Das Einhorn aus der Blechdose

Das Einhorn aus der Blechdose

Janina Benzel-Lehmann


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-99131-438-7
Erscheinungsdatum: 02.05.2022
Prinzessin Sophie und die Füchsin Plüm leben in einem Märchenreich ohne Einhörner. Als die beiden Freundinnen eine alte Blechdose mit einem Holz-Einhorn darin finden, beginnt ihre aufregende Suche nach den verschollenen Fabelwesen – und nach einer Hexe ...
Für Sophie,
weil am Tag deiner Geburt
die Sonne zu scheinen begann.


Ein Königreich der Wünsche

Dies ist eine Geschichte, die von Freundschaften und einem Abenteuer erzählt, und sie geschieht weit weg von den Orten, an denen erwachsene Menschen Termine und den Alltag erfunden haben.
Zugegeben, wirklich zufrieden sind nur wenige Erwachsene mit den Orten, an denen sie tagein, tagaus ihr Leben führen, denn eigentlich wünschen sie sich immer, woanders zu sein.
Woanders, da ist das Wetter besser, die Meere sind blauer und sauberer, die Wälder romantischer und das Leben einfacher.
Kurz gesagt, eigentlich wollen sie an einen Ort, an dem Wünsche Macht haben und Träume wahr werden können. Einfach irgendwo sein, wo man für einen Augenblick keine Verantwortung tragen muss.
Denn viele Erwachsene wünschen sich schlicht einen Moment der Freiheit in einem Leben bestimmt von Terminen und grauem Alltag.
Was allerdings in der Welt der Erwachsenen niemand weiß, obwohl sie nur ihre eigenen Kinder fragen müssten, ist, dass solch ein Ort tatsächlich existiert.
Kinder bereisen ihn in ihren Träumen, jenen Ort, an dem Wünsche wahr werden können, an dem das Gute immer über das Böse triumphiert und an dem es weder Krankheiten noch Ungerechtigkeit gibt.
Und an diesem märchenhaften Ort weit jenseits der Vorstellungskraft eines jeden Erwachsenen liegt ein Königreich mit Namen Larudia.
Eine besondere Eigenheit dieses Landes ist, dass keiner der Bewohner sterben muss, solange es Kinder gibt, die daran glauben, dass es einen Ort gibt, an dem Träume und Wünsche wahr werden können.
Und genau hier, in Larudia, ereignet sich die Geschichte von einem Einhorn in einer Blechdose. Doch bevor wir dazu kommen, will ich euch noch ein bisschen mehr vom Königreich der Wünsche erzählen.
Betrachtet man es nämlich von außen, so stellt der Betrachtende fest: Es ist ein kleines, beschauliches Land, das bescheiden seinen Platz zwischen den Nachbarländern einnimmt.
Gemütlich wie einen alten Pantoffel, so beschreiben die Menschen ihr Königreich und die müssen es ja schließlich wissen. Jenseits des Regengebirges entspringt der Brausende Fluss und teilt das Land von Norden nach Süden in zwei ungleiche Hälften, was aber niemanden wirklich stört. Ganz im Norden erheben sich die Berge des Regengebirges und ihre schneebedeckten Gipfel ragen weit hinauf in den Himmel. Hier ist die Heimat der Zwerge, die ihre Hallen und Behausungen tief in die Berge hineingegraben haben.
Die Hauptstadt der Zwerge trägt den Namen Silberschein und liegt genau in der Mitte der Gebirgskette. Prachtvolle Hallen und prunkvoll beleuchtete Gänge durchziehen die Stadt. Hier und dort erklingt sogar das Zwitschern von mechanischen Vögeln, die auf zarten Flügeln durch die weiten Hallen fliegen. Denn im Verlauf der Jahrhunderte ist es den Zwergen gelungen, nicht nur meisterliche Schmiede und Bergleute zu werden, sondern auch die Feinmechanik perfekt zu beherrschen.
Der König aller Zwerge ist seit hunderten von Jahren der Zwerg Snorri Gundrason. Streng und grimmig ist der Zwergenkönig und nur selten überzieht ein Lächeln sein Gesicht. Schuld an der schlechten Laune des Königs soll ein vor hundert Jahren gegessenes Törtchen sein, das nun im königlichen Gedärm für Probleme sorgt. Ob das wirklich stimmt, weiß niemand so ganz genau. Zumindest wird es von den Zwergen genau so behauptet.
