11 - 12 Jahre

In Venedigs dunklen Gassen

Lisa Schicketanz

In Venedigs dunklen Gassen

Leseprobe:

Margeritha

Es war eine stockdunkle Nacht im Herbst, als Renzio sich klammheimlich über die Rialtobrücke schlich. Er blickte düster auf seine Füße. Sein langer, schwarzer Umhang wehte im Wind, die Haare flogen ihm ins Gesicht. Und nicht nur sein Umhang war schwarz, sondern einfach alles: Das Hemd, der Mantel, die Hose, die Maske, die Lederhandschuhe, seine lockigen Haare, die er schulterlang zu tragen pflegte, die hohen Stiefel, ja, sogar seine Augen waren rabenschwarz. In der rechten Hand trug er einen leeren Sack. Wo war bloß Margeritha? Sie wollten sich doch Punkt Mitternacht auf der Rialtobrücke treffen! Oh, wie er es hasste, wenn seine Schwester sich zu einem Treffen verspätete! Dabei wollten sie heute bei der Villa Sanciuso einen Bruch starten! Und ausgerechnet heute musste sich Rita verspäten! Das war mal wieder typisch!
Während Renzio so vor sich hinschlich, bemerkte er die dunkle Gestalt nicht, die schon seit langem neben dem Geländer der Brücke stand, das Gesicht zum Wasser gewandt. Auch diese trug einen leeren Sack bei sich. An ihr war ebenfalls alles schwarz. Die Stiefel, der wehende Umhang, die Hose, der Mantel, das Hemd, die Maske, die Augen und die langen, gelockten Haare, die ihr bis zu den Hüften reichten. Das Mädchen stand wie versteinert da, die Hände in die Hüften gestemmt. Sie hatte Renzio den Rücken zugewandt. Es war so stockduster, dass man kaum die Nacht von den beiden unterscheiden konnte. Auch Renzio bemerkte die Gestalt erst, als er schon fast neben ihr stand. Mit einem entsetzten Aufschrei ließ er den Sack fallen, als er das Mädchen endlich entdeckte. Doch er fasste sich schnell wieder, und die Wut stieg in ihm hoch.
„Rita, verdammt nochmal, wo zur Hölle warst du?“, schrie er seine Schwester an. „Ich warte hier seit mindestens zehn Minuten auf dich und du …“
Weiter kam er nicht, seine Schwester schlug ihm unsanft die Hand vor den Mund.
„Oh, Renzio, sei still!“, zischte sie ihm ins Ohr. „Willst du uns die Carabinieri auf den Hals hetzen? Aber bitte erst, wenn ich außer Sichtweite bin!“ Langsam nahm sie wieder ihre Hand von Renzios Mund. „Außerdem“, fügte sie aufgebracht hinzu, „warte ich seit mindestens zehn Minuten auf dich, und nicht du! Was kann ich dafür, wenn du lieber auf den Boden starrst, statt dich umzusehen!“
„Ja, ja, schon gut“, murmelte Renzio und rieb sich die schmerzenden Lippen. „Aber das nächste Mal kannst du ruhig ein bisschen weniger fest zuschlagen!“
Margeritha zuckte nur mit den Achseln und erwiderte kalt: „Willst du klauen, musst du hauen.“
