11 - 12 Jahre

Die Mondmärchen

Stephan Krahe

Die Mondmärchen

Geschichten rund um den Mond - nicht nur für Kinder

Leseprobe:

Die Reise zum Mond

Es war einmal ein Mann, der war furchtbar reich. Er hatte so viel Gold und Juwelen, dass er sich alles auf der Welt leisten konnte, was er sich wünschte. Wollte er die Pinguine auf den Südpolbergen sehen, so kaufte er einfach den Eskimos einen Hundeschlitten ab und machte sich auf den Weg dorthin. Hatte er Lust, auf dem schnellsten Kamel, das es in der Sahara gab, zu reiten, stieg er einfach in sein Flugzeug, flog in den Orient zum berühmten Beduinenreiter Hat’al’Camal, wählte sich das beste und kräftigste Tier aus seinem Stalle und ritt in dem heißen Wüstenwind davon. Hatte er den Wunsch, auf dem größten Ozeandampfer der Welt die sieben Meere zu durchqueren, suchte er sich bei einem Kaffee eines der schönsten Schiffe aus dem bekannten Hochglanzkatalog „Seemännerträume“ aus, ließ es sich in den nächsten Hafen liefern, zählte dem Kapitän einen Haufen blitzender Goldmünzen in die Hand und stach mit seiner Dienerschaft in See. Oder wollte er das schnellste Auto der Welt fahren, um zu erfahren, wie schnell man damit wirklich fahren konnte, so ging er in das exklusivste Autohaus der Stadt, suchte sich das schnittigste und eleganteste im Fuhrpark aus und brauste in einer dicken Wolke aus Abgasen davon, dass dem Verkäufer Tränen in die Augen stiegen.
Weil er für sein Leben gern verreiste und die benötigten Fahrzeuge gerne gleich dazu kaufte, nannte er im Laufe der Zeit zwölf Autos, drei Schiffe, zwei Flugzeuge, einen Hundeschlitten und einen Hubschrauber sein eigen. Warum zwei Flugzeuge, fragst du dich womöglich? Nun, wollte er ganz weit weg, etwa ans andere Ende der Welt fliegen, so meinte er, dass es sinnvoll sei, beide bei sich zu haben, eines für den Hin- und eines für den Rückweg, um sich die Zeit für das Betanken zu sparen. Daher standen immer beide blitzblank geputzt und vollgetankt in seinem Hangar. Ach ja, beinahe hätte ich vergessen, zu erwähnen: Auch einen Fesselballon nannte er sein eigen, der war ganz rot mit gelben Punkten darauf, unter darunter hing ein großer Bastkorb, in den die Passagiere mit ihm reisen konnten. Daran war ein riesiger Flammenwerfer angebracht, mit dem die Luft in der Hülle aus reißfestem Segeltuch erwärmt wurde, weshalb man darin ganz hoch und weit, sogar bis über die Wolken fliegen konnte. Dann hatte man einen atemberaubenden Blick auf Täler und Berge, Häuser, Straßen und Seen, die aus der Höhe wie das Spielzeug aus Deiner Kiste aussahen. Der Mann nutzte den Ballon jedoch selten, denn er kam mit ihm ja nur in der Richtung voran, in die der Wind gerade blies, und manchmal wollte der reiche Mann lieber in die andere Richtung, weil er dort einen wichtigen Termin hatte. Einmal war es passiert, dass er in ein fremdes Land geblasen wurde, in das er gar nicht gewollt hatte, dort in einem kalten Bach gelandet und mit den Füßen ganz nass geworden war. Danach musste er mit einer Erkältung fünf Tage lang das Bett hüten.

