3 - 5 Jahre

Pum der ungewöhnliche Elf

Silwia Pantiew

Pum der ungewöhnliche Elf

Leseprobe:

Elfen stammen von Feen ab, sagt man. Elfen sind kleine, zarte, durchsichtige Geschöpfe mit feinen silbrigen Flügeln, sagt man. Elfen tanzen und schweben zu wunderbarer Musik, sagt man.
Aber wer hat schon einmal eine Elfe gesehen? Wirklich gesehen? So wie man einen Vogel sieht oder einen Baum? Wer behauptet das? Hast du geträumt oder ist es wirklich wahr?
Wie kommst du in der Nacht in den Wald? Man sagt, dass Elfen nur in der Nacht tanzen und sogar auch singen, ganz fein und leise, kaum zu hören sind ihre Stimmchen.
Man sagt auch, dass sich in manchen Vollmondnächten eine besonders schöne, duftende Blüte öffnet, und mittendrin in den Staubgefäßen liegt dann eine neue, liebliche Elfe.



Pum kommt auf die Welt
Pum ist auch eine Elfe. Dabei hat der Name „Pum“ nichts Elfenhaftes. Er ist anders, als man es von Elfen gewohnt ist. Elfennamen werden nicht von den Elfen selbst ausgesucht. Sie wissen einfach, wie jede heißt, sagt man.
In jener Vollmondnacht öffnete sich eine Löwenzahnblüte. Ausgerechnet Löwenzahn. Ein Un­kraut. Und zudem keine duftende, edle Blüte.
Nie zuvor ist eine Elfe aus einer Löwenzahnblüte entstanden. Fest steht, dass sich die Löwenzahnblüte öffnete, und mittendrin lag – eben Pum.
Elfen wissen immer, wo und wann sich eine Blüte zu Vollmond öffnen wird. Warum? Niemand kann es sagen – sie wissen es eben.
Doch diesmal waren die Blumenelfen verwirrt: Löwenzahn und – Pum.
Fassungslos waren sie alle. Es lag nicht nur an seinen Haaren. Elfen haben fließendes, feines, langes Haar. Pum hatte struppige kurze – ja, was? – „Borsten“, hörte man flüstern. Borstenhaare im Elfenreich, im Blumenelfenreich noch dazu, wo alle Elfen besonders zart waren!
Pum war dick! Eine dicke Elfe gibt es gar nicht! Besser gesagt, sollte es nicht geben. Pum war aber da. Runde, rote Backen hatte er, fast sah er aus wie ein reifer Apfel. Elfen sollten blass und durchsichtig zart sein.
Ein kugeliges Bäuchlein und kurze Stummelbeinchen hatte er. Wie sollte so ein Elf jemals schweben?
Wenigstens besaß er Flügel, stellten die anderen Elfen fest. Natürlich nicht so zart wie bei ihnen, aber immerhin, es waren Flügel. Ein bisschen kürzer als die der anderen, doch zumindest hatte er welche.
Pum strahlte die Elfen an, die um seine Löwenzahnblüte schwebten. Er hatte noch keine Ahnung, dass er im Elfenreich außergewöhnlich war.
„Pum!“, da war es auch schon geschehen. Gleich beim ersten Versuch, aufzustehen, verfing er sich in einem der vielen Blütenblätter seines Löwenzahns und lag auf der Nase. Die Elfen erstarrten. Das „Pum!“-Geräusch glich einem Dröhnen in ihren empfindlichen Ohren. Nie zuvor war eine Elfe je hingefallen.
Die Narzissenelfen rümpften die Nasen. „Der kann nicht einmal aufstehen“, raunten sie den Maiglöckchenelfen zu. „Wie konnte so etwas geschehen?“, flöteten die Buschwindröschen­elfen. Auch das war neu. Nie zuvor hatten Elfen je die Nase gerümpft. Schon gar nicht über eine der Ihren. Die Rosenelfen waren die ersten, die wieder elfenhaft wurden. „Dennoch ist er nun mal ein Elf. Da kann man nichts daran ändern. Wir sollten versuchen, ihm zu helfen“, flüsterten sie. Die anderen mussten es einsehen. Sie waren alle Elfen und sollten sich auch so benehmen.
Mühsam rappelte sich Pum hoch. Verschämt putzte er sich den Blütenstaub ab. Es war ihm doch ein bisschen unangenehm, so vor allen anderen hinzufallen. Doch die Elfen halfen ihm; sie putzten ihm den Blütenstaub von den Flügeln und die Glockenblumenelfen versuchten sogar, sein struppiges Haar ein bisschen zurechtzuzupfen. Danach schaute er fast manierlich aus.


