Das wundersame Geheimnis des verborgenen Gartens
EUR 23,90
Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 42
ISBN: 978-3-99146-791-5
Erscheinungsdatum: 19.08.2024
Das Leben der fünfjährigen Liv verläuft geordnet, nie passiert etwas Unerwartetes. Bis sie eines Tages einer kleinen Fee begegnet, die sie in eine aufregend bunte, lebendige und vor allen Dingen wundersame Welt entführt.
Die Zaubertruhe
Es war einmal eine kleine Elfe, die in einer wunderschönen alten Truhe aus Pinienholz lebte. Diese duftete immer noch nach Wald, Wind und Meer – so als würde man an einem heißen Sommertag mit geschlossenen Augen durch ein Pinienwäldchen am Meer wandeln, der Musik des Windes, der mit den Bäumen und Wellen spielt, lauschen und sich von der Duftwolke aus Harz und Salz davontragen lassen. Ja, all das nahm die kleine Elfe wahr, als sie an diesem Morgen auf ihrer Behausung saß.
Die Truhe war über und über verziert mit wundersamen Blüten und Ranken, deren Stängel sich lustig drehten und wanden. Der märchenhafte Blumenreigen führte über einen verschlungenen Pfad zu einem magischen alten Tor. Von dort schien das zauberhafte Wesen zu kommen.
Die kleine Elfe saß am Rand der Truhe, ließ ihre langen Beine im Takt einer geheimnisvollen Melodie baumeln, die nur sie zu hören schien.
Sie streckte ihr Gesicht den ersten Sonnenstrahlen entgegen. Diese kitzelten sie so sehr in der Nase, dass ihr ein fast – aber eben nur fast – unhörbares „Hatschi“ entwich. Darüber erschrak sie sehr. Es war ihr strengstens verboten, sich bemerkbar zu machen. Kein Laut durfte über ihre Lippen kommen, und nun so etwas, herrjemine! Das kleine Mädchen, das in dem Zimmer wohnte, öffnete seine Augen. Es blinzelte kurz und entdeckte die Elfe gerade noch, bevor sie durch die geheime Pforte entschwinden konnte.
Erst dachte Liv, sie träume noch – einen gar wunderlichen Traum. Das konnte eigentlich nicht sein. Niemals träumte sie von seltsamen Dingen. In ihrer Welt war alles geordnet. Es geschah nichts Seltsames, Spannendes oder Verrücktes. Ihr Zimmer war wunderschön. Sie lag in einem Himmelbett, das mit den feinsten Stoffen bespannt war. Es wäre einer Prinzessin würdig gewesen.
Jedes erdenkliche Spielzeug hatte man ihr geschenkt. In ihrem Schrank hingen wunderschöne Kleider in allen Farben des Regenbogens: Gelb, Orange, Rot, Blau, Grün und Violett. So sollte man doch glauben, dass Liv ein sehr glückliches kleines Mädchen war. Irgendwie jedoch schien sie von Tag zu Tag trauriger zu sein. Ihren Eltern konnte sie es einfach nie recht machen. Ihre wilden roten Locken flohen immer aus dem strengen Zopf, den die Nanny ihr so sorgfältig band. Die Sommersprossen, welche so lustig über ihr Gesicht zu tanzen schienen, waren der Mutter ein Dorn im Auge. Deshalb sollte sie stets einen Hut tragen, wenn sie an die Sonne ging, und niemals ohne Sonnenschirm den Garten betreten. Livs Augen waren grün mit goldenen Lichtern darin. Gar nicht so klar und blau wie die ihrer Mutter, sondern geheimnisvoll und wundersam wie das Licht der Sonnenstrahlen nach einem ausgiebigen Sommerregen in einem dichten Wald.
