11 - 12 Jahre

Das Geheimnis des Schreiadlers

Isabelle Meisert

Das Geheimnis des Schreiadlers

Die Abenteuer von Nick und Pepe

Leseprobe:

Kapitel 1 - Endlich Sommerferien – und warum dennoch keine rechte Ferienstimmung aufkommen wollte

Nick blickte gähnend zum Fenster hinaus und strich sich über das aschblonde Haar. Was er sah, machte ihn überhaupt nicht glücklich. Seit einer Woche hatten die Sommerferien begonnen, aber vom Sommer war derzeit gar nichts zu spüren. Es regnete unentwegt! Bereits die ganze Woche, dabei hatte er sich schon so auf den Sommer gefreut. Sommerferien waren immer etwas Großartiges – egal, ob man mit der Familie eine Urlaubsreise machte oder zu Hause blieb. Besser als Schule war es allemal. Letztes Jahr fuhr er mit Mama und Paps nach Kroatien ans Meer und hatte wunderbare Erinnerungen daran.
Gedankenverloren setzte er sich auf das Fensterbrett in seinem Zimmer. Es war eines dieser Fensterbretter, auf denen der Elfjährige gerade noch bequem sitzen oder liegen konnte und dann Stunden damit verbrachte, durch die Scheiben des Fensters zu blicken und den Regentropfen zuzuschauen – wie sie sich ineinander verfingen und als größere Tropfen und später in einem Rinnsal rasch nach unten flossen. Mama hatte ihm eine Auflage aus Schaumstoff genäht. „Ich kann gar nicht mit ansehen, wie du stundenlang auf diesem harten, kalten Sims kauerst“, hatte sie damals gesagt. Mittlerweile war die Auflage schon völlig durchgescheuert. Aber das störte Nick nicht – solange er nur träumen konnte.
Der Ausblick aus dem Fenster war herrlich. Er konnte den angrenzenden Wald sehen, seit vielen Generationen Stolz seiner Familie. „Und irgendwann einmal wird der Wald dir gehören“, versprach ihm sein Vater, „so, wie es Sitte ist seit etlichen Generationen.“
Und manchmal, wenn Nick nicht mehr schlafen konnte und frühmorgens, in eine warme Decke eingehüllt, am Fenster saß, brach das Rotwild durch den Wald auf die freie Lichtung, auf der das Haus seiner Eltern stand. Dann konnte er minutenlang beobachten, wie die Rehe im morgendlichen Nebel ästen, bis irgendetwas sie aufschreckte und sie deshalb wieder in den Wald verschwanden.
Aber heute war draußen alles still. Außer ein paar Amseln, die sich in den nassen Zweigen der Bäume tummelten, gab es nichts Aufregendes zu sehen. „Hoffentlich ist diese Langeweile nicht ein Vorzeichen auf das, was die Sommerferien bringen werden“, dachte sich Nick. Wundern würde es ihn nicht – denn dieses Jahr war der Urlaub am Meer gestrichen. Und das alles nur wegen des verflixten Geldes. Paps hatte im Frühjahr seinen Job verloren und seither war nichts mehr so wie zuvor. Sie hatten ihm einfach gekündigt, ganz ohne Vorwarnung.
Nicks Vater war Biologe und arbeitete in einem Institut für Ornithologie. „Da erkundet man das Verhalten und die Lebensgewohnheiten von Vögeln“, hatte er Nick erklärt. Mit Paps den Wald zu durchstreifen, die Gegend zu erkunden und Vögel zu beobachten, das gefiel Nick. Der Vater bemühte sich zwar sehr ernsthaft, seinem Sohn den Respekt vor der Natur begreiflich zu machen. Andererseits konnten Vater und Sohn unbeschwert die Vorfreude auf einen Tag im Freien miteinander teilen, zogen dann, mit Ferngläsern und einem Rucksack voller Leckereien bewaffnet, am frühen Morgen los, um erst spät abends nach Hause zurückzukehren.
Paps war er ein echter Experte, was das Leben im Freien anging. Er zeigte Nick, wie man Feuer machte und ein Lager unter freiem Himmel aufschlug. Dort saßen sie dann, verzehrten den Inhalt des Rucksackes und unterhielten sich über alles Mögliche. „Männergespräche eben“, scherzte Paps manchmal.
