Auch Glückskinder brauchen Schutzengel

Auch Glückskinder brauchen Schutzengel

Konstanze Hollbach


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 326
ISBN: 978-3-95840-433-5
Erscheinungsdatum: 23.08.2017
Als Sofies beste Freundin stirbt, verliert sie den Boden unter den Füßen. Sie isst nicht mehr und schottet sich komplett ab. Erst dem Außenseiter Steve gelingt es, zu ihr durchzudringen. Doch dann wird er von einem Traum aus seiner Kindheit eingeholt …
1. Sommerträume





Die Sonne schien durch das offene Fenster. Ein warmer Windhauch wirbelte kleine Staubkörnchen durch die Luft und im Sonnenlicht sah es so aus, als tanzten sie. Der Wind trug den süßen Duft von Blüten, gemischt mit einer leicht salzigen Brise vom nahen Meer, ins Zimmer.
Es war ein wunderschöner Sommertag. Sofie blinzelte und beobachtete verträumt den Tanz der Staubflocken. Sie bewegten sich auf und nieder wie die Wellen des Meeres, welches sie so sehr liebte, und sie freute sich schon auf den Nachmittag, wenn sie wieder mit ihren Freunden an den Strand gehen und ihren neuen Bikini tragen würde. Sie hatte ihn von Papa zu ihrem 16. Geburtstag bekommen. Er sah toll aus und die knallrote Farbe passte gut zu ihrem dunkelbraunen Haar. Sofie wollte heute ganz besonders hübsch aussehen, denn André hatte versprochen, ihr ein paar Surfstunden zu geben. Immer, wenn sie in seiner Nähe war, wurde ihr ganz flau im Magen Mit seiner großen schlanken Gestalt überragte er alle Anderen aus seiner Klasse. Sein heller, manchmal strubbeliger Haarschopf leuchtete in der Sonne wie ein Helm und sie mochte es sehr, wenn er lachte, denn dann funkelten seine blauen Augen.
„Sofie, träumst du?“, fragte Frau Englin, ihre Klassenlehrerin, und riss Sofie aus ihrem Tagtraum. Einige ihrer Mitschüler kicherten. Sofie fühlte sich ertappt und wurde rot.
„Wir sprechen über Schillers ‚Kabale und Liebe’. Kannst du mir etwas dazu erzählen?“
Sofie senkte den Kopf. Deutsch gehörte zu ihren absoluten Lieblingsfächern und gerade besprachen sie die Klassiker der deutschen Literatur. Sofie fand Gefallen an den Gedichten und vor allem den dramatischen Liebesgeschichten.
„Also“, begann sie zögerlich, „Ferdinand ist der Sohn des Präsidenten und er liebt Luise. Aber Luise ist die Tochter des Stadtmusikers, eine Bürgerliche. Der Standesunterschied war damals ein großes Problem und beide Väter sind mit dieser Verbindung nicht einverstanden.“
Schon oft hatte sie das Büchlein gelesen und sich darüber Gedanken gemacht und so fiel es Sofie nicht schwer, vor der Klasse darüber zu reden. Sie sprach über den Ablauf der Handlung, über die Intrige und deren tragisches Ende.
„Danke Sofie. Prima!“, lobte ihre Klassenlehrerin.
Sofie fiel ein Stein vom Herzen. Das war gerade noch einmal gut gegangen. Eine schlechte Note hätte ihr gerade noch gefehlt.
Sie stützte ihr Kinn auf die Hand und dachte nach. Warum wollte der Vater von Ferdinand den beiden Liebenden ihr Glück nicht gönnen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papa mir vorschreibt, wen ich heiraten soll. Niemals würde ich das zulassen. Zum Glück können wir heute selbst entscheiden, mit wem wir zusammen sein wollen und im Moment möchte ich jedenfalls gern mit André zusammen sein. Ob er mich auch mag?, überlegte Sofie.
Doch bevor sie wieder in ihren Tagtraum versinken konnte, läutete die Schulglocke. Endlich war die Schule für heute aus und Sofie freute sich. In Windeseile packte sie ihre Tasche mit den Schulsachen, warf sie sich über die Schulter und stürmte los.
„Sofie!“, rief Claire ihr nach. „So warte doch!“

