatte ihn zu Hause in den kleinen, netten Schreibladen gelockt. Er durfte endlos die schönsten Stifte, Tintenkulis und Radiergummis ausprobieren; sogar Tintenkiller. Die Verkäuferin hatte viel Geduld, und Oma sowieso.
Als er endlich seine Wahl getroffen hatte, fand sich unerwartet auch ein liniertes Heft an der Kasse. Obwohl Domi linierte Hefte genauso wenig leiden konnte wie Üben.
Deshalb hatte Oma ihm viele Aufkleber aufgeschwatzt: „Damit kannst du dann dein Reisetagebuch verzieren.“
Nur Reisetagebuch – kein Wort von einem linierten Heft und erst recht kein Wort von Üben.
Trotzdem war Domi nicht zufrieden. Denn er durchschaute Omas Trick sofort.
„Ich hab doch erst in den Osterferien bei Uroma im Schwarzwald ein Reisetagebuch geschrieben“, warf er ein. „Mama hat sich darüber zum Geburtstag sehr gefreut.“
Sicherheitshalber fügte er hinzu: „Und bis Weihnachten dauert es noch so lange!“
Das musste er einfach klarstellen, falls nämlich Oma auf den Gedanken kommen sollte, dass er schon im Sommerurlaub auf der griechischen Insel ein Weihnachtsgeschenk für Mama machen sollte.
Aber Oma gab sich nicht geschlagen.
Sie dachte kurz nach und sagte dann:
„Also gut, dann kein Reisetagebuch. Wir schreiben einen Roman – du und ich. Einen Kinderkrimi. Domi und das Spukhaus. Oder irgend sowas. Uns wird etwas einfallen.“
Zuerst war Domi ganz begeistert gewesen. Und seine Ideen waren nur so gesprudelt zu Hause.
Aber nun?
Nun saß er hier, kaute an seinem Stift und hatte ein Problem.
Zwar hatte er schon einiges geschrieben.
Nette Badeerlebnisse. Denn der Urlaub hatte bisher viel Spaß gemacht.
Aber er hatte nichts Spannendes verfasst. Schon gar keinen Kinderkrimi.
„Na und?“, hatte Mama gesagt. „Dann eben kein Kinderkrimi. Ich freue mich auch über ein Reisetagebuch. Oder über Reisebriefe. Oder kleine Notizen. Hauptsache, du schreibst.“

Domi musste schon wieder seufzen. Mama hatte keine Ahnung.
Wenn er ohne Krimi nach den Sommerferien in die Schule zurückkäme, würde Benni ihn verspotten. Und Emil wäre sicher enttäuscht.
Und Cinti würde vielleicht spitze Bemerkungen machen.
Denn leider, leider, leider – Domi könnte sich selbst ohrfeigen – leider war Domi so dumm gewesen, vor der Klasse zu sagen, dass er einen Krimi schreiben würde.
„Nein, ich übe nicht!“, hatte er gerufen, als Benni ganz laut durch die Klasse schrie: „Hey, hört mal her, Domi muss in den Ferien schreiben üben!“
Er hatte sich sehr geschämt und deshalb hatte er schnell erklärt: „Nein, stimmt überhaupt nicht. Ich übe gar nicht. Ich schreibe einen Krimi. Mit Oma.“

Da waren alle still geworden. Domi hatte ihnen nämlich vor einiger Zeit das Buch gezeigt, das seine Oma geschrieben hatte.
Oha! Und nun würde Domi selbst ein Buch schreiben. Alle schwiegen ehrfurchtsvoll.

Ein dritter Seufzer kam aus Domis Brust. Wenn nicht bald etwas sehr Spannendes passierte, würde er sich zu Schuljahresbeginn blamieren.
Denn es würde keinen Kinderkrimi geben.
Auf dieser kleinen griechischen Insel war alles viel zu normal.

Außer gestern.
Da hatte er etwas Schreckliches gesehen. Aber das eignete sich nicht für Kinder.
„Fahr schnell weiter, KH“, hatte Oma vorn auf dem Beifahrersitz geflüstert, „der Kleine muss das gar nicht sehen.“
Aber er hatte es gesehen. Zwar nur sehr kurz, aber es war schlimm genug.

