11 - 12 Jahre

Das magische gelbe Briefpapier

Pia Ursula Spichiger

Das magische gelbe Briefpapier

Frühlingsferien voller Abenteuer

Leseprobe:

Sonntag, 3. April 2005
Liebe Christina
Wenn Du das nächste Mal in einer Box herumhantierst, nimm das Pferd vorher besser zuerst raus! Du weißt ja jetzt, dass Ramira nicht abhaut! Folglich hauen auch die anderen Pferde bei Dir nicht ab. Pferde können immer erschrecken, wenn du plötzlich unverhofft Lärm machst. Du darfst nicht vergessen, dass auch ein Pony, wie Ramira und die anderen, viel schwerer sind als du. Ramira kann dich aus Versehen brutal an die Wand pressen, weil sie in Panik geraten ist! Mein Vater schaut ganz pingelig auf solche Sachen! Das lammfrommste Pferd kann unberechenbar gefährlich werden, wenn es in Panik gerät! Menschen sind übrigens auch gefährlich, wenn sie in Panik geraten! Ich will Dir auf gar keinen Fall Angst machen! Ich möchte Dir nur klarmachen, dass Unfälle mit Pferden vermieden werden können, wenn du gewisse Dinge beachtest und dich streng daran hältst. Wenn Du eine Werkzeugkiste, oder sonst etwas, mit in eine Pferdebox nimmst, achte sorgfältig darauf, dass Du nichts liegen lässt. Das Pferd könnte sich sonst daran verletzen! Entschuldige, ich höre mich an, wie eine Lehrerin! Ich möchte nur nicht, dass Du mit der Berger Ärger kriegst und sie Dich deswegen vor den anderen bloßstellt. Zuzutrauen wäre es ihr! Bei Pferden kann ich Dir solche Tipps geben! Bei den Schildkröten und Wölfen bist Du ja glücklicherweise mit verständnisvollen Leuten zusammen! Herr Dähler und Sonja halten Dir ja nicht gleich eine Moralpredigt, wenn Du etwas falsch machst!

Es gibt Neuigkeiten im Fall Petra. Straub spricht immer so mit meinem Vater! Diesen Spruch finde ich noch cool, aber sonst spricht er richtig schleimig mit meinem Vater! Petra durfte heute tatsächlich wieder mithelfen beim Pferdebeobachten! Ihre Eltern saßen doch tatsächlich mit ihr auf dem Strohballen und haben ständig alles kommentiert! Das war voll ätzend, sag ich Dir! Ich musste echt, wo anders hingehen. Ihr Geschwafel ging mir tierisch auf die Nerven! Immer stehen sie neben Petra! Nie können wir zusammen reden! So blöde Feriengäste hatten wir echt noch nie! Die anderen Kinder durften immer mit mir spielen, ohne dass ihre Eltern ständig neben ihnen saßen. Wir durften auch die Pferde putzen und den Stall ausmisten! Nur reiten durften wir nicht selber, Du weißt ja, unsere Schulpferde sind eben etwas speziell. Wir durften auch mit Lara spazieren gehen und sogar mit unseren Stuten! Wir durften sogar im Heustock Tunnel graben! Petras Eltern würden durchdrehen, wenn Petra mit mir auf die Heubühne hinauf ginge!

