Der Geburtstag von Lenz

Der Geburtstag von Lenz

Mark Zumbühl


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 134
ISBN: 978-3-903271-75-3
Erscheinungsdatum: 04.08.2020
Seine Eltern haben Lenz seinen zehnten Geburtstag echt vermiest. Er büxt aus und es beginnt eine abenteuerliche Schiffsreise über die drei Towezi-Inseln, von der er nicht alleine nach Hause zurückkehrt.
1. Kapitel
Die Schaukel

In einer kleinen Stadt an einem großen See lebt die Familie Froschmayer. Die Stadt heißt Blauenberg und der See ist der Blauenbergsee. Das Haus der Familie steht am Ketzelweg 9, einer kleinen Straße, die gleich beim Haus der Froschmayers endet. Neben dem Haus gibt es einen Platz, auf dem der Milchwagen und die Kehrichtabfuhr wenden können. Das Haus ist zitronengelb gestrichen und an jedem Fenster sind zwei dunkelgrüne Fensterläden angebracht. Es hat zwei Stockwerke und ein steiles Dach. Vor dem Haus liegt ein schicker kleiner Garten und darin steht eine schicke weiße Schaukel, eine Hollywood-Schaukel.
Hollywood-Schaukeln kommen, wie der Name sagt, aus Hollywood. Das ist eine Stadt in Amerika, wo lauter berühmte Leute wohnen, die alle in irgendwelchen berühmten Kinofilmen mitgespielt haben, die Männer als Cowboys oder als Könige, die Frauen als Prinzessinnen oder als Krankenschwestern. In Hollywood steht sicher in jedem Garten eine solche Schaukel.

Hier wohnen also die Froschmayers, Mutter Froschmayer – sie heißt mit Vornamen Paula –, Vater Froschmayer, er heißt Kurt, und ihr Sohn Leonhard. Doch niemand nennt Leonhard Leonhard, alle nennen ihn Lenz. Diesen Namen hat sein Vater erfunden. Weil Leonhard im Frühling zur Welt gekommen war und weil Frühling in der deutschen Sprache auch Lenz heißt, nannte Vater Froschmayer seinen Sohn einfach Lenz. „Veronika, der Lenz ist da“, sang er mindestens einmal am Tag, und dazu lachte er ein Lachen, das so tönte wie das Glucksen eines Brunnenrohrs, aus dem das Wasser in unregelmäßigen Stößen ausströmt. „Kuurt!! …“, sagte dann Frau Froschmayer vorwurfsvoll. „Mach dich nicht lustig über den Jungen und über mich.“ Die Mutter von Lenz heißt nämlich mit zweitem Namen Veronika, doch sie mag diesen Namen nicht. Vater Froschmayer hörte dann immer gleich auf mit Lachen, als ob jemand den Brunnen zugedreht hätte.

Lenz ist ein lustiger Junge, weder groß noch klein, gerade eben so in der Mitte für sein Alter. Auf den Klassenfotos steht er immer in der Mitte des Bildes, meistens steht er neben einem der größeren Mädchen. Er hat den ganzen Kopf voller heller Locken. Seine Augen sind dunkelbraun und auf der Nase ist eine Handvoll Sommersprossen verstreut. Auf der Stirne stehen vier rote Pickel, und die ärgern Lenz sehr. Am liebsten trägt Lenz gestreifte Hemden oder Leibchen, knielange Hosen und rot-weiße Turnschuhe.

Die Hollywood-Schaukel im Garten der Froschmayers ist der Stolz von Vater Froschmayer. Er setzt sich immer am Samstag, wenn das Wetter gut ist, auf diese weiße Schaukel mit dem hellblauen Stoffdach und den hellblauen Polstern. Am Anfang, als die Schaukel noch neu war, setzte sich Frau Froschmayer auch zu ihm und sie schaukelten zusammen hin und her. Doch in der letzten Zeit mochte sie nicht mehr mit schaukeln. „Ich habe keine Zeit für Müßiggang“, sagte sie dann jeweils und streckte ihr Kinn ganz weit nach vorne. Sie habe noch so viel zu tun, meinte sie damit, etwa staubsaugen, oder alte Zeitungen zusammenbinden. Das sind sicher alles Dinge, welche die Leute in Hollywood nicht tun müssen. Oder für welche sie Dienstmädchen haben, die ihnen diese unangenehmen Arbeiten abnehmen. So sitzt Herr Froschmayer an Samstagen meistens alleine in der Schaukel, denn er will ja weder staubsaugen noch alte Zeitungen zusammenbinden. „Samstag ist Freitag“, sagt er jeweils und gluckst dazu.