„Sehr witzig!“ Renzio blies sich beleidigt eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Es ärgerte ihn immer wieder, dass er seiner Schwester nur körperlich überlegen war, aber nicht im Wortschatz. Wenn es um Redegewandtheit ging, bot Margeritha um Einiges mehr. Und das, obwohl er 14 war und sie erst zwölf. „Und?“, fragte er. „Wollen wir jetzt hier rumstehen und quatschen oder der Villa da drüben“ – er deutete in die Richtung der Villa Sanciuso, die gleich an der Ecke der Rialtobrücke stand – „einen nächtlichen Besuch abstatten?“
Margeritha nickte nur und huschte in Richtung Villa davon. Renzio hob eilig seinen Sack auf und schlich ihr hinterher.
Als sie sich vor der Mauer trafen, die den Garten umschloss – natürlich nahmen sie nicht die Vordertür –,stellte sich Renzio mit dem Rücken zur Mauer, um seiner Schwester mit der Räuberleiter hinauf zu helfen. Als sie oben war, warf Margeritha ihrem Bruder ein Seil zu und ließ sich vorsichtig daran in den Garten hinab. Dadurch, dass sie sich mit ihrem vollen Gewicht ins Seil hängte und auch daran zog, wurde Renzio auf der anderen Seite der Mauer langsam nach oben gezogen. Als er die Oberfläche der Mauer fassen konnte, warf er das Seil über die Mauer und zog sich das letzte Stück mit den Armen hoch und ließ sich auf der anderen Seite vorsichtig in die Blumenbeete gleiten. Unten angekommen nickte er seiner Schwester kurz zu und schlich in Richtung Hintertür. Das Schloss war alt und rostig und ließ sich mit den entsprechenden Werkzeugen leicht öffnen. Renzio hörte, wie sich Margeritha hinter ihm in die kalten Hände hauchte. „Höchste Zeit, dass wir rein kommen“, dachte er. Und sie kamen rein! Der lange Korridor war mit vielen Vitrinen ausgestattet, in den meisten war jedoch nur Plunder. Immerhin steckten sie einen Goldring, einen Ring mit einem Halbedelstein, einen Silberring, eine Taschenuhr und sogar eine Halskette aus Steinen mit mittlerem Wert ein. Besser als nichts! Als sie weiterschlichen, kamen sie ins Wohnzimmer, wo ein vergessener Tablet-PC auf dem Sofa lag. Mit einem zufriedenen Grinsen ließ Margeritha ihn in ihrem Sack verschwinden. „Benissimo!“, kicherte sie, weshalb sie einen strengen Blick von ihrem Bruder einfing. Wo er ihr doch immer wieder einschärfte, sie solle in fremden Häusern nur so wenig Lärm wie möglich machen! In der Küche lag hinter Töpfen und Pfannen auch noch ein Handy an der Ladestation. Für beides war noch Platz in Renzios Sack. In der Eingangshalle wurden sie leider nicht fündig. „Avanti, lass uns nach oben gehen“, flüsterte Margeritha.
„Nein!“, fuhr er sie an. „Ich sag dir doch jedes Mal, dass wir da, wo die Leute schlafen, Gefahr laufen, entdeckt zu werden!“ „Ja ja, schon gut!“, murmelte sie. Die beiden leuchteten mit ihren Taschenlampen noch einmal ausgiebig in jede Ecke der Küche und des Wohnzimmers, dann raunte Renzio seiner Schwester kurz „basta“ zu und sie verließen das Haus auf demselben Weg, den sie gekommen waren. Und keiner hatte sie bemerkt.