Einmal baute Nick sich ein Baumhaus. Von dem aus hatte er einen wunderbaren Blick auf die Umgebung. Paps gab ihm Tipps und half ihm bei der Beschaffung des Baumaterials. Aber gebaut hatte Nick es ganz allein – niemand kannte die Stelle, wo das Baumhaus hoch im Wipfel einer kräftigen Eiche emporragte. Ein geheimer Platz! Sehen, ohne gesehen zu werden. Stundenlang da oben sitzen und träumen. Ungestört seinen Gedanken nachhängen. Sich ausmalen, was man einmal anstellen würde, wenn man erwachsen wäre. Vielleicht würde er Förster werden. Dann könnte er jeden Tag draußen verbringen. An klaren Tagen blickte er weit über den Wald seiner Väter hinweg. Er konnte sehen, wie sich Laubbäume und Nadelbäume miteinander abwechselten, Konnte die Vielfalt der Farben erkennen. Wie viele verschiedene Grün-Nuancen es doch gab! Und wenn der Wind wehte, fegte dieser über die Bäume hinweg und die Wipfel wogten in seinem Rhythmus. Dann stellte Nick sich vor, wie er sich wie ein Vogel vom Winde tragen ließe, weit über das Land. Und irgendwo würde er sich dann niederlassen – oder flöge er vielleicht noch weiter, gar bis ans Meer?
Wenn er das Fernglas benützte, konnte er auf das Nachbarsgrundstück sehen, wo sehr reiche Leute wohnten. Da gab es einen Jungen, der war ungefähr so alt wie Nick, aber man sah ihn nur sehr selten draußen. Nur manchmal in der Schule war man sich begegnet. „Eigentlich schade“, dachte Nick, „man könnte viel miteinander unternehmen.“ Aber irgendwie war der Junge ein komischer Kauz – Pepe hieß er. Pepe war anders als die anderen Jungen in der Umgebung. Ein blasser, hoch aufgeschossener Bursche mit strohgelbem Haar. Auf Nick wirkte er immer ein wenig durcheinander, als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders. Es schien, als gelte sein Interesse ausschließlich Computern und anderen elektronischen Geräten. Gelegentlich konnte man Pepe auf dem Schulhof beobachten, wie er sich in eine seiner vielen Computerzeitschriften vertiefte – seine Brille weit nach oben auf die Stirn geschoben. Das gab ihm stets den Anschein eines gelehrten Professors. Wenn dann die Schulglocke klingelte, rollte er missmutig die Zeitschrift ein, stopfte sie in eine seiner hinteren Hosentaschen und schlenderte gelangweilt in sein Klassenzimmer. Gedankenverloren und verständnislos schüttelte Nick den Kopf, galt doch sein eigenes Interesse viel mehr dem Wald und den Tieren. Er ahnte, wie ähnlich er seinem Vater war, und darüber war er sehr froh.
Aber jetzt war alles anders. Die Unbeschwertheit in der kleinen Familie wich einer hektischen Nervosität. Paps und Mama stritten sich häufig, immer ging es ums Geld. Ausflüge machten sie zwar weiterhin, aber oft gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann hatte Nicks Vater Sorgenfalten in seinem hageren Gesicht und war mit seinen Gedanken ganz weit weg. So viele Fragen, die ihn quälten: Wie sollte die Familie ohne seine regelmäßigen Einkünfte leben? Sie hatten keine Ersparnisse, das Einzige, was sie besaßen, war der Wald, der ganze Stolz seines Großvaters und Urgroßvaters. Ein riesiger, undurchdringbarer Wald, gewachsen über viele Jahrzehnte, umgeben von hundert Jahre alten Steinmauern. Gehegt und gepflegt einst, in besseren Zeiten, als man noch am Holz des Waldes Geld verdiente und der Kreislauf zwischen Aufforsten und Abholzen intakt war. Heute war der Wald nur mehr ein Relikt aus vergangenen, besseren Tagen. Die Instandhaltung war zu teuer geworden. Das Gehalt eines Biologen warf nicht annähernd genug ab, um den Wald in Schuss zu halten. Deshalb verwilderte er zunehmend. Dennoch! Der