Lenz sitzt auch nie mit seinem Vater auf der Schaukel. Lenz findet die Schaukel doof. Das heißt, am Anfang hatte er sie geliebt und er hatte fast jeden Tag geschaukelt. Doch eines Tages kam sein Vater gerade in dem Moment aus dem Haus, als Lenz sich lang auf der Schaukel ausgestreckt hatte und dabei natürlich auch die Turnschuhe auf den hellblauen Polstern abgestellt hatte. Sein Vater war vor der Schaukel stehen geblieben und hatte so laut geschimpft, dass die Katze des Nachbarn ihren Spaziergang durch den Garten der Froschmayers ganz schnell abgebrochen hat und unter dem Zaun hindurch weggerannt ist. Der Vater hat beim Schimpfen die Hand in die Höhe gestreckt, als wolle er Lenz eine Ohrfeige verpassen. Lenz kannte diese Handbewegung gut, er hatte schon viele Fastohrfeigen erhalten. Und Lenz wusste, dass auch Fastohrfeigen schmerzen können.
Von diesem Tag an hat sich Lenz nie mehr auf die Schaukel gesetzt. Da konnte Vater noch so rufen: „Komm, Lenz, zu mir auf die Schaukel.“ „Nein, ich mag nicht“, sagte Lenz dann jeweils und sein Vater brummte dann „Dummer Junge.“ Doch Lenz wusste, dass er kein dummer Junge ist.

In der Schule ist Lenz nämlich einer der besten. Besonders in Sprache und Zeichnen und Singen hat er immer die besten Noten der ganzen Klasse. Sein Lieblingsfach ist aber Geschichte: Was er da hört über die Römer und Ägypter, über die Griechen und die Pfahlbauer, das gefällt ihm sehr. Obwohl er in Mathe und Geometrie nicht zu den besten gehört zeichnet Lenz wunderbare Pyramiden, die in ihren Maßen genau mit den Pyramiden in der Wüste von Ägypten übereinstimmen, und richtet sie nach seinem Geschmack ein. Im Erdgeschoss seiner Lieblingspyramide befindet sich zum Beispiel ein großer Spielplatz mit einem steinernen Klettergarten und einem steinernen Labyrinth. Wer den Weg durch dieses Labyrinth findet, kann weiter aufsteigen in die erste, zweite und dritte Etage. In der ersten ist das Badezimmer mit großen, grün-weiß gekachelten Wasserbecken, in denen die Bewohner der Pyramide jeden Morgen und Abend in duftendem Rosenwasser baden. In der zweiten Etage sind die Schlafzimmer. Das Schlafzimmer von Lenz hat ein kleines, schräges Fenster, durch welches immer an seinem Geburtstag, am 31. Mai, die Sterne seines Sternzeichens Zwilling zu sehen sind. Im obersten Geschoss der Pyramide sind die großen Wohn- und Esszimmer, in welchen sich die Bewohner von Pyramidien – so nennt Lenz seine Phantasie-Stadt – zum Nachtessen treffen. Auf dem Dachboden der Pyramide gibt es eine Pyramidenschaukel. An zwei langen Seilen ist ein Sitzbrett befestigt, die Seile reichen hinauf bis in die oberste Pyramidenspitze. Auf dieser Pyramidenschaukel können die Kinder von Pyramidien in langen Schwüngen hin und her schaukeln.

Herr Koch, sein Lehrer, fand einmal all die Pyramidenzeichnungen unter allen anderen Zeichnungen in Lenz’ Zeichnungsmappe. Er hatte die Bilder lange angeschaut und ganz langsam den Kopf zu schütteln begonnen. Lenz fürchtete schon, dass nun ein gewaltiges Schimpfgewitter mit Worten wie Blitz und Donner über ihm losgehen würde. Aber Herr Koch hat einfach weiter den Kopf geschüttelt, und dann plötzlich zu nicken begonnen und ganz leise und bewundernd gesagt: „Das ist phantastisch! Lenz, das ist phantastisch!“ Lenz war damals acht und er wusste noch nicht so recht, was „phantastisch“ heißen könnte. Deshalb ging er am Abend zu seinem Vater und fragte ihn: „Papa, was ist phantastisch?“
Herr Froschmayer hielt seinen Kopf schräg und kniff die Augen zusammen, dass sie fast nicht mehr zu sehen waren. Dazu fragte er misstrauisch:
„Wozu musst du denn das wissen?“
„Einfach so“, antwortete Lenz.
„Einfach so gibt es nicht“, sagte sein Vater und hob die Zeitung wieder hoch, um weiter zu lesen.
„Es ist, weil Herr Koch das zu mir gesagt hat“, versuchte Lenz das Gespräch weiter zu führen.
„Dacht ich’s mir“, sagte darauf Herr Froschmayer vorwurfsvoll und legte die Zeitung wieder auf die Seite.
„Du bist ein Phantast, das sagt ja sogar dein Lehrer. Und weißt du, was ein Phantast ist? He? Hm? Das ist einer, der immer in seinen Träumen herumhängt. Du bist also ein Phantast, ein Träumer, und wenn du dich nicht bald zusammennimmst, wird nie etwas Vernünftiges aus dir. Hast du keine Hausaufgaben zu machen?“
Lenz sagte etwas, das wie „Ja“ tönte, aber „Nein“ hieß und ging auf sein Zimmer. Lenz war damals sehr enttäuscht.


