11 - 12 Jahre

Das magische gelbe Briefpapier

Pia Ursula Spichiger

Das magische gelbe Briefpapier

Die Brieffreundschaft

Leseprobe:

Montag, 21. Februar 2005

Liebe Yolanda
Bist Du sicher, dass mit dem Futter für die Pferde wieder alles in Ordnung ist? Was ist, wenn dieser Straub vorher schon alle Futtersäcke vergiftet hat und nur noch das Futter in der Kiste vergiften musste? Du hast doch geschrieben, dass er immer das Kraftfutter für Eure Pferde bringt! Also hätte er Zeit genug gehabt, alle Säcke zu vergiften, bevor er sie Euch brachte.
Wo hast Du denn das ausgetauschte Futter hingebracht? Du musst es unbedingt aufbewahren, denn wenn Straub ein Verbrecher ist, ist das vergiftete Futter wichtiges Beweismaterial! Die Polizei muss es in einem Labor untersuchen können, damit sie Straub beweisen kann, dass er das Futter vergiftet hat! Du musst mit jemandem reden, Yolanda! Dieser Straub könnte ein sehr gefährlicher Mann sein. Wenn er rausfindet, dass Du ihn beobachtet hast, bringt er Dich vielleicht um, oder tut Deinen Eltern etwas an. Wenn Du nicht mit Deinen Eltern darüber reden willst, dann rede wenigstens mit Frau Roth! Vielleicht kann sie ja das Futter untersuchen lassen, ohne dass Dein Vater etwas davon erfährt. Dann wärst Du jedenfalls sicher, dass das Futter wirklich nicht vergiftet ist! Ich werde jedenfalls heute nach dem Klavierunterricht auch mit Frau Frey reden! Versprochen!

Heute Morgen haben wir den Englischtest zurückbekommen. Ich habe es als Einzige in der Klasse geschafft, genügend Punkte für den Englischspezialkurs zu erreichen! Jetzt bin ich Marilyn weitere vier Stunden in der Woche los! Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als sie erfuhr, dass ich es als Einzige geschafft habe. Sie kochte geradezu vor Wut. Natürlich wird sie sich jetzt noch mehr Gemeinheiten ausdenken, um sich an mir zu rächen. Schade, dass ›sich Gemeinheiten ausdenken‹ bei uns im Internat kein Fach ist. Marilyn wäre bestimmt mit Abstand die beste Schülerin!

Du hast mich noch gefragt, woher ich bestimmte Wörter und Redewendungen kenne, wie ›nichts anbrennen lassen‹. Solche Redewendungen lese ich etwa in Büchern. ›Nichts anbrennen lassen‹ habe ich von Herrn Bauer, meinem Kletterlehrer. Ich habe Dir ja erzählt, dass er aus Norddeutschland stammt. Er spricht ein sehr gepflegtes Deutsch. Es ist überhaupt nicht schwierig, seine Sprache nachzuahmen! Er ist richtig entzückt, wenn ich in seiner Sprache spreche. Er war nämlich bisher der Ansicht, dass Schweizer gar nicht richtig Deutsch sprechen können. Unseren Dialekt versteht er gar nicht! Unser Geschichtslehrer kommt aus dem Kanton Zürich. Ich ahme seinen Dialekt auch immer nach. Es ist viel schwieriger, als Herrn Bauers Dialekt. Ich habe mir damit schon ziemlichen Ärger eingehandelt. Der Geschichtslehrer fühlte sich von mir verarscht, wenn ich seinen Dialekt nachahmte. Meine fünf Freunde waren damals noch im Internat. Sie haben sich prächtig amüsiert, wenn ich fremde Dialekte nachahmte.