Der Seerosenteich
Für die Elfen war es nun an der Zeit, ihren nächtlichen Reigen auf den Seerosen im Teich zu tanzen. Das taten sie nämlich sehr oft. Alle schwebten dorthin. Alle? Pum fiel wieder aus der Reihe. Er mühte sich ab, seine Flügel zu bewegen. Endlich, endlich tat sich etwas. Pum war in der Luft – ein kleines Stück über der Löwenzahnblüte. Einem Schweben glichen die kümmerlichen Flugversuche jedoch bei Weitem nicht – er flatterte eher wie eine Motte, aber er war in der Luft.
Nun musste es ihm nur noch gelingen, den anderen nachzukommen. Elegant konnte man seinen Flug nicht nennen, doch jetzt zählte allein, an den Teich zu kommen. Endlich war er angelangt. Erschöpft, aber glücklich setzte er sich auf ein großes Blatt am Rand des Teichs. Pum gefiel es hier sehr. Riesengroße Seerosenblätter schwammen auf dem Wasser. Dazwischen blühten herrliche weißrosa Seerosen. Eigentlich öffnen sich Seerosen nicht in der Nacht. Jedoch zu Vollmond, wenn eine neue Elfe geboren wird, blühen sie besonders schön. Voller Bewunderung schaute Pum den Elfen zu, wie sie ­leichtfüßig von Seerosenblatt zu See­rosenblatt tanzten. Bei jeder Berührung mit einem Blatt machte es ganz leise „Ping“, so als ob ein kleines Glöckchen läutete.
„Das ist aber schön, das probier ich auch!“, schon flatterte Pum zum ersten Seerosenblatt. Zu seiner Entschuldigung muss gesagt werden, dass er im Fliegen gänzlich unerfahren war. Vor allem konnte er die Höhe nicht richtig einschätzen. Den Abstand zwischen ihm, dem Wasser und den Blättern der Seerosen. Er flatterte etwas tiefer. Er streckte das eine Stummelbeinchen vor. Auch er wollte leichtfüßig über das Blatt tanzen und das „Ping“ dabei hören.
„Schwapp“, machte es aber. Sein Fuß versank mit dem Blatt im Wasser. „Platsch“ – und Pum vollführte einen Bauchfleck in den See. Mit Mühe konnte er sich gerade noch am Blattrand festhalten. Untergehen konnte er also im Moment nicht. Viel Wasser hatte er dennoch geschluckt. Hustend und prustend spuckte er es wieder aus. Eine hustender, spuckender Elf? Was aber sollte der arme Pum sonst tun? Er war auch der erste Elf, der je ins Wasser gefallen war. Aufgeregt eilten die anderen Elfen zu Hilfe. Es war nicht einfach, den nassen, schweren Pum aus dem Wasser zu ziehen. Mit seinen durchweichten Flügeln konnte der arme Pum nicht einmal mehr flattern. Endlich war es geschafft. Die Elfen setzten Pum ans Ufer unter ein großes Farnblatt. Alle bemühten sich, Pum wieder trocken zu bekommen. Von überall her brachten sie duftende Blütenblätter und rieben ihn damit ab. Einige hielten seine Hände und streichelten ihn. Es war wieder so, wie es sich im Elfenreich gehörte. Alle waren freundlich und lieb.

Pum fühlte sich schon viel besser. Ein leises „Danke für eure Mühe“ brachte er verschämt heraus. Wieder hatte er etwas gemacht, das den anderen Elfen nie passierte. Der kleine Elf wusste beim besten Willen nicht, warum ihm so gar nichts gelingen wollte. Er wartete darauf, dass irgendwer etwas sagte.
Die schöne Rosenelfe, die zarte mit dem rosa Schleierkleid, war die Erste, die sprach. „Die Idee, heute auf dem See zu tanzen, war leider gar nicht gut.“ „Nicht mit Pum!“, rutschte es der Nelkenelfe heraus. „Pum ist noch zu unerfahren“, verbesserte die Rosenelfe mit strengem Blick auf die Nelkenelfe. „Ja, ja“, nickten die Maiglöckchenelfen gleichzeitig mit ihren zarten Köpfchen, „Pum ist noch zu unerfahren.“
Keine der Elfen getraute sich zu sagen: „Pum ist anders als wir. Pum hat wenig Elfenhaftes an sich.“ Denn so spricht eine Elfe nicht über eine andere.
Pum saß nachdenklich da. Er spürte, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte. Nur – was war es? Und vor allem, wie konnte er es ändern?
Fast nichts von dem, was den anderen Elfen leichtfiel, beherrschte Pum. Schon das einfache Schweben bereitete ihm arge Schwierigkeiten. Er flatterte.
„Üben, üben“, sagte die Lilienelfe. „Das Einzige, was ihm helfen kann.“ „Ich glaube, wir müssen sehr, sehr viel mit ihm üben“, seufzte der Gänse­blümchenelf. Allen Elfen war klar, dass für sie eine schwierige Zeit gekommen war. Das lustige, unbeschwerte Tanzen mussten sie sicher für eine Weile aufgeben. Elfen machen nämlich alles gemeinsam. Einzelgänger gibt es nicht unter dem Völkchen.
Alle mussten nun Rücksicht auf Pum nehmen. Auf Pum und seine Ungeschicklichkeit.
„Wenn wir alle zusammen helfen, wird es schon gehen.“ Der Glockenblumenelf versuchte, vernünftig zu sein.
„Oh ja, ich möchte so gern tanzen können, so wie ihr!“ Pum blickte erwartungsvoll in die Runde. „So schaust du aus!“, rutschte es der Narzissenelfe heraus. So gar nicht elfenhaft.
„Auch wenn es schwer sein wird“, versuchte die Rosenelfe wieder nett zu sein, „es wird schon gehen.“
Pum war nun einmal da. Alle mussten zusammenhelfen.

Viel Zeit war vergangen. Der Morgen graute schon und die Elfen wurden müde. Bei Sonnenaufgang legten sich die lieblichen kleinen Wesen immer schlafen. Sie schlummerten versteckt in ihren Blütenkelchen. Auf jeden Fall so verborgen, dass sie kein Mensch zu sehen bekam. Alle Elfen schwebten nun schnell zu ihren Schlafplätzen. Alle? Nein, denn Pum saß noch immer unter dem Farnblatt. Er hatte keine Ahnung, wohin die anderen so schnell verschwanden und warum? Pum war anders als die anderen Elfen. Elfen wussten normalerweise alles, was für sie wichtig ist, vom ersten Tag an. Pum nicht.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 112
ISBN: 978-3-99003-192-6
Erscheinungsdatum: 20.10.2010
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