Die Gesellschaft der Menschen suchen die Zwerge nicht allzu oft. Lieber bleiben sie unter sich, weil sie das als angenehmer empfinden. Nur die zwergischen Kaufleute besuchen oft die Stadt der Menschen, um Handel zu treiben.
An den äußeren Ausläufern des Gebirges duckt sich der Aufdringliche Wald an den Rand der Berge. Eigentlich ist es ein eher schüchterner Wald, der seinen Namen nur aufgrund seiner Größe trägt. Er ist nämlich der größte Wald in Larudia und diesen Umstand empfand der königliche Kartenzeichner als äußerst aufdringlich. Tatsächlich erstreckt sich der Aufdringliche Wald von den Bergen aus bis fast zu der Hauptstadt der Menschen, die inmitten des Einsamen Sees liegt.
Sonnenstadt nennen die Bewohner Larudias ihre Stadt, da sich das Licht der Sonne an jedem Morgen dort zu sammeln scheint, bevor es sich über den Rest des Landes ausbreitet. In der Sonnenstadt regiert, schon solang sich jeder Bewohner Larudias erinnern kann, König Bronzebart und mit ihm seine Gattin Königin Gunhilda.
Des Königs Gattin ist äußerst hilfsbereit und sanftmütig. Nie weist sie einen Bittsteller ab. Stets unternimmt sie alles, was in ihrer Macht steht, um den Menschen zu helfen, die um Hilfe bitten. Das Haar der Königin ist so dunkel wie die Schatten der Berge, ihre Augen aber sind so grün wie die Wiesen im Sonnental.
Auch der König ist ein gütiger, gerechter Mann, der stets die Zeit findet, seinen königlichen Untertanen zuzuhören. Oft ist die hochgewachsene Gestalt des Königs mit dem bronzefarbenen Bart und den freundlichen Augen im Gespräch mit seinen Untertanen zu sehen. Ob Bäcker oder Schmiedin, für jeden kann der larudische Herrscher einige freundliche Worte und ein paar Augenblicke seiner Zeit erübrigen.
Der größte Schatz des königlichen Paares ist ihre Tochter, Prinzessin Sophie. Deren Haar so hell wie der Weizen auf den Feldern ist. Die Strahlen der Sonne spielen am liebsten in den seidigen Strähnen und lassen sie golden schimmern. Ihre Augen erinnern an das Grau des Meeres an einem stürmischen Tag – und genauso wild ist auch manchmal der Ausdruck in ihnen, wenn die Prinzessin ein
Abenteuer sucht.
Mutig ist die Tochter des Königs, schlau und unerschrocken kann sie sein, aber auch manchmal schüchtern und gut im Beobachten. Immer ist sie auf der Suche nach interessanten Dingen, und Freunde sind ihr das Allerwichtigste.
Stets an ihrer Seite findet sich Plüm, eine kleine Füchsin, die immer etwas verdrießlich aussieht, weil sie findet, dass Füchse nicht Plüm heißen sollten. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt die kleine Füchsin im Aufdringlichen Wald. Ihr Zuhause ist ein behaglicher Fuchsbau im Schatten einer starken, alten Eiche. Manchmal ärgert sich Plüm, weil sie alles mit ihren Geschwistern teilen muss und es keinen Platz im Bau gibt, an dem sie ganz für sich sein kann, um in Ruhe ihre eigenen Gedanken zu denken. Dieser Ärger währt allerdings immer nur kurz, denn eigentlich mag die kleine Füchsin, dass es im Fuchsbau immer so laut und lustig zugeht.
Sophie und Plüm sind die allerbesten Freundinnen. Es gibt kein Geheimnis auf der ganzen, weiten Welt, das die beiden nicht miteinander teilen. Ihr müsst nämlich wissen, dass Sophie über eine ganz besondere Fähigkeit verfügt, die sie auch in Larudia zu etwas Besonderem macht: Sie spricht und versteht die Sprache der Tiere.
Doch nun wird es Zeit, dass wir uns das Königreich Larudia etwas genauer ansehen, bevor wir Sophie und Plüm auf ihrem Abenteuer begleiten werden.