2. Kapitel
Der zehnte Geburtstag

An seinem zehnten Geburtstag, einem Donnerstag, verlässt Lenz das Haus seiner Eltern. Er ist wütend und enttäuscht. Er will nie mehr zurückkehren. Am Mittag hat er in seinem Zimmer eine blaue Hose und einen gelben Pullover aus dem Schrank genommen, die Taschenlampe und den Kompass danebengelegt und alles zusammen mit den Butterbroten und den Äpfeln in seinen Rucksack gepackt. Die Brote und die Äpfel hat er aus der Küche stibitzt, nachdem seine Mutter mit Abwaschen und Aufräumen fertig war und im Schaukelstuhl döste. Den ganzen Geburtstag hatten ihm seine Eltern verdorben und zudem hatten sie ihn vor seinen Schulfreunden lächerlich gemacht. Nun will er einfach weg von hier. Wohin, weiß Lenz nicht.

Lenz geht zum See hinunter und biegt in die Straße ein, die zum kleinen Hafen führt. Er hat, wie es seine Eigenart ist, den Rucksack nicht auf dem Rücken, sondern vorne auf der Brust aufgeschnallt und schlendert an den Booten entlang, die hier festgebunden sind: Segelboote, Motorboote, Ruderboote und ganz hinten, dort wo der längste Steg ins Wasser hinausreicht: die Fischerboote. Lenz liebt Schiffe über alles. Am liebsten hätte er auf einem Hausboot gelebt statt in einem Haus mit doofer Hollywood-Schaukel. Oft, wenn er im Bett lag und nicht einschlafen konnte, träumte er sich mit offenen Augen sein Boot zurecht. Das hat ein Steuerrad aus Holz und das ist fast so groß wie Lenz selber. Rechts neben dem Steuerrad ist ein Suppenteller-großer Kompass an einem Gestell so an der Wand befestigt, dass er sich frei in alle Richtungen bewegen kann. In der Mitte des Schiffs führt eine Türe mit einem kleinen runden Fensterchen in den Bauch des Schiffes: Eine vordere und eine hintere Kabine sind hier unten, und natürlich die Kombüse. Kombüse nennt man auf einem Schiff die Küche. Der Kochherd in der Kombüse von Lenz ist so eingerichtet, dass die Pfannen nicht runterfallen können, wenn einmal Wellen aufkommen sollten oder gar ein Sturm, damit nicht die ganze heiße Schokolade oder die Spaghetti verschüttet werden konnten. In der vorderen Kabine gibt es zwei Betten und bei jedem Bett eine kleine, gemütliche grüne Leselampe und ein kleines rundes Fenster. Wenn man auf dem Bett liegt, hört man das Wasser an den Bug schlagen. Die gleichmäßigen Bewegungen der Wellen fühlen sich an als liege man in einer riesengroßen Wiege. Über dem Bett von Lenz gibt es einen großen Kleiderhaken, an dem er sein Ölzeug, Hose und Jacke aus gelbem, wasserdichtem Tuch, und seine Kapitänsmütze aufhängen konnte.

Genauso eine Kapitänsmütze, wie sie in seinen Schiffsträumen vorkam, sieht Lenz plötzlich vor sich: dunkelblauer Stoff, ein kurzer Schirm und in der Mitte über dem Schirm ein kleiner, goldener Anker. Die Mütze sitzt auf dem Kopf eines Mannes mit freundlichem, braungebranntem Gesicht. Der Mann lacht Lenz entgegen und sagt: „So, junger Mann, wohin darf die Reise gehen?“ Lenz erschrickt zuerst, denn er hat gar nicht bemerkt, dass er, während er an sein Traumschiff gedacht hatte, vor einem lustigen, blau-weißen Boot stehen geblieben war. Der Mann mit der dunkelblauen Kapitänsmütze war aus der Kabine des Schiffs gestiegen, ohne dass Lenz es gemerkt hat. Und nun steht er da an der Reling seines Bootes, gerade etwa auf Augenhöhe mit Lenz, der auf dem Steg stehen geblieben ist und nun übers ganze Gesicht und beide Ohren rot wurde. Aber das lustige Gesicht und die freundliche Stimme des Bootskapitäns lassen Lenz aufatmen. Das ist kein Mann, der ärgerlich Kinder anschnauzen würde mit: „Was suchst du hier? Bist du angewachsen? Komm, geh weiter.“ Stattdessen sagt der dicke Mann: „Willst du mal auf die Traudl kommen?“ Traudl heißt nämlich sein Schiff. Das steht auch in weißen Buchstaben am Bug des Schiffs. Eigentlich hatte so einmal die Frau des Kapitäns geheißen, aber die war schon vor vielen Jahren gestorben. „So kann ich trotzdem heute immer noch rufen: Komm, Traudl, wir fahren raus!“, lacht der Traudl-Kapitän ein wenig traurig als er Lenz die Geschichte erzählt.