Wald war für Nicks Vater ein wichtiges Erkundungsgebiet für die Erforschung und Beobachtung der Vögel. Auch deshalb, weil das Gebiet wegen seiner Unzugänglichkeit geradezu ein ökologisches Juwel war. Hier lebten Vogelarten und andere Tiere, die in den meisten anderen Gebieten als ausgestorben galten. Erst im letzten Monat hatten Nick und sein Vater eine Vogelart entdeckt, von der man lange geglaubt hatte, sie sei bereits aus den heimischen Wäldern verschwunden. „Sieh nur“, hatte Paps damals ganz aufgeregt gerufen, „ein Schreiadler hoch in den Lüften!“ Und sie hatten den prachtvollen Vogel beobachtet, wie er zunächst über ihren Köpfen kreiste, um sich dann auf einem Baumwipfel niederzulassen. Akribisch hatte Nicks Vater in den folgenden Wochen und Monaten begonnen, die Gewohnheiten des Vogels zu dokumentieren. Er zeichnete das Federkleid, lauschte den charakteristischen Rufen und machte sich detaillierte Notizen über das Verhalten und die Lebensumstände des so selten gewordenen Vogels. Er rechnete damit, seine Forschungsergebnisse in nächster Zeit in einem großen wissenschaftlichen Magazin veröffentlichen zu können. Eine große Chance, die ihm vielleicht ermöglichen würde, wieder in seinem Job als Biologe zu arbeiten und endlich eine neue Anstellung zu finden.
Nick liebte es, nach Beendigung seiner Schulaufgaben über die alten Mauern zu klettern und stundenlang durch den Wald zu streifen. Er kannte sich gut aus, wusste verschlungene Pfade, die ins Nirgendwo führten. Einmal entdeckte er ein verfallenes Gemäuer. „Eine ehemalige Laube aus Stein“, hatte ihm sein Vater erklärt, die irgendwann einmal, zu besseren Zeiten, Wanderern Schutz vor dem Wetter geboten hatte. Nick war oft dort und träumte. Von Menschen, die schon lange nicht mehr lebten. Wie sie Zuflucht suchten vor dem Regen. Vielleicht hatten sich einst auch Liebespärchen eingefunden. Dann hörte er im Geiste lachende Stimmen und sah unbeschwert spielende Kinder, wurde sich gewahr, dass auch seine Ahnen diesen Platz gekannt haben mussten.
Doch diese Zeiten waren längst vorbei. Das Einzige, was immer blieb, war der Wald. Unberührt und schön. Und das Haus, in dem Nick und seine Eltern wohnten. Paps hatte immer darauf geachtet, das alte Gemäuer ordentlich in Schuss zu halten, und steckte viel Geld und Zeit in die Erhaltung.
„Nick, das Abendessen ist fertig. Bitte komm herunter und wasch dir vorher die Hände.“ Nick schreckte aus seinen Tagträumen – jetzt hatte er sich doch ganz in seinen Gedanken verloren. Mama rief zum Abendessen. Schnell rappelte er sich auf, blickte noch einmal aus dem Fenster – es regnete noch immer. Paps parkte soeben mit seinem alten Geländewagen vor dem Haus. „Fein“, dachte Nick, „vielleicht hat Paps Neuigkeiten über den Adler.“ Eilig sprang er vom Fensterbrett und turnte fröhlich die Treppen hinab in die Küche. Mama hatte ihm für den heutigen Abend Marillenknödel versprochen. Die aß er leidenschaftlich gern und er hatte mächtigen Hunger; deshalb jetzt bloß keine Zeit mit lästigem Händewaschen verlieren. In der Küche angelangt, empfing ihn seine Mutter mit einem geheimnisvollen Lächeln. Das machte sie immer, wenn sie Nick mit einer seiner Lieblingsspeisen verwöhnen konnte. Das alte Radio brüllte einen Schlager aus vergangenen Zeiten und Mama wippte ein wenig im Takt. Wenn Mama gute Laune hatte – und das hatte sie jetzt offensichtlich –, liebte sie es, das Radio auf volle Lautstärke zu drehen und im Tanzschritt ihre Hausarbeit zu erledigen.