Heute Mittag war Marilyn bei Herrn Bauer, da sie auch in den Kletterkurs kommen wollte. Sie schwärmt für Herrn Bauer. In letzter Zeit spricht sie nur noch von ihm! Ich glaube, die ist voll in Herrn Bauer verknallt. Sie behauptet jedenfalls ständig, dass er sie auch möge! So eine blöde Tussi! Du glaubst es nicht, aber sie nennt ihn dauernd Eberhard, wenn sie von ihm spricht. Sie glaubt tatsächlich, dass sie als Erste herausgefunden habe, wie Herr Bauer mit Vornamen heißt! Dabei stand der Vorname von Anfang an auf der Anmeldeliste für den Kletterkurs. Und auch an der Bürotür steht der Vorname von allen Lehrern!
Herr Bauer wollte sie nicht im Kurs haben! Du kannst nämlich nicht mitten im Semester den Kurs wechseln! Sie muss also bis zum nächsten Semester warten! Falls sie den Kletterkurs im nächsten Semester belegt, kommt sie in eine andere Gruppe als ich! Zum Glück! Sie ist natürlich jetzt beleidigt und kann nicht begreifen, dass ihr Eberhard sie nicht im Kurs haben wollte, und keine Ausnahme für sie gemacht hat!
Ich erzähle Dir Morgen, wie Frau Frey reagiert hat, wenn ich ihr von diesem Mann erzähle. Ich muss jetzt zum Klavierunterricht eilen. Es ist gut, wenn ich rechtzeitig gehe, damit ich genug Zeit habe, diesen Mann abzuhängen, falls er mich wieder verfolgt. Ich nehme trotz allem den Schlagballschläger mit, da ich noch keine Wasserpistole habe. Die Idee mit der Wasserpistole ist echt super. Ich versuche im Spielwarengeschäft, gleich gegenüber dem Internat, heimlich eine zu kaufen. Am Nachmittag sind meistens viele Leute bei diesem Geschäft. Zudem ist immer eine Sonnenstore heruntergezogen, damit die Sachen draußen nicht nass werden. Ich kann mich also sicher irgendwie hineinschleichen. Ich muss mir nur noch überlegen, wo ich sie verstecken will. Du weißt ja, der Suchtrupp jeden Tag! Okay, ich muss jetzt los! Ich erzähl Dir Morgen alles!

Viele Grüße von Christina



Montag, 21. Februar 2005

Liebe Christina
Ich bin heute Nachmittag gleich nach der Schule mit dem Velo nach Hause gerast und habe Frau Roth noch vor der Reitstunde erzählt, was ich beobachtet habe, und natürlich, dass ich das ganze Futter ausgetauscht habe. Sie schaute mich zuerst ziemlich entsetzt an, hörte mir jedoch zu. Sie hat mit keinem Wort meine Beobachtungen und Befürchtungen als Einbildung oder Fantasie abgetan! Sie schien mich wirklich ernst zu nehmen! Sie wollte wissen, wohin ich das ausgetauschte Futter gebracht hätte. Ich habe es auf der Heubühne versteckt! Sie hat mir versprochen, das Futter untersuchen zu lassen und meinem Vater vorerst nichts zu sagen. Sie hat nämlich schon selber mitgekriegt, wie mein Vater an die Decke ging, als ich etwas gegen Straub sagte.
Ich hoffe, dass sie auch wirklich Wort hält. Ich war, ehrlich gesagt, schon etwas erstaunt, dass sie mir einfach so ohne weiteres geglaubt hat. Ich meine, wie würdest du als Erwachsene reagieren, wenn dir eine Zwölfjährige erzählt, dass Straub vermutlich das Futter vergiftet habe, wenn du genau wüsstest, dass sie ihn im Grunde nicht leiden kann? Irgendwie bin ich froh, dass ich mit Frau Roth darüber gesprochen habe. Jetzt kann ich nur abwarten, ob sie tatsächlich etwas unternimmt! Ich werde Dich jedenfalls auf dem Laufenden halten. Diese Redewendung habe ich bei Straub gehört. Wenn er geht, sagt er immer zu meinem Vater: Ich werde dich auf dem Laufenden halten! Es nervt mich jedes Mal, wenn er das sagt.

Diese Marilyn leidet wirklich an Einbildung! Warum sollte sich Dein Kletterlehrer ausgerechnet für sie interessieren? Vielleicht ist er ja verheiratet? Lehrer interessieren sich sowieso nicht für ihre Schüler. Das dürfen sie gar nicht! Wenn die wüsste, dass der Kletterlehrer immer mit Dir zusammen klettert, würde sie vor Eifersucht vergehen! Oder weiß sie es etwa? Wie kletterst Du den eigentlich eine Wand hoch? Und wo befestigst Du das Seil?

Du hast es echt gut! Du kannst tolle Kurse belegen und ich sitze nun bis zu den Frühlingsferien wieder jeden Tag in der langweiligen Schule und warte, bis ich nach Hause gehen kann! Reiten ist ja schon toll! Und ich liebe alle unsere Pferde und arbeite gern mit ihnen! Manchmal würde ich allerdings auch gern etwas anderes tun als nur Reiten und in der Schule sitzen. In der Welt da draußen ist sicher eine Menge los, und ich verpasse hier alles! Diese Futtergeschichte hat wenigsten etwas Abwechslung in mein Leben gebracht. Ich bin echt froh, dass Du mir immer von Deiner Welt erzählst! Ich erzähle Dir ein anderes Mal wieder von den Pferden! Ich gehe jetzt schlafen! Bis bald!

