6 - 7 Jahre

Die verschwundenen Märchenwaldregeln

Peter Schneider

Die verschwundenen Märchenwaldregeln

Leseprobe:

Die Morgensonne war soeben über den hohen und sehr alten Fichten aufgegangen. Ihre warmen Strahlen erreichten die Fenster des kleinen Hauses am Rande des Wäldchens und spiegelten sich in den flinken Wellen des Baches, der dicht am Haus vorbeiplätscherte. Im Haus war es noch ruhig, seine Bewohner schliefen noch.

Nur in dem Wohnzimmer, das von den Sonnenstrahlen erhellt wurde, streckte und reckte sich Kater Felix. Kater Felix war früh aufgestanden, hatte gerade sieben Kniebeugen gemacht und überlegte, ob er sich ein paar Erdbeeren zu seiner Frühstücksmilch abpflücken sollte. Gerne nutzte er die frühen Morgenstunden für einen kleinen Ausflug in den Gemüsegarten. So auch heute.

Schönes Wetter, kein Regen, dachte er, zog sich die Hosenträger gerade, steckte sein Taschentuch ein und betrat über die nahe Terrasse den Rasen. Um den großen Brombeerstrauch machte er einen Bogen, er lief sogar etwas leiser als sonst. Er wollte gar nicht den Vater Stachelflink treffen, zumindest nicht, bevor er seine Frühstücksmilch geschlürft hatte. „Einen schönen guten Morgen“, sagte da eine tiefe Stimme hinter ihm.
Felix setzte sich vor Schreck auf seinen Hosenboden und sah sich um.

„Das ist doch nicht zu glauben“, schnaufte er, „alter Stachelflink, du weißt doch, dass du nicht auf meiner Terrasse rumlungern sollst und überhaupt“, schnappte er nach Luft, putzte sich die Nase mit seinem großen, karierten Tuch, „sprechen wir Kater niemals mit euch stachligen Gesellen.“
„Ich will ja nicht reden“, murmelte der Igelvater, zog eine kleine, rote Erdbeere aus seiner Jackentasche, biss hinein und sagte im Weggehen: „Am Misthaufen habe ich gestern Abend zwei kleine, braune Waldmäuse gesehen.“
Sprach’s und lief schmunzelnd zum Brombeerstrauch. Alles konnte Kater Felix vertragen. Eine Igelfamilie, die regelmäßig seine Frühstücksmilch stahl. Die dicke Erdkröte Warzlein, die ihn immer wieder erschreckte, wenn er am Bach nach den Forellen sah. Oder Schwarzfeder, ein vorlautes, rabenschwarzes Amselfräulein, das immer dann furchtbar laut zwitscherte, wenn er sich zum Mittagsschlaf niedergelegt hatte. Aber Waldmäuse in seinem Garten, das war das Schlimmste.
„Ich werde sie finden, fangen und einsperren, jawohl“, sagte er.
Sofort machte er sich auf leisen Samtpfoten zum Misthaufen. Sprang mit einem großen Satz auf den hohen, stinkenden und feuchten Haufen und schrie mit furchtbarer Stimme: „Ihr Waldmäuse seit umstellt, kommt sofort raus und ergebt euch!“ Doch es passierte nichts. Kein Mäuseschwanz ließ sich sehen.

Kater Felix kletterte vom Misthaufen und schnupperte und schnupperte. Doch nach Waldmäuschen roch es hier nicht.
Es konnte am Misthaufen auch gar nicht nach den Mäuschen riechen. Sie waren erst in der Nacht nach einer langen und beschwerlichen Wanderung an der großen Brombeerhecke angekommen. Sie hatten sich mit ein paar Brombeerblättern ein kleines Nest unter einer Steinplatte gebaut, sich mit einem Salatblatt zugedeckt und waren schnell eingeschlafen. Waldemar, der kleine Mäusemann, war zuerst aufgewacht. Leise putzte er sich die Zähne und steckte seinen Wuschelkopf unter dem Stein hervor.
Er sah den Kater Felix und hörte auch das Gespräch zwischen Kater Felix und Igel Stachelflink. „Oh“, sagte Waldemar zu sich, „hier draußen leben kleine Waldmäuse sehr gefährlich.“