Claire war Sofies beste Freundin. Schon seit der ersten Klasse waren sie unzertrennlich. Sofie war damals erst wenige Tage vor Schulbeginn mit ihren Eltern in den kleinen Ort am Meer gezogen. Claire wohnte mit ihrer Familie im Nachbarhaus. Am Tag von Sofies Ankunft stand sie die ganze Zeit am Zaun und beobachtete neugierig das Hin und Her der vielen Leute. Jede Menge Kisten und Möbel wurden ins Haus getragen. Dann auf einmal entdeckte sie Sofie, allein und verloren auf einer Bank im Garten. Da kletterte sie einfach über den Zaun und setzte sich neben sie und sagte:„Ich bin Claire, und wer bist du?“
„Sofie“, kam zögerlich die Antwort.
„Ich wohne da drüben in dem großen Haus. Wir sind eure neuen Nachbarn. Komm mit zu mir“, sagte Claire. „Ich zeige dir mein Zimmer und Mama hat bestimmt auch noch ein Eis.“ Dann nahm sie Sofies Hand und zog sie mit sich fort.

Daran musste Claire denken, als sie Sofie davonstürmen sah.
Früher hatte sie sich ja immer einen großen Bruder gewünscht. Einen, der sie beschützt und mit dem sie eine Menge Abenteuer bestehen konnte. Claire war das erste Kind und ziemlich allein, obwohl sich ihre Eltern redlich bemühten, viel Zeit mit ihr zu verbringen. Ihre Mutter sogar ihretwegen auf die Gesangskarriere verzichtete. Doch erst zehn Jahre nach Claires Geburt sollte sich der Wunsch nach Familienzuwachs erfüllen.
Und so hatte sie immer das Gefühl, nicht komplett zu sein, dass irgendetwas fehlte. Eine verwandte Seele, jemand, mit dem man alles teilt, dem man blind vertraut, wie ein Zwilling.
Claire fand ihren Zwilling an einem wunderschönen Sommertag. Der Himmel leuchtete in einem Azurblau, wie sie es noch nie gesehen hatte, und die Sonne lachte wie auf Kinderbildern.
Ihre Mama arbeitete im Garten an den Rosen, und sie stand am Zaun und wartete, ohne genau zu wissen worauf. Plötzlich kam ein großer Lastwagen die Straße herauf und hielt neben ihrem Haus. Claire wusste, dass in dem kleinen Haus nebenan niemand wohnte und wunderte sich. Zwei Männer stiegen aus und sahen sich um.
„Mama, Mama, da sind Leute drüben“, rief sie aufgeregt und lief zu ihr. „Was wollen die hier. In dem Haus wohnt doch keiner?“
„Es ist alles in Ordnung, Spatz. Wir bekommen nur neue Nachbarn. Es ist eine nette junge Familie aus Berlin.“
„Darf ich hingehen und sehen, wer da einzieht?“
„Geh ruhig, aber pass auf, dass du niemandem im Weg stehst. Am besten, du bleibst in unserem Garten. Okay?“
„Ja Mama“, rief sie und war in Windeseile wieder am Zaun. Inzwischen war noch ein anderes Auto gekommen. Die Männer hatten bereits die Ladeklappe heruntergefahren und trugen Möbel und schwere Kisten ins Haus. Neugierig stand sie da und beobachtete alles ganz genau. Sie hatte schon herausgefunden, dass drei Männer die Kisten trugen. Zwei von ihnen hatten dunkelblaue Anzüge an, mit einem Bild auf dem Rücken. So ähnliche trugen die Arbeiter in der Werft, wo sie schon einmal mit Papa gewesen war. Und der andere Mann musste dann der neue Nachbar sein. Er war der jüngste und er hatte genauso eine schicke Hose an, wie Papa sie immer anzog, wenn er auf Arbeit ging.
Claire schaute genau zu und versuchte die verschiedenen Gegenstände zu zählen, denn sie kannte schon einige Zahlen. Doch dann sah sie auf einmal ein Mädchen allein auf einer Bank sitzen. Sie hatte wunderschöne, dicke, braune Zöpfe und trug ein buntes Kleid mit einer großen weißen Schleife auf dem Rücken. Sie drückte ihren Teddy ganz fest an den Bauch und sah sehr traurig aus. Wahrscheinlich hatte niemand Zeit für sie.
Sie gefiel Claire. Also kletterte sie schnell über den Zaun, setzte sich daneben und sprach sie an.
Und so lernten sie sich kennen. Sofie war ebenso alt wie Claire und endlich hatte sie eine Freundin gefunden. Ihre Freundin.
Gemeinsam gingen sie durch dick und dünn. Sie lachten, weinten, lernten miteinander und häufig hatten sie den gleichen Gedanken, waren fast wie siamesische Zwillinge. Zum Glück verstanden sich auch die Erwachsenen gut und so fanden viele gemeinsame Unternehmungen und Feste statt.
Claire liebe Sofie wie eine Schwester.
Alles vertrauen sie sich an und als vor ein paar Jahren Sofies Vater seine Familie verließ, weinte sie sich bei ihr aus, erzählte von ihren Ängste und Schuldgefühlen.
Ich bin ihr Halt.
Ich kenne sie in- und auswendig.
Ich spüre sofort, wenn etwas mit ihr nicht stimmt.
Also was war nur heute mit ihr los?