Viele Grüße von Yolanda



Dienstag, 22. Februar 2005
Liebe Yolanda
Ich habe gestern noch vor dem Klavierunterricht Frau Frey von diesem Mann erzählt. Ich wusste zuerst gar nicht so recht, wie ich es ihr sagen sollte und wann. Ich wollte es ihr zuerst nach dem Klavierunterricht erzählen. Ich war gestern etwas ungeschickt und habe den Rucksack herunter geschmissen, als ich meine Klaviernoten herausholen wollte. Der Schlagballschläger rollte natürlich durchs ganze Klavierzimmer. Frau Frey fragte mich verwundert, wozu ich denn diesen Schläger mitgebracht hätte. Na ja, da habe ich ihr eben alles von diesem Mann erzählt, auch die Geschichte in der Kirche am Samstag. Sie hat mir zugehört, ohne mich zu unterbrechen. Sie wollte, dass ich ihr diesen Mann zeige.
Wir hatten Glück. Er stand nämlich auf der anderen Straßenseite und las Zeitung. Nach einer Weile nahm er sogar die Zeitung herunter, als ihn ein Schüler aus Versehen, oder vielleicht auch mit Absicht, anrempelte. Wir konnten sein Gesicht sehen. Frau Frey versprach, der Sache nachzugehen. Was immer sie auch damit gemeint hat. Ich musste ihr noch einmal sagen, wann ich diesen Mann das erste Mal bemerkt hatte, und wie oft er mich bis jetzt verfolgt hatte, und wie nahe er mir dabei gekommen ist. Sie schrieb alles auf einen Notizblock. Die Geschichte in der Kirche hatte ihr gar nicht gefallen. Sie hat mir streng verboten, das Internat alleine zu verlassen, bis sie wiße, was es mit diesem Mann auf sich habe.
Ich musste nach dem Unterricht bei ihr bleiben. In einem Nebenraum konnte ich Hausaufgaben machen, bis sie mit dem Unterricht fertig war. Nach mir waren nur noch zwei Schüler dran. Danach kehrten wir zusammen ins Internat zurück. Der seltsame Mann ist uns bis zum Internat gefolgt. Er hat echt bei dieser Kälte auf der anderen Straßenseite gewartet, bis ich mit Frau Frey herauskam. Der Typ hat echt Nerven!

In den Kletterkurs, nach dem Abendessen, gehe ich immer mit den anderen. Der Mann ist uns aber tatsächlich wieder gefolgt. Es war echt gruslig! Dieses Mal hatte ich den Schläger nicht dabei! Die Jungs aus der Klettergruppe schwatzten vergnügt. Sie haben den Mann natürlich nicht bemerkt. Ich sage Dir, es war echt unheimlich, als er mit uns in den Bus einstieg. Wir saßen vorne und er hinten. Er las wiederum Zeitung. Und stell Dir vor, es war immer noch dieselbe Zeitung wie heute Nachmittag. So lange braucht kein Mensch, um eine Zeitung zu lesen! Der braucht die Zeitung nur als Tarnung! Er folgte uns bis zur Kletterhalle, immer im selben Abstand. Diesmal hatte er offenbar keine Lust draußen in der Kälte zu warten, bis wir wieder kamen! Er kam mit uns ins Gebäude und setzte sich an einen Tisch im Bistro. Ein Bistro ist eine Art Restaurant. In einer Ecke stehen ein paar Tische mit Stühlen. Du kannst etwas zu Trinken und zu Essen kaufen. Von gewissen Tischen aus siehst du die ganze Kletterhalle und kannst den Leuten beim Klettern zuschauen. Genau das hat er getan. Es hatte noch andere Leute, die nur beim Klettern zuschauten. Das ist leider nicht verboten! Der Mann fiel also gar nicht auf. Ich denke, dass wusste er ganz genau. Ich vermute sogar, dass es schon mehrmals in diesem Bistro saß, und uns beim Klettern zuschaute. Ich habe nur nicht darauf geachtet. Heute fiel mir einfach auf, dass er uns gefolgt ist. Vielleicht war er die vorigen Male bereits in der Halle, als wir kamen. Im Bus hätte ich ihn auf jeden Fall bemerkt!
Die Jungs haben heute zu allem Überfluss mit Klettern noch früher Schluss gemacht. Ich habe es erst bemerkt, als es schon zu spät war. Der Kletterunterricht hat heute nämlich besonders Spass gemacht! Ich habe jetzt langsam begriffen wie’s funktioniert! Die Jungs waren natürlich schon weg, als ich mich umgezogen hatte. Und – der Mann saß natürlich immer noch im Bistro, was auch sonst! Du kannst das Gebäude nicht unbemerkt verlassen, wenn dein Verfolger im Bistro sitzt!
Als ich gehen wollte, kamen gerade einpaar Leute herein. Ich nutzte das kurze Chaos und schlüpfte rasch aus der Tür. Es nützte gar nichts. Dem Mann war nicht entgangen, dass ich die Kletterhalle verlassen hatte. Er folgte mir in einigem Abstand. Ich war etwas spät dran und wollte den Bus unbedingt noch erreichen! Ich rannte also den Weg zum Bus. Der Mann hinter mir begann auch zu rennen, blieb jedoch immer im selben Abstand zu mir. Er hätte mich bestimmt ganz leicht einholen können!