Aus seinem roten Rucksack nahm er sechs Maiskörner und ein ganz kleines Stück Speck, weckte seine Frau Gerda, gab ihr ein Küsschen und erzählte, was er draußen gehört hatte. „Sicher sind wir im Moment nur in dem kleinen Häuschen. Ich habe darin viele Schränke gesehen, unter denen sich eine Mäusefamilie, wie wir eine sind, gut verstecken kann.“
„Wenn wir gleich aufbrechen und uns sputen, sind wir im Haus und unter dem Schrank, bevor der Kater zurück ist. Der rennt immer noch um den Misthaufen, aber er wird bald merken, dass der Igel ihn nur veräppelt hat.“

Gerda packte schnell den Rest des Frühstückes ein. Waldemar brachte das Salatblatt zurück, reichte Gerda die Hand und beide rannten wie der Blitz und Donner zum Haus und verschwanden unter einem großen, alten Kleiderschrank.
„Hier sind wir erst mal in Sicherheit“, freute sich Waldemar. „Und Morgen suchen wir das alte Sägewerk, es muss hier in der Nähe sein. Vielleicht haben wir großes Glück und finden die beiden Kastanienstämme.“
In der dunklen Ecke, ganz hinten an der Wand, war ein kleines Loch in der Diele.

Waldmäuschen Waldemar schlüpfte hinein und kam nach kurzer Zeit freudestrahlend zurück. „Du kannst unsere Sachen auspacken, wir bleiben erst mal hier.“ Er klopfte sich ein klein wenig Staub ab, umarmte seine Gerda und sprach weiter: „Der Gang unter den Dielen führt zu einer gut gefüllten Speisekammer.“
Zufrieden und glücklich baute sich die kleine Mäusefamilie hinter dem Schrankbein, dicht an der Wand und gleich am zum Weg zur Speisekammer, ein kuscheliges Nest und legte sich zur Ruhe.

Kater Felix konnte es nicht fassen. Am Misthaufen gab es keine Mäuse. Hat mich doch der alte Igel an der Nase rumgeführt, dachte er. Sicher wollte mich Stachelflink nur von meiner Frühstücksmilch weg locken und sich selbst, vielleicht sogar mit seiner ganzen Schwine-Igelfamilie, den Bauch mit meiner Milch füllen. Ich alter Esel könnte mich in den Bauch kneifen.
So schnell er konnte rannte er zur Terrasse zurück. Gott sei Dank, die Milchschale war noch gefüllt. Aber der Durst war ihm gründlich vergangen. Der Morgenärger hatte ihm den Appetit genommen.
„Ich lege mich noch ein Stündchen auf mein gelbes Kissen und überlege mir, wie ich dem Igel Stachelflink auch mal eins auswischen kann“, knurrte Felix vor sich hin und schlich mit hängenden Ohren ins Haus.
Plötzlich sträubten sich dem Kater alle Haare. Er erstarrte.
Nur die schwarzweiße Nase schnupperte furchtbar aufgeregt am großen, alten Kleiderschrank.
Zum zweiten Mal plumpste Felix auf den Hosenboden und schüttelte immer wieder seinen
Kopf.
„In meinem Haus, unter meinem Schrank, vielleicht auch bald auf meinem Kissen sind Mäuse eingezogen.
So eine Schande. Wenn das bekannt wird, lachen alle Gartenbewohner mich aus. Sie werden sich vor Lachen auf den Bauch klopfen und allen erzählen: Dem Kater Felix tanzen die Mäuse auf dem Kopf herum, das muss ja ein komischer Kater sein.
Ich kann mich erst wieder im Garten sehen lassen“, murmelte

Kater Felix zerknirscht vor sich hin, „wenn die lästigen Bewohner des Hauses verwiesen wurden und mir muss schnell etwas einfallen.“
Kater Felix überlegte sehr angestrengt. Plötzlich hatte er eine Idee. Mit einem Satz sprang er auf das braune Bücherregal und suchte das Buch „Wie fang ich ein Mäuslein?“
Aufgeregt blätterte er die Seiten um und stieß einen Freudenschrei aus. Er hatte gefunden, was er suchte.

Auf Seite 23 stand schwarz auf weiß: Wenn man eine Maus nicht selber fangen kann, muss man eine Mäusefalle aufstellen. Und noch schneller geht die Mäusefalle zu, wenn man ein Stück Speck opfert.
So rasch ihn seine kleinen Füße tragen konnten, rannte Felix die steile Bodentreppe hinauf. In der grünen Kiste fand er eine alte Mausefalle. Er schafft sie sie runter und stellte sie vor den alten Kleiderschrank. Ein Stück Speck angelte er sich vom Küchentisch, fraß die Hälfte davon selbst und legte den Rest in die geöffnete Mäusefalle.
Zufrieden betrachte der Kater sein Werk.