„Hey, was hast du? Du träumst im Unterricht und nun vergisst du mich auch noch. Wir gehen doch immer zusammen nach Hause!“ Ärgerlich schüttelte Claire den Kopf, so dass ihre dunklen Locken wild hin- und herflogen. Ihre schwarzen Augen blitzten, aber ihr Mund verzog sich schon wieder zu einem breiten Grinsen.
„Entschuldige, ich weiß auch nicht“, meinte Sofie kleinlaut und blieb stehen.
Mit wenigen Schritten holte Claire sie ein.
„Woran denkst du? Ich will alles ganz genau wissen“, lachte Claire. Dann hakte sie sich bei Sofie unter und gemeinsam verließen sie das Schulgebäude.
Beide bemerkten nicht, dass sie von oben beobachtet wurden. An einem Fenster im Treppenhaus der Schule stand ein Junge und schaute ihnen nach. Dabei ließ er vor allem Sofie nicht aus den Augen. Als die Mädchen außer Sichtweite waren, drehte er sich um, nahm seinen Rucksack und ging langsam die Treppe hinab. Am Ausgang wäre er fast mit Frau Englin zusammengestoßen, die aus dem Klassenzimmer trat.
„Pass doch auf!“, rief sie und schaute ihn an.
„Tut mir leid“, sagte er leise und ging schnell weiter, um das Schulgebäude zu verlassen. Sofies Klassenlehrerin schaute ihm nach.
„Ein hübscher Bursche“, murmelte sie vor sich hin. „Aber seine Augen sind eigenartig!“ Sie schüttelte den Kopf und ging dann in Richtung Lehrerzimmer davon.
Davon bekamen Sofie und Claire nichts mit. Sie liefen fröhlich plaudernd nach Hause und verabredeten, sich in einer Stunde wieder zu treffen, um gemeinsam zum Strand zu gehen.
Sofie wollte bis dahin noch ihre Aufgaben erledigen. Außerdem musste sie unbedingt noch Klarinette üben, denn in zwei Monaten hatte sie ein Konzert und bis jetzt war Sofie ganz und gar nicht zufrieden mit ihrem Spiel. Sie wollte sich von ihrer besten Seite zeigen, denn sie hoffte, dass André an diesem Abend im Publikum sitzen würde. Sie hatte ihn zwar noch nicht gefragt, ob er kommen würde, aber sie wünschte sich nichts sehnlicher.

Schon an der Haustür hörte Sofie das Telefon läuten. Schnell schloss sie auf und nahm ab. Zu spät, es knackte in der Leitung, der andere Teilnehmer hatte aufgelegt. Sofie blieb eine Weile unschlüssig mit dem Hörer in der Hand stehen und grübelte nach, wer der Anrufer wohl gewesen sein könnte. Dann zuckte sie mit den Schultern, hängte ein und ging zum Kühlschrank, nahm sich eine Cola und etwas von dem Salat, der von gestern Abend übrig geblieben war und ging damit in ihr Zimmer.
Sie machte sich Musik an, setzte sich an ihren Schreibtisch und begann mit ihren Hausaufgaben. Zum Glück hatten sie heute nicht so Viel zu erledigen und so war sie schnell damit fertig. Dann holte sie ihre Klarinette hervor und begann zu üben. Es war ein sehr schönes Stück, welches sie spielen sollte. Sofie liebte es. Aber es war auch sehr schwierig und dieser eine Lauf wollte und wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie war so sehr in ihr Spiel vertieft, dass sie nicht merkte, wie schnell die Zeit verging. Es dauerte eine Weile, bis sie mitbekam, dass es bei ihr Sturm klingelte.
„Na endlich“, rief Claire vorwurfsvoll, als Sofie die Tür öffnete. „Ich dachte, du hörst überhaupt nicht. Wir wollten doch zum Strand.“
Sofie sah auf die Uhr. „Schon so spät. Sorry! Komm rein, ich packe nur schnell noch meine Sachen zusammen, dann können wir los. Sei so lieb und nimm uns noch etwas zu Trinken aus dem Kühlschrank.“
Sie stürzte die Treppe hinauf in ihr Zimmer und nahm ihre Basttasche aus dem Schrank.
„Nimm auch noch die zwei Sandwiches mit“, rief sie Claire von oben zu.
Schnell stopfte sie ein Handtuch und die Sonnencreme in die Tasche, dann schlüpfte sie aus ihrem Kleid, um den neuen Bikini anzuziehen. Das Rot stand ihr wirklich gut, fand sie.
„Hey, der sieht ja schick aus“, hörte sie Claire hinter sich sagen, „dreh dich mal um!“
Sofie drehte sich um und sah Claire an, die in der Tür stand und die zwei Sandwiches in der Hand hielt.
„Meinst du, dass er André auch gefallen wird?“, fragte Sofie und drehte verlegen eine Haarsträhne um ihren Finger.
„Bestimmt!“, sagte Claire mit Nachdruck. „Nur wenn wir uns jetzt nicht beeilen, sind die Jungs vielleicht schon weg, ehe wir kommen.“
Sofie streifte sich schnell das Kleid über und steckte die Brote ein, die Claire ihr hinhielt. Dann nahm sie ihre Freundin bei der Hand und gemeinsam verließen sie das Haus.