Frau Roth hat am Nachmittag eingegriffen und die Eltern von Petra weggeholt! Keine Ahnung, was sie ihnen alles erzählt hat. Jedenfalls waren sie den ganzen Nachmittag weg! Petra kam zu mir. Sie hat sich wegen ihrer Eltern entschuldigt! Sie tat mir echt leid! Sie war total nervös und schaute ständig zur Stalltür hinüber, ob ihre Eltern wieder aufkreuzen würden! Wir haben zuerst eine Weile weiter Pferde beobachtet! Danach haben wir über unsere Notizen gesprochen! Im Prinzip total bescheuert! Über Notizen sprechen, wenn die Eltern endlich weg sind und wir über anderes hätten reden können! Aber mir fiel zuerst wirklich nichts ein! Ich habe sie schließlich gefragt, ob sie sich beim Sturz von Monalisa verletzt hätte, da sie immer noch hinkte! Sie wurde total verlegen und rot im Gesicht! Es war mir nachher voll peinlich, dass ich ihr diese Frage gestellt hatte! Ich dachte, sie würde aufstehen und weggehen und sicher nie mehr etwas zu mir sagen! Sie blieb jedoch sitzen und hat mir nach einer Weile alles erzählt! Sie hat sich beim Sturz von Monalisa überhaupt nicht verletzt! Sie ist nämlich auf der anderen Seite nur wieder runtergerutscht, genau, wie ich dachte! Sie erzählte mir, dass sie seit ihrer Geburt eine Lähmung im rechten Bein und in der linken Hand habe. Sie kann zwar gehen, aber nicht besonders gut und nicht weit, da sie nicht viel Kraft im gelähmten Bein hat. Die Finger an der gelähmten Hand kann sie gar nicht strecken. Sie kann auch nichts richtig festhalten damit. Ihre rechte Hand ist auch nicht ganz in Ordnung, deshalb schreibt sie auch so komisch! Sie hat mir gesagt, dass sie in der Schule im Turnunterricht nicht mitmachen dürfe! Ihre Klassenkameraden wissen nichts mit ihr anzufangen und belächeln sie immer! Nach den Frühlingsferien geht sie in eine Spezialschule! Finde ich fies! Petra ist doch gar nicht dumm! Ich verstehe nicht, warum ihre Eltern so was tun!
Wir konnten den ganzen Nachmittag, ohne ihre Eltern zusammen sein! Wir haben zusammen Pferde geputzt, natürlich mit dem Staubsauger! Ich habe ihr die Bürste mit einem breiten Band an die Hand und den Arm gebunden, damit sie die Bürste nicht immer fallen ließ. Es hat super geklappt! Flora und Damaris haben Petra akzeptiert! Petra versteht sich echt gut mit Pferden! Vielleicht kann Frau Roth Petras Eltern dazu bringen, dass Petra wieder reiten darf! Es ist ja nichts passiert! Petra zerbricht ja nicht gleich, wenn sie hinfällt! Ich bin froh, dass Petra mir alles erzählt hat. Jetzt weiß ich auch, warum sie scheinbar ungeschickt ist! Vorher habe ich mich wirklich gefragt, was mit ihr los ist! Ihre Eltern sind dauernd in Sorge, dass Petra sich verletzen könnte! Die begreifen echt nicht, dass dadurch jedermann denkt, Petra sei nicht ganz dicht! Ich dachte es jedenfalls auch! So hat sie gar nie Freunde, weil sie sich schämt, dass sie behindert ist und niemandem etwas sagt! Petra ist echt nett! Nur schade, dass sie schon bald wieder weggeht! Sicher wird sie nie mehr zu mir kommen, genau, wie die anderen Ferienkinder auch nie mehr kamen! Immer, wenn ich jemanden mag, gehen sie wieder weg und kommen nie wieder! Ich hoffe, dass es bei Dir nicht auch so sein wird! Du musst mich unbedingt einmal besuchen, Christina! Oder ich komme zu Dir! Ich will nicht mehr, dass immer alle, die ich mag, wieder weggehen und nie mehr kommen! Hörst Du!

Viele Grüße von Yolanda




Montag, 4. April 2005
Liebe Yolanda
Ich habe Dir versprochen Dich zu besuchen! Daran werde ich mich auch halten! Ich weiß nur noch nicht wann! Vielleicht musst Du warten, bis ich aus der Schule bin! Bis dahin können wir einander immer schreiben! Ich will auch nicht, dass Du weggehst und nie mehr kommst! Ich bin auch immer nur allein!

Nach dem Abendessen ging ich noch einmal zu Ramiras Stall. Ich hatte dort die Videokamera vergessen! Ich wollte sie unbedingt holen, damit sie keinen Schaden nimmt! Sonja würde sie mir sicher gleich wegnehmen, wenn sie erfährt, dass ich sie bei Ramira hab liegen lassen! Ich schlich mich deshalb aus dem Haus, ohne dass es jemand bemerkte! Heute waren zwar alle sehr freundlich zu mir, fast schleimig freundlich! Auf so was gebe ich jedoch gar nichts! Wenn die Berger von der Kamera erfahren hätte, wäre sie sicher ausgerastet und hätte mir eine Moralpredigt gehalten! Darauf konnte ich liebend gern verzichten!
Es war schon dunkel und recht kalt. Im Moment regnete es gerade nicht! Der Mond schien, sodass ich den Weg finden konnte. Meine Taschenlampe hatte ich im Zimmer oben. Wenn ich sie zuerst geholt hätte, wäre vielleicht jemand aufmerksam geworden! Es war total gruslig draußen! Überall hörte ich seltsame Geräusche. Am Tag achtest du gar nicht auf solche Geräusche! Ramiras Stall ist ja zum Glück nicht weit vom WG-Haus entfernt! Ramira und die anderen Ponys begrüßten mich freundlich, als ich den Stall betrat! Die Kamera lag noch da! Zum Glück!