Liv hatte gelernt, sich gut zu benehmen und sich nicht schmutzig zu machen. Dafür war der Garten auch nicht geeignet: Die wenigen Pflanzen standen stramm und still auf dem Platz, den man ihnen zugeteilt hatte. Alle Wege waren gepflastert und sauber. Kein Grashälmchen wagte es, seinen Stiel über die Kante zu setzen. Selbst die Steine waren in Mustern angeordnet, und nicht einmal der stürmische Herbstwind konnte daran etwas ändern.
Vielleicht war es aus all diesen Gründen so unfassbar spannend, als die kleine Liv dieses kaum sichtbare, bezaubernde Wesen entdeckte. Ohne zu überlegen, streckte sie ihre Hände aus und berührte die Elfe, ehe sie entschwinden konnte.
Ertappt drehte diese sich um und blickte Liv mit so goldenen Augen an, dass sich in dem Mädchen eine Flut von Wärme und Licht ausbreitete. In diesem Augenblick, als beide sich in die Augen schauten, schien die Welt für einen Augenblick zum Stillstand zu kommen.
Da geschah etwas Seltsames: In den Augen der Elfe entstand das Bild des magischen Tores. Es bewegte sich ganz, ganz langsam. In der Stille des Zimmers war ein leises Knarzen zu hören. Je weiter sich das Tor öffnete, desto mehr konnte man dahinter einen uralten Garten erkennen. Verschlungene Pfade, wild kletternde Pflanzen und üppige Blüten breiteten sich dort aus, zauberhaft und wunderschön.
Die kleine Elfe bemerkte die Sehnsucht in den Augen des Mädchens. Das bewegte ihr Herz so sehr, dass sie beschloss, sich über alle Regeln hinwegzusetzen. So fragte sie Liv: „Möchtest du meinen verborgenen Garten kennenlernen?“ Ein Strahlen leuchtete im Gesicht des Mädchens auf, und so begann ihr Abenteuer.
Der verschlungene Pfad
Jeden Tag, wenn Livs Eltern außer Haus waren und sie eigentlich brav mit ihren Puppen spielen sollte, nahm die Elfe sie nun an der Hand. Über den geraden, sorgfältig gepflasterten Weg, an den akkurat geschnittenen Hecken vorbei, ging es bis zum Ende des Gartens, wo eine hohe alte Mauer stand. Sie war so anders als der Rest des Gartens, ein bisschen bröckelig, mit Mustern aus Moosen und Flechten überzogen. Gerade so, als hätten die Pflanzen versucht, ein wundersames Bild zu malen.
Hier war es Liv strengstens untersagt, weiterzugehen. „Du darfst niemals diese Mauer überschreiten“, klang es dem Mädchen in den Ohren. Doch die Neugier war größer als die Angst und Liv vertraute der kleinen Elfe, die fröhlich neben ihr her flatterte.
Hinter der hohen Mauer war der Weg gar nicht mehr gepflastert. Er wand sich wie ein lustiger Bach durch die Landschaft, mal nach rechts und links, als könnte er sich nicht entscheiden, wohin er wollte. Die kleine Elfe bat Liv, ihre feinen Schuhe auszuziehen und den Weg barfuß zu erkunden. Auch das war natürlich strengstens verboten. Doch Liv hatte sich zu diesem Abenteuer entschlossen und wollte es jetzt auch mit ganzem Herzen erleben.
Zuerst spürte sie unter sich die bunten Kieselsteine. Sie drückten ein wenig, doch ihre Füße schienen aufzuwachen, so als hätten sie einen langen Winterschlaf gehalten. Sie schienen lebendig zu werden, schließlich kribbelten und prickelten sie bis zum kleinen Zeh. Dann wurde der Pfad so sandig wie eine Wüste. Bei jedem Schritt versank Liv im warmen, weichen Sand. Ein so wohliges Gefühl breitete sich in ihr aus, dass ihr ein tiefer Seufzer entwich. In der nächsten Biegung trat sie auf weiche Moospolster, die nach Wald dufteten und ihre Füße kühlten. Es war, wie auf Wolken zu gehen. Sie schloss die Augen und atmete tief ein, um dieses Gefühl zu bewahren. Sie war so versunken in dieses neue, wundersame spüren, dass sie gar nicht bemerkte, am Ende des Pfades angekommen zu sein.