Das Versteck

Als Margeritha und Renzio wieder mit ihrer Diebesbeute auf der Rialtobrücke standen, atmeten sie erleichtert auf. Renzio stellte seinen Sack auf den steinernen Boden, streckte die Arme in die Luft und rief seiner Schwester halblaut zu: „Na, was sagst du nun? Das war ja einfacher, als Fahrrad fahren!“ Margeritha warf ihm einen spöttischen Blick zu und ging wortlos weiter. Beleidigt warf sich Renzio seinen Sack über die Schulter und lief ihr nach. Als er sie eingeholt hatte, blickte er Margeritha missmutig ins maskierte Gesicht und fragte sie schließlich: „Was ist? Ich werde mich doch wohl noch darüber freuen dürfen, dass alles so tadellos geklappt hat. Ist das falsch?“
Seine Schwester musterte Renzio geringschätzig von Kopf bis Fuß und antwortete schließlich: „Nein, falsch ist das durchaus nicht. Aber dass du dich immer so aufführen musst! Du tust ja gerade so, als hätte man dich zum König gekrönt! Mir wäre es viel lieber, wenn wir gleich auf direktem Wege nach Hause flüchten könnten, ohne irgendwelche Verzögerungen!“
„Jetzt mach aber mal halblang!“, murmelte Renzio. „Von „flüchten“ kann wohl kaum die Rede sein, weil wir noch nie erwischt worden sind, das weißt du! Und außerdem wird die signora die zwei Sekunden Zeit haben, ohne gleich die Befürchtung zu hegen, dass hinter der nächsten Hausecke ein Carabiniere lauern könnte.“ Mit diesen Worten stakste Renzio an seiner Schwester vorbei, ohne sich noch ein einziges Mal nach ihr umzudrehen. Wütend starrte Margeritha ihm hinterher.
Sie lief durch die dunklen Gassen, an geschlossenen Läden vorbei und überquerte Brücken, die über Kanäle mit schwarzem Wasser führten. Als Margeritha einen Campo überquerte, fuhr ihr der Wind kalt durch die offenen Haare. Er trieb ihr die Blätter der umstehenden Bäume ins Gesicht. Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Der eisige Wind stach wie tausend Nadeln auf der Haut, es war eine schreckliche Nacht.
Plötzlich stolperte Margeritha über die Kante eines Denkmalsockels und schrie vor Schreck laut auf. Sie strauchelte, wollte sich fangen, aber zu spät. Der Sack fiel ihr aus der Hand, sie versuchte verzweifelt, Halt zu finden und … Auf einmal, ein Zentimeter vor dem Boden, wurde sie ruckartig am Arm gepackt und hochgerissen. Von einer Hand in einem schwarzen Lederhandschuh. Völlig verdattert stand Margeritha wieder auf ihren eigenen zwei Füßen. Dann besann sie sich und blickte den Jungen an, der sie soeben vor dem Sturz bewahrt hatte.
„Renzio?“ Verblüfft starrte sie ihr Gegenüber an.
„Ja, da staunst du, was?“, erwiderte dieser spöttisch.
„Aber du bist doch weggelaufen und, und, und …“, mehr fiel ihr nicht ein.
„Bin ich nicht!“, verteidigte sich Renzio. „Ich bin nur vorgegangen, und als ich dann hier angekommen war, hab ich mich hinter dem Denkmal versteckt, um auf dich zu warten.“
Langsam nickte Margeritha. „Dann lass uns jetzt gemeinsam nach Hause gehen!“
Renzio nickte und meinte schließlich: „Ja, das tun wir, cara!“ Wie lieb er seine Schwester doch hatte! Ob ihr bewusst war, dass er ohne sie diese Jahre nie durchgestanden hätte? Er legte seinen Arm um ihre Schultern und langsam schritten sie Seite an Seite durch die Gassen Venedigs.
Ihr Heim war eine alte, leerstehende Schule, zu der man nur durch enge Gassen gelangen konnte. Es war keine Schule, wie man sie heute kennt, sondern eine richtige, alte Schule, die gerade mal Platz für fünf Klassen bot. Sie bestand aus einem Erdgeschoss und einem ersten Stock. Beide Etagen waren nicht besonders groß, was man von den Klassenzimmern erst recht nicht behaupten konnte. Jede Klasse musste wohl aus etwa zehn Schülern bestanden haben. Es war nicht ganz so groß wie ein gewöhnliches Wohnhaus, da es sich zu der Zeit, als das Gebäude erbaut wurde, nur