Natürlich hatte der reiche Mann nicht nur Geschmeide und Geld und Autos und Schiffe und Flugzeuge und einen Schlitten und einen Ballon, sondern er lebte auch standesgemäß in einem Schloss, das war so groß, dass er in den meisten Flügeln selbst noch nie gewesen war. Das Schloss war schon fünfhundert Jahre alt und hatte hundertvierzehn Zimmer und das sind ganz schön viele – so viele, dass einer allein sie gar nicht alle bewohnen kann. Um das Schloss war ein Park angelegt, der war so riesig, dass der Mann eines seiner schnellsten Pferde besteigen und losgaloppieren musste und trotzdem drei Tage und Nächte unterwegs war, um ihn ganz zu umrunden. Dem Mann leistete ein Gespenst Gesellschaft, das war vor langer Zeit ein wenig beliebter König gewesen und hatte bis zu seiner Hinrichtung in dem Schloss gewohnt und das Land regiert. Irgendwann hatten es seine Untertanen aus irgendeinem Grund leid gehabt, dauernd seinen Befehlen zu gehorchen und ihn aufs Schafott geführt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Dem Mann hatte das alte Schloss auf Anhieb gefallen, als er es besichtigt hatte, deshalb kurz entschlossen vor nicht allzu langer Zeit gekauft und war mit seinem ganzen Gefolge darin eingezogen. Das Gefolge bestand aus einer enormen Anzahl an Dienern und Köchen, Schneidern und Bäckern, Gärtnern und Mechanikern und dazu auch noch Musikern. Die machten für ihn sauber, kochten das Essen, hielten die Kleider in Ordnung, buken Brot und Kuchen, beschnitten die Bäume, mähten den Rasen, reparierten die vielen Fahrzeuge und spielten für ihn am Abend schöne Musik. Aus fast allen Familien der Stadt arbeitete bald ein Mitglied für den Mann. Aus fast allen deshalb, weil Kinder und Mütter und Großeltern nicht dazu gehörten, denn die einen können ja noch nicht arbeiten, sondern dürfen nur spielen, die anderen sind zu sehr mit Kochen, Waschen, Putzen und Nähen für ihre Lieben beschäftigt und haben daher keine Lust, dies auch noch für Fremde zu tun (versuch nur einmal selbst, ihnen deine gebrauchte Wäsche unterzujubeln) und die letzten mögen lieber Spazieren gehen und sich auf Parkbänken über die nächste Mahlzeit unterhalten.

Alle, die für ihn arbeiteten, taten dies gern, denn der Mann war gut und großzügig zu ihnen. Weil so viele der prachtvollen Zimmer im Schloss unbenutzt und leer waren, hatte der Mann denjenigen, die wollten, erlaubt, mit ihren Familien dort einzuziehen und zu wohnen. Das war praktisch, denn so hatten sie es nie weit bis zur Arbeit und zum eigenen Bett. So wuselten die Bediensteten den lieben langen Tag im Schloss herum, hielten in Kommoden und Schränken Ordnung und bohnerten den alten Parkettboden, bis er glänzte. Oder sie bliesen den Staub von den alten Möbeln, die noch von vornehmen Prinzessinnen benutzt worden waren, damit niemand mehr niesen musste, der vorbeikam. Oder sie rückten die schweren Gemälde an den Wänden gerade, wenn diese aus dem Gleichgewicht geraten waren – alles, ohne dass der Mann sie extra darum bitten musste.
Nun, Hunderte von Menschen waren also Tag und Nacht damit beschäftigt, alle Wünsche von den Augen des Mannes abzulesen und sofort zu erfüllen. Wollte er die allerfeinsten, seltensten Speisen zum Frühstück haben – nehmen wir an, etwa geselchte Lerchenzüngchen in Himbeeraspik mit einem Schlag Ziegensahne aus dem fernen Marokko oder gesottene Lachseiertaler mit Kräuterrahm an Preiselbeerkernmus aus Grönland – nur weil der Mann gerade Appetit danach verspürte, dann flogen und fuhren und schwammen seine Köche in Windeseile in alle Erdteile, um das Gewünschte zu suchen und die Speisen nach alten Rezepten zuzubereiten. Ein Dutzend Vorkoster testeten das Ergebnis ihrer Bemühungen. Der Mann aß die köstlichen Speisen dann aus seinen goldenen Tellern und trank aus seinen juwelenbesetzten Kelchen dazu köstlichen Beerenwein, der vorzugsweise aus Madagaskar stammte, wo ja bekanntlich die besten Beeren wachsen.