„Nun muss ich nur noch abwarten“, flüsterte er leise.

Von alledem hatten Waldemar und Gerda nichts mitbekommen. Sie schliefen tief und zufrieden nach dem langen Weg.

Die große Standuhr schlug zwölfmal. Laut hallte der Glockenschlag durch das dunkle Zimmer. Gerda öffnete verschlafen die Augen, reckte sich und stieß dabei mit ihrem linken Fuß Waldemar an. Der erwachte, setzte sich auf, schüttelte den Schlafsand aus den blinzelnden Augen und murmelte:
„Die Uhr macht ja jeden Langschläfer munter, und das mitten in der Nacht. Aber es ist eine gute Zeit, sich draußen mal umzusehen. Auch müssen wir der Speisekammer guten Tag sagen.“ Gerda räumte ihr Nachtlager zusammen. Waldemar hängte sich den kleinen roten Beutel um, als eine tiefe und knarrende Stimme erklang: „Du, Fußbank, unter meinem Schrank sind in der Nacht Untermieter eingezogen.“
„Ich habe es auch gesehen“, antwortete die kleine, braune Fußbank und versuchte, unter den Schrank zu sehen, „und ich habe auch gesehen, dass der alte Kater hinter ihnen her ist.“
Die beiden Waldmäuschen lauschen ganz erstarrt den unbekannten Stimmen.

„Ob wir gemeint sind?“, flüsterte Gerda und bekam vor Aufregung einen Schluckauf.
„Du hast sie erschreckt, du alter Kleiderschrank.“
„Du hast recht, Fußbank“, knurrte wieder die tiefe Stimme. „Aber ich konnte doch nicht wissen, dass sie uns hören und verstehen.“
„Aber“, flüsterte die kleine Fußbank, „wenn sie uns verstehen, müssen sie auch aus dem Märchenwald kommen, genau wie wir beide.“
Waldemar saß auf seinem Hosenboden, riss vor Staunen die kleinen Mäuseaugen auf und raunte seiner Gerda ins Ohr:
„Hast du gehört, Gerda, der Kleiderschrank und die Fußbank unterhalten sich, sie können sprechen und wir verstehen jedes Wort.“
„Mir ist es unheimlich.“ Gerda sprach ganz leise und kroch dabei dicht an ihren Mäusemann heran. „Komm schnell, wir verschwinden im Loch unter den Dielen, hier spukt es.“
„Halt, hier geblieben“, knurrte der alte Schrank, „vor uns braucht ihr keine Angst zu haben, wir sind auch keine Geister, sondern waren im Märchenwald zu Hause. Deshalb können wir uns unterhalten.“
„Aber leider immer nur um Mitternacht und nur für eine halbe Stunde“, ergänzte traurig die kleine, braune Fußbank.
„Das stimmt“, redete der Schrank stolz weiter, „sprechen können wir, weil wir aus dem Märchenwaldholz gebaut wurden.“ „Aus Märchenwaldholz“, wiederholte Waldemar die Worte und zitterte immer noch am ganzen Körper, „aber wir sind doch keine Holzmäuse und können euch doch verstehen.“
„Weil ihr Waldmäuse seid und weil ihr im Märchenwald geboren seid und weil sich alle Märchenwaldbewohner unterhalten können“, piepste die kleine Fußbank.
„Aber warum könnt ihr nur um Mitternacht mit uns sprechen?“ Waldemar schüttelte vor Verwunderung immer wieder den Kopf.
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte der alte Kleiderschrank und verstummte. Die halbe Stunde war verstrichen.

Kater Felix hatte alle Krallen eingezogen. Er schlich auf Zehenspitzen an der Zimmerwand lang und atmete ganz leise. Als er am Kleiderschrank ankam, machte er sich schlank wie ein Regenwurm und versuchte, unter den Kleiderschrank zu kriechen. Irgendwo dahinten mussten die Mäuse doch stecken.
„Du bist einfach zu fett“, zwitscherte schadenfroh eine Stimme und trillerte hinterher: „Jawohl, richtig fett.“

Felix sprang erbost kerzengerade in die Höhe, stieß sich am Kopf und landete wieder auf seinen vier Füßen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 70
ISBN: 978-3-95840-878-4
Erscheinungsdatum: 08.01.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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