„Ich heiße Klaus“, sagt der Mann, als er Lenz die Hand reicht, damit er über die Reling hüpfen kann. „Und wie heißt du?“ „Lenz“, antwortet Lenz und will gleich fortfahren und die Erklärung mit Leonhard anhängen. Das muss er oft machen, wenn die Leute ihn ratlos anschauen, nachdem er ihnen seinen Namen genannt hat. Doch diesmal ist es nicht nötig. „Prima, Lenz“, sagt Kapitän Klaus, „dann will ich dir mal meine Traudl zeigen. Möchtest du das?“ „Oh ja, wissen Sie, ich träume oft von genauso einem Schiff, und das hat zwei Kabinen und eine Kombüse und ein ganz großes Steuerrad und …“ „Na, na“, unterbricht ihn Klaus, „dann schauen wir uns doch mal die Traudl genauer an, vielleicht ist dies ja dein Traumschiff.“

Sie beginnen die Inspektion des Schiffes oben beim Stand des Kapitäns. Das Steuerrad ist zwar schon einiges kleiner als beim Schiff, von dem Lenz träumt. Es hat ungefähr den Durchmesser des größten Kuchenblechs in der Küche von Frau Froschmayer. Aber das stört Lenz nicht. Einen Kompass hat es auch nicht an der Stelle, die Lenz dafür vorgesehen hat. Dafür hängt dort in einem kleinen Holzrahmen das Bild einer Frau. Sie steht neben einem Schiff am Ufer eines Sees und lacht in die Kamera. „Das ist eben die Traudl“, sagt Klaus, der bemerkt hat, wie Lenz das Bild mustert. „Ja, ja, die Traudl“, sagt er und seufzt. „Komm, gehen wir runter, ich zeig dir Traudls Bauch“, sagt Kapitän Klaus und hält Lenz die Türe auf. Diese Türe hat genau das gleiche kleine runde Fenster wie das Traumschiff. Lenz steigt die vier ausgetretenen Holztritte hinunter, die in die Kabine führen. Dabei bemerkt er den feinen Schokoladeduft, der aus dem Inneren aufsteigt. „Beginnen wir mit dem Wichtigsten“, sagt Klaus lachend und streicht sich über seinen großen Bauch. „Das ist die Kombüse“, erklärt er, „hier koch ich mir meine heiße Schokolade und ab und zu auch Tomaten-Spaghetti. Magst du heiße Schokolade, Lenz?“ „Ja, und wie“, sprudelt es aus Lenz heraus, „wissen Sie, Herr Klaus …“ „Komm, lass den Herrn vor der Tür, hier drinnen bin ich einfach Klaus“, unterbricht ihn der Kapitän und schiebt sich die dunkelblaue Mütze ins Genick. „Also, weißt du, Klaus“, korrigiert sich Lenz, „in meinem Schiff hat’s genauso eine Kombüse und darauf steht eine Pfanne mit heißer Schokolade, die kann auf dem Kocher festgehalten werden, damit die Schokolade nicht verschüttet, wenn Wellen kommen.“ „Was meinst denn du“, sagt Klaus, „das hat meine Traudl auch drauf“, stolz zeigt er Lenz die Einrichtung. „Also komm, lass uns zur Begrüßung eine Tasse heiße Schokolade trinken“, lädt der freundliche Kapitän Klaus Lenz ein. Er nimmt zwei Tassen vom Gestell. Damit die Tassen bei Seegang nicht runterfallen können, sind sie mit einer elastischen Schnur zurückgehalten. „Sehr praktisch“, lobt Lenz und er will sich diese kluge Erfindung auch gleich für sein Schiff merken. Lenz setzt sich auf die kleine Eckbank neben der Kombüse und Klaus schiebt sich den breiten Kapitänssessel gegenüber zurecht. „Also, Lenz“, sagt Klaus und hebt seine Tasse in die Höhe, „auf unsere Freundschaft.“ Sie trinken Schokolade und die Traudl schwankt vergnügt dazu.

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