Der Bus fuhr dann allerdings ohne mich ab. Am Abend fahren die Busse nur noch alle halbe Stunde. So lange wollte ich auf gar keinen Fall an der Bushaltestelle warten. Es waren zwar noch andere Leute bei der Haltestelle, doch ich wollte nicht wieder mit diesem Mann in einem Bus fahren oder im Wartsaal sitzen! Ich zog es vor, zu Fuß ins Internat zurückzukehren. Der Bus braucht zwanzig Minuten. Du kannst Dir ja etwa vorstellen, wie lange ein Fußmarsch dauert. Der Mann folgte mir natürlich wieder in einem gewissen Abstand. Die Zeitung hatte er immer noch in der Hand. Er konnte sie inzwischen sicher längst auswendig! Ich wollte unterwegs an einer anderen Haltestelle in den Bus steigen! Es klappte jedoch nicht, denn der Buss war schneller als ich und fuhr an mir vorbei, bevor ich die nächste Haltestelle erreicht hatte. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu schneien, eigentlich mehr zu regnen.
Ein Auto kam herangefahren. Es fuhr plötzlich sehr langsam, als es auf meiner Höhe war. Der Fahrer im Auto ließ die Autoscheibe herunter und sagte etwas zu mir. Ich kriegte echt Panik und begann, so schnell ich noch konnte, zu laufen. Ich habe nicht verstanden, was der Mann im Auto sagte. Ich war nicht mehr weit von der Abkürzung durch die Quartiere entfernt. Dorthin konnte mir der Mann mit dem Auto nicht folgen und den anderen Mann konnte ich irgendwo abhängen. In der Nacht ist es zwar etwas unheimlich durch die Quartiere zu gehen, aber immer noch weniger unheimlich als die beiden Männer!
Der Mann mit dem Auto war inzwischen weiter gefahren. Ich dachte, er wolle nur nach dem Weg fragen und konzentrierte mich wieder auf den Mann hinter mir. Ich hatte dadurch übersehen, dass der Mann im Auto weiter vorne angehalten hatte und ausgestiegen war. Ich lief ihm direkt in die Arme, da er plötzlich vor mir stand. Ich habe einen Riesenschreck gekriegt und konnte nicht einmal mehr schreien. Der Mann im Auto war dann niemand anderer als Herr Bauer! Es ging eine ganze Weile, bis ich das begriff. Er sagte immer wieder: Beruhige dich, Christina! Ich bin es doch nur, dein Kletterlehrer! Ich will dir bestimmt nichts tun! und so weiter. Er fragte mich, vor wem ich denn so davonrenne? Ich hielt es für besser, ihm nichts von dem Mann hinter mir zu erzählen! Ich sagte ihm nur, dass ich den Bus verpasst und versucht hätte, trotzdem noch rechtzeitig im Internat zu sein. Ich bin allerdings nicht sicher, ob er mir dies abgekauft hat. Der Mann hinter mir hatte inzwischen die Straßenseite gewechselt. Er konnte ja nicht gut an uns vorbei gehen! Herr Bauer nahm mich dann in seinem Auto mit, und so war ich doch noch rechtzeitig im Internat.
Es war echt schrecklich mit diesem Mann! Ich werde alles Frau Frey erzählen! Versprochen! Jetzt gehe ich erst einmal schlafen! Morgen ist Bibliothekstag! Ich versuche, eine Wasserpistole zu kaufen, anstatt in die Bibliothek zu gehen! Dieser blöde Kerl wird wohl nicht schon wieder vor dem Internat auf mich warten!

Viele Grüße von Christina

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 318
ISBN: 978-3-99038-665-1
Erscheinungsdatum: 10.12.2014
EUR 17,90
EUR 10,99

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