Ramira ging plötzlich nervös in der Box auf und ab und starrte zur Tür hinüber! Sie wieherte so merkwürdig dumpf! Es war richtig gruslig! Ich schaltete rasch das Licht aus! Jemand, oder Etwas, musste da draußen sein! Ich ging in Ramiras Box hinein, schlüpfte durch den Plastikvorhang in die Außenbox hinaus! Herr Dähler und ich haben nämlich heute diesen Vorhang in Ramiras Box befestigt, damit sie auch hinausgehen kann! Wer auch immer da draußen war, brauchte mich nicht zu sehen! Ich ging in Ramiras Weide und wollte zum Weg zurückgehen!
Als ich etwa in der Mitte der Weide war, sah ich eine dunkle Gestalt auf dem Weg. Sie versteckte sich rasch hinter den Büschen! Ich machte kehrt und rannte zur Weide von Konfetti hinüber. Der Mann hinter den Büschen hat gemerkt, dass ich ihn gesehen hatte. Er rannte mir hinterher! Ich durchquerte eine Weide nach der anderen. Ich konnte gar nicht richtig sehen, wohin ich trat. Zweimal rutschte ich in einem Schlammloch aus. Ich musste immer wieder zwischen den Latten des Zaunes hindurchklettern! Erwachsene passen nicht zwischen den Latten hindurch, sie müssen über den Zaun steigen! Der Mann brauchte zwar länger Zeit über den Zaun zu steigen als ich, konnte jedoch schneller laufen! Der Abstand wurde immer kleiner! Zudem hat er mir den kürzesten Weg zum WG-Haus abgeschnitten. Ich musste erst hintenherum, beim Wolfsgehege vorbei, laufen! Ich wusste genau, dass ich es nie schaffen würde! Der Mann war viel zu schnell!
Ich beschloss, mich beim Wolfsgehege zu verstecken! Das war aber die dümmste Idee, die ich jemals hatte! Der Mann hat natürlich damit gerechnet! Er ist nicht einfach vorbeigelaufen, sondern hat angehalten, seine Taschenlampe herausgeholt und mich gesucht! Ich hatte keine Chance mich irgendwo zu verstecken! Mir blieb nur eins, - auf einen Baum klettern! Er war schwerer als ich, also konnte er mir nicht überall hin folgen!

Frau Koch hat uns zum Abschluss einen Tierfilm gezeigt, bevor wir mit den Pflanzen begonnen haben. In diesem Film machten Schimpansen jagt auf kleinere Affen! Deren Überlebensstrategie war, sich auf dünne Äste zu flüchten! Die schwereren Schimpansen konnten ihnen nicht dorthin folgen! Zudem konnten die kleinen Affen von Ast zu Ast springen, was die Schimpansen nicht konnten!
Ich konnte zwar auch nicht von Ast zu Ast springen, aber meine Strategie hat trotzdem funktioniert. Nur leider kam alles anders! Nur bei einem Baum waren die untersten Äste nahe genug am Boden, dass ich sie erreichen konnte! Ich sprang hoch, packte den Ast und zog mich hoch. Ich versuchte cool zu bleiben! Herr Bauer hat mir letzte Woche immer und immer wieder gesagt, ich solle cool bleiben! Nur dann hätte ich genug Kraft und könne überlegt handeln! Ich habe einfach so getan, als wäre ich in der Kletterhalle am Klettern, und der Mann unten sei Herr Bauer! Eine Zeit lang hat's funktioniert, danach kriegte ich echt Panik!

Der Kerl konnte sehr gut klettern. Ich stieg höher und höher! Die Äste wurden immer dünner! Bald würden sie auch mein Gewicht nicht mehr tragen! Unter mir waren das Wolfsgehege und die versammelten Wölfe. Sie jaulten und winselten in den höchsten Tönen! Mir war in dem Moment alles egal! Ich zog die Kamera aus der Jackentasche und filmte den Mann! Mit der Kamera kannst du auch in der Nacht filmen! Der Mann kam immer näher! Ich weiß nicht, ob er bemerkt hat, dass ich ihn filme! Ich stieg noch etwas höher! Ich wollte die Kamera erst irgendwo in den Baum hängen! Ich entschied mich jedoch anders! Ich nahm die Speicherkarte aus der Kamera und steckte sie in die Hosentasche!
Der Mann streckte sich plötzlich und packte mich an der Jacke! Ich schlüpfte aus ihr heraus, da sie mir etwas zu groß war! Herr Dähler hat mir nämlich eine neue Jacke gegeben! Die andere war voll Blut und voll Pferdespeichel! Nun hatte der Mann zwar die Kamera, aber nicht die Speicherkarte. Er legte meine Jacke in eine Astgabel! Ich kroch weiter auf den Ast hinaus! Höher konnte ich nicht mehr steigen! Der Mann kroch mir hinterher. Er versuchte meine Schuhe zu packen, bevor ich zu weit außen war! Er erwischte mich tatsächlich am rechten Schuh! Ich schlüpfte rasch aus dem Schuh! Die Schuhe sind vom Internat und etwas zu groß! Deshalb konnte ich auch nicht so schnell laufen!

Plötzlich krachte es. Der Ast, auf dem ich saß, war gebrochen! Er senkte sich langsam nach unten! Der Mann wich schnell zurück. Er schaffte es gerade noch, den Ast zu verlassen! Er kletterte wieder den Baum hinunter! Meine Jacke und meinen Schuh nahm er mit! Der Ast senkte sich immer weiter hinunter, genau ins Wolfsgehege hinein! Ich hatte keine Möglichkeit den Ast zu verlassen! Der Ast brach nicht ab, sondern fuhr mit mir, wie ein Lift, nach unten! So ging es mindestens zehn Meter langsam aber sicher nach unten! Die Wölfe unter mir machten entsetzlichen Lärm! Sie bellten und knurrten nun auch noch! Hoffentlich würde jemand den Lärm hören, bevor ich unten war und sie über mich herfielen!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 548
ISBN: 978-3-99038-667-5
Erscheinungsdatum: 10.02.2015
EUR 21,90
EUR 13,99

Halloween-Tipps