Nick setzte sich an den Tisch, wollte schon mit der Gabel einen Knödel aus der Schüssel fischen, als sein Vater mit finsterer Miene die Küche betrat. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, seine schmutzigen Stiefel auszuziehen. Nasse, lehmige Erde klebte an ihnen, verteilte sich auf dem Küchenboden. Der Hut triefte vor Nässe und Regenwasser rann in einem feinen Rinnsal über das von Wetter und Sonne gegerbte Gesicht hinab. „Bestimmt hinab bis in den Hemdkragen“, dachte Nick bei sich. Doch Paps schien davon nichts zu bemerken. Sein Blick war wie versteinert. So hatte Nick seinen Paps noch nie gesehen. Energisch schritt sein Vater zum Radio und schaltete es aus. Eine unheimliche Stille erfüllte den Raum und ließ den Elfjährigen erschauern. Niemand sprach, Mama war plötzlich sehr blass geworden. Was war passiert?
Langsam schritt Paps zur Küchenbank und ließ sich darauf nieder. Das Regenwasser sammelte sich auch in den Falten der nassen Jacke. Paps bemerkte es nicht, sein Blick richtete sich starr auf den Küchenboden. Nick war sich nicht sicher: War das nur Regenwasser, das da über das Gesicht des Vaters rann – oder waren es Tränen? Nick hatte seinen Vater erst einmal weinen gesehen. Das war, als Oma gestorben war – Mama nahm Paps damals ganz fest in den Arm und da begann Paps leise zu weinen.
Nick blickte zu seiner Mutter. Sie hatte noch den Krug mit der warmen Milch in der Hand, den sie gerade auf den Küchentisch stellen wollte. Ihr Blick war fragend – auch sie verstand in diesem Augenblick noch nicht. Paps begann zu sprechen – kehlig, leise, fast flüsterte er: „Es ist vorbei – sie geben uns keinen Kredit mehr – ich komme gerade von der Bank.“ Dann schwieg er. Mama stellte die Milch auf die Küchenkredenz, fast verpasste sie dabei die Arbeitsplatte und der volle Krug drohte abzustürzen. Doch es kümmerte sie nicht. Sie setzte sich still neben Paps und nahm seine Hand. Paps holte tief Atem und sprach weiter: „Sie wollen, dass wir den Wald verkaufen, sie sagen, das sei unsere letzte Chance. Wenn wir den Wald verkaufen, sind wir aus dem Schlimmsten raus.“
Nick erschrak. Die Gabel klirrte laut in den Teller. Den Wald – unmöglich! Der Stolz der Familie – jahrhundertelang! Seine Erinnerungen, sein Baumhaus, die Rehe … das konnte nicht sein! Nick begann zu weinen: „Paps, das darfst du nicht tun! Unser Wald! Deine Forschungsarbeit, der Schreiadler! Was ist mit den Schreiadlern? Paps, das lasse ich nicht zu!“
Nicks Vater tat, als hätte er den Einwand nicht gehört: „Sie sagen, es gäbe bereits einen Käufer. Jemand, der sehr an dem Wald interessiert wäre, und man könne den Verkauf sehr rasch über die Bühne bringen. Wir bräuchten nur noch zu unterschreiben.“
„Paps, hörst du mich nicht? Versteh doch …!“
Jetzt wurde Nicks Vater ungehalten: „Nick! Schweig still und mische dich nicht in die Angelegenheiten Erwachsener. Du verstehst nicht, wovon ich rede – die Familie braucht Geld … meine Lage ist prekär, ausweglos …!“
Dann sprang er auf, begann in der Küche auf und ab zu gehen, verließ sie schließlich. Erneut kehrte diese unerträgliche Stille ein. Schweigend aßen Mama und Nick das so liebevoll zubereitete Abendessen, das jetzt gar nicht mehr so recht schmecken wollte. Nick würgte drei Knödel hinunter, mehr, um seiner Mutter eine Freude zu machen. Anschließend ging er auf sein Zimmer, er wollte allein sein und über den Vorfall gründlich nachdenken – außerdem ertrug er das traurige Gesicht seiner Mutter nicht. Er gab Mama noch einen Gutenachtkuss und sagte, er wolle zu Bett gehen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-99038-140-3
Erscheinungsdatum: 09.12.2013
EUR 22,90
EUR 13,99

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