Domi musste schlucken. Daran wollte er nicht mehr denken.
Und schon gar nicht darüber schreiben.

Warum hatte er in der Schule bloß so angegeben?
Jetzt konnte er sich gar nicht mehr am Urlaub erfreuen.
Es sei denn …

Ja, es sei denn, Katinka würde etwas Spannendes einfallen. Sie kam morgen mit ihren Eltern, die hier ein kleines Haus hatten.

Sicher – Katinka war die Rettung.
Sie hatte immer super Ideen. Und sie kannte sich hier auf der Insel aus, denn ihr Papa kam von hier.
Mit Katinka würde es spannend werden!



2. Das Tal der Toten

Katinka hieß eigentlich Katharina – deutsch-griechisch, wie sie selbst immer sagte. Aber das ist langweilig. Also Katinka.

Domi kannte sie gut aus seiner Kindergartenzeit in Bremen. Katinka war ein Jahr älter und viel wilder als Domi. Gerade deshalb mochte er sie.
Eni, seine Mama, und Melli – Katinkas Mutter – verstanden sich gut. Also hatten sie sich auch dann noch gesehen, als Mama und er ins Rhein-Main-Gebiet gezogen waren.

Und jetzt hier auf Katinkas Insel.
Kostas, Katinkas Papa, war Grieche und er hatte hier ein Haus.

„Komm, ich zeig dir alles!“
Katinkas schwarze Augen blickten immer noch so feurig wie in Domis Erinnerung. Ihre schwarzen Locken ringelten sich in dichten Schlangen um ihren Kopf.
Alles war wie immer – außer, dass Katinka größer geworden war und ihre Fingernägel viele bunte Tupfer trugen.
„Mamas Nagellack“, sagte sie kurz, als sie Domis Blick sah. Der nickte, obwohl er noch nie so viele verschiedene Farben an Mellis Fingern oder Füßen gesehen hatten.

Mama, Kostas und Melli tranken Kaffee im kleinen Garten des weißen Fischerhäuschens am Meer, während Domi voller Entdeckerlust Katinka folgte.

Sie gingen am Strand entlang. Die Sonne schien warm und das Meer umspülte bläulich ihre nackten Füße.
Manchmal wäre Domi gern stehen geblieben, um einen interessanten Stein oder eine außergewöhnliche Muschel aufzuheben.
Aber Katinka trieb ihn weiter.
„Komm, komm! Wir haben keine Zeit. Im Tal der Toten wird es früh dunkel. Und wir müssen um 6.00 zu Hause sein!“
Domi hatte keine Ahnung, was das Tal der Toten war und wieso es dort früher dunkel werden sollte als anderswo.
Aber er nickte zustimmend. Katinka war nicht nur ein Jahr älter als er, sie kannte sich auf der Insel aus. Und er wollte auf keinen Fall als klein und unwissend erscheinen.

Plötzlich bog Katinka vom Strand ab.
Aber bevor sie es tat, maß sie das Ufer und die Felsen im Hintergrund mehrfach mit Schritten und Blicken.
Dann murmelte sie etwas und stieß ihren kleinen rosa Sonnenschirm, den sie die ganze Zeit getragen hatte, an einer bestimmten Stelle in den Sand.
„Das ist unser Zeichen, damit wir zurückfinden!“, murmelte sie düster.
Zum ersten Mal auf der Insel bekam Domi ein ungutes Gefühl.

Aber dann entfuhr ihm ein bewunderndes „Wow“!
Hinter einem dicken Felsen tauchte plötzlich eine tiefe Schlucht auf.
Auf ihrem steinigen Boden schlängelte sich ein kleiner Bach in Richtung Meer. Über ihm stiegen steile Berge endlos in die Höhe. Erst ganz weit oben konnte man einen Streifen vom blauen Himmel sehen.
Aber die Sonne hatte nicht mehr die Kraft, die Schlucht so hell zu erleuchten wie den Strand, an dem sie vorher waren.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 172
ISBN: 978-3-99107-186-0
Erscheinungsdatum: 21.01.2021
EUR 11,90
EUR 7,99

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