Ginge man nun aus dem königlichen Schloss heraus, um durch Sonnenstadt zu schlendern und dann über die Brücke des Einsamen Sees zu spazieren, käme man auf eine breite angelegte Straße. Zugegeben, man müsste schon ein Stück laufen, denn die Brücke über den Einsamen See ist sehr lang. Folgt man dieser angelegten Straße nach Süden, so dauert es nicht lang, bis auf der rechten Seite der Straße ein alter Steinkreis zu sehen ist. Der steht schon so lange dort auf den kleinen Hügeln, dass niemand mehr weiß, warum er überhaupt errichtet wurde. Vorbei am alten Steinkreis führt der Weg nun bald zu einem Wald, oder, besser gesagt, in einer Kurve an ihm vorüber. Dies ist der Vergessene Wald, da Reisende immer nur an ihm vorbeilaufen, anstatt hineinzugehen. Ein Besuch würde sich schon lohnen, denn im Wald lebt Seraphina Wohl, die wir später noch einmal wiedersehen werden, in einem bezaubernden, kleinen Häuschen. Überall hängen dort Bündel mit Kräutern, manche zum Kochen, manche zum Heilen.
Doch lebt Seraphina nicht allein dort im Wald. In einer Nische unter dem Dach des Häuschens wohnt der Waschbär Wilhelm, und oft erkunden die beiden zusammen die Geheimnisse des Waldes und sammeln Kräuter.
Aber genug von Seraphina und dem Waschbären, wenden wir uns wieder der Straße zu.
Die führt nun nämlich in einer sanften Biegung hin zu einer Brücke, die über den brausenden Fluss nach Südstadt führt. Friedlich, fast schon langweilig, ist das Leben in Südstadt am kleinen Wald. Eine einzige Straße geleitet die Reisenden vorbei an den wenigen Häusern über eine Brücke. Von dort aus kann man weit über die Ebene bis hin zu den Wipfeln der fernen Bäume im Eichhornwald sehen.
Dort steht Oma Honigs Hof, Heimat der Bienen und Apfelbäumen. Kaum ist man durch das große Holzgatter auf die Obstwiese getreten, hört man auch schon das geschäftige Summen der Bienen. Ausgelassen tanzen die Schwärme zwischen den Apfelbäumen umher und sammeln dabei fleißig den Nektar für ihren Honig. Mitten in den fliegenden, kleinen Leibern kann man für gewöhnlich die Gestalt Oma Honigs entdecken, die immer singt, wenn sie bei ihren Bienen arbeitet. Klein ist sie und ein bisschen mollig. Ihre schneeweißen Locken umrahmen das freundliche Gesicht wie kleine Wolken. Oma Honig ist gerne fröhlich. Sie lacht so viel, dass es in ihrem Gesicht vor Lachfalten nur so wimmelt. Besuch ist auf ihrem Hof immer willkommen, denn abgesehen von den Bienen und dem Wachhund Pummel lebt Oma Honig allein auf ihrem Land. Ab und zu besucht sie den Hirten Sanftmut auf der Weide der Sonnenkühe. Dort trinken sie zusammen Tee und erzählen sich fantastische Geschichten von Drachen und fliegenden Besen.
Die Weide der Sonnenkühe liegt übrigens genau zwischen Oma Honigs Hof und dem Eichhornwald. Eigentlich hätte der Name des Waldes Einhornwald lauten sollen. Doch aufgrund der unleserlichen Handschrift des königlichen Kartenzeichners, der sich auch noch verschrieben hat, lautet der Name nun Eichhornwald.
Aber zurück zu den Sonnenkühen. Die sind ganz besondere, einzigartige Kühe. Ihre Milch ist nicht weiß, sondern golden, und sie schmeckt ein bisschen nach Honig.
Der Hirte Sanftmut lebt ebenfalls auf der Weide, in einem kleinen Schäferwagen, und kümmert sich um die Kühe. Ab und zu, wenn den Kühen langweilig ist, setzt sich der Hirte Sanftmut auf seinen Schemel mitten auf die Weide und liest den Kühen aus einem Buch vor. Es ist das einzige Buch des Hirten und sowohl er als auch die Kühe kennen es bereits in- und auswendig. Doch sobald der Hirte Sanftmut vorliest, sind alle Kühe still, legen sich im Kreis um den Schemel herum und hören zu. Die Milch, die sie an diesen ‚Vorlesetagen‘ geben, ist übrigens besonders süß. Und weil es ein Märchenbuch ist, aus dem der Hirte vorIiest, ist der Käse, der aus dieser Milch gemacht wird, in Larudia als ‚Märchenkäse‘
bekannt.

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