wenige Menschen leisten konnten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Von den Tafeln waren noch zwei erhalten, sie hatten sogar eine Schachtel mit alter Kreide gefunden. Die Tafeln der anderen drei Klassenzimmer mussten irgendwann abgenommen worden sein, jedenfalls waren an den Stellen, wo sie früher gehangen waren, nur noch leere Haltevorrichtungen oder Bohrlöcher. Aber in den meisten Klassenzimmern waren Tische und Stühle längst weggeräumt worden. Nur in einigen waren verteilt noch drei Stühle und ein Tisch gestanden. Renzio und Margeritha hatten sie in einen Raum zusammengetragen. Dieses Zimmer war ihr „Arbeitszimmer“. Sie nannten es so, weil sie hier immer ihre Coups ausheckten, Geld zählten oder unter anderem auch Tagebuch schrieben. Am Tag fiel durch die Fenster Licht, aber am Nachmittag, wenn es dunkel wurde, war es stockfinster in der alten Schule. Aus diesem Grunde hatte Renzio zwei Stehlampen geklaut, doch er hatte vergessen, dass es in ihrem Heim keinen Stromanschluss gab. Er hatte schrecklich darüber geflucht. Also hatten die Geschwister so viele Taschenlampen wie möglich gestohlen, welche sie dann an die Decke gehängt hatten. Dazu mussten jedoch Haken in die Decke gebohrt werden und Renzio hatte sich dabei bestimmt nicht nur einmal mit dem Hammer auf die Finger geklopft. Außerdem war es ziemlich mühselig, jeden Abend alle Taschenlampen anzuknipsen, zumal man dazu auf einen Stuhl steigen musste. Erschwerend dazu wurden immer wieder die Batterien leer und man musste regelmäßig neue besorgen. Aber die jungen Diebe hatten sich an diese Probleme gewöhnt, ebenso, dass man jeden Abend daran denken musste, mit dem schweren Holzbalken von innen die Haustür zu verriegeln. Es war auch ein Schloss in die alte Tür gebaut worden, damit man von außen auf- und zusperren konnte. Dazu gab es natürlich auch einen Schlüssel, der in der Tür gesteckt hatte, mit welchem Renzio jetzt aufschloss. Margeritha hatte sich fest in ihren Umhang gehüllt und klapperte frierend mit den Zähnen. Als sie die Schule betraten, hängten die Kinder ihre Umhänge und Mäntel über die beiden Stehlampen, die im Flur als Kleiderständer gebraucht wurden. Erschöpft gingen sie ins „Schlafzimmer“ und krochen müde in ihre Schlafsäcke. In dieser Nacht träumten sie von vielen schönen Dingen.
Als Margeritha am nächsten Morgen aufstand und sich waschen wollte, musste sie zuerst Wasser aus der Flasche über einen Lappen schütten, da es in der Schule keinen Wasseranschluss mehr gab. Aus diesem Grund hatten sie sich auch einen Gasherd angeschafft, wo man jedoch regelmäßig die Gasflasche wechseln musste. Frisch gewaschen und angezogen machte sich Margeritha auf den Weg in die „Küche“, um das Frühstück zuzubereiten. Kurz darauf kam auch Renzio, vom Hunger getrieben, seiner Schwester nach. „Reich mir doch mal den Käse rüber!“, bat er Margeritha gähnend.
Wortlos reichte sie ihm das Tablett. Dann begann sie zögernd: „Du, Renzio, das von gestern, das war wirklich nicht so gemeint. Ich habe nur solche Angst vor den Carabinieri. Du weißt schon …“
„Ja, ja, ich weiß“, antwortete Renzio gedehnt. „Ich weiß, dass du einmal eine schlechte Erfahrung mit der Polizei gemacht hast, aber ich kann dich trotzdem nicht verstehen. Das liegt doch um Jahre zurück! Aber du hast ganz recht … wenn du Angst hast, erwischt zu werden, dann ist es reine Provokation, dich von der Flucht abzuhalten. Tut mir leid.“ Beschämt senkte er den Kopf. Da spürte Renzio, wie Margeritha seine Hand in die ihre nahm. Und er wusste, dass sie ihm verziehen hatte. Er lächelte seine Schwester liebevoll an. Und sie lächelte zurück.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 82
ISBN: 978-3-95840-052-8
Erscheinungsdatum: 28.01.2016
EUR 13,90
EUR 8,99

Krampus & Nikolo