Ja, es war ein angenehmes und schönes und ruhiges Leben! Der Mann hatte, weil er gerne aß und die Diener ihm jeden Wunsch nach Leckereien und Wein von den Augen ablasen, schon in jungen Jahren einen kugelrunden Bauch bekommen, der mit der Zeit noch ein bisschen runder geworden war. Der Bauch wirkte für alle, die den Mann sahen, als ob er einen großen Ball verschluckt habe. Auch alles andere an ihm wirkte kugelrund, die Beine oder der Kopf etwa, denn der Mann war von kleiner Statur. Seine Beine waren zu allem Überfluss auch noch so kurz geraten, dass sie unter dem Bauch fast verschwanden und es konnte passieren, dass die Leute, die den Mann von ferne herankommen sahen, meinten, dass da ein großer Ball mit einem kleinen Ball darauf dahergehopst kam. Wenn sie den reichen Mann erkannten, wurden sie sehr verlegen und bekamen rote Wangen. Das machte dem Mann aber nichts aus, denn er war gerne dick, gerne reich und überhaupt von einem fabelhaft gutmütigen und frohen Gemüt und darum auch freundlich zu jedermann. Deshalb lachte er gerne und viel und laut und sein Lachen war dabei so ansteckend, dass die Menschen in seiner Nähe dann auch zu lachen anfingen und mit ihm kicherten und prusteten und sich die eigenen gewölbten Bäuche vor Anstrengung hielten.
Die Einwohner hatten schnell begonnen, den kleinen reichen Mann, der in ihre Stadt gezogen war, sehr zu mögen. Da der Mann gerne schwamm, hatten sie ihn im heißen Sommer einmal in ihr Schwimmbad eingeladen. Dort sonnte sich der Mann gemeinsam mit ihnen und rutschte immer und immer wieder mit einem lauten Jauchzer die Riesenrutsche in das Becken hinab, ohne dabei müde zu werden. Da er so dick war, gab es dabei jedes Mal einen großen Platscher und das Wasser spritzte den Menschen nur so um die Ohren, dass sie ganz nass davon wurden und ihre Badetaschen und -tücher in Sicherheit bringen mussten.
Dies war dem dicken Mann unangenehm und er schämte sich ein bisschen für die großen Pfützen, die bald rechts und links den Beckenrand säumten, während der Wasserstand im Becken einen Meter niedriger stand als vor seinem Besuch und der Bademeister seinen Gästen für den Rest des Tages den Kopfsprung ins Wasser streng untersagte. Seitdem hatte er immer Schokolade, Kekse und Eimer voller Pistazieneis bei sich, wenn er ins Schwimmbad ging. Die Leckereien verteilte er zur Versöhnung an die Badenden, wenn er wieder einmal die große Rutsche benutzt hatte. Da die Einwohner der Stadt aber Süßes und besonders Pistazieneis über alles liebten, waren sie ihm für sein Verhalten nie böse und badeten weiter gerne mit ihm.

Der Mann war mit dem Leben, das er führte, sehr zufrieden. Wenn er in die Stadt ging und manchmal Menschen auf der Straße traf, denen es nicht so gut ging wie ihm und daher traurig und sorgenvoll dreinschauten, so versuchte er, ihnen zu helfen und gab ihnen von seinen Besitztümern ab. Dies sprach sich herum und im Laufe der Zeit kamen immer mehr Bittsteller zu ihm auf sein Schloss, beklagten ihr Schicksal und gingen von ihm reich beschenkt wieder nach Hause. Der reiche Mann hatte aber so viele Schätze, dass sein Reichtum dadurch kaum weniger wurde und er gerne davon abgab. Es kam aber auch vor, dass er von Menschen besucht wurde, die gar nichts von seinen Geschmeide und Besitztümern abhaben wollten, sondern denen ein Leid auf der Seele drückte, die einsam waren, schweren Kummer hatten oder sich um ihre Zukunft sorgten. Sie klopften daher an seine Tür, um sich einfach eine Zeitlang mit dem Mann zu unterhalten und ihr Herz auszuschütten. Viele von ihnen hatten schon lange nicht mehr gelacht. Darum erzählte er ihnen seine besten Witze und lustigsten Anekdoten und gemeinsam schüttelten sie sich dann vor Lachen und wenn sie genug gelacht hatten, gingen die Menschen mit einem glücklichen Gesichtsausdruck und funkelnden Augen nach Hause, denn sie waren reicher beschenkt worden, als es Gold und Edelsteine je vermocht hätten Und da der reiche Mann selbst von vergnügtem Wesen war und gerne lachte, tat er ihnen diesen Gefallen oft und fand selbst große Freude daran.