Wie aus dem Nichts, so wie wenn der Nebel sich lichtet und die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Wolken schickt, erschien plötzlich das magische Tor. Ganz vorsichtig berührte Liv das verwitterte, alte Holz, welches in mystischen Schnörkeln einen Bogen bildete. Es knarzte ein wenig, doch ganz so, als wollte es flüstern: „Tritt ein!“ Mit all ihrem Mut schritt sie tapfer hindurch.
Der verborgene Garten
Auf einmal war die Welt um sie herum voller Leben: Die Wiese war so hoch, dass Liv beinahe in ihr versank. Sie war wie berauscht von all den Farben und Formen. Als sie die Augen schloss, konnte sie das Zirpen der Grillen und das Summen der Bienen hören. „Das ist das Sommerkonzert“, meinte die kleine Elfe fröhlich, „aber pass auf, die Frösche am Teich werden es gleich übertönen!“ Und tatsächlich musste Liv ein paar Schritte weiter fast lachen, so laut war das Quaken der kleinen Sänger zu hören.
All das, was in dem Mädchen schon so lange still gewesen war, wurde auf der märchenhaften Wiese mit Leben gefüllt. Liv konnte nicht anders, als zu juchzen, sich im Kreis zu drehen und mit ihren Händen über Blüten und Halme zu streichen. So schnell wirbelte sie im Kreis herum, dass die Welt um sie herum zu einem bunten Kaleidoskop aus Farben, Düften und Tönen verschwamm.
Als sie schließlich zu Stehen kam und ihre Augen wieder klarsehen konnten, blickte sie in das liebevolle Gesicht einer alten Frau. Diese streckte ihr lächelnd die Hände entgegen. „Willkommen, Liv, in meinem verborgenen Garten!“, rief sie. „Ich freue mich sehr, dass du den Weg zu mir gefunden hast!“ Ein wenig unsicher schaute Liv zur Elfe, doch diese schien unbesorgt und glücklich über die Begegnung zu sein. So streckte auch Liv ganz zaghaft ihre Hand aus. Und als ihre Hände sich berührten, geschah wieder etwas Wundersames.
Die alte Hütte
Die Zeit schien zu versinken und es tauchte das Bild einer alten, schiefen Hütte auf, über die sich die Blüten eines Hollerbaums ergossen. Das Dach berührte fast den Boden. Drinnen fand Liv ein kleines Kämmerlein mit einem gemütlichen Schaukelstuhl vor einem knisternden Feuer. Sie konnte die Wärme des Feuers spüren, die Flammen tanzen sehen.
Es war ganz anders als zu Hause, nicht so geordnet. Überall standen liebevolle, kleine Dinge. Kerzen, die nach Bienenwachs dufteten, weiche Decken und bunte Kissen machten den Raum fröhlich und kuschelig. Sonnenstrahlen lugten durch die Blumenfenster und malten lustige Bilder auf den alten Holzboden.
Doch das Schönste war das Gefühl der Geborgenheit und Wärme. War das eine Erinnerung? Liv sah sich selbst als kleines Mädchen, nicht viel älter als zwei Jahre, liebevoll auf dem Schoß ihrer Großmutter eingekuschelt. Die Finger ihrer Großmutter tanzten fröhlich auf ihrem Rücken auf und ab, während sie ein Kinderlied sang.
„Granny?“, flüsterte Liv. „Du erinnerst dich! Mein kleines Mädchen!“, erwiderte die Großmutter glücklich. Liv lächelte über das ganze Gesicht, ihre Augen funkelten und Grübchen erschienen in ihren Wangen. Selbst die Sommersprossen in ihrem Gesicht schienen sich vor Freude zu bewegen.
…