2. Am Strand





Sofie und Claire liefen Hand in Hand durch die Straßen in Richtung Meer. Die zumeist weiß gestrichenen Häuser waren überwiegend mit Ried gedeckt und hatten bunte Fenster und Türen. Überall in den kleinen Gärten blühten Rosen und andere Sommerblumen.
Bis zum Strand war es nicht weit. Sie mussten nur die große Hauptstraße gerade hinunterlaufen und am Ende dann, bei ‚Giovannis‘, in die Strandpromenade einbiegen. An dem kleinen Eiscafé standen Stühle und Tische auf dem Gehsteig und Giovanni, Claires Onkel, lehnte in der Tür und wartete auf Gäste.
„Hallo Onkel Giovanni!“, riefen Claire und Sofie fast gleichzeitig.
„Ciao, ihr Beiden, wollt ihr ein Eis?“, rief er über die Straße, „Ich spendiere jedem eine Kugel.“
„Wir kommen später noch bei dir vorbei“, rief Claire zurück. „Wir wollen erst zum Strand.“
„Na dann bis später“, winkte er und die Mädchen liefen weiter.
Dann mussten sie nur noch über die Promenade, durch ein kleines Kiefernwäldchen und schon waren sie bei den Dünen. Als Sofie auf die Dünen trat, verweilte sie wie immer gebannt einen Augenblick.

Vor ihr lag das Meer.
Die Sonne ließ das Wasser glitzern, als hätte jemand Millionen von Diamanten auf seiner Oberfläche verstreut.
Jedes Mal aufs Neue war sie von dieser unglaublichen Weite fasziniert.
Sie liebte diesen Anblick, egal, welches Gesicht das Meer ihr gerade zeigte. War es bei Sturm grün bis schwarz gefärbt, vom Wind gepeitscht und mit Schaumkronen auf den hohen Wellen, dunkel und gefährlich, dann fühlte sie sich magisch von ihm angezogen.
Anders heute. Im Augenblick lag es azurblau, ruhig und glatt wie ein Spiegel, in dem sich der Himmel betrachtet. An Tagen wie diesen, wenn das Meer mit dem Horizont zu einem Ganzen verschmolz, fühlte Sofie ein Ziehen im Bauch, einen Stich im Herzen. Sie wusste nicht wieso, aber sie spürte dann eine tiefe Sehnsucht nach etwas Anderem, Neuen, nach der Ferne.
Sie konnte sich dieses Gefühl nicht erklären, denn Sofie liebte diesen Ort, ihr kleines Häuschen mit den blauen Fensterläden und vor allem die Menschen um sich herum. Hier wohnten ihre beste Freundin mit ihrer großen Familie, die Jungs und Mädchen aus ihrer Clique und natürlich André. Sie fühlte sich wohl und geborgen hier. Und doch war da noch etwas Anderes, Unbestimmtes, Dunkles.
„Hey du Träumerin!“ Claire stieß ihr den Ellenbogen in die Seite. „Komm, die Anderen warten schon unten.“
Sofie atmete tief ein und riss sich von ihren Gedanken los.
„Wer als Erste am Wasser ist“, rief Claire und rannte los.
5 Sterne
Sehr empfehlenswert  - 01.11.2017
Margrit Moser-Frosch

Sehr einfühlsam geschriebenes Jugendbuch.Lesenswert auch für Erwachsene, besonders auch für Eltern um sich besser in die Gefühlswelt ihrer einzufühlen.

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