Es lebte aber jenseits der Stadtgrenzen in dem dunklen Wald hinter dem Tore ein seltsamer Mann, der war nie vergnügt. Er war von Natur aus sehr groß gewachsen und von hagerer Statur, hatte lange, dünne Storchenbeine und ebensolche dürre Arme. Er trug einen struppigen, dunklen Vollbart im Gesicht und einen hohen Zylinder auf dem Kopf, unter dem seine borstigen, schwarzen Haupthaare in alle Richtungen herausschauten. Aus seinem langen Gesicht ragte eine spitze Hakennase und seine Augen waren wie zwei große, dunkle Brunnenlöcher, so tief und geheimnisvoll. Der Mann war passenderweise stets mit einer schwarzen Hose, einer schwarzen Weste und einem langen, schwarzen Mantel bekleidet. Über die Finger trug er schwarze Lederhandschuhe, seine Füße bedeckten ebensolche Stiefel. Alles war schwarz an ihm, sogar seine Seele. Darum wurde er von den Stadtbewohnern auch hinter vorgehaltener Hand der schwarze Mann genannt.
Dieser Mann hasste das Lachen und mit ihm alles auf der Welt, was dir und mir im Leben Spaß und Freude bereiten, denn er hielt es für dummen und wertlosen Zeitvertreib und meinte, dass die Welt ohne solch nutzlose Dinge wie Fröhlichkeit und Ausgelassenheit besser auskomme, weil sich die Menschen dann auf die wichtigeren Dinge des Lebens konzentrieren könnten. Diese Dinge aber bestanden für ihn aus fortwährendem Arbeiten, Geld horten und Reichtum durch Sparsamkeit und List stetig zu mehren und immer mehr davon anzuhäufen. Was er darum liebte, war, so sparsam wie möglich zu sein und jeden Heller zweimal umzudrehen, bevor er ihn ausgab. Es bereitete ihm einen großen Genuss, etwa Überlegungen anzustellen, die für oder gegen die Anschaffung etwa eines neuen Mantels oder für oder gegen einen Besuch beim Friseur sprachen. In der Regel fielen seinen Entscheidungen dann zugunsten seines immer gut gefüllten Geldbeutels. So hatte er sich sein Leben in einer kleinen, wackeligen Hütte, die so viele Löcher im Dach hatte, dass der Wind hindurchpfiff, so kärglich wie möglich eingerichtet. Er kaufte stets nur das Notwendigste und feilschte mit den Marktverkäufern kräftig um jeden Heller. Der schwarze Mann hatte auf diese Weise im Laufe der Zeit wahre Schätze an Gold, Silber und Juwelen aufgehäuft, die er eifersüchtig in einer geheimen Schatzkammer unter der Erde hütete, und war zu einem der reichsten Menschen auf der Erde geworden. Oft schlich er zu seinem Versteck, um sich an seinem Gold und Silber und dem Geschmeide zu ergötzen und zu berauschen. Aus Sorge, dass jemand davon erfahre und ihn bestehlen könnte, war er dabei sehr vorsichtig und schaute sich immer wieder argwöhnisch um, ob ihm jemand folgte.
Es versteht sich, dass dieser geizige Mann niemals anderen von seinem Reichtum gegeben hatte. Arme Menschen, die an seine Türe geklopft und um eine Mahlzeit, einen Taler oder nur ein freundliches Wort gebeten hatten, wurden von ihm ausgelacht und brüsk abgewiesen.

Dieser Griesgram hatte noch nie in seinem Leben Dinge getan, die man als Kind gerne tut. Er hatte es einfach nicht gelernt, das müsst Ihr euch mal vorstellen! Nie hatte er als Junge jemals einen Purzelbaum geschlagen, einfach weil ihm plötzlich danach zumute gewesen wäre, oder die Zunge herausgestreckt, wenn endlich die ersten Schneeflocken eines bevorstehenden Winters herab fielen, oder sich im Sommer in eine blühende Wiese gelegt und den fleißigen Bienen bei ihrer Arbeit zugeschaut oder die Wolken über sich gezählt. Wahrscheinlich waren schon seine Eltern so gewesen, aber die habe ich nie kennengelernt.
Er lebte ganz allein in dem tiefen Wald und ernährte sich vornehmlich von Beeren und Pilzen, die er dort fand und preiswert waren, da sie überall im Unterholz wuchsen. Nur selten ging er in die Stadt, wenn es ihm an Tee, Brot oder Zucker mangelte. Während sich die Kinder dann ängstlich in den Häusereingängen versteckten, wenn ihnen die seltsame Erscheinung mit verkniffenem Gesicht entgegenkam, waren die Erwachsenen etwas mutiger, grüßten ihn höflich, zogen den Hut und wünschten ihm einen guten Tag.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 164
ISBN: 978-3-99038-601-9
Erscheinungsdatum: 04.11.2014
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo